Sexarbeit und Corona!


Ein Gastbeitrag von Andre Nolte

Seit gerade einmal 2002 wird Sexarbeit rechtlich als Beruf gesehen, und schon wieder werden die Stimmen laut, Strafen und Verbote gesetzlich zu verankern, um Sexarbeit auszumerzen - das alles unter dem Deckmantel der Corona-Krise.

Wir Schwulen kennen das grundsĂ€tzlich schon, denn als wir endlich mit der 68er-Bewegung gemeinsam mit den Heterosexuellen dafĂŒr gesorgt haben, dass dem Staat die Befugnis abgesprochen wurde, die „sittliche Ordnung" mit den Mitteln des Strafrechts zu verteidigen, gab es fĂŒr uns Schwule noch lange Zeit den §175. Er beinhaltete einen ĂŒberdimensionalen Jugendschutz im Falle eines homosexuellen Übergriffes. Beispiel gefĂ€llig? Wenn in der damaligen Zeit ein 18-JĂ€hriger Kerl Sex mit einem 17-JĂ€hrigen Jungen hatte, hatte der 18-JĂ€hrige schon eine Straftat begangen. Da musste man als volljĂ€hriger Hetero schon eine 13-JĂ€hrige entjungfern, um ein Ă€hnliches Strafmaß zu erwarten. Erst 1994 wurde der Paragraph endlich gestrichen.

Aber warum gab es den §175 fĂŒr MĂ€nner ĂŒberhaupt? Und was hat das mit der Situation heute zu tun?

Am Ende steht man immer wieder vor der Frage um die Moral. In den 80iger Jahren wurde erstmals die Rolle des „Hinterladers“ politisch wie moralisch gleichermaßen stark im Rahmen der AIDS-Diskussion durchwegs negativ thematisiert. Im Jahr 2020 mĂŒssen wir uns im Rahmen von Covid-19 erneut erklĂ€ren, weil irrsinnig verzerrte Bilder von Prostitution in der Gesellschaft bis heute existieren. Seit September ist unter strengen Auflagen Prostitution zwar in einzelnen BundeslĂ€ndern wieder erlaubt (mal mit oder ohne Geschlechtsverkehr), die Sachlage Ă€ndert sich dabei allerdings von Woche zu Woche. Wenn die Fallzahlen der Neuinfektionen wieder weiter ansteigen, steht wohl ein erneutes Verbot fĂŒr Sexarbeiter im Raum (aktuelle Lage siehe www.berufsverband-sexarbeit.de)


Schauen wir uns dabei die Fakten doch mal genauer an: Kunden von mĂ€nnlichen Sexarbeitern sind in den seltensten FĂ€llen die totalen Unbekannten. Im Falle einer Infektion ist eine Kontaktaufnahme im Nachhinein also fast immer möglich. Zudem sind Kunden auch keine hormonell-unzurechnungsfĂ€higen Menschen, denn auch sie haben ja ein starkes Eigen-Interesse an ihrer Gesundheit. Außerdem ist mĂ€nnliche Prostitution fast immer ein „Eins-zu-eins“-GeschĂ€ft zwischen zwei MĂ€nnern – Gangbangs sind die absolute Ausnahme. Auch die MĂ€r von der QuantitĂ€t hĂ€lt sich leider hartnĂ€ckig: Wer ernsthaft glaubt, dass man in der Sexarbeit zwanzig Kunden tĂ€glich bedienen kann, der obliegt einem massiven Irrtum. In der Regel hat jeder Physiotherapeut mehr Kunden als wir.

Kommen wir zum Thema Hygiene: In Bordellen oder SM-Studios ist es nicht schmutzig, denn Hygiene ist hier seit langem eine Pflichtnummer fĂŒr alle Beteiligten. Nach einem Kunden werden die Fenster zum LĂŒften geöffnet und der Fußboden gewischt, HandtĂŒcher ausgetauscht, das Bett frisch bezogen und Spielzeug wie HalsbĂ€nder, Masken, Ketten oder Gurte desinfiziert. Die Corona-bedingten Hygieneanforderungen sind in den meisten Studios bereits zuvor Standard gewesen.


Wenn der Staat seinen MitbĂŒrgern den Sex untereinander nicht generell komplett verbieten will, dann muss diese Selbstentscheidung auch fĂŒr die Sexarbeit gelten. Die gewerblich organisierte Sexarbeit wird aufgrund ihres wirtschaftlichen Interesses logischerweise sogar noch umsichtiger vorgehen. Und das nicht nur, weil der Körper des Sexarbeiters und die Gesundheit des Klienten das Kapital des Sexarbeiters darstellen, nein, es lassen sich auch sehr klar weitere Hygiene-Regeln einfĂŒhren und kontrollieren.

Aber was passiert? Spricht man mit uns? Erarbeitet man mit uns Lösungen? Nein! Sexarbeit ist teilweise noch immer und war Monate, nachdem Friseure wieder Ponyfrisuren schneiden durften, noch illegal. Dabei war allen Beteiligten klar, dass Prostitution trotzdem weiter stattfindet - irgendwo und irgendwie. Fakt ist, dass dadurch die Arbeit jetzt mit weniger Hygiene stattfindet (schnelle Treffen in Privatwohnungen oder Toiletten) und schon deswegen aus rein epidemiologischer Perspektive vollkommener Unsinn ist. Das ist eine saftige Ausgrenzung mit der BegrĂŒndung der "mangelnden Kontrollierbarkeit der Hygienekonzepte“. Wie sehr diese „Argumente“ an den Haaren herbeigezogen sind, kann man Satz fĂŒr Satz in den ErklĂ€rungen der einzelnen Landesregierungen nachlesen.

Am Ende geht es also wohl wieder doch um die Moral - genau wie damals in der AIDS-Thematik. Oder anders gefragt: Warum wird das spontane gegenseitige orale Penetrieren ĂŒber Datingportale wie Grindr oder Tinder nicht mit Bußgeldern belegt, wĂ€hrend man in der Sekunde des Kaufs eines Blowjobs je nach Bundesland eine saftige Ordnungswidrigkeit begeht? Das Virus wird sicher nicht durch den Bezahlvorgang ausgelöst, oder? Zudem trifft es auch hier wieder die Kleinsten zuerst, so wie auch Ralf Rötten, GeschĂ€ftsfĂŒhrer von HILFE-FÜR-JUNGS e.V., bestĂ€tigt: â€žDie besonders von Diskriminierung betroffenen in der Sexarbeit sind in der Corona-Krise auch wieder diejenigen, die die grĂ¶ĂŸten persönlichen Opfer erbringen mĂŒssen.“

© Cockyboys

Der derzeitige Umgang mit Sexarbeitern wird indes die Gesamtsituation verschlimmern, auch da ist sich Rötten sicher: „Eine Pandemie zum billigen Vorwand zu nehmen, um in paternalistischer Weise Sexarbeiter gegen ihren ausdrĂŒcklichen Willen vor möglichen Gefahren zu schĂŒtzen, ist weder demokratisch noch emanzipatorisch und schon gar nicht feministisch. Diese fragwĂŒrdige Allianz von bibeltreuen Christen, ĂŒber Sozialdemokraten bis hin zu Altfeministinnen wird das Elend der Sexarbeitenden vertiefen und die Infektionszahlen mit STIs in die Höhe treiben. Der beste Schutz vor Ausbeutung, UnterdrĂŒckung und auch sexuell ĂŒbertragbaren Infektionen ist immer noch die AufklĂ€rung und der offene Umgang mit Fragen zu Gesundheit, SexualitĂ€t und Selbstbestimmung in einer Gesellschaft. Das hat sich schon bei AIDS in den letzten 35 Jahren gezeigt!“

Das große Problem in der Gesamtdebatte dabei ist, dass erzwungene und freiwillige Sexarbeit immer noch in einen Topf geworfen werden. Ich wĂŒrde mir endlich eine deutliche Trennung zwischen KriminalitĂ€t in der Prostitution und Sexarbeit wĂŒnschen. Von der heutigen Gesellschaft ist zu erwarten, dass sie es schafft, sich gezielt eines Problemfeldes anzunehmen, ohne die Berufswahl von ĂŒber 40.000 (allein behördlich registrierten) Menschen zu zerstören und diese zudem durch pauschale Opferzuschreibung zu entmĂŒndigen. Es wĂ€re grundsĂ€tzlich wĂŒnschenswert, wenn MIT uns Sexarbeitern gesprochen werde wĂŒrde - nicht ÜBER uns. In diesen Tagen mĂŒssen wir wachsam sein, dass die moralische Keule, die uns einst erklĂ€rte, alle Homosexuellen seien minderwertig, jetzt nicht den vielen tausend Sexarbeitern ins Gesicht geschlagen wird.

Dominus Berlin (hinten) mit Kunde Alex

Andre Nolte alias Dominus Berlin arbeitet als Sexarbeiter und ist Sprecher des Berufsverbandes fĂŒr erotische & sexuelle Dienstleistungen e.V.


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