Terroranschläge auf Homosexuelle


Anschläge auf unsere Freiheit

Paris, Nizza, Wien und Dresden – eine Serie an islamistischen Terroranschlägen überrollt einmal mehr unsere europäische und freiheitliche Welt. Jeder Anschlag, jeder Mord ist schlimm und ein Angriff auf uns alle. Jedoch ist meine Aufzählung chronologisch nicht korrekt. Der Mord an dem französischen Geschichtslehrer Samuel Paty geschah am 16. Oktober. Zu Recht äußerten sich Politiker aus ganz Europa zu diesem Anschlag. Auch aus Deutschland kamen Trauerbekundungen und Solidaritätsversprechen.

Zwölf Tage vor diesem Mord durch einen Islamisten wurde in Dresden ebenfalls ein feiger Anschlag verübt. Ein schwules Paar aus NRW war zu Gast in der sächsischen Landeshauptstadt. Thomas und Oliver spazierten am Abend durch die Dresdner Altstadt. Direkt vor dem Kulturpalast trafen sie auf den mutmaßlichen Täter, ein staatsbekannter Islamisten namens Abdullah A.H.H., der mit zwei Küchenmessern brutal auf Thomas und Oliver einstach. Thomas stirbt noch am Tatort und Oliver muss auf einer Intensivstation behandelt werden und überlebt nur knapp diesen Anschlag.

Die regionalen Zeitungen berichten von einem Messerangriff, aber nicht von einem Anschlag. Keine internationale Aufmerksamkeit und keine Worte eines Politikers. Wie kam es dazu? Am Abend des 4.Oktobers war die Identität des Täters der Polizei noch unklar. Daher steht in den beiden Pressemitteilungen vom 5.Oktober nur der Tatbestand „des Tötungsdeliktes“. Ein islamistischer Anschlag konnte noch nicht verifiziert werden. Was allerdings in den Pressemitteilungen hätte stehen können, wäre die Vermutung auf ein Hassverbrechen gegenüber Homosexuellen gewesen.

© BMH

Um die Ermittlungen zum „Tötungsdelikt“ weiter voranzutreiben, hat die Dresdner Polizei am 12.Oktober dann eine Sonderkommission eingerichtet. Sie trägt den Namen „Schloßstraße“. So kommt es am 21.Oktober zu der Ergreifung eines Tatverdächtigen. Noch am selben Tag wird durch die Staatsanwaltschaft Dresden ein Haftbefehl erlassen. Auch die Staatsanwaltschaft spricht in ihrer Pressemitteilung von „Mord, versuchter Mord und gefährliche Körperverletzung“.

Bei dem Tatverdächtigen handelt es sich um einen straffälligen Syrer, der unter Terrorismusverdacht steht. Dieser wurde bereits im November 2018 wegen Werbens um Mitglieder oder Unterstützer einer terroristischen Vereinigung im Ausland, Beschaffung einer Anleitung zur Begehung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, Körperverletzung und Bedrohung zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt worden.

Obwohl die Staatsanwaltschaft Dresden im aktuellen Fall nun einen Tatverdächtigen mit islamistisch-terroristischem Hintergrund hat, fallen keine Worte des Verdachtes auf einen terroristischen Anschlag. In den Pressemitteilungen der Polizei Dresden und der Staatsanwaltschaft Dresden wird bei der Opferbeschreibung kurz von zwei Männern geredet. Dass es sich bei den beiden Opfern um ein schwules Paar handelte, wird außen vor gelassen. Dabei sind Thomas und Oliver in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft.

Durch diese Kommunikation der Polizei und der Staatsanwaltschaft können Medien, Politik und Gesellschaft nicht erkennen, um welches Verbrechen es sich hier tatsächlich handelt. Daher ist es nicht möglich, darauf entsprechend zu reagieren. Warum die Polizei und die Staatsanwaltschaft so gehandelt haben, müssen die sächsische Politik und die Behörden aufarbeiten.

Karl Heinz Brunner bei der Mahnwache

Für viele Politiker und Parteien ist nach der zu langen Zeit des Schweigens sicher, dass Dresden sich genauso einordnen lassen muss, wie es bei Paris, Nizza und Wien der Fall ist. In einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin Angela Merkel vom 30.Oktober drückten FDP-Chef Christian Lindner sowie die FDP-Bundestagsabgeordneten Jens Brandenburg und Thomas Sattelberger ihren Unmut zum Schweigen der Kanzlerin aus. Sie ziehen eine Parallele zu dem Anschlag in Frankreich: „Der französische Präsident Macron hat auf die brutale Ermordung des Geschichtslehrers Samuel Paty deutlich reagiert. Er hat den Angehörigen seine persönliche Anteilnahme bekundet und würdigte ihn als Gesicht der französischen Republik.“ In dem offenen Brief wird ferner festgestellt, dass homophobe Verbrechen keine Einzeltaten in Deutschland sind. „Der Angriff in Dresden reiht sich leider in eine traurige Folge zunehmender homo- und transfeindlicher Hasskriminalität in Deutschland ein. Diese feige und tödliche Attacke sollte ein Anlass sein, die Freiheit der sexuellen und geschlechtlichen Selbstbestimmung zu stärken und künftig besser zu schützen.“

Auch weitere Politiker äußern sich zu der Thematik. So erklärte die Bundestagsabgeordnete und queer-politische Sprecherin der Fraktion der Grünen, Ulle Schauws: "Nicht über die sexuelle Identität von Betroffenen zu sprechen, macht Homo- und Transfeindlichkeit unsichtbar und nimmt diese lebensbedrohliche Gefahr für queere Menschen nicht ernst. Auch wenn das Tatmotiv immer noch nicht bestätigt ist, klar ist, dass der Anfang Oktober durch einen Messerangrif in der Dresdner Innenstadt getötete Thomas L. dort mit seinem Partner unterwegs war. Das muss auch benannt werden. Dass der Dresdner Oberstaatsanwalt die sexuelle Orientierung von Tatopfern nicht thematisieren möchte, erzeugt den Eindruck, dass Homofeindlichkeit als mögliches Motiv von den sächischen Ermittlungsbehörden und der Bundesanwaltschaft verschwiegen wird."

© BMH

Am 01.November organsierte der CSD-Dresden e.V. eine Mahnwache und Gedenkfeier am Platz des Anschlages. Unter den 350 Teilnehmern waren unter anderem der geschäftsführende Vorstandsvorsitzende der Magnus-Hirschfeld-Stiftung, Jörg Litwinschuh-Barthel, Seyran Ateş, Gründerin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee sowie der FDP-Bundestagsabgeordnete Thomas Sattelberger und der SPD-Bundestagsabgeordnete Karl-Heinz Brunner dabei. „Die grausame Tat in Dresden hat erneut gezeigt, dass in Deutschland stärker gegen Homophobie vorgegangen werden muss! Dazu gehört eine Aufnahme solcher Straftaten in die Polizeistatistiken aller Bundesländer sowie ein nationaler Aktionsplan gegen Trans- und Homophobie. Ich trauere mit dem Partner und den Angehörigen von Thomas und werde weiterhin dafür kämpfen, dass jeder in Sicherheit leben kann“, so Karl-Heinz Brunner. 

Mittlerweile hat die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernommen. Diese tritt ein, wenn es sich bei der Tat um eine staatsgefährdende Gewalttat handelt. Der Lehrer in Paris lehrte die Freiheit, in dem er aufzeigte, was Freiheit bedeutet. Das schwule Paar in Dresden lebte die Freiheit, in dem sie ihre Liebe frei lebte. Daher sind die Taten in Paris und Dresden gleich zu bewerten, gleich zu verurteilen und gleich zu gedenken. Die Täter wollen uns in unserer Freiheit einschränken. Jedoch dürfen wir dies nicht zulassen und müssen uns Samuel, Thomas und Oliver zum Vorbild nehmen und auch weiterhin die Freiheit lehren und leben.

Autor: Sebastian Ahlefeld

Interesting Reads
Reload 🗙