Die Ursprünge der Homophobie


Bevor wir etwas genauer auf den Hass und die Ablehnung von Homosexuellen blicken, muss eines klargestellt werden: An sich ist der Begriff „Homophobie“ falsch, denn er setzt schon voraus, dass es sich dabei um eine Angststörung handelt. Eine Phobie eben. Dabei hat die Ablehnung von schwulen Lebenswelten oftmals ganz andere Hintergründe.

Der Einfachheit halber bleiben wir bei diesem Begriff und mĂĽssen ihn sogleich unterteilen, denn es gibt verschiedene Formen der Homophobie. Die klassische Variante tritt kaum noch zu Tage – sie definiert sich als die strikte Ablehnung von Homosexuellen und die Anerkennung gleicher Rechte. In diesem Weltbild sind Homosexuelle unmoralisch. Gerade einmal rund 10 Prozent der Bevölkerung hält Homosexualität noch fĂĽr eine Krankheit. Die Zahlen fallen dabei rapide, noch zu Beginn des Jahrtausends stimmten doppelt so viele Menschen dieser Aussage zu. 

Immer noch am Leben ist dagegen die affektive Homophobie, also jene Form der massiven Ablehnung, die sich von Gefühlen wie Ekel, Angst oder gar Hass ernährt. Gerade Ekel ist dabei eine sehr starke Emotion, die laut einer amerikanischen Studie vor allem bei eher konservativen Menschen grundsätzlich stärker ausgeprägt ist. Wie die Angst speist sich auch der Ekel gerne aus jener Quelle der Kenntnislosigkeit. Zudem zeigen wissenschaftliche Berichte auch auf, dass die Angst vor Homosexualität oftmals auch mit dem Verheimlichen der eigenen Sexualität zusammensteht.

Schon der Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, sagte dazu: „Wer Homosexualität in Bausch und Bogen verdammt, bekämpft damit nur seine eigenen homosexuellen Impulse.“ Tatsächlich bestätigten amerikanische Psychologen in einer Laborstudie diese Aussage: Über 50 Prozent der Menschen, die zuvor homophobe Aussagen getätigt hatten, reagierten anschließend auf pornografische, homosexuelle Filme mit sexueller Erregung. Böse gesagt: Was ihr Mund ihnen verbot zu sagen, verriet ihr Schwanz.


An dem Klischee, das besonders homophobe Hassprediger und Politiker heimlich selbst homosexuelle Neigungen haben, ist also durchaus etwas dran. Natürlich schürt nicht allein die bloße Verdrängung die Homophobie, dazu kommen noch ein niedriger Bildungsstand und ein starker Bezug zur Religion, so der Psychologe Gregory Herek von der Universität Kalifornien.

Auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes belegt durch ihre Studie, dass der Religion eine besonders große und negative Rolle in Anbetracht des Hasses gegenüber Homosexuellen zukommt. Demnach sind rund 30 Prozent aller religiösen Menschen in Deutschland homophob. Je stärker dabei der eigene Glauben ausgeprägt ist, desto fundamentaler und hasserfüllter wird auch Homosexualität abgelehnt. Im extremen Maße zeigt sich das noch einmal bei Männern mit Migrationshintergrund – hier sind die Zahlen nach Angabe der Bundesstelle auf Grund der religiösen Prägung signifikant höher.

Ein weiterer Aspekt im emotional aufgeladenen Feld der Homophobie ist die Prägung und das eigene Weltbild, sprich, welche traditionellen Vorstellungen von Frauen und Männern ein Mensch generell hat. Das fängt bei der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern an und geht hin bis zu der Frage, ob solche tradierten Bilder von Familie und Beziehung über allen anderen Dingen stehen. So stimmen zwischen 15 und 20 Prozent der Deutschen dann auch der Theorie zu, dass Homosexuelle von ihren Eltern irgendwie anders erzogen worden wären oder von einer anderen, gleichgeschlechtlichen Person verführt worden seien als Auslöser ihrer eigenen Homosexualität. Sogar beinahe jeder Dritte ist noch immer der Auffassung, eine schlechte Erfahrung mit dem weiblichen Geschlecht hätte uns Männer schwul gemacht. So verwundert es auch wenig, dass vor allem Parteien mit einem stark konservativen bis rechtsgerichteten Weltbild homophobe Menschen besonders stark anziehen: 30 Prozent der CDU/CSU-Wähler sind demnach homophob. Bei der AfD werten über 50 Prozent Homosexuelle generell ab.


Ein noch fehlender Faktor im Bereich der Gefühle ist der Neid. Er gilt als Schlüsselindikator neben der vielleicht eignen, noch nicht gefestigten Sexualität dafür, dass vor allem auch junge Männer Homosexuelle noch immer ablehnen. Der zumeist sexpositive, freie und eher ungebundene Lebensalltag junger Schwuler steht im starken Gegensatz zu der Lebensrealität und den Begehrlichkeiten junger Heterosexueller: „Das ist die Angst, dass da jemand glücklicher ist“, so der Mediziner Marshall Forstein von der Harvard-Universität im Magazin „Bild der Wissenschaft“. Je stärker schwule Lebenswelten in der Öffentlichkeit präsent sind, desto stärker kann auch diese Gegenbewegung zunehmen. Rund 20 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass immer mehr Menschen homosexuell werden und sogar 30 Prozent von ihnen halten CSDs für keine gute Sache.

So lässt sich auch erklären, warum beinahe die Hälfte aller Homosexuellen ihre Sexualität in der Öffentlichkeit verheimlicht – denn genau hier, in der Öffentlichkeit, erfahren die meisten von uns die stärkste Form von Ablehnung und Hass. Die Bundesstelle für Antidiskriminierung fasst es so zusammen: „Im Kern geht es darum, dass Menschen aufgrund ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen gleichgeschlechtlichen Orientierung als „unnormal“ angesehen werden und nicht nur als „ungleich“, sondern als „ungleichwertig“ betrachtet werden.“

Genau diese Ungleichwertigkeit ist der zentrale Kern der dritten, sogenannten modernen Homophobie. Sie stellt heutzutage die größte und gefährlichste Gruppe dar, denn oftmals tragen viele Menschen diese Form der Ablehnung nach außen, ohne sich überhaupt bewusst zu sein, welchen Schaden sie dabei anrichten. Beinahe die Hälfte von ihnen denkt, dass zu viel Aufsehen um uns Homosexuelle gemacht wird und jeder Dritte ist noch der Auffassung, Deutschland übertreibe es mit der Toleranz. Homosexuelle würden zu viel Platz in der Öffentlichkeit einnehmen (25 Prozent) und zu viele Forderungen stellen (20 Prozent). Noch perfider wird es, wenn eine Täter-Opfer-Umkehr stattfindet, in dem jeder zweite Deutsche der Aussage zustimmt, dass man ja nichts Schlechtes mehr über Homosexuelle sagen dürfe, sonst sei man ja gleich intolerant. Jeder zehnte Befragte ist zudem der Meinung, dass Schwule durch ihre Lebensweise selbst Schuld sind, wenn sie Opfer von Gewalt werden.

So scheint es, dass Homosexualität zwar von der großen Mehrheit generell und pauschal akzeptiert wird, aber von einem Teil der Deutschen offenbar nur dann, wenn sie nicht zu sichtbar ist. Und wenn es nicht in der eigenen Familie geschieht – noch immer würden es rund 40 Prozent der Eltern unangenehm finden, wenn ihr Sohn schwul wäre. So lässt sich abschließend der Aussage der Bundesstelle nur zustimmen: Homophobe Einstellungen sind noch immer ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Autor: Michael Soze

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