Küsse auf Kreta


Nicht mehr lange, dann schleicht sich wieder der Herbst in unser Leben. Die warmen Sonnenstrahlen werden schwächer und die dunkle und kalte Jahreszeit zieht wieder in die eigene Wohnung ein. Eine dicke Regenwolke jagt die nächste. Und wir wissen, wir müssen dringend weg von allem, tief Luft holen und frisch wieder zurückkommen. Perfekt dafür eignet sich in den kommenden zwei Monaten die griechische Insel Kreta.

Die Temperaturen klettern beinahe täglich über die 20-Grad-Marke und die Wellen des Mittelmeers branden mit diesem verführerischen Geräusch ans zerklüftete Ufer, dass wir die Zeit vergessen, unser Körper die gesamte Anspannung fallen lässt und wir Muse haben, einfach nur zuzuhören. Die vielen All-Inclusive-Hotels direkt an der Küste bieten in der Nachsaison private Strände, viel Platz und Ruhe an.

Und während wir langsam immer tiefer in unsere bequeme Liege unter dem Palmensonnendach versinken, haben wir noch genug Anspannung in uns, um dem perfekt gebauten Rettungsschwimmer nachzusehen, wie er von Zeit zu Zeit an uns vorbei flaniert. Wir müssen nur aufpassen, dass unsere Begeisterung nicht in allzu harte und leicht erkennbare Tatsachen umschlägt.


Um uns etwas abzukühlen, reicht schon ein kurzer Sprung ins frische Meer, das um diese Jahreszeit wahrhaftig erfrischt. Eine Taucherbrille und ein Schnorchel sind schnell besorgt und ab geht es in die Wellen, die mitunter ungewöhnlich kräftig ans Ufer branden. Doch wer sich hineinwagt, wird empfangen von einer glasklaren Meereswelt, in der einen Brandbrassen und Meerpfaue begrüßen, während sich Muscheln im Riff verstecken.

Taucht man zwischendurch auf, um das Salzwasser aus seinem Gesicht zu reiben, hat man zudem die perfekte Möglichkeit, Stand-Up-Paddler in ihren engen Badehosen hautnah zu begutachten. Wenn die Hitzegefühle im Unterleib nach und nach durch das kühle Nass des Mittelmeeres wieder unter Kontrolle sind, ist es definitiv Zeit für einen ersten Drink an der Bar.

Mit etwas Leckerem im Glas können wir es uns wieder bequem auf der Liege machen und kaum einige Minuten vergehen, bis wir den Volleyballspielern zublinzeln, die mit ihren nackten, verschwitzten Körpern den Ball über das Netz schlagen. Ein ewiges Auf und Ab – und das nicht nur auf dem Spielplatz, sondern auch in der Badehose.

Während der Großteil der schwulen Jungs noch immer nach Mykonos pilgert, entdecken immer mehr Männer die Vorzüge von Kreta. Auch wenn die schwule Partyszene deutlich kleiner ist, so zeigt sich doch, dass Gays sehr warmherzig willkommen werden. Hier empfängt einen die perfekte Mischung aus Freizügigkeit und Ruhe, ein Mix aus Abschalten, gutem Essen und dem ein oder anderem sexuellen Abenteuer.

Nichts muss, aber alles kann. Im Herbst ist die Landschaft auf der größten Insel Griechenlands besonders vielfältig – es gibt eine Vielzahl von atemberaubend schönen Stränden eingerahmt von schwindelerregenden Bergketten. Dazu die berühmte idäische Grotte, dem mythischen Geburtsort des Gottes Zeus. Für Kulturinteressierte gibt es das Archäologische Museum sowie die beeindruckende Siedlung aus der Bronzezeit namens Knossos samt Palastanlage.

Doch während man manchmal im Urlaub den Eindruck hat, man müsse doch jetzt noch dieses oder jenes begutachten, legt sich auf Kreta schnell ein Gefühl von Entspannung über einen. Es bleibt jedem frei, zu entdecken, was immer man will – ganz ohne Druck. Und so lässt sich auch problemlos der Nachmittag am Strand verbringen, während der ein oder andere Jüngling träumerisch an einem vorbei spaziert.

Zwischendurch gönnt man sich am Buffet eine der zahlreichen griechischen Köstlichkeiten wie fangfrischen Fisch. Selbst das bekannte Gyros schmeckt unter der Mittelmeersonne deutlich besser. Und darauf ein kretischer Raki – die Einheimischen schwören darauf, dass er deutlich besser schmeckt als der allseits bekannte Ouzo.


Der Abend bricht über die Insel herein, Zikaden zirpen in den Palmen, das dunkelschwarze Meer rauscht in den Ohren und nicht selten entdeckt man in den kleinen Buchten und Lagunen Männer, die Hand in Hand laufen und in der Dunkelheit der Nacht verschwinden.

Und so vergehen die Tage, bis uns das Flugzeug wieder zurück in die Heimat trägt, doch wir merken, wir sind plötzlich ganz anders, wie ausgewechselt kommen wir zurück, weil wir die griechische Sonne noch in uns tragen und noch die warmen Lippen schmecken, die wir vergangene Nacht küssten.

Autor: Jo Heinrich

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