Wer bist du eigentlich?


Diese spannende Frage stellt man sich immer wieder, wenn man in das neue Buch von Andreas Jungwirth „Wir haben keinen Kontakt mehr“ eintaucht. Und wie sehen einen eigentlich die anderen Menschen um einen herum?

Ein Episoden-Roman der Extraklasse: 14 Menschen erzählen von David, der Held dieses fesselnden kurzen Romans ist – aber er selbst kommt nie zu Wort. Diese eigentümliche Konstellation wird vom Autor, Andreas Jungwirth, nochmals dadurch verstärkt, dass alle 14 ganz eigene »Stimmen« haben. So könnte man meinen, Stefan hätte sie alle um einen großen Tisch versammelt, um sich anzuhören, wer eigentlich David sein mag, den er demnächst heiraten will. David und Stefan sind seit 3 Jahren ein Paar, etwa 50 Jahre alt, teilen schöne Interessen, haben sich eingerichtet, denken zuweilen sogar an Kinder – langweiliger, so möchte man meinen, kann ja kein Leben sein.

Aber die anderen 13 zeichnen ein anderes, dunkles, ja abgründiges Bild vom schwulen Biedermann David: David verschlägt es von einer Stadt in die nächste, mal studiert er Zoologie, dann Germanistik, er hat immer verschiedene Jobs. Er lernt Menschen kennen und verliert sie wieder aus den Augen. Denn trotz seiner Sehnsucht nach einer festen Partnerschaft hält er es nie lange bei einem Mann aus. Die Promiskuität, der schnelle, schwule Sex prägen Davids Sozialverhalten. Doch verborgen unter der Oberflächlichkeit nehmen sich Davids Abgründe immer mehr Raum, wachsen Frustration, Selbstzerstörung und Gewalt. Bis das Ventil krachend in die Luft geht.

Ein Hochstapler ist er seit früher Jugend, ein Blender und Verführer mit einem Hang zu Gewalt, ein Wolf im Schafspelz, der immer wieder die Kontrolle über sich verliert. Kurz: Ein Mann, wie man ihn sich nur erträumen kann, ein Kerl, dem man verfällt und dessen Abenteuer man anbetet, ein Liebhaber, dem man alle Eskapaden und jede Untreue verzeiht. Doch wollte das Stefan überhaupt von seinem künftigen Gatten wissen? Oder sind die Stimmen vielleicht nur Stefans Fantasie, seine stille, nie geäußerte Sehnsucht, nicht einen adretten Anzugträger, sondern vielleicht doch einen aufregenden versauten Macker zum Altar zu führen?


Es ist genau diese Unentscheidbarkeit, die »Wir haben keinen Kontakt mehr« zu einem der atemberaubendsten Bücher über schwules Leben und schwule Sehnsüchte macht. Entsetzen und Sehnsucht liegen ganz dicht beieinander, die Erkenntnis, dass man im tiefsten Innern womöglich genau das begehrt, was man verabscheut, dass man als Schwuler nicht in der Mitte der Gesellschaft stehen, sondern mit Lust am Rand in den Abgrund blicken will – all das beschäftigt einen beim Lesen, man liest Passagen immer wieder, und jedes Mal liest man etwas anderes.

David jedoch bekommt man nie zu fassen, je klarer das Bild von ihm wird, umso heftiger wĂĽnscht man sich, es bliebe ein Traum, aus dem man nie erwacht.


Andreas Jungwirth: Wir haben keinen Kontakt mehr

Erzählung. Ö 2019, 80 S., geb., € 14.00

Autor: Veit Georg Schmidt, Löwenherz Buchhandlung

Bildrecht erstes Bild: Cockyboys

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