Die tödliche Gefahr – Schwule Dating-Apps


Wer erinnern uns noch an die Bilder des Arabischen Frühlings im Jahr 2010, als abertausende Menschen von Tunesien ausgehend in einem Dutzend Ländern der arabischen Welt protestierten, totalitäre Systeme stürzten und mehr Demokratie gewinnen wollten. Auch viele Menschen abseits der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft erhofften sich positive Veränderungen in der gesamten Region. Fragt man heute schwule Männer in Ländern wie Ägypten, scheint von Revolution und Aufbruch nicht viel übrig geblieben zu sein.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hat erneut fünfzehn Fälle von Folter an LGBTQ-Personen öffentlich gemacht. Dabei zeigt sich, so die Organisation weiter, dass die Misshandlungen ein Teil eines größeren und systematischen Musters von Gewalt gegenüber LGBTQ-Menschen in Ägypten sind. Rasha Younes von HRW brachte es folgendermaßen auf den Punkt: „Die Behörden scheinen um die schlimmste Bilanz von Rechtsverletzungen in der Region zu konkurrieren, während das internationale Schweigen entsetzlich ist.“

Und bis heute spielen schwule Dating-Apps wie Grindr, Growl oder Hornet immer wieder auf unheilvollsame Weise eine Rolle dabei mit. Schwul zu sein im Nahen Osten kommt stärker denn je einem Leben in sexueller Askese und Einsamkeit gleich, will man nicht verhaftet, gefoltert oder ermordet werden. NGOs schätzen die Zahl der politischen Gefangenen aktuell auf 60.000 Menschen, darunter nicht wenige mit LGBTQ-Hintergrund.

Rechtlich gesehen ist Homosexualität in Ägypten nicht verboten, bis in die 1940er Jahre hinein gab es sogar eine Oasengruppe, in der eheähnliche Verhältnisse zwischen Männern und Jugendlichen offiziell praktiziert wurden. Diese Zeiten sind indes längst vorbei und so werden homosexuelle Männer heute auf offener Straße willkürlich verhaftet, wenn es den Anschein macht, sie könnten schwul oder bisexuell sein. Dem Militär reicht da bereits ein „femininer Gang“ aus. Um diese Männer in Isolationshaft stecken zu können und sie anschließend mit Elektroschocks zu foltern, werden fadenscheinige Gesetze als Begründung genannt – darunter das Verbot von Sexarbeit, eine „notorische Verkommenheit“ oder einfach eine sexuelle Abartigkeit. Drei Jahre Haft sind so keine Seltenheit.


Das Zünglein an der Waage spielen dabei einmal wieder auch schwule Dating-Apps. Bereits 2014 wurde Grindr heftig kritisiert, weil der schwule Dating-Dienst mit rund sieben Millionen Usern weltweit seine Lokalisierungs-Funktion auch in Ländern wie Ägypten nicht abgeschaltet hatte – trotz diverser Hinweise Monate zuvor. So konnte die ägyptische Polizei homosexuelle Männer sehr simpel orten und verhaften. Monate später erklärte sich der Dienst dann doch bereit, die Lokalisierung automatisch in diesen Ländern zu deaktivieren. Andere Dienste wie Tinder zum Beispiel sprechen in rund 70 Ländern online inzwischen Warnungen bei den Usern aus, wenn sie den Dienst benutzen möchten und sich dabei in einem homophoben Land aufhalten.

Problem gelöst? Mitnichten, denn bei Verhaftungen lassen sich die Polizisten auch das Handy oder Smartphone zeigen – entdecken sie dabei eine schwule Dating-App, wird der Mann gezwungen, alle Kontakte preiszugeben. Es reicht schon der Screenshot eines Kontaktes, gespeichert direkt auf dem Smartphone, in der Cloud oder bei Google Fotos aus, um in die Falle zu tappen. Und schon beginnt die Hexenjagd von neuem. Zusammen mit der Londoner Human Rights Organisation Article19 erarbeitete Grindr dann das sogenannte „Discreet App Icon“. Aktiviert man dies, erscheint nicht mehr das Logo mit der gelben Maske auf schwarzem Grund auf dem Bildschirm, sondern ein harmloses Bildchen wie zum Beispiel nach freier Wahl eine To-Do-Liste. Zuerst nur für 130 Länder konzipiert, gibt es das diskrete Icon seit 2020 inzwischen für alle User kostenfrei.

Wie sicher Apps wie Grindr damit wirklich werden, ist indes immer mal wieder umstritten. Stiftung Warentest bemängelte mehrfach auch bei schwulen Dating-Apps, dass Standortdaten oftmals schon beim ersten Start trotzdem übermittelt werden. Zudem ist fraglich, ob das Smartphone mitsamt den Apps nicht doch durch die Betriebssysteme wie Android oder MAC durch die Hintertür ausgelesen werden können. Außerdem lernt auch die Polizei im Nahen Osten schnell dazu und so dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis Icons von vermeintlichen To-Do-Listen eine ähnliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen werden wie die klassischen Symbole von Grindr, Planetromeo, Growl oder auch Hornet – letzterer Anbieter hat nach eigenen Angaben über 100.000 User allein in der Hauptstadt Kairo.

Gründer und Geschäftsführer Sean Howell sieht die Lage nicht ganz so dramatisch. 2018 äußerte er sich sinngemäß zu der Frage, was die ägyptischen Behörden denn angesichts der schieren Masse an schwulen Kerlen schon tun wollen? Sie könnten ja schließlich nicht alle Homosexuellen verhaften. Und weiter: „Schwule Männer werden sich nicht weiter verstecken. Sie werden ihr Leben nicht ändern und ihre Identität auch unter den härtesten Bedingungen nicht aufgeben!“ (Quelle: Russell Brandom / The Verge).


Ist das zynisch oder im Kern doch realistisch? Die ägyptische Aktivistin Sarah Hegazi beschrieb im Frühjahr dieses Jahres die Situation so: „In Ägypten wird jede Person, die nicht männlich, muslimisch, sunnitisch, hetero und ein Unterstützer des Systems ist, abgelehnt, unterdrückt, stigmatisiert, verhaftet, ins Exil verbannt oder getötet. Dies hängt mit dem patriarchalen System zusammen, denn der Staat kann seine Repression nicht ohne eine bereits seit der Kindheit bestehende Unterdrückung ausüben.“ Hegazi war nach dreimonatiger Haft 2017 von Ägypten nach Kanada geflohen. Ihr „Verbrechen“? Sie besuchte das Konzert eines schwulen Sängers und schwenkte inmitten von tausenden Fans eine Regenbogenfahne. Das Trauma der Folterungen verfolgte sie weiterhin – im Juni 2020 nahm sie sich in ihrer Wohnung in Toronto das Leben. In ihrem Abschiedsbrief an ihre Freunde schrieb sie: „An die Welt – du warst sehr grausam, aber ich vergebe.“

Angesichts solcher Tatsachen scheint es unvorstellbar, wie sich Menschen aus der LGBTQ-Community tatsächlich zur Wehr setzen können oder sollen. Andererseits erklärt uns ein schwuler, junger Mann namens Marik aus Kairo die Sachlage so: „Wir sind jung und schwule Männer. Und die Apps sind die einzige Möglichkeit, überhaupt soziale Kontakte zu haben. Sex, Liebe oder einfach nur nebeneinander liegen – das geht alles nur mit Hilfe von Apps. Es gibt keine Bars, Clubs oder andere Treffpunkte. Was sollen wir also tun? Sollen wir für immer auf all das verzichten?“


In letzter Zeit wurde immer mal wieder diskutiert, ob Dating-Apps wie Grindr oder Hornet eine Art von Panik-Button einführen sollten. Kurz vor der Verhaftung oder Entdeckung solle diese Funktion nicht nur die bedenklichen Apps vom Smartphone löschen, sondern zuvor auch noch eine Warn-Nachricht an alle anderen schwulen Männer verschicken, mit denen man Kontakt hatte. Bis jetzt stößt die Idee auf wenig Gegenliebe bei den großen Betreibern. Sie befürchten Panikwellen in den großen Städten, die dazu führen könnten, dass binnen kürzester Zeit die Userzahlen massiv sinken – ein Aspekt, der letzten Endes den Marktwert des Anbieters minimiert.

Es ist ein Dilemma, für das es aktuell keine Lösung gibt. Ein Dilemma, das für homosexuelle Männer in Städten wie Berlin, Köln oder Wien weit weg scheint – unendlich fern. Doch sollten wir bedenken, dass homosexuelle Handlungen früher in Ägypten durchaus üblich waren, wenn auch kaum thematisiert. Die starke heutige Ablehnung ist eine Entwicklung, die sich politisch, religiös und gesellschaftlich in wenigen Jahren vollzog und auch wenn sich Länder wie Ägypten und Deutschland weder rechtsstaatlich noch gesellschaftlich direkt miteinander vergleichen lassen, sollte uns durch dieses Beispiel klarwerden, dass jede positive Entwicklung nicht zwangsläufig für immer so bleiben muss – Rechte für LGBTQ-Menschen müssen nicht nur erkämpft, sondern auch verteidigt werden.  

Autor: Michael Soze

Recherche Mitarbeit: Tifa Ali

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