Friedrich Merz und seine Weltsicht vergangener Tage


„Naja, wenn die erste Assoziation bei Homosexualität Gesetzesfragen oder Pädophilie ist, dann müssen Sie eher Fragen an Friedrich Merz richten, würde ich sagen.“

So die Reaktion des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn auf die Ă„uĂźerung des Kandidaten fĂĽr den CDU-Vorsitzenden, Friedrich Merz. Im Bild-Interview brachte der CDU-Politiker Merz Homosexualität mit Pädophilie in Verbindung. Er beantwortete die Frage zu einem möglichen homosexuellen Kanzler (als direkte Anspielung zu Bundesgesundheitsminister Spahn) so: „Die sexuelle Orientierung geht die Ă–ffentlichkeit nichts an. Solange sich das im Rahmen der Gesetze bewegt und solange es nicht Kinder betrifft  - an der Stelle ist fĂĽr mich allerdings eine absolute Grenze erreicht – ist das kein Thema fĂĽr die öffentliche Diskussion.“

Jens Spahn, CDU Bundesparteitag 2014, © Olaf Kosinsky / Wikipedia

Ein Satz eines Politikers, der aus den 90er-Jahren stammen könnte, aber sicher nicht mehr in diese Zeit der queeren Aufklärung. Als Politiker bekannt geworden ist Merz vor allem in den 90er-Jahren: Er war von 1989 bis 1994 im Europäischen Parlament und von 1994 bis 2009 im Deutschen Bundestag. Seit 2019 ist er Vizepräsident des Wirtschaftsverbands Wirtschaftsrat der CDU. 2018 kandidierte Merz erfolglos für den Vorsitz der CDU. Dabei wurde Friedrich Merz immer wieder in der jüngeren Vergangenheit mit zweifelhaften Äußerungen auffällig, die er plötzlich allesamt nicht mehr so gemeint haben will. Seine jüngste Äußerung zu einem möglichen homosexuellen Kanzler sprengt nun aber für viele Menschen jedoch die Grenzen des guten Geschmacks.

Mit seiner erneuten Kandidatur für den CDU-Bundesparteivorsitzenden und der damit verbundenen, möglichen Kanzlerkandidatur für die Bundestagswahlen 2021 versucht Friedrich Merz abermals sein politisches Comeback. Als großer Kritiker der „liberalen“ Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Freund des konservativsten CDU-Flügels „Werteunion“, will er alte CDU-Wähler zurückgewinnen, die unter Merkel an die AfD verloren gegangen sind. Alles also nur politisches Kalkül und bewusste Grenzüberschreitung, wie wir das bereits von der AfD kennen?

Friedrich Merz, Januar 2020 Foto: © Michael Lucan, Lizenz CC-BY-SA 3.0 de

Im stark konservativen und rechtspolitischen Lager bedient(e) man sich immer wieder gerne der faktenfernen und schlichtweg dummen, angeblichen Verbindung zwischen Homosexualität und Pädophilie, sobald es um Rechte von Homosexuellen (Ehe, Adoptionsrecht) geht. So twitterte die ehemalige CDU-Politikerin und heutige Vorsitzende der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung, Erika Steinbach, beim Bundestagsbeschluss zur Ehe für alle: „Das ist auch die Hintertür für Pädophileninteressen.“ In der TV-Sendung „Chez Krömer“ wurde sie darauf hin konfrontiert und verschärfte ihre Aussage noch: „Also wenn Kinder zur Adoption in gleichgeschlechtlicher Gruppierungen gegeben werden – ich habe mich lange mit Pädophilie beschäftigt – und inzwischen ist ja auch einiges hier in Berlin aufgekommen, was das bestätigt; und vor dem Hintergrund sag ich, muss man hellwach sein, weil das ein Thema ist, was in dieser Gesellschaft verbreiteter ist, als man es sich überhaupt vorstellen kann.“

Die ehemalige Parteifreundin von Friedrich Merz rückte in der Sendung keinen Millimeter von ihrer Haltung ab. Ihre Ansichten sind leider hinzunehmen, da sie zurzeit kein politisches Amt anstrebt. Friedrich Merz hingegen, der im Dezember auf dem Bundesparteitag zum möglichen CDU-Kanzlerkandidaten gewählt werden könnte, muss sich hier deutlich kritischer bewerten lassen. Gegenüber der Welt-Zeitung stellt er sich inzwischen als Missverstandener dar und spricht von einem „bösartig konstruierten Zusammenhang, der in keiner meiner Äußerungen vorkommt.“ Und führt dann weiter aus, dass die Toleranzgrenze „immer überschritten (sei), wenn Kinder betroffen sind.“ Damit konstruiert er abermals eine Verbindung zwischen Pädophilie und Homosexualität.


Die LSU (Verband der Lesben und Schwulen in der Union),  die auf demselben CDU-Bundesparteitag Anfang Dezember zur offiziellen Vorfeldorganisation erklärt werden soll, erklärte durch ihren Bundesvorsitzenden Alexander Vogt: „Die LSU arbeitet seit ihrer GrĂĽndung gemeinsam mit vielen anderen Menschen in diesem Land hart daran, den immer wieder hergestellten, aber nicht vorhandenen Zusammenhang zwischen Homosexualität und Pädophilie aus den Köpfen zu bekommen. Darum bin ich maĂźlos darĂĽber verärgert, dass Herr Merz diese beiden Begriffe öffentlich und ohne Not miteinander verknĂĽpft hat. Das war heute frĂĽh wie eine kalte Dusche fĂĽr uns.“

Auch seine Aussage, „Die sexuelle Orientierung geht die Öffentlichkeit nichts an…“, ist für viele Menschen in den sozialen Medien nicht ertragbar. So schreibt die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld auf ihrer Facebook-Seite: „Sexuelle und gleichgeschlechtliche Identität sind keine Privatangelegenheit Herr Merz: Sonst würden alle LSBTIQ+ Personen wieder unsichtbar in unserer Gesellschaft. Wollen Sie das wirklich?“

In der Tat ist bis heute die sexuelle Identität eines Politikers auch ein wichtiges „politisches“ Zeichen – innerhalb wie außerhalb der Bundesrepublik. Das wurde bei Politikern wie dem ehemaligen Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) oder dem ehemaligen Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit (SPD) deutlich.

Autor: Sebastian Ahlefeld, Mitarbeit: Michael Soze

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