Wir wollen uns verlieben!


Wir sind coole Jungs. Haben die Lage stets im Griff, alles easy. Dieser Virus hat uns ebenso wenig anhaben können, wie die blöden Sprüche, die wir seit unserer Schulzeit immer mal wieder hören mussten. Wir leben in einer großen Stadt, vielleicht in Berlin, München, Zürich oder Wien. Die Stadt gehört uns, ist unsere Spielwiese. Wir sind stets online, surfen durch all die Dating-Apps, sind witzig und einmalig. Manchmal sind wir ehrlich, wenn wir nur Sex suchen, ein anderes Mal reden wir von der großen Liebe, wenn wir doch nur Sex meinen. Alles easy, wir genießen das Leben. Alles gut.

Und alles gelogen?! Wie wäre es, wenn wir heute einmal so richtig mutig sind und uns eingestehen, dass es da doch so einen kleinen Funken in uns gibt, der sich nach Liebe sehnt. Ja, Liebe. Das Wort ist etwas in die Jahre gekommen, scheint es. Die junge Generation will sich ausprobieren, über alle Konventionen und Gendergrenzen hinweg. Wir leben eine neue Freiheit, die zum Glück die Akzeptanz aller Lebensmodelle inkludiert – da ist kein Platz für dieses altmodische Wort mit den fünf Buchstaben.

Vielleicht gehen wir auch auf Abstand dazu, weil uns die Bilder, die uns dabei in den Kopf kommen, auch mal leicht würgen lassen. Die Abziehbilder aus Hollywood und anderenorts, die uns stets von der ewigen Liebe berichten, von Treue, meist von Monogamie und leidenschaftlichem Sex bis ans Ende einer langen Beziehung. Nach den ersten Versuchen lernen viele von uns, dass diese Traumwelt selten mit der Realität übereinstimmt. Also sind wir jetzt cool, lässig, wir haben Sex. Liebe? Och nö, das haben wir hinter uns gelassen. Wir sind ja so erwachsen.

© Cockyboys Exclusiv Shooting

In Städten wie Berlin, Hamburg oder Köln ist es kein Problem, einen Kerl für eine schnelle Nummer zu finden. Aber Liebe? Bitte erst einmal Ficken. Und wenn es gut war, noch einmal. Und wenn es eine Woche lang klappt, ja, dann kann man ja mal nachfragen, wie eigentlich der Vorname von dem Typen ist. Und was der sonst noch macht und kann außer nackt sein und einen steifen Schwanz zu präsentieren.

Diverse Studien in den letzten Jahren legen nahe, dass uns heterosexuelle Männer, vor allem in jungen Jahren, darum beneiden, wie schnell und frei wir mit dem Thema Sex umgehen. Wir brauchen keine zehn Dates, um endlich mit der Person unserer Wahl intim zu werden. Oftmals reichen schon ein paar Bilder über Whatsapp und die Übermittlung eines Treffpunktes. Schneller als bei den schwulen Jungs kann man nur noch im Tierreich Sex haben. Kommen, ficken, kommen, gehen. Danke.

Das hat alles seinen Reiz und wir sollten definitiv nicht den Fehler begehen, schnellen Sex und die Leidenschaft und Lust dabei zu verteufeln – denn dahinter steckt auch ein hart erkämpftes Recht um freie Selbstbestimmung unserer Lebenswelt als schwule Männer. Sex ist etwas Wunderbares und sollte weder von uns noch von anderen Menschen negativiert werden.

Aber: Die Fakten zeigen auch klar auf, dass sich nicht gerade wenige schwule Männer nach Liebe sehnen, so altbacken das Wort auch um die Ecke kommen mag. Etwa die Hälfte aller Homosexuellen ist Single, bei den Jungs bis 19 Jahren sind es sogar Dreiviertel. Je nach Altersgruppe wünschen sich zwischen 75 und beinahe 90 Prozent aller schwulen Männer eine Beziehung.

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Auch wenn wir es ungern zugeben, viele von uns wünschen sich tatsächlich noch immer einen Partner an ihrer Seite. Wie diese Verbundenheit aussehen kann, ob monogam oder offen, ob zusammenlebend oder räumlich getrennt, ob durch mehr Freundschaft oder durch Sex verbunden – das sind alles Detailfragen, deren Beantwortung sehr individuell und unterschiedlich ausfallen. Doch unterm Strich bleibt der Wunsch nach einem anderen Mann in unserem Leben präsent.

Also, Jungs und Männer, wollen wir uns endlich einmal verlieben? Ja, das kann und wird auch mal richtig wehtun und es wird Kerle da draußen geben, die auf unserem Herz herumtrampeln werden wie eine Elefantenherde auf der Flucht. Aber unsere Konsequenz sollte nicht sein, einen Panzer um uns herum aufzubauen. Coolness ist kein Lebensmodell, das auf Dauer Spaß macht. Habt Sex, so viel ihr wollt, aber erlaubt euch, auch mehr als pure Ekstase zu erleben. Die Liebe obliegt zum Glück auch nicht einer simplen Wertigkeit wie beispielsweise Rotwein – je älter, je länger im Weinregal, desto besser. Auch eine Liebe, die vielleicht nur einen Tag oder eine Woche dauert, darf wunderbar gewesen sein. Wir dürfen uns daran erfreuen und wir müssen es nicht kleinreden.

Jetzt ist die Zeit, sich zu verlieben. All die sexy Jungs und Männer um uns herum, halbnackt bei heißen Sommertemperaturen, da spielt natürlich unsere Libido verrückt – aber auch Amor hätte gern ein wenig Spaß. Also, verlieben wir uns! In andere Männer, in wunderbare Augenblicke, in Sex, in Küssen, in Berührungen, in Blicke und zuallererst – in uns selbst.

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Klingt nach Küchenpsychologie, doch wir wissen ja: Die besten Sachen kommen aus Muttis Küche. So auch der ein oder andere gute Ratschlag: Je eher wir damit anfangen, uns selbst zu akzeptieren und zu lieben, desto interessanter werden wir auch für andere Jungs da draußen. Ein schräges Minderwertigkeitsgefühl lässt sich vielleicht anfangs mit Schüchternheit überspielen – was verdammt sexy sein kann -, ist aber letzten Endes nicht besonders anziehend.

Wer sich wirklich verlieben will, muss übrigens noch etwas machen: Er muss den Raum und den Platz dafür in sich schaffen. Und dazu gehört auch, dass man sein bisheriges Leben nicht versteckt – vor allem und gerade nicht vor sich selbst. Eine gescheiterte Beziehung muss nicht tief in euch begraben und versteckt werden, sondern darf stolz nach außen getragen werden. Ihr wart verdammt mutig, ihr habt zugelassen, geliebt zu werden und habt geliebt.

Ein Stück weit offenbart man dabei auch all seine Unsicherheiten, seine Träume, Hoffnungen und Wünsche – poetisch gesagt, ein Stück weit von seinem innersten Selbst. Und das ist gut und richtig so – und eben wirklich mutig. Darauf kann man und sollte man stolz sein, selbst wenn eine Beziehung in die Brüche gegangen ist. Ja, und? Man sollte die schönen Momente weiterhin mit sich tragen, weil sie dich als Mensch bereichern werden und dich zu einem noch viel spannenderen Mann für andere Typen machen werden. Du hast etwas zu sagen, du hast etwas erlebt – du bist mehr als ein Klumpen Fleisch mit Knochen, Arsch und Penis. Toll!

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Zu guter Letzt sollten wir versuchen, nicht zu gierig nach der Liebe Ausschau zu halten und trotzdem für alle Möglichkeiten offen zu bleiben. Je angespannter wir danach dürsten, desto mehr schreckt das andere Jungs ab. Versuche relaxt und entspannt zu sein – und trotzdem kannst du deinen Standpunkt klarmachen. Sex ist wunderbar, aber du suchst langfristig auch nach mehr, ganz gechillt. Gönne dir diese Lebenseinstellung. Und höre auf, all den Unkenrufern da draußen zu glauben.

Liebe kann man überall finden und meistens findet sie einen, wenn es gerade gar nicht passt und man nicht perfekt gestylt am Tresen einer Bar steht. Sondern vielleicht verschlafen beim Supermarkt um die Ecke an der Kasse ansteht, im Park herumspaziert oder vielleicht auch während einem Abenteuer im Darkroom. Oder tatsächlich auch online auf einer Dating-App. Weniger Frust, mehr Entdeckerfreue – das sollten wir uns alle gönnen in diesem Sommer.

Worauf wartest du also noch?

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Autor: Michael Soze

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