LGBTQ-Kunst im Humboldt Forum Berlin

Das neue Berliner Schloss und das Humboldt Forum

Deutschlands neue historische Mitte und ein Platz auch für die LGBTQ-Community

Berlin liegt geografisch zwar nicht in der Mitte Deutschlands, aber als Bundeshauptstadt versteht sich Berlin dennoch als das Zentrum der Republik. Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), hat beim Richtfest des Berliner Schlosses / Humboldt Forums 2015 in seiner Rede betont, dass so manches historisches Ereignis von Berlin ausging. Eine Äußerung, die bei den geladenen Gästen für Schmunzeln gesorgt hat, wenn man bedenkt, dass die zwei Weltkriege nun einmal von Berlin ausgingen und viel Leid über Deutschland, Europa und die Welt gebracht haben. Eine Historie, die gerade Gegner eine lange Zeit genutzt haben, um das größte Kulturprojekt unserer Zeit zu verhindern: Die Wiederauferstehung des Berliner Schlosses mit dem Humboldt Forum.

Vom kaiserlichen Palast zum sozialistischen Palast

Das Schloss wurde 1443 als feste Residenz der Hohenzollern gegründet und wurde vom Kaiser mit der Kurfürstenwürde der Mark Brandenburg belehnt. Was gerade den Gegnern des Bauprojektes ein Dorn im Auge war, weil sie es als ein Symbol von Herrschaft und Krieg ansehen. Dabei war es nach dem Ersten Weltkrieg und dem Abdanken der Hohenzollern auch ein Ort der Bürger als Sitz von Behörden, Kunst- und Wissenschaftseinrichtungen. Auch eine Suppenküche und ein Studentenwohnheim waren im Schloss untergebracht. Somit war ab den 1920er Jahren das Berliner Schloss ein Ort der Begegnung, der Lehre und des Volkes.


Nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 war es teilweise ausgebrannt, aber auch nicht so zerstört, dass man es nicht hätte wieder aufbauen können. So manch anderer Ort in Berlin wie das Schloss Charlottenburg waren durch die Bomben der Alliierten schwerer zerstört worden. Die SED-Regierung beschloss 1950, das Schloss zu sprengen, um einen großen Demonstrationsplatz zu schaffen, auf dem laut Walter Ulbricht, Generalsekretär der SED, „der Kampfwille und Aufbauwille unseres Volkes Ausdruck finden sollte“. Die Auslöschung eines Teils der deutschen Geschichte und Baukunst durch fünf Jahrhunderte, um eine sozialistische Zukunft darauf zu bauen.

1950 hat die Deutsche Demokratische Republik das Berliner Schloss gesprengt. Zuerst wurde ein Paradeplatz daraus, der später die Heimstätte des Palastes der Republik wurde. Die Ironie des Ortes ist, dass im Oktober 1989 zur 40. Jahresfeier der DDR tausende junge Menschen dort das Ende der SED-Diktatur eingeleitet haben. So riefen die Demonstranten dem sowjetischen Staatsgast Michael Gorbatschow zu: „ Gorbi, hilf uns, Gorbi, hilf uns.“ Da, wo noch 71 Jahre zuvor Karl Liebknecht die sozialistische Republik ausgerufen hatte, haben DDR-Bürger die Demokratie und die Wiedervereinigung Deutschlands herbeigerufen. Diese beeindruckende Geschichte des Ortes kann man in Zukunft auf 1.500 Quadratmeter Ausstellungsfläche erleben.


Ein Mann, eine Vision

Die Idee zum Wiederaufbau begann mit einem Mann. Wilhelm von Boddien. 1992 gründete von Boddien einen Förderverein, der die Bedeutung des Stadtschlosses und Berlin-Mitte aufzeigt. Der heutige „Förderverein Berliner Stadtschloss e.V.“ hatte sich zur Aufgabe gemacht, die Finanzierung des Aufbaus durch Spendeneinnahmen zu unterstützen. Der Verein schaffte es, die benötigten 105 Millionen Euro für die historischen Fassaden zu sammeln.

Der Wiederaufbau

Nach einem Beschluss des Deutschen Bundestages wurde dann von 2013 bis 2021 nach Plänen des Stararchitekten Franco Stella das frühere Berliner Schloss wieder aufgebaut. Ein Gebäude mit weitgehend gleichem Grundriss und ähnlichem Volumen, das an drei Außenseiten und in zwei Höfen Rekonstruktionen der barocken Fassaden zeigt. Die Ostseite ist dabei modern gehalten. Die Vermutung liegt nah, dass man hier jene beruhigen wollte, die für eine Sanierung des Palastes der Republik gewesen waren. Da beim Bau des sozialistischen Palastes ein hoch gesundheitsgefährdender Spritzasbest verwendet wurde und dieser sich in jeder erdenklichen Ritze und Pore festgesetzt hatte, wäre eine solche Sanierung und Rekonstruktion ein höherer Kostenfaktor gewesen, als es für das nun neue moderne Berliner Schloss notwendig war.

Die Gesamtkosten für das Berliner Schloss / Humboldt Forum betrugen 682 Millionen Euro. Der Bund trägt davon 570 Millionen Euro und das Land Berlin 32 Millionen Euro. Der Rest wurde durch Spenden finanziert. Für Berliner Verhältnisse liegt der Bau des Schlosses in einem überschaubaren Kostenrahmen und wäre Corona nicht gewesen, wäre die Eröffnung nach Zeitplan erfolgt.


Ein Ensemble der Kultur und der Wissenschaft

Das neue Berliner Schloss als Sitz des Humboldt Forums als Universalmuseum umfasst die Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin, des Stadtmuseums Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin. Ein besonderes Highlight des Humboldt Forums werden die einzigartigen Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin darstellen. Auf 17.000 Quadratmeter erlebt man eine Weltreise durch Afrika, Amerika, Asien, Australien und die Südsee. Es soll eine lebendige Begegnungsstätte für Menschen und Weltkulturen werden. Ein Symbol absolutistischer Landesherrschaft wurde so zu einem Prototyp demokratischer Kultur in einer globalisierten Welt umgestaltet.

Zusammen mit dem UNESCO-Weltkulturerbe Museumsinsel, dem Berliner Dom mit Lustgarten, dem Deutschen Historischen Museum, der Staatsoper Unter den Linden, der Nationalbibliothek, der Humboldt-Universität und vielen privaten Galerien, die sich bis zum Brandenburger Tor ziehen,  fügt sich das Berliner Schloss in ein weltweit einzigartiges kulturelles und historisches Ensemble ein.

Ein Ort der Begegnung für Alle

Das Berliner Schloss / Humboldt Forum ist kein Museum im klassischen Sinne. Hier wird Begegnung, Wissen, Kultur und Dialog zusammentreffen. Es ist ein neues Stadtquartier, welches den Berliner und den Berlinbesucher zu jeder Uhrzeit einlädt. So ist der Schlüterhof durchgängig geöffnet. Die historische Pflasterung und 16 Groß-Skulpturen an den Innenportalen laden zum Sitzenbleiben und Verweilen ein. Den zweiten öffentlichen Stadtplatz, die Passage, hat es historisch zwar nicht gegeben. Jedoch bietet auch diese Neuschöpfung in Form eines Kolonnaden-Weges vom Lustgarten zur Breiten Straße schon aufgrund ihrer modernen Natursteinpflasterung ein ästhetisches Highlight. Das Humboldt Forum versteht sich als Ort der vielfältigen Begegnung. So wird es Wechselausstellungen und Projektmöglichkeiten für die verschiedensten Communitys geben. Da der Generalintendant Hartmut Dorgerloh zur LGBTQ-Community gehört und auch sein Team sehr divers ist, wird auch die LGBTQ-Community einen neuen Platz für sich erobern können. Zusammen mit der Humboldt-Universität können Dialoge zu queer-gesellschaftlichen Fragestellungen gemeinsam diskutiert werden. Von der Verfolgung homosexueller Menschen in Afrika bis hin zum gendern der deutschen Sprache.

Generalintendant Hartmut Dorgerloh

Der Schlossherr im Interview

Der Schlossherr ist der Generalintendant und Vorsitzender der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh. Der Kunsthistoriker, Denkmalpfleger und Kulturmanager war zuvor in einer leitenden Tätigkeit im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg tätig. Als Gründungsdirektor des Hauses für Brandenburgisch-Preußische Geschichte in Potsdam war er von 2002 bis 2018 Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Er lehrt seit 2004 als Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Herr Dorgerloh, wie froh sind Sie, dass es 2021 nun endlich losging?

Endlich offen! Das ist ein Ausruf aus der Tiefe meines Herzens. Wir warteten 2021 seit Monaten darauf, dass wir das Publikum reinlassen dürfen. Das Projekt hat eine lange Geschichte. Jetzt geht es darum, zu zeigen, was hinter diesen rekonstruierten Fassaden steckt. Für uns ist es wichtig, nun zu erfahren, wie die Besucherinnen und Besucher das Humboldt Forum erleben.

Was erwartet die Besucher als erstes?

Zum einen sechs Ausstellungen von drei Partnern. Seit Juni sind ja bereits die Passage und der Schlüterhof für Besucher zugänglich und man merkt, wie gut dieser neue Stadtraum angenommen wird. So haben Menschen zum Beispiel einen neuen Arbeitsweg durch die Passage gefunden oder sitzen am Mittag oder abends im Bistro im Schlüterhof. Das Programm im Haus nimmt drei Kernthemen in den Fokus, das ist das Verbindende. Kolonialismus und Kolonialität, wie es beispielsweise in der ersten Sonderausstellung „schrecklich schön. Elefant – Mensch - Elfenbein“ in ganz besonderer Weise thematisiert wird. Das zweite Kernthema ist das Verhältnis von Mensch und Umwelt, Natur und Kultur, Ökonomie und Ökologie, kurz das Prinzip des global vernetzten Denkens der Brüder Humboldt, was wir versuchen, in das 21. Jahrhundert zu übersetzen. Das ist ein zentrales Thema in der Ausstellung „Nach der Natur“ der Humboldt-Universität, unserer Ausstellungen „Einsichten“ zu den Humboldt Brüdern selber, aber auch in Berlin Global, der Ausstellung von Stadtmuseum Berlin und Kulturprojekte Berlin. Später im Herbst wird man sehen, wie relevant diese Fragen auch für die Ausstellungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst sind. Und das dritte Kernthema ist die Geschichte des Ortes und um die drei Vorgängerbauten an dieser Stelle in der Mitte Berlins, vom Dominikanerkloster über das barocke Schloss bis zum Palast der Republik. Darüber erfährt man mehr im archäologischen Schlosskeller, in einem großformatigen Videopanorama oder im Skulpturensaal mit vielen originalen Schlossteilen.


Welche Ausstellungsbereiche oder Exponate haben Ihnen schlaflose Nächte bereitet?

Wir hatten baulich schwierige Situationen. Gleichzeitig wurde zum Beispiel die U-Bahn unter uns gebaut. Wir sind sehr froh, dass der U-Bahnhof „Museumsinsel“ pünktlich zur Eröffnung zugänglich ist. Die Tresortür aus dem berühmten Techno-Club einzubringen, war logistisch auch nicht so einfach und jetzt werden bei laufendem Publikumsverkehr tausende Exponate für die Präsentationen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst ins Haus gebracht und aufgebaut. Was mich sehr freut, dass uns trotz aller logistischen Probleme durch Corona viele prominente Museen, ob Tate in London, Louvre in Paris oder National Museum in Nairobi, kostbare Leihgaben für die Sonderausstellung „schrecklich schön“ anvertraut haben.

Anfänglich und gelegentlich noch immer gibt es Kritik am rekonstruierten Schloss als Symbol für koloniale Strukturen. Wie wollen Sie in den nächsten Jahren mit dieser Kritik und den Kritikern umgehen?

Ich denke, es ist wichtig, dass jetzt unser Angebot erlebbar ist. Hinter den rekonstruierten Fassaden steckt mit dem Humboldt Forum ein radikal modernes Kulturzentrum, das nicht nur Museum ist, sondern eben ein Forum. Der Schlüterhof ist ein toller Ort, auch um der Diversität Berliner Künstler einen Ort und eine Bühne zu geben. Das wird im August zu erleben sein, wenn wir dort mit „Durchlüften“ ein Open Air mit Popart-Architektur, Konzerten, Installationen, Performances, Familienprogramm, Diskurs und vielem mehr präsentieren. Wir laden die Menschen zur Begegnung und gern auch zum Austausch ein; nicht übereinander, sondern miteinander reden, ist da ein wichtiges Prinzip. Das Humboldt Forum stellt sich kritisch der Geschichte seines Standortes. Dazu gehören Monarchie und Diktatur ebenso wie Revolution und Demokratie. 

Auch an einzelnen Exponaten wird sich gestört, da diese als Raubkunst aus der Kolonialzeit gesehen werden. Welche Rolle spielt das Humboldt Forum, um diesen Teil der Geschichte auszuarbeiten?

Die Entscheidung, die Sammlungen mit Objekten aus Afrika, Asien, Ozeanien und den Amerikas aus Dahlem nach Mitte zu bringen, wurde vor über zwei Jahrzehnten vor allem mit der Zusammenführung mit den vornehmlich europäischen beziehungsweise antiken Beständen auf der Museumsinsel begründet. Ich finde es richtig, dass heute die Diskussion über die Zukunft dieser Sammlungen und ihrer kolonialen Verflechtungen an diesem zentralen Ort in Berlin stattfindet. Die Beschäftigung mit der Geschichte des Kolonialismus und seine fatalen Nachwirkungen bis heute, wenn ich zum Beispiel an die Ausbeutung von Ressourcen im globalen Süden denke, ist ein zentrales Thema für das Humboldt Forum. Hier wollen wir zuhören und miteinander sprechen und zusammenarbeiten. So zum Beispiel bei den Wechselausstellungen mit Exponaten aus kolonialen Kontexten mit den Menschen der Herkunftsgesellschaften. Ich finde es gut, dass wir im Humboldt Forum so gesellschaftlich relevante Themen haben. Dies wird uns die nächsten Jahrzehnte beschäftigen und auch die Arbeit des Ethnologischen Museums prägen.


Als einen Ort der Wissenschaft wird die Humboldt-Universität das Humboldt Forum mitprägen. Wie kann ich mir diese Arbeit vorstellen?

Im Humboldt Labor werden topaktuell die Arbeiten der Exzellenzcluster vorgestellt und auch die Sammlungen der Uni werden präsentiert. Die Universität kann hier die Ergebnisse von Wissenschaft und Forschung zu vielen Menschen bringen. Das Humboldt Forum ist eine Art Transmissionsort, wo man die Forschungen und Debatten aus den Universitäten quasi auf die Straße bringen kann. So wie Alexander von Humboldt damals mit seinen Kosmos-Vorlesungen. Ziel ist es, komplexe Dinge verständlich zu machen und das Vertrauen in die Wissenschaft zu stärken. Aktuell besonders wichtig, wo Fake News und Verschwörungstheorien gerade Hochkonjunktur haben.

Nicht jeder geht gerne in ein Museum. Wie kann man diese Menschen erreichen, sodass es ein Begegnungsort für alle Berliner und Berlinbesucher wird?

Mit einem Forum wie dem unseren, wo Veranstaltungen und Angebote kultureller Bildung eine zentrale, den Ausstellungen gegenüber gleichwertige Bedeutung zukommt. In „schrecklich schön“ zum Beispiel wird der Film eine große Rolle spielen. Über den Film kann man in die Diskussion gehen. So wird der Film „Die Serengeti darf nicht sterben“ gezeigt und kritisch diskutiert, denn er ist voller kolonialer Stereotypen. Ich glaube, spätestens dann bekommt man auch Lust, sich die Elfenbein-Ausstellung anzuschauen. Und wenn Besucher, die nur auf das Dach wollen, um ein Selfie zu machen, durch die vier Etagen hoch an dem riesigen digitalen Fischschwarm vorbeigehen, bekommen sie vielleicht auch Lust auf einen Abstecher ins Humboldt Labor. 

Wird sich das Berliner Schloss und Humboldt Forum mit LGBTQ und Diversity-Themen beschäftigen?

Wir verstehen uns klar als einen Ort frei von Diskriminierung und Rassismus. Es ist daher zentral, dass wir uns genau mit diesen Themen beschäftigen. Und das aktiv, wie zum Beispiel mit der Lage der LGBTQI-Community weltweit – oder auch der ethnischen Minderheiten. Da ist man sofort bei der Frage, wie maßgebend heute eigentlich unsere europäische Perspektive ist? Wir wollen aber ganz klar ein Ort sein, der sich mit aktuellen Fragestellungen beschäftigt und immer noch marginalisierten Stimmen Raum gibt. Mit LGBTQ- und Diversity-Themen beschäftigen sich alle vier Akteure des Forums. Da denke ich an das Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Uni oder wie queere Personen in Berlin global vom Stadtmuseum präsent sind. Das gilt auch für unsere Programmarbeit. Wir haben mehrere Künstler eingeladen, mit zeitgenössischer Videokunst ihre Sicht auf das Humboldt Forum und ihre Fragen zu zeigen. Ein Ergebnis ist „Octavia’s Visions“ von Zara Zandieh, welches im September im Schlüterhof gezeigt wird. Der Film erzählt die Parabeln der afroamerikanischen Science-Fiction Autorin Octavia E. Butler weiter, über Queerness, Utopien und die Sehnsucht, aus dem Alten etwas Neues zu schaffen. Vielleicht kann das „Schloss“ ja auch ein Schlüssel für ein besseres Verständnis werden, wie wir Diversität feiern und gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken können.


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