Angst oder Hoffnung? Schwule Amerikaner und Donald Trump


Die Wahlen fĂŒr das amerikanische PrĂ€sidentschaftsamt werden voraussichtlich am 3. November 2020 stattfinden - außer es wĂŒrde noch zu dramatischen Entwicklungen bezĂŒglich des Krankenstandes von Donald Trump kommen. Die ganze Welt blickt bereits heute unsicher auf die USA, die seit Wochen mit ĂŒber sieben Millionen Coronavirus-FĂ€llen (Stand Anfang Oktober) und unzĂ€hligen Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt auf sich aufmerksam machen. Und dann gibt es da natĂŒrlich noch den PrĂ€sidenten Donald J. Trump, der seit seinem Amtsantritt im Januar 2017 durch unzĂ€hlige Äußerungen und Aktionen aufgefallen ist. Es ist im Zeitalter der Social-Media nicht immer ganz deutlich, welche Nachrichten eigentlich noch wahr, erlogen oder gar „alternative Fakten“ sind - ein Begriff, wie geschaffen fĂŒr den PrĂ€sidenten. Doch wie ergeht es damit schwulen MĂ€nnern in den Vereinigten Staaten?

Obsiegt die Angst oder die Hoffnung im Land der einstmals Mutigen und Freien?

Beginnen wir mit einem Blick zurĂŒck: Donald Trump ist seit Jahrzehnten bereits ein sehr umstrittener Mann, bei dem stets angezweifelt wurde, ob er der richtige Kandidat fĂŒr das Amt des “mĂ€chtigsten Mannes der Welt“ sein kann. Und dennoch gab es trotz eines aggressiven Wahlkampfes vor dem Amtsantritt des 45. PrĂ€sidenten der USA auch einige schwule MĂ€nner, die Trump gegenĂŒber durchaus positiv eingestellt waren und mit seiner Wahl große Hoffnungen verbanden. Der schwule Wallstreet Banker Andreas (45, New York) zum Beispiel hatte nach acht Jahren mit Barack Obama als PrĂ€sidenten der USA das GefĂŒhl gehabt, dass das Land eine neue FĂŒhrung brauchte, die mit Schwung und Elan fĂŒr VerĂ€nderungen sorgen wĂŒrde. Die FinanzmĂ€rkte waren nach der großen Krise stark reguliert worden und viele Amerikaner wĂŒnschten sich ein Wirtschaftswachstum und einen Wertanstieg ihrer Rentenfonds. Und schwule MĂ€nner wie Andreas glaubten Mr. Trumps Worten, dass er sich fĂŒr die LGBTQ-Community einsetzen wollte und sich als Freund der Schwulen bezeichnete. Bei einer Wahlveranstaltung 2016 schwenkte Trump sogar die Regenbogenflagge mit den Worten „LGBT for Trumps“ und schaute mit einem breiten Grinsen in die Kameras.


Im Jahre 2020 sieht es mit der Begeisterung fĂŒr Trump in der amerikanischen Gay-Szene eher bescheiden aus. Die Facebook Gruppe “Gays for Trump“ zum Beispiel hat gerade einmal knapp 3.000 Mitglieder, wĂ€hrend Trump nach wie vor behauptet, Millionen von Fans in der LGBTQ-Community zu haben. Dies bezweifelt nicht nur seine lesbische Nichte Mary Trump, von deren Buch „Too Much and Never Enough“ innerhalb von wenigen Wochen mehr als eine Million Kopien verkauft wurden. Aber entspricht es den Tatsachen, dass Trump nicht nur ein Gegner des Klimaschutzes und der Rassengleichheit ist, sondern auch ein Feind der Schwulen?

Donald Trump schien es nach seiner Wahl bewusst gewesen zu sein, dass er gerade den fanatischen KirchgĂ€ngern des christlichen Glaubens kĂŒnftig GrĂŒnde fĂŒr seine Wiederwahl liefern musste. Und so setzte es sich seine Regierung schnell zum Ziel, die Rechte der LGBTQ-Community, die uns unter der Regierung von Barack Obama zugestanden wurden, schnell wieder rĂŒckgĂ€ngig zu machen. Heute knapp vier Jahre spĂ€ter, gibt es sehr viele Schwule, die den Glauben an den PrĂ€sidenten verloren und Angst vor seiner Wiederwahl haben. Die Liste der LGBTQ-feindlichen Aktionen der Trump-Pence-Regierung ist auffallend lang. So verlangte Trump nach seiner Wahl eine Reform der existierenden Gesetze, die es möglich machen wĂŒrden, schwule MĂ€nner und Mitglieder der Transgender-Gemeinde aus religiösen GrĂŒnden aus ihren Jobs zu feuern und Mitglieder der LGBT-Community den Service im Einzelhandel zu verweigern.

Gerade die Transgender-Gemeinde schien Trump schon damals ein Dorn im Auge gewesen zu sein. So ordnete er 2017 an, dass Transgender-Frauen und MĂ€nner mit gleichgeschlechtlichen Insassen in GefĂ€ngnissen untergebracht werden wĂŒrden, unabhĂ€ngig davon, wie sie sich selbst definierten. Außerdem verlangte er das Ende von Diskriminierungsgesetzen fĂŒr Transgender-SchĂŒler und Studenten und verkĂŒndete, dass Transgender ServicekrĂ€fte im US-MilitĂ€r unerwĂŒnscht sein wĂŒrden, was die Zukunft fĂŒr rund 13.600 Amerikaner infrage stellte. Des Weiteren befĂŒrwortete Trump die Verweigerung von Gesundheitsleistungen fĂŒr Transgender-Frauen und MĂ€nner, wenn medizinisches Personal dafĂŒr religiöse oder moralische GrĂŒnde vorbringen konnte.


Bis zum heutigen Tag gibt es im Weißen Haus keinen verantwortlichen Mitarbeiter fĂŒr LGBTQ-Fragen mehr, der sich fĂŒr die Gay-Gemeinde einsetzt und zwischen der Szene und der Regierung vermittelt. Und wenn es nach Trump ginge, dann wĂŒrde auf die Frage nach der sexuellen Orientierung bei der jĂ€hrlichen VolkszĂ€hlung ganz verzichtet werden. Aber will Trump wirklich nur seine strengglĂ€ubigen WĂ€hler zufrieden stellen, in dem er so massiv gegen die Rechte der LGBTQ-Gemeinde vorgeht?

Laut Mary Trump`s Aussagen fĂŒhlt sich ihr Onkel „unwohl“ in der Gegenwart von schwulen MĂ€nnern, da er mit Menschen, die „anders“ sind, ein Problem hat. Dies betrifft nicht nur sexuelle Orientierungen, sondern auch andere Hautfarben, was Trump`s Reaktion auf die „Black Lives Matter“ Bewegung erklĂ€rt, die er am liebsten sofort mit einem drastischen MilitĂ€reinsatz beendet hĂ€tte. Aber wĂ€hrend Trump`s Mutter den Weltstar Elton John in der Vergangenheit als Schwuchtel bezeichnet hatte und innerhalb der Trump Familie die Ablehnung der LGBTQ Community mehrfach zum Thema gemacht wurde, schauen Vertreter unserer Community den Neuwahlen im November mit sehr gemischten GefĂŒhlen entgegen.

Randy (31, Ridgewood, New Jersey) befĂŒrchtet, dass es zu erneuten Unruhen innerhalb der USA kommen wird, wenn Donald Trump die Wahl gewinnt und bezeichnet ihn als einen Rassisten und homophobischen Diktator, der eine Wahlniederlage nicht so einfach akzeptieren und das Feld rĂ€umen wird. Er geht davon aus, dass Trump die Hilfe von osteuropĂ€ischen LĂ€ndern annehmen wird, um durch Wahlmanipulation im Weißen Haus zu bleiben und die Macht nicht abgeben zu mĂŒssen.


Jesse (28, West Harlem) gehört zu den vielen professionellen TĂ€nzern, die ĂŒber Nacht ihre Engagements verloren und arbeitslos geworden sind. Er ist davon ĂŒberzeugt, dass Trump schon vor langer Zeit den Sinn fĂŒr die RealitĂ€t verloren hat. Der Broadway-TĂ€nzer ist verĂ€rgert darĂŒber, dass Trump die Warnzeichen fĂŒr die Coronavirus-Krise im Vorfeld komplett ignoriert und stattdessen den an Covid-19 erkrankten Landsleuten befohlen hatte, sofort wieder zurĂŒck zur Arbeit zu gehen, da der  â€žCoronavirus ja gar nicht so schlimm wĂ€re“. Aber die Art und Weise, wie Trump als PrĂ€sident wĂ€hrend der Krise versagt hat, macht Jesse auch Hoffnung, dass Joe Biden im November die Wahlen gewinnen wird. Er hofft, dass Biden WĂ€hler fĂŒr sich begeistern kann, die 2016 komplett Zuhause geblieben sind, da sie damals weder Hillary Clinton noch Donald Trump unterstĂŒtzen wollten.

Lehrer David (37, Chicago) sieht die USA heute als ein Land an, das seit der Trump-Ära alles andere als vereinigt ist. Der Amerikaner berichtet, dass er am Global Pride Day Ende Juni dieses Jahres von einem Obdachlosen auf offener Straße an einem Samstagvormittag als „Fucking Faggot“ bezeichnet und bedroht wurde. Der Lehrer sieht einen Zusammenhang zwischen den aggressiven Statements, die der PrĂ€sident regelmĂ€ĂŸig von sich gibt und dem Anstieg der sogenannten „Hate Crimes“ in den USA. David versucht inzwischen deswegen grundsĂ€tzlich, Berichte ĂŒber Trump im Fernsehen oder Internet ganz zu vermeiden, vertritt jedoch die Ansicht, dass das Land einen neuen PrĂ€sidenten braucht, der die Interessen aller Amerikaner und nicht nur seine eigenen und die anderer MilliardĂ€re verfolgt.

Aber wĂ€hrend die allgemeine Stimmung in der schwulen Gemeinde als eher vorsichtig und alles andere als euphorisch bezeichnet werden kann, gibt es auf Facebook immer wieder Posts, die vielen MĂ€nnern auch Hoffnung auf bessere Zeiten machen. Ich lebe selbst in New York und habe viele schwule MĂ€nner kennengelernt, die sich auch in Zeiten von Corona und Trump nicht unterkriegen lassen und wissen, dass es fĂŒr sie und die USA irgendwann wieder aufwĂ€rtsgehen wird.

ï»żUSA-Korrespondent Derek Meyer

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