Was wünschen sich junge Homosexuelle?


Der Sommer 2020 ist eine seltsame Zeit – Menschen mit Masken, Abstandsregeln und nur wenige Pride-Veranstaltungen auf den Straßen. Was für einige ältere Homosexuelle einen bitteren Beigeschmack hat, ist für viele junge Schwule oftmals gar nicht so tragisch. Sie flirten, daten und kommunizieren online – ungezwungen von Beschränkungen und Kontaktverboten.

Also alles super bei der Jugend im Jahr 2020? Wie sieht das Leben junger Homosexueller aktuell aus? Mehrere Studien haben sich in den vergangenen Jahren immer wieder mit der Lebensrealität junger Schwuler befasst und trotz aller Aufklärung und erreichten Rechte liegt noch einiges im Argen. Etwa jeder zweite Schwule verheimlicht seine Homosexualität, so das Studienergebnis der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte.

Wir wissen, dass die „schwule Sau“ und die „Schwuchtel“ noch immer zwei der beliebtesten Schimpfwörter an deutschsprachigen Schulhöfen von Berlin bis Wien sind. Bereits vier von fünf Sechstklässlern kommen damit in Kontakt, für rund 60 Prozent gehört es zum Alltag – und auch Witze über die „Pausenhofschwuchtel“ sind allseits bekannt. Der Bundesverband Pro-Familia untersucht seit Jahren in Zusammenarbeit mit mehreren Universitäten, wie junge Homosexuelle ihren Schulalltag erleben.

Homophobes Verhalten ist nach wie vor weit verbreitet, zudem schreiten die meisten Lehrer nicht ein. Studien aus Berlin zeigen, dass so gut wie kein Lehrer länger über das Thema spricht oder Unterrichtsmaterial bereitstellt. Gerade einmal 16 Prozent der Lehrer schaffen es überhaupt, mehrfach zu erwähnen, dass Homosexualität nichts Schlimmes ist. Ernsthaft über sexuelle Vielfalt zu sprechen, schafften gerade einmal zwei Prozent – für 66 Prozent aller Lehrer kam das Thema dagegen nie auf den Tisch. Ähnlich sieht das jedes vierte Elternpaar: Es sei nicht richtig, wenn in Schulmaterialien auch homosexuelle Personen vorkommen und Liebe solle bitte nur als eine Verbindung zwischen Mann und Frau dargestellt werden. Sogar rund 30 Prozent der Deutschen sind der Auffassung, dass die Darstellung vielfältiger Sexualität junge Menschen in ihrer Entwicklung nur verwirrt. Das prägt nach wie vor auch die Freundschaften untereinander: Im Schnitt würde es jeder zweite Junge als unangenehm empfinden, wenn sein Kumpel sich als schwul outen würde.


Seit Jahren werden Strategien entwickelt, um hier mehr Licht ins Dunkel zu bringen. Es geht darum, die Sichtbarkeit von Lebensformen abseits der Heterosexualität zu erhöhen und noch genauer zu erforschen, welche Strategien am wirksamsten gegen Vorurteile und Diskriminierungen helfen. Zahlreiche Ansprechpartner von der Schwulenberatung Berlin bis zum Projekt Diversity München bieten hier schnelle Hilfe. Wie wichtig diese Arbeit ist, zeigt sich noch immer an den massiv erhöhten Suizidraten unter jungen Homosexuellen – sie liegt im Schnitt bis zu vier Mal höher als bei heterosexuellen Gleichaltrigen. Hauptursache: Mobbing und Ausgrenzung.

Ein starkes Signal dagegen hat in diesem Jahr die Bundesregierung gesetzt, als sie Therapien zur „Heilung“ von Homosexualität bei Jugendlichen unter Strafe gestellt hat – das Gesetz soll noch in diesem Jahr verabschiedet werden. Bundesminister Jens Spahn dazu: „Homosexualität ist keine Krankheit. Daher ist schon der Begriff Therapie irreführend. Wir wollen sogenannte Konversionstherapien soweit wie möglich verbieten. Wo sie durchgeführt werden, entsteht oft schweres körperliches und seelisches Leid. Diese angebliche Therapie macht krank und nicht gesund. Und ein Verbot ist auch ein wichtiges gesellschaftliches Zeichen an alle, die mit ihrer Homosexualität hadern: Es ist ok, so wie du bist!“

Es ist ein wichtiger Schritt, auch wenn er vielen noch nicht weit genug geht, denn junge Menschen über 18 Jahre können nach wie vor zu einer solchen Therapie geschickt werden, insofern kein sogenannter Willensmangel vorliegt. Wir befinden uns also in einer rechtlichen Grauzone, die sicherlich von dem ein oder anderen konservativen Elternpaar ausgenutzt werden kann.

Auch in Bezug auf die Eltern im Allgemeinen zeigt sich, dass die häufigsten Reaktionen auf ein Outing innerhalb der Familie noch immer die altbekannten Sprüche nach sich ziehen: „Was haben wir falsch gemacht? Wird mein Kind jetzt Aids bekommen? Wir werden dann ja niemals Großeltern werden!“ Sicherlich eines der Gründe, warum etwa nur ein Drittel der jungen Homosexuellen bis 19 Jahren geoutet ist. Die restlichen Jungs leben noch im Geheimen oder haben höchstens einzelnen Personen, wie der allseits bekannten besten Freundin davon erzählt.


Aber wie nehmen junge Homosexuelle sich selbst wahr? Wie definieren sie sich in Zeiten, in denen online alles queer und out sein darf, während sie zu Hause oftmals noch das genaue Gegenteil erleben? Ăśber die Hälfte der Jungs bezeichnet sich beinahe altmodisch als „schwul“, weit abgeschlagen dahinter kommen dann Begriffe wie „homosexuell“ oder eben „queer“. Rund 40 Prozent von ihnen ist nicht in der Szene unterwegs, sporadisch schaut etwa jeder Dritte einmal ab und an in der Gay-Community vorbei. Vielleicht auch deswegen so wenige, weil die allermeisten von ihnen einen rein heterosexuellen Freundeskreis haben. 

Die Suche nach dem schnellen Sex spielt dabei praktisch keine Rolle, denn beinahe 90 Prozent von ihnen wünschen sich nichts sehnlicher als eine feste Beziehung. In der Realität sind Dreiviertel von ihnen Single. Entgegen des Klischees sind die allermeisten jungen Schwulen auch gar nicht so wilde Twinks, wie uns das gerne manchmal verkauft wird: Rund 30 Prozent hat gar keinen Sex und circa 50 Prozent mit maximal zehn Männern pro Jahr. Und auch Drogen lehnen rund 70 Prozent komplett ab, weitere 24 Prozent konsumieren Aufputschmittel nur gelegentlich. Vom Internet können dagegen praktisch alle homosexuellen Jungs nicht die Finger lassen, über 80 Prozent von ihnen ist sogar mehrmals die Woche online – und sucht nach dem Traumprinzen.

© Helix

Im Jahr 2020 ein junger Homosexueller zu sein, ist eine schwierige Gradwanderung. Während auf der einen Seite alte Rollenmuster und Klischeedenken innerhalb vieler Familien auf sie warten und sie noch immer auf Schulhöfen verbale Ablehnung erfahren, präsentiert sich die bunte LGBTQ-Community online farbenfroh, offen und zu allem bereit.

Anders als junge Homosexuelle noch vor zwanzig oder dreißig Jahren sind sie stärker als jede Generation zuvor diesem, teils sich selbst widersprechenden Spagat ausgesetzt. Damit junge Menschen dies heil überstehen, bedarf es Unterstützung von allen Seiten, sodass junge Schwule schließlich ihren ureigenen Weg finden können und frei von Rollenbildern auf beiden Seiten ihre eigene Lebensrealität gestalten und definieren können.

Autor: Michael Soze

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