Der ewige Kampf? Lesben gegen Schwule!


Hallo und Herzlich Willkommen im Jahrmarkt der Klischees. Heute haben wir ein paar richtige Dauerbrenner im Angebot, All-Time-Favoriten sozusagen. Also, greifen Sie zu, solange der Vorrat reicht - obwohl, wenn wir ehrlich sind, der Vorrat an Klischees innerhalb der Community, der geht uns nicht aus. Aber wir wissen ja: Was viele mögen, kann nicht schlecht sein. Also, los!

Da sitzt sie nun vor einem, die Lesbe. Die einstmals beste Freundin und ganz plötzlich, kaum hat sie sich ein anderes Weibchen gesucht, verschwindet sie in ihrer Höhle, versucht sich zu vermehren - egal, ob es nun eine Katze, ein Hund oder ein Kind wird und lebt glĂŒcklich in selbstgewĂ€hlter Zweier-Isolation. Stimmt, oder? Und zu meiner Linken ist da diese Dramaqueen, die Schwuppe, der Arsch noch wund vom letzten Gruppen-Gangbang, wankt er etwas breitbeinig in den Raum, aber immerhin kann er nach der Nacht auf Ketamin wieder geradesehen und schafft es einigermaßen zielgerichtet zum Stuhl. SchlĂŒrft einen Latte mit laktosefreier Magermilch, wĂ€hrend er online schon nach dem nĂ€chsten Fang Ausschau hĂ€lt.

Genau so sind wir! Oder? NatĂŒrlich nicht, so sind wir gar nicht - auf jeden Fall nicht alle. Die meisten schwulen MĂ€nner sind irgendwie ganz anders. Und obwohl wir ĂŒber das Spiel mit dem Klischee Bescheid wissen, haben wir kein Problem damit, Lesben sofort in andere Schubladen zu schieben. Ist das nicht einfach nur ein wenig dĂ€mlich von uns?

Sigrid Grajek. Foto: Guido Woller

Und dann sitzt man plötzlich einer lesbischen Frau gegenĂŒber. Ihr Name: Sigrid Grajek. Schauspielerin, KĂŒnstlerin, Berlinerin. Und einfach eine tolle Person. Also, tragen wir wirklich noch immer mit Leidenschaft unsere GrabenkĂ€mpfe innerhalb der Community aus? „Ich halte nicht so viel von diesem Gegeneinander, aber das ist meine persönliche Einstellung. Es gibt natĂŒrlich nach wie vor Unterschiede, die aber im Wesentlichen oft pekuniĂ€rer Natur sind. MĂ€nner haben mehr Geld - das ist bei Schwulen und Lesben nicht anders als ĂŒberall. Schwule MĂ€nner haben allein dadurch wesentlich mehr Möglichkeiten, was Lebensgestaltung und AmĂŒsement anbelangt.“

Die arme Lesbe also - denkst du das gerade? Dann hole einmal tief Luft und denke noch einmal nach. Etwas genauer bitte. Du schaffst das! NatĂŒrlich schwimmen nicht alle schwulen Jungs im Geld, aber im Durchschnitt geht es uns nun einmal wesentlich besser als Frauen, Lesben mit eingeschlossen. In der Mehrheit haben wir keine Kinder und werden in unseren Jobs besser bezahlt. Der sogenannte Gender Pay Gap zeigt auf, dass Frauen heutzutage 21 Prozent weniger verdienen als MĂ€nner. An der Zahl gab es viel Kritik, also rechnete das Statistische Bundesamt den Teil des Verdienstes heraus, der auf strukturelle Unterschiede wie beispielsweise der Berufswahl oder dem Bildungsstand zurĂŒckzufĂŒhren ist. Doch selbst dieser „bereinigte“ Wert zeigt noch 6 Prozent weniger Gehalt an. Wenn wir also ernsthaft darĂŒber diskutieren wollen, warum Lesben und Schwule sich immer mal wieder gegenseitig diffamieren, muss auch aufs Geld geschaut werden. Klar gesagt werden muss aber auch, dass schwule MĂ€nner zwar mehr als lesbische Frauen verdienen - aber trotzdem noch weit weniger als heterosexuelle Kerle, so eine Studie des Bundesministeriums fĂŒr Familie.

Diese Ungleichheit in Punkto Bezahlung existiert dabei leider auch innerhalb der Community, so Grajek weiter: „Wenn wir uns nur die Schwulenberatung ansehen, wo eine Handvoll Frauen mit einem beschissenen Lohn gegen eine riesige Organisation antreten, um irgendwie ein StĂŒckchen vom Kuchen abzubekommen. Das schĂŒrt natĂŒrlich enorm Frust. Da fĂ€llt uns Lesben etwas auf die FĂŒĂŸe, denn wir haben uns daran gewöhnt, Care-Arbeit in der Community unentgeltlich zu machen. Das bedeutet heute, Lesben bekommen weniger Rente. Da wo die Jungs jetzt auf dem Schiff Aida rauf- und runterfahren, da werden Frauen angemeckert, was sie denn die ganze Zeit nur gemacht hĂ€tten.“ Wir kennen das Klischee, dass Lesben kaum noch ausgehen, wenn sie einmal in einer Partnerschaft stecken - vielleicht mag sogar die Geschichte stimmen, dass Frauen ein StĂŒck weit mehr heimischer oder hĂ€uslicher sind, doch wie immer lĂ€sst sich das nicht fĂŒr alle lesbischen Frauen sagen. Einige wĂŒrden sicherlich viel mehr Party machen, es mangelt einzig am Geld. Und vielleicht spart ein lesbisches Paar dann auch lieber auf einen gemeinsamen Urlaub, als jede Woche unterwegs zu sein. 


Diese Diskrepanz hat natĂŒrlich weitreichende Folgen, denn so machen nach und nach auch die letzten Clubs oder Bars fĂŒr Lesben dicht, einfach weil es an ausreichend vielen Besucherinnen mangelt. Dass das BedĂŒrfnis dafĂŒr vorhanden ist, zeigen Treffen wie in Kreuzberg, wo lesbische Frauen ungezwungen zusammenkommen können, insofern man ihnen auch RĂ€umlichkeiten dafĂŒr zur VerfĂŒgung stellt.

Damit kommen wir zu einem weiteren Punkt im SpannungsverhĂ€ltnis zwischen Lesben und Schwulen: der Opferkonkurrenz. Lesben und Schwule leben wie alle anderen Teile der bunten LGBTQ-Community als Minderheit in einer heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft. Uns eint und trennt das gleichermaßen, denn innerhalb der Community sind schwule MĂ€nner mit weitem Abstand die „Gewinner“: Sie sind am meisten sichtbar, verdienen mehr und haben vielfĂ€ltige Angebote der Lebensgestaltung. Andererseits könnte man dagegen argumentieren, dass genau damit auch schwule MĂ€nner am meisten im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Wenn ĂŒber Homosexuelle gelĂ€stert wird, haben die allermeisten Kritiker die „sexgeilen Schwulen“ im Blick.

Diese teils messerscharfen Trennlinien spĂŒrt man jedes Jahr Monate vor der CSD-Saison am deutlichsten: Wenn wieder Gelder verteilt werden sollen, gibt es bei mehreren CSD-Vereinen bissige KriegsschauplĂ€tze und keiner gönnt dem anderen auch nur ein Cent zu viel. Eine Situation, die sich immer weiter hochschaukelt. Sigrid Grajek dazu: „Gemeinsam sind wir nicht da, wo wir hinwollen. Es mangelt an einer generellen Bereitschaft auf allen Seiten, sich in aller Ruhe ĂŒber die Spezifika der jeweiligen Gruppe zu unterhalten. Es wird sofort bei jeder Frage ein Vorwurf gewittert - und das ist etwas, was mir generell missfĂ€llt.“

© Cockyboys

Überhaupt: Fragen dĂŒrfen - ein ganz wichtiger Punkt, der manchmal immer schwieriger wird, je verhĂ€rteter die Fronten sind. “FĂŒr mich ist es wichtig, zu versuchen zu verstehen. Fragen stellen zu dĂŒrfen und auch Antworten zu bekommen. Aber ich möchte auch gefragt werden. Und ganz oft gibt es da ein eklatantes Desinteresse. Das kann wehtun, sich die Meinung der anderen anzuhören, in der man sich nicht gesehen sieht. Da gibt es oft Probleme, weil bei dieser Kommunikation sehr schnell der Schritt zurĂŒckgemacht wird nach dem Motto: das ist ein Vorwurf, das höre ich mir nicht an, du bist scheiße, weil du mir die falschen Fragen stellst“, so Sigrid Grajek weiter.

Ein anderer Punkt ist die Tatsache, dass schwule MĂ€nner in den GroßstĂ€dten immer mehr die Möglichkeit haben, ihr Leben komplett ohne Frauen zu organisieren. NatĂŒrlich haben viele noch die obligatorische beste Freundin, doch nötig ist dies grundsĂ€tzlich nicht. WĂ€hrend lesbische Frauen zwangsweise beinahe tĂ€glich auch mit MĂ€nnern in Kontakt treten, kann ein schwuler Mann vom Friseur bis zum Job sein Leben nur mit anderen MĂ€nnern umgeben - selbst ein Nacktputzer steht freudig bereit fĂŒr die Reinheit in den eigenen vier WĂ€nden. Die BerĂŒhrungspunkte mit dem lesbischen Leben sind kaum oder gar nicht vorhanden, wenn sie nicht explizit gewĂŒnscht sind.

Dieses HerausdrĂ€ngen aus dem Lebensalltag kennen lesbische Frauen auch aus der Vergangenheit, so Grajek: „SolidaritĂ€t heißt nicht, dass Lesben in der AIDS-Krise schwule MĂ€nner pflegen und jetzt, wo sie alt sind, keinen Ort finden, wo sie gepflegt werden. Das ist Bullshit. Und Geschichtsvergessenheit.“ Diese Vergesslichkeit zeigt sich auch, wenn es um die SensibilitĂ€t der lesbischen Erfahrungswelt geht - nach wie vor erleben viele Frauen die Welt als frauenfeindlich. Das kann man leichtfĂŒĂŸig als schwuler Mann abtun und uninteressant finden, oder man könnte sich klarmachen, dass es auch in einer homosexuellen Lebenswelt ein Patriarchat gibt. Einzig aus dem Blickwinkel der heterosexuellen MĂ€nner haben lesbische Frauen einen gewissen, zweifelhaften Vorteil - zwei kĂŒssende Frauen sind eine beliebte Wichsvorlage.

Doch zwei kĂŒssende MĂ€nner? FĂŒr viele Heterosexuelle hat das noch immer etwas bedrohliches oder wird als ekelhaft empfunden, da das tradierte MĂ€nnlichkeitsbild in Frage gestellt wird. Nach Aussagen einer europaweiten Studie werden schwule MĂ€nner auch hĂ€ufiger Opfer von körperlichen Übergriffen, die Zahl ist um 17 Prozent höher. Trotzdem kein Grund, Lesben daraus einen Vorteil zu stricken - denn auch hier erlebt jede zweite lesbische Frau Gewalt. Vielleicht mĂŒssen wir auch verstehen, dass jeder von uns eine spezifische Geschichte hat, die allermeisten von uns haben Verletzungen erlitten, egal ob Mann oder Frau. Das sollte uns vereinen und uns nicht trennen.


Und dann gibt es da noch die Hoheitsgewalt ĂŒber unsere persönliche Meinung. Es ist on vogue geworden, seine eigene Meinung als eine absolute anzusehen - leider nicht nur im White House, sondern auch innerhalb unserer Community. Das bereitet auch Sigrid Grajek Sorgen: „Wir haben es damit zu tun, dass alles hundertprozentig sein soll. Also, meine Meinung ist hundertprozentig richtig und deine ist dann hundertprozentig falsch. Und in dem Moment, wo ich das sage, bist auch du falsch. Das macht mir generell gerade unheimliche Sorgen. Auch innerhalb der Community geht es da oftmals sehr rabiat zu. Da ist ĂŒberhaupt keine Leichtigkeit mehr drinnen. Ich wĂŒnsche mir zwischen allen Teilen der Community mehr Leichtigkeit und Freundlichkeit im Umgang miteinander.“

Diese Leichtigkeit sollten wir gerade auch im Umgang miteinander neu erlernen. Es gibt Schwule, die beim bloßen Wort „Vagina“ schon angeekelt zur Seite schauen, wĂ€hrend Lesben bei einem mĂ€nnlichen Akt am liebsten die Schere rausholen wĂŒrden. Beide Sichtweisen bringen uns nicht weiter, sondern trennen uns nur immer mehr. Wie wĂ€re es stattdessen, einfach einmal nachzufragen, wenn man etwas nicht versteht? Und wie wĂ€re es, auf eine Frage ohne Aggression zu antworten, auch wenn wir sie schon hundert Mal gehört haben: „NatĂŒrlich werden mir als lesbischer Frau permanent die gleichen Fragen gestellt. Wenn ich aber jedem auf die Fresse haue, weil er mir die falsche Frage stellt, komme ich nicht weiter. Was nutzt das?“ Grajek rĂ€t dazu, unsere einengende Schrebergarten-MentalitĂ€t zu verlassen. Auf unserer Insel der LGBTQ-Community ist genug Platz fĂŒr alle und es liegt an uns, den Strand breiter fĂŒr alle zu machen.

Und man glaubt es nicht, aber wir dĂŒrfen das GegenĂŒber sogar als einen schönen Menschen wahrnehmen - das geht! „Ich finde kĂŒssende MĂ€nner total Ă€sthetisch. Ich finde MĂ€nner ĂŒberhaupt schön. Das heißt nicht, dass ich sie begehre. Es gibt einen Unterschied zwischen sexueller Attraktion und Schönheit. Mich erregen weibliche Körper, aber ich kann die Ausstrahlung eines Mannes trotzdem erotisch finden. Ich kann alles hĂ€sslich sehen, oder ich kann ĂŒberall Schönheit finden, wenn ich bereit bin, sie zu sehen - genauso verhĂ€lt es sich mit der Freundlichkeit“, so Grajek.

Vielleicht werden wir uns nie zu einhundert Prozent gegenseitig verstehen, Lesben wie Schwule. Aber wir könnten wieder mehr miteinander kommunizieren, die GrĂ€ben verkleinern und den anderen als Menschen aus der gleichen Community und nicht als Gegner wahrnehmen. Es geht nicht nur um unsere eigenen Befindlichkeiten, es geht um weitaus mehr: „Keiner von uns möchte jetzt zum Beispiel mit dem Rechtsruck wieder da rauskommen, von wo aus man vor Jahren in den Achtzigern gestartet ist. Wir wollen uns nicht mehr verstecken mĂŒssen.“ Ein Punkt, den wir alle gemeinsam haben und den wir uns viel stĂ€rker ins Bewusstsein holen mĂŒssen.


Besuche doch einmal die Homepage von Sigrid Grajek.

Autor: Michael Soze

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