Corona: Zerstört die Politik die Gay-Kultur?


Das Jahr 2020 wird in die Geschichte eingehen und uns alle noch lange begleiten. 2020 ist das Jahr, welches wir mit weit mehr als einer Million von Covid-19-Toten weltweit in Verbindung bringen werden. 2020 und die Folgejahre werden aber auch als Jahre der größten Rezension nach dem zweiten Weltkrieg eingehen. Wir müssen von Jahren reden, wenn es um die wirtschaftlichen und finanziellen Folgen geht. Der Bund, die Länder und Kommunen müssen neu Schulden aufnehmen und durch die Einnahmeverluste der freien Wirtschaft werden die Einnahmen durch Steuern schrumpfen. Privatpersonen und Unternehmen greifen auf ihr Erspartes zurück, und selbst dies reicht oft nicht aus.

Kredite, Schulden und Investitionsstopps sind die Folge. Die deutsche Wirtschaft verzeichnete auf dem Höhepunkt der Corona-Krise einen noch nie da gewesenen Einbruch. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal um 10,1 Prozent. Die Bundesregierung schätzt in ihrer Prognose einen Einbruch von -5,8 Prozent für 2020. Die EU-Kommission geht sogar von -6,3 Prozent aus. Europas größte Volkswirtschaft steckt in einer Rezession. Da wir in einer wirtschaftlich und gesellschaftlich globalisierten Welt leben, ist für das Export- und Tourismusland Deutschland die wirtschaftliche Lage anderer Länder sehr entscheidend. So schätzen die Experten einen Einbruch des Exportes von -12,1 Prozent zum Vorjahr.

In einer so starken Wirtschaftskrise sind es nicht die großen Unternehmen, die am meisten ums Überleben kämpfen müssen, es sind die kleinen. Es sind die Gastronomen und Hotels, Familienbetriebe, Clubs, Bars und privatwirtschaftliche Kultureinrichtungen. Die große Gruppe der Soloselbstständigen und Kleinstunternehmer, die von der Hand in den Mund leben, fühlten sich dementsprechend auch von der ersten Minute an alleingelassen. Eine große Gruppe innerhalb der LGBTQ-Community. Als Bundeswirtschaftsminister oder Bundesarbeitsminister ist es medial lukrativer, sich vor 1000 VW-Mitarbeitern zu stellen, als vor ein paar Kellnern und Drag-Queens. Dabei zählt gerade die Gastronomie-Branche im Ganzen zum größten Arbeitgeber in Deutschland. Im Mai 2020 arbeiteten rund eine Million sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im deutschen Gastgewerbe. Zum Vergleich, in der Automobilindustrie spricht man von etwa 500.000 Beschäftigten.


Und wenn es dann zudem noch um einen Wirtschaftsbereich geht, der nur von einer „kleinen“ Community genutzt wird, dann ist es für einige Politiker keine große Mühe wert, sich auch noch um diese Sorgen zu kümmern. Dabei sind Gay-Treffs nicht nur ein Raum, wo man ein Bier trinken kann, es ist vor allem ein sicherer Rückzugsort. Hier droht nicht nur einer einzelnen Branche das Aus, sondern einer ganzen Kultur. Einer Kultur, die es gewohnt ist, sich gegenseitig zu unterstützen. So wandten sich Bars und Clubs direkt an die Community.

Mit Spendenaufrufen, Crowdfunding, Gutscheinen oder auch mit Versteigerungen des Club-Inventars. Somit versuchten einige, sich über Wasser zu halten. Wie lange dies gut geht und ob das Wasser am Ende des Tages einen doch zum Ertrinken bringt, wissen wir frühestens im Laufe des Jahres 2021. Denn durch eine Änderung im Insolvenzrecht hat die Bundesregierung es möglich gemacht, dass die, die heute schon straucheln, erst im nächsten Jahr kippen werden. Was bringt jedes noch so gute Hilfsprogramm, wenn es am Ende nur ein weiterer Kredit ist, den man eines Tages abstottern muss? Was hilft eine Verlängerung des Kurzarbeitergeldes, wenn die staatliche Erstattung mit zwei bis drei Monaten Verzögerung bei den Unternehmen ankommt?

Die Politik überlässt in vielen Fällen der Gay-Wirtschaft ihr eigenes Schicksal. Gleichzeitig zeigt man der Gastronomie- und Club-Szene und der Kulturwirtschaft den Mittelfinger. Durch den immer wieder rapiden Anstieg der Corona-Fälle in Großstädten wie Berlin, Frankfurt oder München konnten sich Politiker wie die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) mit einer bundesweiten Sperrstunde für die Gastronomie durchsetzen. Das von vielen Experten kritisierte Beherbergungsverbot im Oktober 2020 hat auch LGBTQ-Touristen ferngehalten und damit ein weiteres Millionenloch entstehen lassen. Dabei haben viele Bars, Bühnen und Hotels keine Kosten und Mühen gescheut, um Corona-Maßnahmen umzusetzen. Eine Umsetzung, die sich auch bewährt hat, da es an diesen Orten keine nachgewiesenen Corona-Ausbrüche gab.

Betätigt wurde dieses Faktum von den Gerichten, die die meisten Klagen von Betroffenen bestätigt haben. Da es zum Jahresende 2020 abermals einen starken Anstieg der Fallzahlen gegeben hat, mussten erneute Maßnahmen erfolgen. Die sogenannte, von der Politik angekündigte „November-Hilfe“ für alle direkt betroffenen Unternehmen, Vereine und Soloselbstständige. Auf den ersten Blick hören sich 10 Milliarden Euro tatsächlich auch ganz gut an und man kann sich als Bundesminister auf die Schulter klopfen, doch auch hier ist es wohl nichts weiter als eine Placebo-Pille. Denn bei einer maximalen Ausschüttungssumme von 5000 Euro pro Soloselbstständigen und 10.000 Euro pro Unternehmen mit Angestellten wird die finanzielle Hilfe bei weitem nicht ausreichen - zudem wurden viele versprochene Summen wenn überhaupt erst Ende Januar 2021 ausbezahlt. Wie bei den vorangegangenen Paketen steckt auch hier die Tücke im Detail: So werden das Kurzarbeitergeld und geleistete Überbrückungshilfen angerechnet und abermals bleibt nicht viel übrig von der großen Hilfe – gerade auch für LGBTQ-Künstler.

Die Opposition übt verständlicherweise Kritik an dem Handeln der Regierung und an dem stiefmütterlichen Umgang mit der LGBTQ-Szene. So mahnt der LGBTQ-politische Sprecher der FDP- Bundestagsfraktion Jens Brandenburg zum Beispiel: „Viele Szenemagazine, Clubs, Bars, Cafés und Vereine leiden finanziell unter der Krise. Sie brauchen nicht das hundertste Sonderprogramm, sondern verlässliche Überbrückungshilfen und eine schrittweise Öffnungsperspektive, sobald die Pandemie es zulässt. Die Finanzämter sollten ihnen mit sofortigen Liquiditätshilfen und einer negativen Gewinnsteuer zum Ausgleich der Verluste wieder auf die Beine helfen. Öffentliche Fördergelder für Vereine und Beratungsangebote dürfen nicht daran scheitern, dass sie in der Krise auf andere Formate zurückgreifen müssen. Neue Covid19-Schnelltests können eine Perspektive sein, bald auch wieder Bars und Clubs zu öffnen, ohne Neuinfektionen zu riskieren.“

Die Zukunft - leere LGBTQ-Treffpunkte?

Wie schaut es aktuell aus bei den beliebten Gay-Treffs? Einer der ältesten und beliebtesten Treffpunkte für Einheimische und Münchner LGBTQ-Touristen aus der ganzen Welt ist die Deutsche Eiche. Co-Geschäftsführer Roger Holzapfel-Barta hat uns einen Einblick gegeben.

Welche Einschränkungen musstet ihr hinnehmen, um kurzzeitig 2020 wieder eröffnen zu können?

Im Hotel durfte man anfangs keine Touristen empfangen, aber ehrlich gesagt: Es gab auch nicht sehr viele von ihnen. In der Gastronomie mussten wir die Sitzkapazitäten reduzieren, Abstandsmarkierungen anbringen, Einlasskontrollen einführen und die Mitarbeiter dementsprechend schulen. Bestimmte Bereiche wie zum Beispiel unser Dampfbad mussten wegen der Ansteckungsgefahr durch Aerosole umfunktioniert werden.

Welche Einbußen musstet ihr im Vergleich zu 2019 hinnehmen?

Bisher hatten wir es etwas besser als viele andere Betriebe in unserer Branche und in unserer Nähe, aber man will nichts verhexen. Die Einbußen sind trotzdem verheerend und die finanzielle Leistung der Firma natürlich weit darunter, was sie dieses Jahr hätte sein können. Wir stehen aber wieder auf, stauben uns ab und bleiben am Ball, um möglichst viele Stellen in der Firma zu schützen und unseren vielen Gästen zu zeigen, dass wir für die Szene und das Viertel weiterhin da sind. 

Junior-Suite Deutsche Eiche

Wie hoch waren die Kosten für den corona-gerechten Umbau?

Der Umbau des Dampfbads und auch der Ausbau der erweiterten Freischankfläche waren mit erheblichen Kosten verbunden. Finanziell ist es aber noch belastender, dass die strengen Corona-Auflagen trotz der in manchen Bereichen geringeren Gästezahl nur mit mehr Personalaufwand erfüllt werden können. Einer der symbolhaftesten Ausfälle, die wir wegen Corona hinnehmen mussten, ist der Ausfall zahlreicher CSD-Paraden. Dies ist nicht nur aus politischen Gründen schmerzhaft, sondern auch aus wirtschaftlichen. So schätzt man, dass in Berlin in einem normalen Jahr an den Tagen zwischen dem schwul-lesbischen Stadtfest und dem CSD rund 30 Millionen Euro bei den Übernachtungen generiert werden und die Gesamtwirtschaftskraft bei 180 Millionen Euro liegt. Mit davon am schwersten getroffen sind die CSD-Truckbetreiber, die mit ihrem Service den Verbänden, Parteien und Unternehmen einen guten sichtbaren Auftritt versprachen. Einer der bekanntesten Truck-Betreiber in Deutschland ist Paradeking. Jedes Jahr organisieren sie über 60 Trucks, außer 2020. Und daher lag der Einnahmeausfall bei 100 Prozent. Wir haben bei den beiden Geschäftsführern Dr. Jörg Brunzendorf und Lutz Schittko nachgefragt.

Wann ist euch als Ausrichter von CSD-Trucks bewusst geworden, dass es 2020 keine CSDs geben wird?

Ab April beziehungsweise Mai 2020 war damit wohl zu rechnen, dass sich die Lage zuspitzt und es Absagen geben wird, nicht jedoch, dass alles ins Wasser fällt.

Gab es daraufhin bestimmte Ängste und Sorgen?

Sorgen gab es natürlich! Können wir das überstehen, wenn ja, dann sollte es aber Perspektiven geben.

Co-Geschäftsführer Roger Holzapfel-Barta, Deutsche Eiche

Habt ihr als Unternehmen staatliche Corona-Hilfen beantragt und erhalten? 

Ja, sie wurden beantragt und teilweise haben wir sie auch erhalten. Allerdings ist die Bearbeitungszeit der Anträge zu lang, bis man Geld erhält. Wir warten bis heute immer noch darauf, dass aus der Bewilligung ausgezahlt wird. An KFW-Kredite kommen wir sowieso nicht ran, da die Banken unsere Branche (Events, Veranstalter, Schausteller) als sehr negativ bewertet und daher die Anträge, die über die Hausbanken eingereicht werden müssen, nicht an die KFW weitergeleitet werden. Das ist von Seiten der Politik nur schöngeredet, und Bundeswirtschaftsminister Altmaier hat da wohl dringend Nachhilfe-Stunden nötig, denn die Realität ist eine andere.

Wie fandet ihr die staatlichen Hilfen? Was war positiv und was negativ?

Die „stattlichen Hilfen", die angeboten worden sind, sind viel zu gering für den Ausfall, der uns durch das Berufsverbot auferlegt wurde und stehen daher in keiner Relation. Ein Tropfen auf einen heißen Stein bleibt nun mal ein Tropfen!

Wenn du auf das aktuelle Jahr 2021 blickst, worum kreisen deine Gedanken? 

Unsere Planungen sind auf kommende Events, Demos und Paraden 2021 fokussiert, da wir alle Buchungen aus 2020 ins Jahr 2021 übernommen haben. Wir gehen davon aus, dass sich die wirtschaftliche sowie gesundheitliche Lage soweit stabilisiert haben wird, auch mit Regeln zur Durchführung während der Pandemie, um weiter als Firma am Markt bestehen zu können.


Soweit der aktuelle Stand der LGBTQ-Firmen anhand der Deutschen Eiche. Und wie geht es den vielen queeren Solo-Künstlern aktuell? Gloria Glamour, einer der bekanntesten Drag-Künstler in Deutschland, steht stellvertretend für sehr viele Künstler und Soloselbstständige. Eine Branche, die es am schwersten getroffen hat und sich bis heute von der Politik im Regen stehen gelassen fühlt.

Normalerweise wäre Gloria Glamour ab Ende März 2020 jede Woche in Hamburg in Olivias Showclub zu sehen gewesen und in Berlin hätte sie jede Woche eine Kiez-Tour im Programm gehabt. Alle Führungen und Auftritte waren drei Monate lang nicht möglich. Erst Mitte Juni 2020 konnte die erste Stadtführung wieder durchgeführt werden, jedoch mit hohen und strengen Hygienemaßstäben und Abstandsregeln - das hat sich mit der zweiten Welle erneut zerschlagen. Da auch Drag-Queens nicht auslernen, hat Gloria für sich inzwischen erkannt: Hilf dir selbst, sonst wird dir nicht geholfen! 

Gloria Glamour, wie stark sind deine Auftritte und deine Führungen heruntergegangen im Vergleich zu 2019?

Für mich begannen die Auswirkungen von Corona bereits in der Karibik auf meiner vorletzten geplanten Karibikkreuzfahrt. Als ich als Künstler Anfang März auf der AIDA Diva engagiert war, konnten wir bereits die ersten Häfen in der Karibik nicht mehr anfahren. Dann flog ich zurück nach Deutschland und hatte am 13.März noch meinen Auftritt in Olivias Showclub in Hamburg. Mein Soloprogramm am 14.März in der Kulturschusterei in Barmstedt wurde mir am Morgen abgesagt, da der Lockdown ab sofort begann. Am Montag darauf wurde mir dann auch meine letzte geplante Kreuzfahrt für die Saison 2019/2020 abgesagt. Von da an waren alle geplanten Auftritte und Kieztouren gecancelt.

Siehst du die Gay-Kulturszene von der Politik ausreichend unterstützt?

Es wird versucht, auf allen Kanälen ein wenig Kultur unter die Menschen zu bringen. Allerdings nur von den Kulturschaffenden selbst. In meinen Augen sollte sich die Regierung einmal Gedanken machen, wie wichtig eigentlich Kultur für unsere Gesellschaft ist.

Sind die Hilfsmaßnahmen für selbstständige Künstler ausreichend?

In keinster Weise. Man fühlt sich doch sehr alleingelassen. Es gibt leider keine wirklichen Hilfen für Solo-Selbstständige und Einzelkünstler, da die Gelder in Berlin zweckgebunden nur für Gewerbemieten, Firmendarlehen und sonstige Betriebsausgaben sind. Nicht aber für das, was man als Künstler von seinen Einnahmen finanziert. Nämlich seinen Lebensunterhalt. Auch die November-Hilfe und in Aussicht gestellte Einmalzahlungen für die nächsten Monate sind ebenso nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

So bleibt die Frage also offen, wann und ob die Politik noch ihr Herz für die LGBTQ-Szene entdeckt...

Autor: Sebastian Ahlefeld

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