Der Traum einer neuen Welt


Angesichts von Corona, Klimakrise und zahlreicher anderer Konflikte auf der Erde - von Rassismus über Armut bis hin zu einer neuen Form der Homophobie, die unter dem Deckmantel einer scheinbaren Liberalität gerade prächtig gedeiht („Man wird ja noch einmal sagen dürfen…“ ) - fällt es schwer, positiv in die Zukunft zu blicken. So sieht auch beinahe die Hälfte der Bevölkerung pessimistisch in die Zukunft oder hat sogar Angst vor ihr (Umfrage: Die Welt mit rund 6.700 Teilnehmern / November 2020). Diese Zerrissenheit zeigte sich auch Ende 2020 bei der Wahl zum amerikanischen Präsidenten – auch innerhalb der schwulen Community. So wählten im November 2020 rund 30 Prozent der LGBTQ-Menschen in Amerika erneut Donald Trump, auch wenn er in den vergangenen vier Jahren sehr eindeutig Politik gegen LGBTQ-Menschen betrieben hat. Wichtiger für diese Menschen war laut der Nachwahlbefragung von NEP-Edison ein wirtschaftlicher Aufschwung. Oder wie schrieb es einst Bertolt Brecht: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Verstärkt sich dieser Trend noch in Zeiten von Corona? Werden wir immer mehr zu Egomanen? 

Zwar wird Covid-19 in seiner dramatischen Form wahrscheinlich in den Geschichtsbüchern nur eine kurze Zeitspanne von ein bis zwei Jahren dominieren, das ändert aber nichts an der Tatsache, dass jetzt die Vielfalt einer queeren kulturellen Community ebenso wegfällt wie dringend notwendige Rückzugsorte für Menschen jenseits der heterosexuellen Norm. Nicht nur das Frauenbild hat unter dem Virus gelitten und viele einstmals berufstätige Frauen zurück in jene Rollenverteilung zwischen Küche und Kind gedrängt, sondern auch die Sichtbarkeit der schwulen Community hat rapide abgenommen.

Und mit dem Schwinden einer Wahrnehmbarkeit im öffentlichen Raum steigt die Gefahr, dass das Zurückdrängen, der Rollback der Rechte Homosexueller auch in der nahen Zukunft weiter voranschreiten wird, wie wir das aktuell bereits in einigen Ländern Europas oder auch in den USA sehen konnten. Gerade in Amerika wird es unabhängig vom jeweiligen Präsidenten in den kommenden Jahren oder schlimmstenfalls Jahrzehnten schwierig werden, Rechte für queere Menschen auszubauen oder auch nur zu halten, seitdem Trump Ende Oktober die erzkatholische Richterin Amy Coney, eine offene Gegnerin der Ehe für alle, einen Platz am Obersten Gericht der USA gesichert hat – damit haben die konservativen Hardliner wohl auf längere Zeit die Oberhand gewonnen.

Mit auf der Strecke bleibt aktuell dort wie hier zudem ein Lebensgefühl der Liberalität und Freude, wenn Bars, Clubs und andere Szene-Treffen schließen und homosexuelle Männer ihre Freizeit auf der Couch verbringen. Ob aus dieser schleichenden Lethargie mit der Verabreichung eines Impfstoffes die Szene dann mit neuem Mut wieder stark und präsent auftreten wird, bleibt zu hoffen. Die Zeichen dafür stehen nicht ganz so schlecht, denn die Community hat bereits mehrfach in ihrer Geschichte herbe Rückschritte und massive Einschränkungen hinnehmen müssen, zuletzt wohl zum Höhepunkt der Aids-Pandemie.


Reicht es also, einfach durchzuhalten und auf eine bessere Zukunft zu hoffen? Werden wir weitermachen wie zuvor oder vielleicht diese Krise auch als Chance begreifen, danach einiges besser zu machen? Stichwort Klimakrise, CO2-Ausstoß, Rechte von Minderheiten, soziales Miteinander. 2020 war aus Sicht der Zukunftsforscher ein sehr spannendes Jahr, zum einen, weil sich sowohl Zerfalls- wie auch Stärkungsprozesse in einer Gesellschaft im Schnelldurchlauf erleben ließen, zum anderen aber auch, weil mehr denn je zuvor die eine Frage im Raum steht:

Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben?

Das Magazin National Geographic formulierte es prägnant so: Werden wir in die Rettung der Natur investieren – oder lieber darin, ihre Grenzen zu überwinden? Egal, ob man Befürworter oder Gegner einer Veränderung ist, einig sind sich alle dabei, dass wir uns an einem Wendepunkt befinden. Für homosexuelle Männer könnte das bedeuten, dass es bis Mitte des 21.Jahrhunderts möglich sein könnte, Rechte und Akzeptanz in den allergrößten Teilen der Welt dazuzugewinnen oder mehrere Schritte zurück in der Entwicklung zu machen, in eine Zeit, in der homosexuelle Lebensweisen abermals als gefährlich und moralisch inakzeptabel eingestuft werden.

Welchen Weg wir letztendlich gehen werden, da sind sich selbst Fachleute uneinig. Auf der einen Seite stehen Menschen wie der inzwischen verstorbene, berühmte Astrophysiker Stephen Hawking, der angesichts der zahlreichen globalen Entwicklungen  forderte, wirklich aktiv und nachhaltig etwas gegen CO2-Ausstoß, Artensterben und  soziale Sprengpunkte zu tun: „Die Menschheit ist verloren, wenn wir nicht die Erde verlassen. Die Erde ist in so vielen Bereichen bedroht, dass es für mich schwierig ist, noch positiv zu denken. Die Ausbreitung im Weltraum ist das Einzige, was uns noch retten kann.“

Dem gegenüber stehen Wissenschaftler wie Professor Ulrich Reinhardt, Leiter der Stiftung für Zukunftsfragen, der meint: „Die Zukunft wird besser sein als die Gegenwart und die Vergangenheit. Das war historisch immer so.“ Dem würde sich inhaltlich auch Michio Kaku anschließen, der berühmte Physiker befragte für sein Buch „Die Physik der Zukunft“ rund 300 Experten aus Wissenschaft und Forschung. Der technische Fortschritt biete uns künftig die Möglichkeit, den Lebensstandard aller Menschen deutlich zu verbessern. 


Egal, welcher These man persönlich eher zugeneigt ist, klar ist: Es liegt an uns. Und an dieser Gestaltungsmöglichkeit für die Zukunft sollten gerade auch Menschen mit queerem Lebenshintergrund aktiv teilhaben. Der erste Schritt wird sich schon nach der letzten Covid-19-Welle zeigen. Das Frankfurter Zukunftsinstitut hat dabei vier mögliche Szenarien fixiert. Bereits seit 1998 forscht das Institut an unserer Zukunft und gilt heute als eines der einflussreichsten Think Tanks.

Möglichkeit Eins wäre eine Entwicklung hin zu einer totalen Isolation, in der ein Shutdown nach und nach zur Normalität geworden ist. Dabei würde das öffentliche, kulturelle und damit auch queere Leben zum Erliegen kommen. Alles, was der Mensch braucht, wird größtenteils geliefert. Die Isolation wird zur neuen Normalität und könnte dann trotz Internet gerade für junge Homosexuelle eine analoge und physische Einsamkeit einläuten, die wir vor über zwanzig Jahren bereits als überwunden glaubten.

Variante Zwei wäre eine Art andauernder Krisenmodus, ein Zurückgehen zu nationalen Interessen sowie eine Stärkung der vermeintlichen Sicherheit durch die Ausweitung von Big Data. Die Zukunftsforscher sprechen von dem Erwachen eines Überwachungsstaates und dem weitgehenden Wegfall des Datenschutzes, was gerade für Homosexuelle massive Einschränkungen bedeuten würde. Wollen wir wirklich, dass jedes Date, jedes Sexabenteuer, jedes Treffen von Gleichgesinnten sofort und hoch offiziell vom Staat analysiert und gespeichert wird? Dabei würden auch alle Gesundheitsdaten wie beispielsweise eine STI- oder HIV-Erkrankung zur Staatsangelegenheit.

Im dritten Szenario findet ein Rückzug ins Private statt, lokal statt global sozusagen. Dabei ersetzt die Virtual Reality nach und nach alle Bedürfnisse, die außerhalb der eigenen Nachbarschaft oder des eigenen Viertels liegen. Die schwulen Lebensblasen, die wir in Berlin oder München nur zu gut kennen, verstärken sich noch mehr, wobei die direkte Hilfe und Stärkung der Community und der Nachbarschaft in der unmittelbaren Umgebung im Zentrum stehen. Gleichzeitig wenden sich aber auch beispielsweise schwule Paare ab und ziehen aufs Land oder in kleinere Städte. Im schwulen Kiez der Städte überlebt nur der harte Kern.

In der vierten Entwicklungsvariante gehen wir als Gesellschaft gestärkt aus der Krise hervor und lernen flexibler mit Veränderungen umzugehen, was in den allermeisten Lebensbereichen zu Verbesserungen führen kann. Weg vom Massenkonsum und einer Wegwerf-Mentalität, hin zu einem ganzheitlichen System, in dem auch Unternehmen nicht den Profit als wichtigstes Ziel betrachten, sondern diesen mit einer sozialen und ökologischen Herangehensweise versehen. Das würde zudem bedeuten, dass nebst der weiteren Stärkung der Arbeit im Home Office auch die Diversität in Unternehmen in den Mittelpunkt rückt.

Eine neue Firmenausrichtung braucht neue Köpfe und diese Vielfältigkeit im Denken zeichnet insbesondere Menschen mit queerem Hintergrund aus. Damit würde wohl auch die noch immer zu hohe Zahl der schwulen und lesbischen Menschen rapide sinken, die nach wie vor ungeoutet einer beruflichen Tätigkeit nachgehen – und damit auch nicht ihr eigentliches Potenzial voll ausschöpfen können. Aktuell geht gerade nur etwa ein Drittel offen mit seiner Sexualität am Arbeitsplatz um. Das gemeinsame Überstehen der Krise könnte also nach Ansicht der Zukunftsforscher auch zu einem neuen Miteinander und zu einem fundamentalen Wertewandel hin zu einer neuen „Kultur des Wir“ führen.


Eine Utopie? Blanker Irrsinn? Im Grunde haben wir es gemeinsam in der Hand. Zurück in die „gute alte Zeit“ ist keine Option, vor allem deshalb, weil diese Zeit für Homosexuelle nie wirklich gut war. Man mag die Schnelllebigkeit von Dating-Apps und die immer flüchtiger und teils mehr und mehr oberflächlich entmenschlichten Erlebniskontakte von Homosexuellen teilweise zu recht kritisch hinterfragen, sie zeugen aber allemal  mehr von einer liberaleren Gesinnung als jene Zeiten, in denen sich schwule Männer nur heimlich und verbotenerweise in Parks, Saunen und öffentlichen Toiletten treffen konnten.

Auch in Punkto Lebenserwartung, Gesundheit, berufliche Möglichkeiten und persönliche Lebensmodelle bietet uns die „gute alte Zeit“ keine Zukunft - von der monogamen Zweisamkeit über eine offene Beziehung oder eine Patchwork Familie - bis hin zur rechtlichen und nach und nach auch gesellschaftlichen Gleichstellung. Corona ist, so hart es die Community auch trifft, eine Chance, danach eine bessere Welt aufzubauen. Klingt naiv, aber lassen wir uns nicht von unserem ureigenen Pessimismus beherrschen, auch wenn uns die Fähigkeit, überall Gefahren und Negatives zu erspähen, in der Evolution früher geholfen haben mag.

Jetzt ist die Zeit gekommen, ein wenig zu träumen.

Trotz Gegenwind zeigt uns die gesellschaftliche Entwicklung gerade, dass für einfachen Absolutismus, für eine simple Einteilung in Schwarz und Weiß, die Welt zum Glück viel zu bunt geworden ist – und das strahlt weit über unsere eigene Community hinaus. Es ist die Zeit der hybriden Denkweisen und trotz allem Verlust und gelegentlicher aktueller Niedergeschlagenheit ist es die Zeit, visionär sein zu dürfen. Also, was passiert, wenn unsere Masken wieder fallen? Werden sie unsere Dummheit offenbaren oder haben wir dahinter in den letzten Monaten etwas Weisheit dazugewonnen?            

Autor: Michael Soze

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