Glücklich schwul? Geht das wirklich?


Ja. Das geht. Fall gelöst. Auf zum nächsten Artikel. Ach so, glaubt ihr noch nicht so ganz? Gut, dann lasst mich etwas mehr ausholen. Denn entgegen all den Freunden der gepflegten Tagesdepression da draußen, kann man auch mit seiner Homosexualität richtig glücklich und zufrieden sein.

Was fĂĽr einige von uns selbstverständlich klingt, ist es fĂĽr viele Männer nach wie vor noch immer nicht, denn GlĂĽck oder seine langlebige Schwester, die Zufriedenheit, speisen sich aus ganz unterschiedlichen Quellen. Lassen wir einmal Faktoren wie Berufswahl, finanzielle Aspekte, Gesundheit oder unerfĂĽllte WĂĽnsche auĂźer Acht und konzentrieren uns auf unsere Homosexualität. Ein wesentlicher Schritt hin zu einem selbstbestimmten und guten Leben ist natĂĽrlich zunächst einmal das eigene Coming Out. Kein homosexueller Mann kann langfristig wirklich zufrieden durch die Welt gehen, wenn er einen nicht unerheblichen Teil seines Selbst stets verstecken muss.  

Klingt logisch, ist aber immer noch für viele Herren ein richtig großes Problem. Selbst nach der oftmals erlebten Homophobie und den Anfeindungen in Schultagen unterdrücken oder verheimlichen Männer auch als Erwachsene ihre Sexualität weiterhin. Europaweit macht das jeder zweite Homosexuelle – vor allem aus Angst vor Diskriminierung. In Deutschland sind es noch mehr als vierzig Prozent. Gerade im Job wird oftmals noch geschwiegen und von der „besseren Hälfte“ gefaselt, wenn Kollegen nach dem Erlebten des vergangenen Wochenendes fragen. Und selbst in der eigenen Familie verheimlicht noch jeder vierte schwule Mann seine Sexualität.

Weniger als die Hälfte von uns lebt restlos offen gegenüber seiner Familie und den Verwandten (Quelle: Deutsche Aidshilfe). Dabei sollten wir endlich damit aufhören, uns selbst mit den altbekannten Lügen frei nach dem Motto zu besänftigen: Es gehe ja schließlich niemandem etwas an, was man zuhause im Bett tue. Das ist richtig und trotzdem grundsätzlich falsch. Denn die eigene Sexualität ist mehr als ein besonderer Stellungswechsel im Bett, es ist eine andere Art zu leben und zu lieben. Es macht einen fundamentalen Teil unserer Gesamtheit als menschliches Wesen aus.


Der Weg zu wirklicher Zufriedenheit führt nicht an einem Coming Out vorbei. So schwierig das im Einzelfall mit all den Anfeindungen innerhalb wie außerhalb der eigenen Familie sein mag. Eine Möglichkeit, so oder so, gestärkter aus dieser schwierigen Lebenszeit hervorzugehen, ist der Kontakt und der Austausch mit anderen schwulen Jungs und Männern. Doch gerade hier tun sich immer mehr Homosexuelle wohl schwer: Ob Schwulenzentrum, Club, Treffpunkte oder Saunen – die große Mehrheit der Homosexuellen besucht nichts davon. Gerade einmal knapp die Hälfte von uns schafft es, einige Male im Jahr ein Café oder eine Bar mit schwulem Charakter zu besuchen.

Zum einen sorgt unser Verhalten dafür, dass immer mehr dieser Begegnungsorte im Laufe der Zeit verschwinden werden – gerade jetzt in Zeiten von Covid-19 und dessen Nachwirkungen schließen beinahe wöchentlich solche Treffpunkte. Das schafft nicht nur ein Verschwinden von schwuler Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit, es wird auch immer schwieriger für schwule, verunsicherte Jungs und Männer, Gleichgesinnte abseits von schnellem Sex zu treffen.

Das alles macht etwas mit uns: Rund die Hälfte der Homosexuellen erlebt ab und an immer mal wieder Gefühle von Angst, Schwermut, Hoffnungslosigkeit, Anspannung und Sorgen. Beinahe täglich davon belastet ist allerdings zum Glück bisher nur eine Minderheit von etwa fünf Prozent aller Homosexuellen. Die meisten depressiven Symptome treten dabei bei schwulen Jungs bis zum 19. Lebensjahr auf. Doch neben dem Umgang und den Unsicherheiten in Bezug auf die eigene Sexualität ist die moderne Form der Homophobie ein weiterer Aspekt, der vielen Homosexuellen auch heute noch zu schaffen macht. Die klassische und strikte Ablehnung von homosexuellen Lebenswelten ist dabei weniger stark ausgeprägt in der Gesellschaft, doch beinahe die Hälfte der Deutschen denkt auch heute noch, dass zu viel Aufsehen um Homosexuelle gemacht werde. Deutschland übertreibe es mit der Toleranz – so ein Drittel der Befragten.

Eine scheinbar leichtfüßig daherkommende Aussage, die im Kern jedoch brutal und grausam ist: Allen, gerade auch jungen Homosexuellen, die durch Anfeindung und verbaler oder körperlicher Gewalt Probleme mit ihrer Sexualität erfahren haben, sagt sie sinngemäß, dass man sich doch bitte nicht so mimosenhaft anstellen möge.


Ist doch alles super, jetzt habt euch nicht so!

Alle Studien der vergangenen Jahre bestätigen das Gegenteil – ein Beispiel von vielen sind offen lebende schwule Männer, die nur halb so oft zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden wie Heterosexuelle. Es ist extrem perfide, diese Probleme in verschiedenen Bereichen zu nivellieren. Je mehr Menschen das Problem erst gar nicht sehen wollen, desto schwieriger lassen sich Schritte zur Verbesserung finden. So stellt die moderne Form der Homophobie die hinterhältigste Variante der Ablehnung dar, gerade auch, weil sie im Mantel einer scheinbaren Akzeptanz daherkommt.

Wenn wir glücklich als schwule Männer sein wollen, müssen wir uns wehren. Wir müssen diese Probleme und ihre Taktiken klar benennen. Zuvor müssen wir uns ein Umfeld in Ausbildung, Beruf und Privatleben schaffen, in dem es uns möglich ist, offen mit unserer Sexualität umzugehen. Natürlich ist das bis heute von Fall zu Fall schwierig und oftmals immer noch schmerzhaft, aber es ist die einzige Möglichkeit, irgendwann ein zufriedenes Leben zu führen. Und auch der sehnlichste Wunsch der Mehrheit der Homosexuellen nach einer Partnerschaft kann nur dann dauerhaft zufriedenstellend gelingen, wenn wir zu uns selbst stehen können – vor uns selbst genauso wie vor dem Partner und der Gesellschaft.

Was sicherlich für viele junge Schwule, die gerade mittendrin in diversen von diesen Schwierigkeiten stecken, wie die utopische Rede eines alten Mannes klingen mag, kann tatsächlich gelingen. Als ich noch ein schwuler Teenager mitten im tiefsten Bayern war, wurde Homosexualität hoch offiziell mit einer Krankheit und Teufelswerk gleichgesetzt. Alles erneut abermals ummantelt von einer scheinbaren liberalen Offenheit, in der einem selbst heterosexuelle Freunde ohne die Spur von peinlich berührter Reue in der Stimme erklärten, wie gut es mir als homosexueller junger Mann doch ginge, denn immerhin würde ich ja nicht mehr von staatlicher Seite verfolgt werden. Gut, Gleichberechtigung, Ehe, Akzeptanz, ja, das gab es halt nicht – man dürfe ja auch nicht zu viel erwarten.


Doch, darf man! Und egal wie niederschmetternd die persönlich wahrgenommene Situation von heute jungen Homosexuellen sein mag, ihnen steht im Vergleich zu vor zwanzig Jahren eine Mehrzahl an Hilfsmöglichkeiten gegenüber. Es gibt diese Community, die helfen kann – und dank dem Internet findet sie ihren Weg auch ins allerkleinste Dorf. Egal, ob in Bayern oder auf dem flachen Land von Schleswig-Holstein. So ist es eine Aufgabe für alle Homosexuelle, die Treffpunkte und Möglichkeiten eines schwulen Miteinanders zu erhalten. Für ältere Homosexuelle, die vielleicht selbst inzwischen ihr Glück gefunden haben, ist es eine Aufgabe und eine Verantwortung gerade auch der jungen Generation gegenüber.

Dass man wirklich glücklich und zufrieden sein kann, belegen die Fakten. Rund neunzig Prozent der schwulen Männer über 44 Jahre leben heute frei von Angststörungen oder Depressionen ihr Leben. Sie haben zudem die mit Abstand langlebigsten Beziehungen, rund 75 Prozent von ihnen leben in einer Partnerschaft, die bereits mehr als sechs Jahre andauert. Wenn wir als schwule Männer glücklich und langfristig zufrieden sein wollen, müssen wir also zuerst lernen, zu uns selbst zu stehen. Im nächsten Schritt müssen wir diese eigentliche Selbstverständlichkeit nach außen tragen, um uns dadurch dann auch gegen Homophobie und für Akzeptanz stark zu machen – für uns und für die Generation junger Homosexueller gleichermaßen. In einem vierten Schritt können wir dann auch die sozialen Kontakte innerhalb der Community stärken – eine Angelegenheit, die nicht nur uns selbst, sondern allen Beteiligten Mut und Kraft gibt. So gestärkt und im Einklang mit uns selbst wird es uns auch leichter fallen, eine Beziehung einzugehen – wenn wir das wollen.

Und auch in Punkto Sex können wir zufriedener als jemals zuvor sein, wenn wir diese HĂĽrden gemeistert haben: Keine Gruppe hat mehr Sex mit mehreren Partner als Herren ĂĽber 44 Jahre. GlĂĽcklich, zufrieden und schwul – es ist keine Utopie, es ist absolut möglich. Am besten erreicht man dieses Ziel Hand in Hand und gemeinsam mit anderen schwulen Männern.       

© alle Bilder: Cockyboys

Autor: Michael Soze

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