Wo bleibt unsere Revolution?


Kennst du die Geschichte von dem Frosch, der allmĂ€hlich in einem Topf gekocht wird, wenn man das Wasser darin nur langsam genug erhitzt? Die MĂ€r vom dummen Frosch hĂ€lt sich beharrlich, obwohl sie natĂŒrlich gĂ€nzlich erfunden ist. SelbstverstĂ€ndlich versucht ein Frosch, dem Hitzetod zu entkommen. Bleibt die Frage, ob wir Homosexuellen genauso clever wie der Frosch sind? Oder sind es in Wahrheit die schwulen MĂ€nner, die gemĂŒtlich sitzen bleiben, selbst wenn es um sie herum bereits zu kochen beginnt?

Sind wir blind fĂŒr all die Warnsignale?

Prozesse der VerĂ€nderung passieren nur selten sprunghaft und damit fĂŒr Jedermann sofort sichtbar, oftmals handelt es sich um eine schleichende Entwicklung, die lange Zeit unentdeckt bleibt. Man wĂŒrde meinen, dass besonders betroffene Gruppen wie etwa Menschen aus dem vielfĂ€ltigen Spektrum der LGBTQ-Community ein feineres GespĂŒr fĂŒr solche VerĂ€nderungen entwickelt haben, da sie meistens als Erstes von den Auswirkungen betroffen sind. Doch nach und nach kommen Zweifel daran auf. Das Problem dabei: Es gibt leider keinen Big Bang, keinen Knall, der uns wach werden lĂ€sst, sondern es sind viele kleine Momentaufnahmen, viel zu schnell wieder vergessen. Binnen von nur einem Jahr hat die Zahl der Übergriffe auf Homosexuelle in Deutschland um ein Drittel zugenommen, so die Zahlen der Bundesregierung. Bundesjustizminister Heiko Maas nannte dies beschĂ€mend.

GrĂŒnen-Politiker Volker Beck kommentierte die Situation mit den Worten, dass eigentlich jetzt alle Alarmglocken losgehen mĂŒssten. Zudem erschwert wird die Sachlage dadurch, dass selbst in den schwulen Vierteln großer StĂ€dte die Zahl der Übergriffe teilweise massiv ansteigen. Weder in Berlin noch Hamburg, MĂŒnchen, Köln, Wien oder ZĂŒrich ist man automatisch sicher, nur weil man sich innerhalb der Gay-Community bewegt. In einer Meta-Analyse (Quelle: Katz-Wise & Hyde), die mehr als sechzigtausend schwule und bisexuelle Teilnehmer aus rund einhundertvierzig Studien einschloss, zeigte sich ganz klar: Schwule MĂ€nner werden deutlich hĂ€ufiger Opfer von physischer und verbaler Gewalt als heterosexuelle MĂ€nner. Mehr als die HĂ€lfte erlebte verbale Drohungen, beinahe jeder Dritte sogar physische Gewalt.


Gewalt und Hass gegen Schwule? Was tun wir?

Ähnlich bedrĂŒckend sind die Zahlen, wenn man sich die Selbstmordraten unter jungen Homosexuellen ansieht - seit Jahren stagniert die Zahl auf hohem Niveau. Mit geringen Abweichungen in den Studienergebnissen lĂ€sst sich trotzdem festhalten, dass die Suizid-Versuche bei jungen Schwulen im Durchschnitt mindestens viermal höher liegen als bei gleichaltrigen Heterosexuellen. Wie kann es eigentlich sein, dass wir seit Oktober 2017 in puncto Ehe gleichgestellt sind, sich aber die Verbalattacke Schwule Sau als beliebtes Mobbing-Objekt noch immer so hartnĂ€ckig an deutschen Schulhöfen hĂ€lt? Werden mit gleichen Rechten und Entfaltungsmöglichkeiten fĂŒr Homosexuelle auch die Bissreflexe und die Angst von Ewiggestrigen stĂ€rker und grĂ¶ĂŸer? Wir wissen, dass Bildung und AufklĂ€rung, kurz gesagt die Mehrung von Wissen, Vorurteile und Furcht abbauen können. Doch welchen Stellenwert hat diese Bildung noch in unserer derzeitigen Gesellschaft, die sich von Monat zu Monat mehr ihre ganz eigene Faktenlage nach Belieben zusammenzimmert? Fake News sind en vogue geworden.

Die Angst in Zeiten von Fake News

Die gefĂŒhlte realitĂ€tsferne Angst vor allem Fremden schafft in der unglĂŒcksseligen Symbiose mit der neuen Freiheit, ohne IntegritĂ€tsverlust seine eigenen Wahrheiten erfinden und ausleben zu dĂŒrfen, eine Sogwirkung, der nur schwer etwas entgegenzusetzen ist. Von Monat zu Monat, von Stunde zu Stunde werden die Anzeichen alarmierender, doch wir scheinen uns damit stillschweigend abgefunden zu haben, dass zum Beispiel jeder dritte Mensch in einigen BundeslĂ€ndern oder Nachbarstaaten inzwischen wieder rechte Politiker wĂ€hlt und das in den allermeisten FĂ€llen auch entgegen den eigenen BedĂŒrfnissen. Der SĂ€nger der Band Kraftclub, Felix Krummer, brachte in einem Interview mit dem ARD-Kulturmagazin ttt die Sachlage sinngemĂ€ĂŸ auf den Punkt: Nur weil rechte Politiker demokratisch gewĂ€hlt werden, ist ihre Politik nicht demokratisch.

Ein weiteres Indiz im Reigen der VerĂ€nderung ist die Rainbow-Map-Studie, die jedes Jahr von der ILGA Europe herausgegeben wird. Die Nicht-Regierungsorganisation wertete die Ergebnisse von ĂŒber sechshundert Communities weltweit aus und kam zu dem Schluss, dass immer mehr LĂ€nder immer weniger Wert auf bestehende Gesetze zur Gleichberechtigung von Homosexuellen legen. Explizit warnt die Organisation mit klaren Worten davor, dass es konkrete Anzeichen fĂŒr einen RĂŒckwĂ€rtstrend, einen Rollback, gibt. Es sei keine Zeit mehr zu verlieren, so ihr Appell.


Sind wir alle nur dumme Frösche?

Warum nur sind wir wie die Frösche in der bekannten LĂŒgengeschichte? Oder warten wir einfach nur darauf, wachgekĂŒsst zu werden wie im MĂ€rchen der BrĂŒder Grimm? Und solange das nicht passiert, spielen wir eben im Brunnen mit den anderen Fröschen herum. NatĂŒrlich gibt es da unseren Alltag, der tĂ€gliche Wahnsinn aus Job, Einkaufen, Termine und Sex. Wir lesen all diese Nachrichten, doch scheinen wir einen perfekten Mechanismus entwickelt zu haben, sie genauso schnell wieder zu verdrĂ€ngen. Oder ist diese Eigenschaft einfach nur menschlich? Die Mutter der Klimaaktivistin Greta Thunberg erklĂ€rt in ihrem Sachbuch sehr anschaulich, warum es der jungen Schwedin durch ihre Autismus-Erkrankung im Gegensatz zu all ihren MitschĂŒlern unmöglich war, von der Klimakrise zu lesen und danach einfach unverĂ€ndert weiterzumachen. Vielleicht brĂ€uchten wir in diesen Zeiten mehr Menschen, gerade auch in der Gay-Bewegung, die Probleme klar und deutlich sehen und sie nicht so leicht verdrĂ€ngen können, wie wir das mehrheitlich tun.

 Anders als die Andern - und noch immer eine Gefahr?

Vor rund einhundert Jahren befasste sich der Spielfilm „Anders als die Andern“ das erste Mal mit dem Thema HomosexualitĂ€t. ErzĂ€hlt wird eine Erpressungsgeschichte, wobei der entlarvte schwule Mann am Ende Suizid begeht. Zuvor hört man den echten Magnus Hirschfeld eine eindringliche Rede ĂŒber Akzeptanz halten. Einhundert Jahre sind inzwischen vergangen, und mögen die Bilder noch so flackern und verschwommen sein, so sind sie noch immer aktuell und werden es von Tag zu Tag mehr. Es ist gerade einmal gut fĂŒnfundzwanzig Jahre her, seitdem der Paragraf 175 aus dem Gesetzbuch gestrichen wurde; jenes Gesetz, das homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte. Sind wir wirklich so sicher, dass ein Ă€hnlicher Paragraf nie wieder verfasst werden wird? Erst vor kurzem, Ende 2019, beendete der AFD-Politiker Björn Höcke ein fĂŒr ihn unangenehmes ZDF-Interview vorzeitig mit den Worten: „Vielleicht werde ich mal `ne interessante persönliche, politische Person in diesem Land. Könnte doch sein.“


Könnte doch sein. Es bedarf keiner ĂŒberschweifenden Fantasie, sondern nur eines klaren Blickes, um sich vorzustellen, was alles sein könnte, in naher Zukunft. Es gibt bereits mehr als die ersten dunklen Anzeichen dafĂŒr. Das ist keine Panikmache, es ist das genaue Gegenteil. Ein Weckruf! Wir feiern dieses Jahr 30 Jahre Tag der Deutschen Einheit - es ist Zeit fĂŒr eine neue Revolution. Ein Aufstand fĂŒr Akzeptanz.

Die Zeit fĂŒr Streitigkeiten innerhalb unserer Community, fĂŒr Haarspaltereien zwischen queer und gay sollten wir schnellstmöglich hinter uns lassen. Wir mĂŒssen vereint zusammenstehen, bevor es zu spĂ€t ist. Es gibt da diese alte Fabel von Franz Kafka ĂŒber eine Maus, die zu spĂ€t die Mauern um sich herum erkennt, bis sie ohne Ausweg in die Falle lĂ€uft und von der Katze gefressen wird. Eine Fabel ĂŒber unsere eigenen Lebenswege. Wir sollten sehr aufpassen, dass aus uns Fröschen nicht bald MĂ€use werden. Die Falle fĂŒr uns steht schon bereit.

Autor: Michael Soze

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