Aufbruch in eine neue Zeit


Es ist an der Zeit. Ja, das ist es wirklich. Fühlt es sich nicht genau danach an? Wollen wir nicht die alten Uhren in unseren Köpfen anhalten? Die ganzen Vorjustierungen und Prägungen vergangener Tage hinter uns lassen? Uns ganz neu der Welt gegenüberstellen, sie neu für uns entdecken – und dabei all die alten Denkmuster aktiv angehen, die in unseren und den Köpfen so vieler anderer Menschen scheinbar fest verankert sind?

Der Sommer dieses Jahres bringt uns schrittweise einen gefühlten Normalzustand zurück, je mehr Menschen von Woche zu Woche gegen Covid-19 geimpft sind. Aber natürlich wissen wir, dass es ein neues Normal ist, eine neue Zeitrechnung. Die Uhren laufen anders, für uns alle, für eine ganze Gesellschaft, für die ganze Welt. Warum also sollte der Alltag in dieser neuen Welt nicht ein wenig bunter, ein wenig farbenfroher, ein wenig vernünftiger und lebensfroher starten? Steht irgendwo geschrieben, dass wir in den alten verstaubten Trott aus Borniertheit und Ignoranz zurückmüssen? Ich denke nicht. Es ist an der Zeit, meint ihr nicht?

 


Auf ewig im Karussell gefangen?

Fangen wir doch einmal bei uns selbst an. Langsam werden unsere Straßen und Plätze wieder voller, wir treffen uns wieder in kleiner Runde, lachen, leben, lieben miteinander. Ist es nicht Zeit für eine neue Aufmerksamkeit füreinander? Wollen wir dem Konsumwahnsinn der durchgetakteten Welt vielleicht eine Pause gönnen? Wir haben wahrlich viel verloren in den letzten Monaten. Soziale Kontakte, Bekanntschaften, Szeneorte der Geselligkeit und manchmal sogar den ein oder anderen geliebten Menschen. Natürlich können wir jetzt also einfach weitermachen wie zuvor, belanglose Dates und belanglose Stunden kombinieren, Sex und Liebe als Währung anbieten und sofort wieder aufsteigen auf dieses Karussell, dessen einziges Ziel es schon immer war, sich immer schneller und schneller zu drehen, bis unsere Sicht verschwimmt und wir trotzdem nicht vom Fleck kommen.

Wir wähnen uns in Gesellschaft, doch die Ketten, die uns Sicherheit geben, halten uns auch starr auf Position, alleine und ohne einen anderen Menschen wirklich zu berühren. Wir glauben, vorwärts zu kommen, doch treiben stets dem Vergangenen zu, wie es sinngemäß der wunderbare Francis Scott Fitzgerald in seinem Buch „Der große Gatsby“ so treffend schrieb. Es ist an der Zeit, dass wir ein paar Runden im Karussell aussetzen. Nicht zwangsweise, wie uns das Virus dazu gezwungen hat, sondern aus freier und eigener Entscheidung. Weil wir etwas mehr wollen in unserem Leben als flackernde Lichtspektakel und müde Augen, Nacht für Nacht. Weil wir die Menschen, denen wir begegnen, die wir vielleicht küssen oder gar lieben, intensiver und ehrlich erleben und kennenlernen wollen.


Das Ja-Wort und ein Segen

 Und dann? Warum sollten wir unsere Liebe nicht heiraten dürfen? Ist es nicht endlich an der Zeit, dass wir uns den Wahnvorstellungen der Märchenonkel in ihren Roben in Rom entgegensetzen? Sie segnen gerne Autos, Brücken oder goldene Statuen, aber zwei homosexuelle Menschen, die sich lieben, nicht. Wir schreiben und reiben uns seit langem die Finger und unsere Gedanken wund, wann immer die römisch-katholische Kirche erneut Homosexuelle herabsetzt, erniedrigt und ihnen die Menschenwürde abspricht, denn nichts anderes tun sie  unter dem Deckmantel der Fürsorge. Als Vorlage dient ihnen eine Gute-Nacht-Geschichte von Hirten, jahrhundertelang als Stille Post von Mund zu Mund weitergetragen. Sie verbannen, was sie in großen Teilen selbst sind: Homosexuelle.

In den meisten Priesterseminaren wird hinter verschlossenen Türen sexuelle Freizügigkeit meist stärker ausgelebt als in den durchschnittlichen Glory Holes in Berlin. Das alles wissen wir und trotzdem tut sich die Kirche bis heute so schwer damit, sich selbst zu befreien und nicht Verbote und Lügen, sondern schlicht Liebe ins Zentrum ihrer Anliegen zu stellen. Ist es nicht an der Zeit, dass auch die Vertreter des Christentums einen neuen Aufbruch wagen? Ein Schritt hin zu Liebe und Lebensrealität, weg von den geistigen Beschränkungen und Scheiterhaufen, die noch immer in ihren Köpfen brennen. Liebende Menschen haben einen Segen verdient, wenn ihnen danach verlangt.

Und wenn sie dazu noch immer nicht in der Lage sein werden, ist es dann nicht längstens an der Zeit, dass wir das Theaterspiel durchschauen und die verletzenden Aussagen endlich gelassen und achselzuckend als das verstehen, was sie sind: Die Worte verbitterter einsamer Männer, die aufgrund der gedanklichen Abhängigkeit der Bibel vom aristotelischen Weltbild in einer Zeit der Finsternis verharren müssen,  in der es weder Strom gab und der Konflikt zwischen Glauben und Wissen für Erleuchtung  sorgte.


Ein Speerkämpfer in der Welt

Es ist an der Zeit, dass wir unseren mentalen Speer und unser Schild zur Hand nehmen, uns bewaffnen und in die Welt hinaustreten und uns endlich klar und unverständlich für Menschen einsetzen, die nicht so viel Glück wie wir haben. Denn nichts anderes ist es, Glück, in einem der reichsten Länder der Erde geboren worden zu sein. Lust auf ein paar aktuelle Zahlen? 2,2 Milliarden Menschen haben weltweit keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser, mehr als die Hälfte aller Menschen auf diesem Planeten (55 Prozent) hat keinen sicheren Zugang zu Sanitäranlagen (Quelle: Unesco 2021).

Oder wir müssen uns nur einen flüchtigen Blick in unsere Nachbarstaaten gestatten, nach Polen und Ungarn, und sehen, wie furchtbar die tagtäglichen Lebensumstände für Schwule, Lesben und trans-Menschen dort sind. Wir können so viel tun, laut werden, unsere Politiker nicht mehr mit Floskeln davonkommen lassen, nerven und immer wieder nachfragen und aufrütteln. Vergessen wir nicht, in wenigen Monaten wählen wir einen neuen Bundestag – wann, wenn nicht jetzt, haben wir die Chance, mehr Gehör zu finden? Wir tragen den Mut in uns, lassen wir ihn Gehör finden in der Welt.


Zuvor ist es natürlich erst einmal an der Zeit, die Kämpfe innerhalb der Community endlich und dauerhaft zu beenden. Die Pride-Sommer der letzten Jahre haben klar offengelegt, dass hinter den Regenbogenfahnen und den Paraden Missgunst und oftmals Raffgier Einzug gehalten haben. Es geht so oft, viel zu oft, nur noch um Geld und um ein kleines bisschen Macht. Das trifft natürlich nicht auf alle CSDs zu, aber leider auch nicht gerade auf wenige. Und die Zwietracht tragen wir seitdem immer wieder in die gesamte Community hinaus, befeuern unsere Ressentiments gegenseitig. Schwule gegen Lesben. Homosexuelle gegen Transsexuelle. Intersexuelle gegen Queer. Alt gegen Jung. Dick gegen Dünn. Deutsch gegen International. Weiß gegen Schwarz. Klein gegen Groß.

Sicherlich, wahrscheinlich werden wir uns nie alle einfach „lieb haben“, aber wäre es nicht an der Zeit, mit deutlich mehr Respekt miteinander umzugehen, selbst wenn einem die fremde Lebenswelt vielleicht in manchen Punkten zu fremd ist? Wir könnten in eine neue Zeit aufbrechen, in der wir Klischees hinter uns lassen, andere Sichtweisen erst einmal akzeptieren, Verstehen und Erkenntnis vor Hetze und Aufregung setzen. Und diesen Respekt können wir auch im Alltag leben, ganz gleich, ob wir gerade online flirten oder im Gespräch mit einem anderen Menschen sind.


Wollen wir leben? Überleben?

Es ist an der Zeit, dass wir eine Entscheidung treffen. Dass wir eine ehrliche Antwort auf eine ganz simple Frage finden: Wollen wir überleben? Sind wir wirklich nur eine Gruppe von Egomanen und Egoisten, die gierig immer nur nach dem eigenen Vorteil schnappen, nur den Moment im Blick haben, von Party zu Party springen und eine brennende Welt allen künftigen Generationen grinsend in den Schoß legen? Die Pandemie hat gezeigt, wozu die Welt im besten Sinne in der Lage ist, wenn sie wollte. Offensichtlich wollte sie mehrheitlich und ernsthaft bis heute nichts gegen Klimakrise und Raubtierkapitalismus tun.

Wir haben in den letzten Monaten gelernt, dass beinahe alle gewählten Politiker nicht ernsthaft willens sind, dieses gigantische Projekt anzupacken, eine Neugestaltung unserer Gesellschaft. Agnés Callamard, die internationale Generalsekretärin von Amnesty International sagte dazu: „Die Pandemie hat die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass die Welt derzeit unfähig ist, bei einem globalen Ereignis mit großen Auswirkungen effektiv und gerecht zusammenzuarbeiten. Umso stärker wird das Gefühl einer drohenden Gefahr, wenn wir in die Zukunft blicken, und damit auf eine Krise von weitaus größerem Ausmaß, für die es keinen Impfstoff gibt – nämlich die Klimakrise!“ Bleibt die Frage offen, wann wir dieses Problem endlich anpacken wollen?  


Das klingt natürlich ein Stück weit nach Utopie und all die müden und trägen Gesichter rufen uns zu: Was sollen wir schon tun, die Welt ist nun einmal, wie sie ist. Das stimmt zum einen und ist zum anderen doch grundfalsch. Wir haben gelernt, dass wir die Verantwortung nicht in die Hände von Menschen legen dürfen, die nur in Wahlperioden oder bis zum eigenen Renteneintrittsalter denken wollen. Wie schnell weltweit Änderungen möglich sind, hat Covid bewiesen.

Jetzt brauchen wir einen neuen Virus, einen Virus der Veränderung.

Es bedürfte nicht mehr als Lust, den Mut der gegenseitigen Anfeuerung und den Willen zur Veränderung. Wie sagte es die Poetin Amanda Gorman so wunderbar bei der Amtseinführung von Josef Biden zum amerikanischen Präsidenten: „There is always a light, if only we´re brave enough to see it, if only we´re brave enough to be it.“ Wir müssen selbst das Licht der Veränderung sein. Oder eben auch nicht. Daher ist am Ende die Frage tatsächlich so einfach: Wollen wir überleben?

Es ist an der Zeit, wahrlich, das ist es. An der Zeit, für gleiche Rechte einzutreten – in Deutschland mit der Ergänzung des Artikels 3 des Grundgesetzes um den Passus „sexuelle Identität“ (Hashtag: #zeigdie3) ebenso wie in anderen Ländern für grundsätzliche rechtliche Gleichberechtigung. Das ist der zentrale Punkt, Gleichberechtigung und Würde – für jeden Menschen. Und es ist an der Zeit, das mit Freude zu tun, nicht widerwillig mit Resignation und Pessimismus.

Am Ende ist es nämlich auch Zeit für Freude, für pure Lebensfreude. Wir dürfen sie wiederentdecken, wir dürfen und sollten sie von neuem entfachen. Wir müssen versuchen, unsere Leben zu dem zu machen, was wir wollen – ganz gleich, ob das unser Privatleben, den Beruf oder unsere Umwelt betrifft. Der Sommer 2021 ist die Zeit des Aufbruchs, ein Aufbruch in eine neue Zeit der Möglichkeiten. Und es fühlt sich so an, als sei es zeitgleich unsere letzte und zugleich größte Chance, tatsächlich in eine neue Zeit aufzubrechen. In eine bessere Zeit. Eine Zeit mit fairen Chancen, mit Respekt, mit Liebe, gleichen Rechten und Würde für alle Menschen. Es ist an der Zeit.


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