Die beschnittene Wahrheit


Im Frühjahr 2021 stellte medienwirksam die damalige Bundesfamilienministerin Giffey einen neuen Schutzbrief vor: das Flugblatt im Passformat soll künftig darüber informieren, dass Genitalverstümmelung in Deutschland ein Strafbestand ist. Allerdings nur bei Mädchen. Männliche Babys und Kinder darf man in Deutschland jederzeit seit 2012 beschneiden, ohne Arzt sein zu müssen. Und während die einen den Vergleich scheuen und ihn als nicht verhältnismäßig darstellen, fragen die anderen: Kann man in Sachen Beschneidung wirklich sagen: Harmlos beim Jungen, verbrecherisch beim Mädchen?

Gibt es hier eine allgemeingültige Antwort? Es gibt starke und schlüssige Indizien, dass eine Beschneidung bei Jungen erhebliche gesundheitliche Risiken aufweist inklusive Spätfolgen, die teilweise ein Leben lang bestehen. Doch ebenso gibt es einige Studien, die die männliche Beschneidung in den höchsten Tönen als positiv herausstellen. Versuchen wir einmal die Faktenlage bestmöglich zusammenzustellen. Insgesamt beruhen die Zahlen in diesem Artikel auf rund 120 unterschiedliche Quellen und Studienarbeiten, die komprimierte Quellenübersicht findet sich am Ende des Artikels.


Was genau ist eine Beschneidung?

Bevor wir uns die gesundheitlichen Aspekte genauer betrachten, klären wir erst einmal das Grundsätzliche: Bei einer Beschneidung werden Teile oder die gesamte Vorhaut entfernt – im Fachjargon Zirkumzision genannt. Abhängig, wie viel Vorhaut abgeschnitten wird, können bis zu 50 Prozent der gesamten Vorhaut dabei entfernt werden. Die Beschneidungsvarianten lassen sich in vier verschiedene Versionen unterscheiden, die high & tight, high & loose, low & tight und low & loose genannt werden.

Dabei wird unterschieden, ob der Schnitt auf Höhe der Eichel oder des Penisschaftes durchgeführt wird. Je nachdem, ob die Vorhaut zudem schlaff oder straff anliegt, werden weitere Varianten unterschieden. Zumeist wird eine sogenannte „radikale Zirkumzision“ durchgeführt, sodass die Eichel sowohl im schlaffen wie im erigierten Zustand immer freiliegt. Dabei werden das Muskelgewebe, Schleimhäutchen und epitheliales Gewebe zerstört. Man schätzt, dass zudem rund 20.000 Nervenenden abgetötet werden, was einer Länge von über 70 Metern an Nervensträngen entspricht. Die männliche Vorhaut gehört mit zum empfindsamsten Teil des Körpers.

Der Ursprung der Beschneidung

Der genaue Ursprung der Zirkumzision ist ungeklärt, es gibt Zeugnisse von Ureinwohnern verschiedener Kontinente, die die Beschneidung beider Geschlechter in patriarchischen Gesellschaften und Nomadenstämmen bereits in der Frühzeit Afrikas und Australiens durchführten. Bereits in der Steinzeit soll die Beschneidung als Stammesritual Verwendung gefunden haben. Der Ursprung der heutigen Ausprägung vor allem in Ländern wie Amerika kommt indes aus dem britischen Mittelalter.

Zahlreiche „Ärzte“ sahen in der Beschneidung ein profundes Mittel, die „überschüssige“ „wider der Natur“ aufgestaute Lust junger Männer zu vereiteln und sie von der als „abscheuliche Sünde“ definierten Masturbation abzubringen. Einig waren sich die zumeist wohlhabenden Herren der britischen Oberschicht im viktorianischen England und später auch in Amerika darin, dass eine solche Beschneidung möglichst schmerzhaft zu sein habe: „Die Operation sollte durch einen Chirurgen ohne Betäubung vorgenommen werden, da der damit verbundene Schmerz einen heilsamen Effekt auf den Geist hat, insbesondere wenn er mit der Vorstellung von Bestrafung verbunden ist.“ So äußerte sich als ein Beispiel von vielen, John Harvey Kellogg im Jahr 1888 – jener Kellogg, der später die Erdnussbutter und die Cornflakes erfand. Rückblickend waren seine Erfindungen für die gesundheitliche Situation junger Männer wohl deutlich schädlicher als die Masturbation.

Die britische Kolonisierung trug den Trend zur Zirkumzision in die ganze Welt hinaus, wobei er besonders auf dem amerikanischen Kontinent auf äußert fruchtbaren Boden fiel. In den 1950er Jahren war die Beschneidung so selbstverständlich in den USA geworden, dass Neugeborene oftmals ohne Einverständnis der Eltern automatisch beschnitten wurden. Bis vor wenigen Jahrzehnten hielt sich auch der Aberglaube, eine Beschneidung schütze vor Homosexualität, Wahnsinn, Promiskuität oder auch Epilepsie. Aktuell sind schätzungsweise zwischen 25 und 33 Prozent der männlichen Weltbevölkerung beschnitten – das entspricht in etwa 1,2 Milliarden Männern weltweit.

Dabei ist die Beschneidung in den englischsprachigen Ländern, in Afrika sowie in der arabischen Welt am weitesten verbreitet: Dort liegt der Anteil teilweise bei über 80 Prozent der Bevölkerung, auch wenn die Fallzahlen seit einigen Jahren vielerorts wie in den USA sinken. In Deutschland dagegen wurde von der AOK und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung in den letzten fünfzehn Jahren ein Anstieg der Beschneidungen von über 30 Prozent vermerkt. Insgesamt schätzt man, dass zwischen 10 und 15 Prozent der Männer hierzulande beschnitten sind.


Gibt es gute Gründe für eine Beschneidung?

Neben einem medizinisch nötigen Eingriff wie beispielsweise bei einer Vorhautverengung gibt es durchwegs nur strittige Punkte, die für eine Zirkumzision sprechen. Anhänger der Beschneidung führen dabei ins Feld, dass es durch die freiliegende Eichel zu weniger Keimbesiedlungen, der Übertragung von Viren und ein verringertes Risiko für Harnwegsinfekte gibt. Kritiker der Beschneidung sehen dagegen die schützende Funktion der Vorhaut eliminiert, weswegen es sogar verstärkt zu Krankheiten kommen könne.

Im Grunde liegt der Teufel im Detail, wie man am Beispiel des Smegmas sieht, einer unter der Vorhaut gerne anzutreffenden Mischung aus Haut-, Urin- und Spermaresten. Natürlich können hier vermehrt Bakterien entstehen, aber eben nur dann, wenn Männer ihre Hygiene vernachlässigen. So sind auch einige Studien gerade aus Afrika stark in der Kritik, weil dort nicht dieselben Hygienestandards wie in westlichen Ländern vorhanden sind, sodass sich ein Vergleich eigentlich ausschließt.

Auch das Infektionsrisiko bei Geschlechtskrankheiten wie HIV soll sich durch eine Beschneidung bei heterosexuellem Sex verringern – zur Prävention riet sogar die Weltgesundheitsorganisation afrikanischen Regierungen, die Zirkumzision zu fördern. Die Entscheidung ist bis heute stark umstritten, zum einen, weil mehrere afrikanische Studien sowie ein Bericht von USAID zu dem Schluss kommen, dass Beschneidungen keinen Einfluss auf die Übertragbarkeit von HIV hätten.

Hierzu wurden Daten aus 15 afrikanischen Ländern ausgewertet. Der wesentlich gefährlichere Aspekt ist wohl aber die Signalwirkung an afrikanische Männer, die sich nach einer Beschneidung vermeintlich in Sicherheit wiegen und oftmals leichtfertig dann gänzlich auf Verhütung verzichten. Blickt man statistisch gesehen dann auf ein Land wie die USA, zeigt sich, dass das Land nicht nur den größten Prozentanteil von beschnittenen Männern in der westlichen Welt hat, sondern auch die höchsten Fallzahlen von Infektionen mit sexuell übertragbaren Krankheiten.


Dabei gilt es, zwei wesentliche Aspekte nicht zu vergessen: Die meisten Beschneidungen – auch in Deutschland – werden an Kindern durchgeführt, nicht an eigenverantwortlichen Erwachsenen. Zudem lassen sich Studienergebnisse aus Afrika eben schwer mit einem anderen Land direkt vergleichen. Die ins Feld geführten Begründungen für eine Beschneidung werden sowieso erst mit der Geschlechtsreife relevant, sodass ein solcher Eingriff selbst bei möglicher Anerkennung der gesundheitlichen Vorteile bei Kindern augenblicklich obsolet wird.

Auch die Begründung, Kleinkinder hätten nur ein geringes Schmerzempfinden, sodass sich in jungem Alter problemloser eine Zirkumzision durchführen ließe, ist wissenschaftlich widerlegt worden. Im Jahr 2017 protestierten ein Richter des Bundesgerichtshofes, Dr. Ralf Eschelbach, der Professor Dr. Matthias Franz von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf und der deutsche Rechtswissenschaftler Professor Dr. Jörg Scheinfeld in einem gemeinsamen Schreiben ausführlich gegen die aktuelle rechtliche Lage zur Zirkumzision in Deutschland.

Zu den vermeintlichen Gründen für eine Beschneidung hielten sie fest: „Für Drittweltländer empfiehlt zwar die WHO, Männer zu beschneiden, um so die Übertragung sexueller Krankheiten einzudämmen. Diese ihrerseits umstrittene Empfehlung gilt aber weder für Kinder noch für hochzivilisierte Gesellschaften wie die Deutsche. Doch selbst wenn Beschnittene beim ungeschützten Geschlechtsverkehr ein leicht geringeres Ansteckungsrisiko haben sollten, so geht es gleichwohl nicht an, dem unreifen Jungen den Eingriff aufzuzwingen – der Junge hat, wenn er reif genug ist, selber darüber zu entscheiden, ob er sich den Eingriff zumutet. Die Beschneidung aber raubt ihm nicht nur einen wichtigen Körperteil, sondern zugleich die Möglichkeit, sich später viel wirksamer mit einem Kondom zu schützen.“


Der Glaube und das Grundgesetz

Der übergroße Teil aller Beschneidungen weltweit wird sowieso nicht aus medizinischen oder präventiven Maßnahmen vorgenommen, sondern allein aus religiösen Gründen. Die Zirkumzision wird als Aufnahme der Kinder beziehungsweise Jugendlichen in die Gemeinschaft verstanden. Im Judentum gilt die Beschneidung am achten Lebenstag als Gebot Gottes. Der Koran wiederum erwähnt die Beschneidung zwar nicht ausdrücklich, trotzdem wird sie heute von der Mehrheit der Muslime als wesentlicher Bestandteil des Islams verstanden.

Meistens wird hier im Rahmen eines großen Familienfestes vor dem 13. Lebensjahr das Ritual durchgeführt. Wie wichtig für Muslime diese Beschneidung heute noch ist, ist umstritten. Es gibt Kinderärzte, die schätzen, dass in jeder dritten Familie die Zirkumzision nur noch aus Gründen des Gruppenzwangs durchgeführt wird. Die Frage, die bis heute ungeklärt gerade auch in Deutschland im Raum steht, ist: Was wiegt schwerer? Das Recht auf freie Ausübung der Religion oder die Unversehrtheit des Kindes?

Im Jahr 2012 sorgte ein Urteil des Landgerichts Köln für einen politischen Gau in Deutschland: In zweiter Instanz urteilten die Richter, dass die Zirkumzision eine Körperverletzung ist und nicht durch religiöse Wünsche der Eltern gedeckt sei. Was folgte, war eine hitzige Debatte, die von Seiten mehrerer Religionsgemeinschaften weiter angefeuert wurde. So war beispielsweise für die Europäische Rabbinerkonferenz das Kölner Urteil „der schwerste Angriff auf jüdisches Leben seit dem Holocaust.“ Die Beschneidungskritiker würden dabei „die Sprache der Menschenrechte“ als „neue Sprache des Antisemitismus missbrauchen.“

Die Situation drohte zu eskalieren und so stimmte der Deutsche Bundestag mit einer großen Mehrheit aus CDU/CSU, SPD und FDP für einen Entschließungsantrag, der es Ende des Jahres als Beschneidungsparagraph 1631d ins Grundgesetz schaffte. Darin wird explizit erlaubt, weiterhin Beschneidungen an minderjährigen Jungen vornehmen zu dürfen, auch wenn es keine medizinischen Gründe dafür gibt. Die Zirkumzision solle „medizinisch fachgerecht“ durchgeführt werden. Es ist allerdings nicht zwingend, einen Arzt hinzuzuziehen.


Die kinderpolitischen Sprecher von SPD, Grünen und Linkspartei sprachen sich ebenso vehement dagegen aus wie diverse Verbände – von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, mehreren Kinderschutz- und Ärzteorganisationen oder auch der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie bis hin zu rund 700 Medizinern und Juristen, die eine gemeinsame Petition vorlegten. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte erklärte kurz darauf ihr Unverständnis und Entsetzen und meinten, dass das Recht eines Kindes auf körperliche Unversehrtheit offenbar nichts mehr zähle.

Ähnlich drückte es auch der Philosoph und Buchautor Michael Schmidt-Salomon aus: „Indem der Deutsche Bundestag per Gesetz deklarierte, dass Eltern ohne medizinischen Grund an den Genitalien ihrer Söhne herumschneiden dürfen, hat er auch die Argumentation gegen die weibliche Genitalbeschneidung in fataler Weise untergraben. Denn es sind letztlich dieselben Argumente, die gegen die Missachtung der genitalen Selbstbestimmungsrechte von Mädchen wie auch von Jungen sprechen. Es ist nun einmal so, auch wenn die Vertreter der Bundesregierung dies nicht wahrhaben wollten: Wer Eltern das Recht einräumt, aufgrund archaischen Religionsvorschriften die Genitalien ihrer Söhne zu verletzen, kann keine guten rechtsstaatlichen Argumente, sondern nur noch sexistische Gründe dafür angeben, warum ihnen das gleiche Recht im Falle ihrer Töchter verweigert wird.“

Zahlreiche andere Philosophen äußerten sich übereinstimmend negativ zu dieser Entscheidung – und auch das prominente Dreiergespann Eschelbach, Franz und Scheinfeld gingen darauf ein: „Der Intimbereich von Jungen ist unverfügbar (…)! Die Übergriffigkeit des Beschneidungsaktes erkennt man recht leicht, wenn man denn nur, was ethisch wie rechtlich geboten ist, die Perspektive der betroffenen Kinder einnimmt. Der Beschneidungsakt ist mitnichten der harmlose Eingriff, wozu ihn manche Apologeten erklären (…). Das Abtrennen der erogenen Zone Vorhaut vom Penis des Kindes ist ein erheblicher Eingriff in die Körperintegrität und sogar in den Intimbereich. Der Akt erfüllt zumindest den Straftatbestand der einfachen Körperverletzung, und er verletzt mehrere Grundrechte des Kindes: das Recht auf körperliche Unversehrtheit, das Persönlichkeitsrecht des Kindes und seine Würde durch Eingriff in die sexuelle Selbstbestimmung – sowie bei religiöser Beschneidung das Recht auf negative Religionsfreiheit durch das Prägen des Körpers mit einem unauslöschlichen religiösen Identifikationsmerkmal (…).

Aufgescheucht vom Kölner Urteil und unter dem massiven Druck von religiösen Lobbygruppen hat das Parlament seinerzeit überhastet – und uninformiert – einem Entschließungsantrag zugestimmt, der vorsah, die Jungenbeschneidung in Grenzen zu gestatten. Der sich darin ausdrückende politische Wille war eindeutig, und ein solch überaus seltener parlamentarischer Absichtsbeschluss ist gewählt worden, um Juden, Moslems und dem Ausland zu signalisieren, dass nicht ausgerechnet Deutschland das erste Land sein wird, in dem die Jungenbeschneidung strafbar ist (…). Man stelle sich weiter nur vor, Eltern wollten in Abkehr vom tiefen Eingriff des Beschneidungsaktes lediglich ein religiöses Symbol auf die Vorhaut tätowieren oder ein Piercing anbringen lassen. Ein solches Tätowieren und Piercen ist unter Strafandrohung verboten – erlaubt sein soll aber die komplette Abtrennung der erogenen Zone Vorhaut! Wer dies als Jurist behauptet, macht sich zum Komiker einer Zunft, die ohnehin im Ruf steht, jedes Ergebnis irgendwie begründen zu können.“


In den letzten Jahren haben zudem auch viele Kinderschutz- und Medizinerverbände anderer Länder wie den Niederlanden, Norwegen, Schweden oder auch Island erklärt, dass die nicht-medizinische Beschneidung minderjähriger Jungen eine Verletzung der Rechte des Kindes ist. Ein juristischer Aspekt ist dabei beim Gesetz des Deutschen Bundestags besonders umstritten: Die Ausübung der Religionsfreiheit trifft immer nur auf einen selbst zu, auch wenn Eltern das Recht haben, ihre Kinder religiös zu erziehen. Doch Kinder sind schutzbefohlene Personen und haben noch keine Religionsmündigkeit inne, sodass eine Beschneidung eigentlich erst in Frage käme, wenn ein Kind deutlich älter ist und eigenverantwortlich über sein Leben entscheiden kann.

Im Jahr 2020 betonte die Bundesregierung abermals, wie wichtig ihr Kinderschutz generell sei – weder im vergangenen Jahr noch im Februar 2021 wurde aber von Seiten der Bundesregierung abermals auf das Thema männliche Zirkumzision eingegangen. Dabei zeigte sich bereits damals bei der Gesetzgebung klar, dass laut einer Umfrage von Infratest dimap 70 Prozent der Deutschen das Gesetz ablehnen. Nebst einer Diskussion um die Priorisierung von Kinderschutzrechten und freier Religionsausübung zeigt sich zudem auch, dass die strikte Trennung von Religion und Staat wenigstens in diesem Fall auch in Deutschland noch nicht vollzogen wurde.

Zusätzliche Brisanz erhält die Situation durch die Aussagen zahlreicher Anthropologen und Kulturpsychologen, die die Brutalität der Beschneidung bei Mädchen und Jungen in gewisser Weise gleichsetzen. Entfernt man bei einem Mädchen „nur“ die Klitorisvorhaut und die inneren Schamlippen, sei dies gleichwertig mit der Entfernung der männlichen Vorhaut und müsste daher – folgt man dem Denken der Bundesregierung - aus religiösen Gründen auch erlaubt sein. Gerade die Klitorisvorhaut sei anatomisch analog zur Struktur der Vorhaut eines Jungen.

Die damalige Vorstandsvorsitzende des Vereins Terre des Femmes, Irmingard Schewe-Gerigk, sagte vor dem Beschluss des Bundestages, eine Rechtsänderung zugunsten der männlichen Beschneidung würde dem generellen Verbot der Vaginalbeschneidung die Grundlage entziehen. Die der Zirkumzision vergleichbaren, sogenannten „milden Formen“ der weiblichen Beschneidung würden legitimiert. Bis heute schweigt der Deutsche Bundestag dazu.


Gesundheitliche Aspekte der Beschneidung

Die männliche Vorhaut besitzt vielfältige schützende, sensorische und sexuelle Funktionen, welche durch die Zirkumzision irreversibel verloren gehen. Einige Urologen vergleichen die Schutzfunktion der Vorhaut mit den Augenlidern der Augen. Wer sich als erwachsener Mann ohne medizinischen Grund, sondern beispielsweise aus optischen Aspekten heraus eine unbeliebte Vorhaut entfernen lässt, muss sich im Klaren darüber sein, dass eine Vorhaut nur sehr schwer wieder herzustellen ist. Es gibt zwar durch eine Transplantation die grundsätzliche Möglichkeit einer Vorhautrekonstruktion, diese Methode ist aber umstritten, schmerzhaft und risikoreich. Die zweite, nicht so invasive Methode ist das Dehnen der verbliebenden Vorhaut mittels elastischen Gummibändern und Gewichten.

In den meisten Fällen kommt es nach der Beschneidung und der damit verbundenen Freilegung der Eichel zu einer Keratinisierung, sprich, die Haut um die Eichel herum wird hart, trocken und verhornt. Die Nervenenden der Eichel werden unter der Hornhautschicht begraben, sodass der Penis insgesamt deutlich unempfindlicher für Berührungen oder sexuelle Reize jeder Art wird. Während sich in der Vorhaut rund 20.000 Nervenenden befinden, verfügt die Haut der Eichel selbst zudem nur über rund 4.000, die dann zudem mit der Zeit weiter zugedeckt werden. Die bislang ausführlichste Studie bezüglich der Penis-Sensibilität stellte fest, dass nicht-beschnittene Männer eine viermal höhere Sensitivität für Berührungsreize haben. Die dänische Studie hielt zudem fest, dass es auch anderweitig zu sexuellen Problemen bei beschnittenen Männern kommen kann:

So steige die Möglichkeit stark an, eine erektile Dysfunktion zu erleiden oder generell Schwierigkeiten zu haben, überhaupt noch zu einem Orgasmus zu kommen. Beschnittene Männer berichteten dreimal häufiger über derartige Probleme. In anderen Studien aus Großbritannien und Belgien wird von gehäuft auftretendem schmerzhaftem Geschlechtsverkehr, einer Abnahme des Lustempfindens und der Orgasmus-Intensität sowie einer Verschlechterung des Samenergusses gesprochen. Angesprochen auf die Masturbation selbst, gaben beinahe die Hälfte der befragten Männer an, dass nach der Beschneidung die Masturbation weniger lustvoll geworden sei – über 60 Prozent hatten zudem Schwierigkeiten dabei.


Bei all den Ergebnissen muss klar gesagt werden, dass die Nebenwirkungen nicht alle beschnittenen Männer gleichermaßen betrifft. Zudem ist es schwierig, direkte Vergleiche anstellen zu können bezüglich der sexuellen Wahrnehmung, wenn man bereits im Kindesalter beschnitten wurde. Ein weiterer Aspekt ist die Tatsache, dass es bei einer Zirkumzision zu Komplikationen kommen kann.

Die meisten Studien geben hier Fallzahlen von bis zu 20 Prozent an, es gibt aber auch Ergebnisse, die von Schwierigkeiten und Problemen nach einer Beschneidung bei jedem zweiten Eingriff reden. Je stärker die vielleicht lebenslangen Nebenwirkungen einer Zirkumzision zum Beispiel durch unsachgemäße Durchführung eines nicht dafür geschulten Menschen andauern, desto mehr kommt es natürlich auch zu generellen Problemen im Sexualleben. Lief dagegen alles reibungslos, kann man seine Sexualität auch als beschnittener Mann natürlich als erfüllend erleben.

Ein weiterer Aspekt, gerade bei Männern, die Komplikationen erlebt haben, ist ein Minderwertigkeitsgefühl. In Umfragen erklären immer wieder Betroffene, dass sie sich durch ihre Beschneidung nicht mehr „als richtiger Mann“ fühlen würden. Verstärkt wird diese Wahrnehmung zudem noch, wenn es durch die Zirkumzision zu bleibenden Narben oder anderen optischen Auffälligkeiten gekommen ist. So kommt es bei der Beschneidung insbesondere bei Kindern dazu, dass die noch verwachsene Vorhaut gewaltsam von der Eichel gelöst werden muss, sodass Teile der Eichel selbst abgerissen werden können. Im entgegengesetzten Fall können dann auch Teile der Vorhaut an der wunden Eichel haften bleiben, sodass die Hautfetzen sich mit der Zeit verwachsen. So kann die Beschneidung auch Jahre oder Jahrzehnte später noch zu bewussten oder unbewussten Traumata führen.

Im British Journal of Urology wurden bereits 1999 Studienergebnisse der Organisation NOHARMM veröffentlicht, demnach rund 50 Prozent der beschnittenen US-Amerikaner ein niedriges Selbstwertgefühl haben. Die drei Fachleute Eschelbach, Franz und Scheinfeld schrieben dazu: „Aus entwicklungspsychologischer Sicht enthält die Beschneidung eine Botschaft der Gewalt. Sie bewirkt bei vielen Jungen starke und bleibende Ängste um ihre Männlichkeit und als Absicherungsreaktion dagegen einen hochkränkbaren männlichen Ehrbegriff. Dies gilt speziell dann, wenn – wie häufig im islamischen Kulturkreis – die rituelle Beschneidung im Vorschulalter vorgenommen wird (…). Viele leidvoll Betroffene meldeten sich über lange Zeit aus Scham oder Loyalität nicht zu Wort. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Ein türkischstämmiger Mann erinnert sich unter Qualen an seine im Vorschulalter erlittene Beschneidung: »Man wird vergewaltigt und kann es nicht vergessen.« Er berichtet noch heute von Albträumen, Angstattacken und sexuellen Problemen (…). Die Vorhaut ist eine bedeutsame erogene Zone, sie ist wegen der nervalen Ausstattung der sensibelste Teil des Penis. Sie ist in Funktion und Sensibilität am ehesten mit den Fingerkuppen vergleichbar, den Augenlidern, den kleinen Schamlippen, dem Anus und den Lippen. Wer diese Beschaffenheit der männlichen Vorhaut nicht verdrängt, muss sich weiter bewusst machen, was ein Eintreten für die Beschneidungserlaubnis bedeutet, nämlich ein Gutheißen der These: »Eltern dürfen ohne medizinischen Grund vom Genital ihres Kindes eine erogene Zone abtrennen lassen.« Wer wollte diesen Satz unterschreiben!“


Inzwischen gelten zudem viele der Mythen als widerlegt, sind aber immer wieder Mittelpunkt hitziger Diskussionen. Eines der wahrscheinlich am weitesten verbreiteten Irrtümer ist die Aussage, dass die Beschneidung den Penis sauberer mache, sozusagen die Intimpflege leichter machen würde. Immer stärker häufen sich dagegen signifikante Belege, dass der Verlust der schützenden Vorhaut den Harntrakt sogar empfindlicher für bakterielle oder virale Krankheitserreger macht.

Nicht nur über die freigelegte Eichelspitze selbst, sondern auch durch mögliche Risse und Blutungen, die aufgrund der trockenen Eichel immer wieder auftreten können, besteht die Gefahr, dass Keime eindringen können. Entgegen anderslautender Meinungen hat die Vorhaut mitsamt ihrer antiviralen und antibakteriellen Enzyme eine starke, schützende Funktion. Auch die Behauptung, die Beschneidung senke das Risiko, an Peniskrebs zu erkranken, gilt als widerlegt. 

Was bleibt am Ende?

Nach Auswertung diverser Studien lässt sich festhalten, dass die Beschneidung eines minderjährigen Kindes – egal ob Mädchen oder Jungen – ein massiver Eingriff in die Persönlichkeitsrechte darstellt. Jungen Menschen werden dabei irreparable, teilweise lebenslange Schäden zugefügt, die sich weder vor hundert Jahren als Verbotsvariante der sündenvollen Masturbation noch heute als Auslebung einer archaischen Religion rechtfertigen lassen. Seit 2012 herrscht eine massive Handlungspflicht unserer Parlamentarier, deren Schweigen in Bezug auf die männliche Zirkumzision peinlich und mit dem Grundgesetz nicht vereinbar ist.

Ein letztes Mal wollen wir Bundesrichter Dr. Eschelbach sowie Professor Dr. Franz und Professor Dr. Scheinfeld zu Wort kommen lassen: „Wenn alle verletzenden Eingriffe in den kindlichen Körper, die keinen Heilungssinn haben, verboten sein sollen, nur der eine nicht, die Jungenbeschneidung, dann bleibt die Erlaubnis als Sonderrecht illegitim. Wer sie propagiert, legt die Axt an ein fundamentales Prinzip der Rechtsethik und an eines der Verfassung: an das Gleichbehandlungsprinzip (…). Die Würde der Kinder zu schützen, ist nach unserer Verfassung "Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“. Die Kölner Richter haben diese Pflicht erfüllt, die Parlamentarier müssen das nun nachholen und ein heilungssinnloses Herumschneiden an Kindergenitalien ausnahmslos für rechtswidrig erklären.“


Quellensammlung komprimiert:

https://www.dsw.org/

https://de.intactiwiki.org

www.pro-kinderrechte.ch

https://flexikon.doccheck.com

www.giordano-bruno-stiftung.de

www.beschneidung-von-jungen.de

https://de.wikipedia.org/wiki/Zirkumzision7

Bilder: Cockyboys, Helix, Pixabay

Hat Dir der Artikel gefallen? Dann unterstütze das MyGay Magazine! Wie wäre es mit unserem aktuellen eBook oder einem Jahres-Abo des MyGay Magazine? Schreibe uns einfach eine eMail an: [email protected]

Interesting Reads
Reload 🗙