Lasst uns mutig sein!


Die Welt ist nicht mehr dieselbe, die sie noch vor zwei Jahren gewesen war. Das allein ist keine Schlagzeile, fürwahr. Doch ich ertappe mich immer mal wieder dabei, wie in ruhigen Momenten meine Gedanken auf Wanderschaft gehen und ich mir ins Gedächtnis zurückrufe, wie unbesorgt wir gelebt, gelacht, geliebt haben. Wie selbstverständlich es war, Freunde zu treffen, abends bei einem Glas Wein zusammenzusitzen und über Politik, Community und Tratsch zu reden. Ein kurzer Wochenendtrip in eine europäische Metropole, einfach einmal etwas Neues sehen, spüren, erleben.

Die Familie zu besuchen und gedankenverloren Feiertage miteinander zu verbringen. Mit einem lieben Menschen an einem warmen Sommerabend draußen vor einem Restaurant sitzen, etwas Gutes essen und andere Menschen dabei zu beobachten, wie sie lachen, reden und den Tag ausklingen lassen. All diese scheinbar banalen Dinge, die jetzt in Zeiten von Corona immer noch einen Seltenheitswert haben. Auch wenn Lockerungen das ein oder andere wieder möglich machen, es wird eine „neue“, eine „andere“ Normalität sein – und niemand kann sagen, für wie lange noch.


Die führenden politischen Köpfe versprechen uns nach wie vor, dass im Laufe des Jahres durch die steigende Zahl der Geimpften immer mehr unser normales Leben zurückkehren wird. Kurz vor der Bundestagswahl im September dann, soll an alle Menschen in Deutschland ein Impfangebot ergangen worden sein. Wunschtraum? Realität? Und wie normal wird unser Leben dann sein, wenn vielleicht die nächsten Mutanten des Virus die Welt befallen und erneut Impfstoffe angepasst, verbessert und neu produziert werden müssen?

Gibt es überhaupt ein Zurück in die alte Zeit? Oder wird uns die neue Realität mit Maske, Vorsichtsmaßnahmen, AHA-Regeln und Einschränkungen auf Jahre hin immer wieder begleiten? Eine definitive Antwort kann uns ehrlich niemand geben. So steht eigentlich mehr denn je eine Frage im Raum: Wie wollen wir damit umgehen? Verzagen, depressiv werden oder versuchen, mutig an die neue Situation heranzugehen?

 Dauerzustand Corona? Und dann?

Wir brauchen mehr Mut! Allesamt. Zusammen. Getrennt und doch vereint in diesem Gedanken. Wir brauchen mehr Farbe in unserem Leben, in unseren Gesichtern – es darf bunt, lebensfroh, golden und gut werden. Klingt ein wenig utopisch? Naiv? Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Für all das müssen wir unseren Mut von neuem entfachen, wiederentdecken und stetig am Leben erhalten. Aber was ist das eigentlich genau, dieser so dringend benötigte Mut? Per Definition liest sich das folgendermaßen: „Mut ist zum einen die Fähigkeit, in einer gefährlichen, riskanten Situation, seine Angst zu überwinden: Furchtlosigkeit angesichts einer Situation, in der man Angst haben könnte. Zum anderen kann Mut auch die grundsätzliche Bereitschaft definieren, angesichts zu erwartender Nachteile etwas zu tun, was man für richtig hält.“


Klingt das nicht wunderbar? Beide Definitionen treffen auf unsere aktuelle Situation zu. Wir sollten furchtlos und mit klarem Verstand und Vernunft die aktuelle Lage angehen. Das bedeutet auch, weder leichtfertig alle berechtigten Sicherheitsvorkehrungen zu ignorieren noch aber sich durch die andauernden medialen Berichte in eine Art panischen und zugleich lethargischen Dauerzustand versetzen zu lassen. Der Frühling steht vor der Tür, vergessen, die eiskalten Tage der ersten Monate des Jahres. Es wird wärmer und es gibt berechtigte Hoffnung, dass sich in diesem Jahr auch die wirtschaftliche Situation für viele Menschen innerhalb wie außerhalb der LGBTQ-Community langsam wieder verbessern wird.

Das soll keineswegs die dramatische Situation gerade vieler Kreativer und Kulturtreibender beschönigen, doch es besteht die Chance, dass sich auch diese Branche wieder erholen kann – dabei haben wir das alle gemeinsam in der Hand. Wie viel werden uns künftig unsere Theater, Kinos, Clubs, Bars, Restaurants und Treffpunkte wert sein? Vielleicht haben wir alle zusammen durch Covid-19 begriffen, wie wichtig uns tatsächlich die bunten und vielfältigen Angebote in unserer Community sind. Wie elementar sie unser Leben bereichern, unabhängig davon, wie oft wir in der Szene unterwegs sind. Das sollten wir nicht vergessen, sondern sobald wie möglich all diese Menschen und ihre Etablissements langfristig unterstützen. Es besteht die Chance, dass so die Community längerfristig gestärkt aus der Krise hervorgeht.


Was bringt das Jahr?

Vorsichtig geschätzt wird der Sommer neben wärmeren Temperaturen auch weitere Lockerungen bringen, vielleicht wird es uns schrittweise auch möglich sein, zu reisen, endlich wieder Neues und Spannendes, Fremdes und liebgewonnenes Altbekanntes zu sehen. Natürlich kann uns die ein oder andere Mutante vielleicht einen Strich durch die Rechnung machen, doch wir sollten uns davon nicht entmutigen lassen, ganz im Gegenteil: Diese Bedrohung ist eine gemeinsame, eine, die wir am besten mit Vernunft, Ausdauer, Tatendrang und Mut bewältigen werden können. Aber ja, die Frage bleibt, wann es wieder so „wie früher sein wird.“ Wann kommt sie wieder, die „gute alte Zeit?“

Die Jahre vor 2020 fühlen sich unendlich fern an, dabei trügt uns unsere Wahrnehmung: Nicht die wenigen Tage und Monate, sondern eine andere Lebensroutine trennt uns von dem liebgewonnenen „Damals“. Dabei sollten wir nicht den Fehler begehen, den schon so oft zuvor ältere Herren nur zu gerne immer wieder von sich gaben: „Früher war alles besser.“ Mutig zu sein, bedeutet auch, sich die Vergangenheit nicht in goldenen Farben auszumalen und all die Probleme der damaligen Zeit aus dem eigenen Gedächtnis zu streichen. Wer mutig ist, versucht klar zu sehen. Auch vor 2020 lag vieles im Argen: Politisch verschlechterte sich in Teilen der Welt die Lage der LGBTQ-Community immer mehr. Die meisten Weltenführer zeigten sich uneinsichtig bezüglich dem dringenden Handlungsbedarf in Punkto Klimakrise. Die Spaltung zwischen Arm und Reich setzte sich in gravierender Weise immer weiter fort. Um nur einige Punkte zu nennen.  


All diese Dinge haben sich mit Corona und teilweise durch Corona noch verstärkt, lediglich das Weltklima bekam durch die Lockdowns eine kurze Verschnaufpause. Also: Wollen wir wirklich zurück in die gute alte Zeit? Die Zeit, die gar nicht so gut war? Nur unsere Ignoranz war größer, unser gespaltenes Verhältnis zu uns selbst, auf der einen Seite das Richtige zu tun und auf der anderen Seite auf Spaß, Reisen und Lebenslust nicht verzichten zu wollen. Die Corona-Krise hat uns in extremer Weise gezeigt, dass die Welt und wir uns ändern können, wenn wir nur wollen. Dass wir sogar sehr schnell dazu fähig sind, neue Maßstäbe für alle umzusetzen.

Keiner wünscht sich natürlich dermaßen dramatische Einschränkungen auf Dauer im persönlichen Leben, aber vielleicht können wir aus der Situation auch lernen, unser Leben ein Stück weit mehr einzuschränken. Das Wesentliche vom Unwichtigen zu trennen. Unsere Leben wurden kurzerhand auf Null gesetzt, wir wurden unseres geliebt-gehassten Alltages beraubt, in unsere Wohnungen und Häuser verbannt und weitestgehend unserer Freizeitkultur sowie unseren sozialen Bindungen beraubt. Covid-19 hat den Reset-Knopf in unserem Leben gedrückt.

Begreifen wir die neuen Chancen?

Und jetzt? Machen wir, sobald es möglich ist, einfach weiter wie bisher? Jetzt erst recht und umso mehr? Wir sollten auch hier mutig sein und ehrlich zu uns selbst. Lasst uns doch genau schauen, welche Dinge wir in unserem Leben für wirklich wichtig ansehen und wie wir diese künftig in unser neues Leben integrieren können, ohne das Gefühl zu haben, auf etwas Wichtiges verzichten zu müssen. Die Corona-Krise hat uns eines glasklar vor Augen geführt: Was ist uns wirklich wichtig in unserem Leben? Und wir haben gelernt, bereits damalige Selbstverständlichkeiten wie eine Geburtstagsfeier oder ein Treffen mit Freunden oder eine Reise in ein anderes Land viel stärker wertzuschätzen.

Das ist ein Geschenk und wir sollten tunlichst versuchen, diese gewonnene Erkenntnis in unser künftiges Leben zu integrieren. Nicht nur, weil eine neue Mutante uns das ein oder andere vielleicht erneut streitig machen könnte, sondern vor allem deswegen, weil wir so all diese Momente auch wesentlich intensiver und wahrhaftiger erleben dürfen. Unsere Leben werden eine enorme Bereicherung erfahren, nicht, weil wir plötzlich mehr von allem brauchen, sondern weil wir jede Kleinigkeit intensiver erleben, wertschätzen und wie einen Schatz in unserem Leben weitertragen können.


Ist unser Ziel ernsthaft, baldmöglichst einfach nur weiterzumachen wie bisher, verschenken wir sogar enorm viele Chancen, unser persönliches Leben zu verbessern – und eigentlich haben wir dann ein Ende der Einschränkungen gar nicht verdient. Wenn wir aus Covid-19 nicht bereit sind zu lernen, woraus bitteschön dann? Dann hätten wir ernsthaft jenes dramatische Ende verdient, das uns Wissenschaftler oder Bewegungen wie Fridays for Future prognostizieren, wenn wir so weitermachen wie bisher.

Natürlich muss trotzdem klar gesagt werden, dass Covid-19 nichts ist, für das wir dankbar sein sollten. Der Virus hat uns liebgewonnene Menschen geraubt, viele weitere Menschen werden wohl über Monate oder Jahre an Nebenwirkungen zu kämpfen haben und viele wichtige Treffpunkte in der LGBTQ-Community sind verloren gegangen. Das lässt sich und soll sich auch nicht schönreden lassen. Es wird auch die Zeit kommen, wo wir kritisch hinterfragen müssen, wie sinnvoll die Bundesregierung agiert hat. Gerade wenn es um finanzielle Hilfen geht, hat sie vielerorts Bürokratie vor das Überleben vieler Betriebe und Selbstständiger gesetzt.

Hier wäre und ist bis heute eine deutlich schnellere Hilfe für alle Betroffenen dringend notwendig, unabhängig davon, ob sie Soloselbstständige, Freiberufler, Angestellte oder Unternehmer sind. Allerdings sollte man auch fair sein und zugeben, dass auch die deutsche Bundesregierung wie die ganze restliche Welt das erste Mal in eine solche Situation geraten ist und auch aus Fehlern erst lernen musste. Wir erwarten manchmal von unseren politischen Vertretern, alles stets sofort richtig zu machen und vergessen dabei, dass es sich auch nur um Menschen handelt, die genauso Fehler machen können. Blickt man sich in andere Länder um, schneidet Deutschland im Umgang mit der Gesamtsituation gar nicht so extrem schlecht ab.


Wie sieht dein Leben aus?

Es ist auch mutig, sich einzugestehen und sich klarzumachen, was man alles in diesen Zeiten hat. Viele Menschen gerade aus dem Kultursektor kämpfen aktuell darum, wie sie ihre Miete oder das Essen zahlen sollen. Alle jenen unter uns, die davon verschont geblieben sind, die vielleicht auch noch einen Beruf – selbst in Kurzarbeit – haben und zudem trotz möglicher Einschränkungen das normale Leben einigermaßen bestreiten können, sollten dankbar sein. Corona hat uns auch das gelehrt und uns gezeigt, dass auch diese scheinbaren Selbstverständlichkeiten wie eine Wohnung, Essen oder gesundheitliche Versorgung nicht selbstverständlich sind.

Über all dem sollten wir auch versuchen, unseren Humor am Leben zu erhalten, er hilft uns am besten aus so manchem Tief heraus. Lässt man nur einige Zeitungsmeldungen der letzten Zeit Revue passieren, kann man sich eines Schmunzelns nicht erwehren. Wie verständnislos hätten wir wohl noch 2019 auf Meldungen wie diese geblickt: „Polizei sprengt illegalen Friseur-Ring!“, „Jugendliche fordern Öffnung der Schulen!“ oder auch „Polizei löst Gottesdienst auf!“

Zu guter Letzt hat die Covid-Situation die meisten von uns mental enger zusammenrücken lassen. Mehr als je zuvor ist uns klargeworden, welche Freunde uns wirklich wichtig sind, auf wen wir uns verlassen können und wer uns auch an trüben Tagen Trost spenden kann. Es hat uns gezeigt, dass Freundschaften und/oder Familien auch auf Distanz viel Platz in unserem Herzen haben. Wer im Jahr 2020 und auch in den kommenden Monaten des Jahres 2021 zusammenhält, den sollte so schnell nichts mehr aus der Bahn werfen können – egal, ob es sich dabei um den Partner handelt, gute Freunde, die Familie oder ein echtes Team am Arbeitsplatz. Eine Krise schweißt uns zusammen und denkt nur daran, wozu wir alles fähig sind, wenn die schlimmsten Zeiten vorbei sein werden? Klingt das nicht spannend und aufregend? Ist das nicht etwas, auf das man sich sogar freuen kann? Unser Mut kann somit auch ein politischer Wert der Erneuerung sein!

Ja, die Welt ist nicht mehr dieselbe, die sie einmal war. Und wahrscheinlich wird sie es nie mehr ganz sein. Das sollte uns aber nicht traurig stimmen, sondern mit Freude bereichern. Denn vielleicht wartet auf uns eine deutlich bessere Welt als jene zuvor. Covid-19 hat wie erwähnt den Reset-Knopf gedrückt, alles auf Anfang. Wir haben jetzt die Möglichkeit, uns zu überlegen, was wir mit dieser Chance anfangen wollen. Gemeinsam. Und was wir auch von der Politik in der Zukunft bezüglich der drängenden, immer noch offenen Fragen dieser Welt erwarten – vergessen wir nicht, im September sind Bundestagswahlen. Wollen wir nicht die Chance nutzen, unser Leben besser zu machen? Lasst uns mutig sein!  


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