Vorsicht! Krankheiten beim Sex!


Egal ob Sommer oder Winter, unsere Triebe sind ganzjährig auf Entdeckungsreise. Und mit ihnen auch sexuell übertragbare Krankheiten. Während viele schwule Männer zum Glück inzwischen HIV fest im Blick haben und teilweise auch mit der PrEP gegensteuern, werden andere Infektionen gerne leichtverfertigt vergessen - oder es herrscht gleich blankes Unwissen darüber.

Wir haben zusammen mit dem Berliner Facharzt für Innere Medizin und Infektiologie Thomas Wünsche über die meist verbreiteten Erkrankungen innerhalb der Gay-Community gesprochen und räumen mit einigen Mythen und Halbwahrheiten auf. 

Dr. Thomas Wünsche

DIE FAKTEN:

In der Fachsprache werden sexuell übertragbare Erkrankungen als STI (englisch für: sexually transmitted infections) abgekürzt. Solche Geschlechtskrankheiten werden meistens durch Bakterien, Viren, Pilze oder Parasiten übertragen. Die Erreger können je nach Art durch den Austausch von Körperflüssigkeiten wie Sperma und Blut, durch engen Kontakt der Schleimhäute oder durch eine Schmierinfektion (zum Beispiel durch Nutzung eines gebrauchten Dildos oder Fingerspiele) weitergegeben werden. Für die meisten STI-Erreger ist der Ein- und Austritt über unseren Schwanz und die Harnwege der effektivste Übertragungsweg. Zu den häufigsten bakteriellen STI gehören Chlamydien, Syphilis und Gonorrhoe (Tripper genannt). Zu den häufigsten viralen STI zählen neben der HIV-Infektion die Humane Papillomaviren (kurz HPV)und Hepatitis B.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass sich weltweit jährlich etwa 357 Millionen Menschen (im Alter von 15 bis 49 Jahren) mit einer der vier verbreitetsten und behandelbaren STI neu infizieren. Hierbei infizieren sich 131 Millionen mit Chlamydien, 78 Millionen mit Gonorrhoe und 6 Millionen mit Syphilis. Insgesamt gibt es weltweit mehr als 30 verschiedene Geschlechtskrankheiten. 

In Deutschland unterliegen seit der Einführung des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) im Jahr 2001 nur noch HIV und Syphilis einer Meldepflicht. Die Labore sind verpflichtet, positive Befunde anonym direkt an das Robert-Koch-Institut (kurz RKI) zu melden. In Deutschland machen im Schnitt nur 28 Prozent der Männer einmal im Jahr einen STI-Check, in anderen europäischen Ländern liegt diese Rate deutlich höher.

RESISTENZEN

 Facharzt Thomas Wünsche: „Im Moment ist die Resistenz-Situation bei Behandlungen von Chlamydien, Tripper und Syphilis noch sehr gut. Schwierig wird es dann, wenn irgendwelche Allergien zum Beispiel gegen Doxycyclin vorhanden sind. In der Zukunft ist aber nicht ganz auszuschließen, dass wir mehr mit Resistenzen zu tun haben werden.“ Diese Sachlage bestätigt auch das Robert-Koch-Institut.

SCHWULE UND STI

Rund 60 Prozent der Homosexuellen haben Angst davor, sich mit einer Geschlechtskrankheit anzustecken. Trotzdem erleben wir gerade in den Großstädten nach wie vor eine steigende Vorliebe für Bareback-Sex oder anonyme Sexreffen. Trotzdem lässt sich das Verhalten in der Gay-Szene nicht über einen Kamm scheren, auch unter schwulen Männern wird immer mal wieder kritisch mit dem Thema umgegangen, so Facharzt Wünsche: „Ich sehe bei einigen Patienten, dass sich das Verhalten auch wieder ändert. Zum Beispiel, wenn jemand zwei Mal kurz hintereinander Antibiotika eingenommen hat und das eigentlich nicht wollte. Da gibt es manchmal so ein Umdenken und einige sagen, sie benutzen jetzt wieder das Kondom. Oder gehen manchmal auch gar nicht mehr in die Szene. Es gibt da einen Lernprozess. Natürlich möchte ich als Arzt, dass der Patient komplett gesund ist - ich will aber auch kein Spielverderber sein. Man muss das also immer auf den Patienten zuschneiden. Wichtig ist, dass man gut aufklärt. Medizin ist immer ein Angebot. Wir haben eine beratende Funktion als Ärzte und wir haben das Verhalten selbst nicht zu werten. Wenn man sexuell aktiv ist, sollte man auf sich selbst aufpassen.“

Quer durch die Bank belegen die aktuellen Zahlen, dass vor allem auch schwule Männer besonders stark von STI betroffen sind - gerade auch junge Kerle infizieren sich sehr oft dabei.


INKUBATIONSZEIT

Von der Infektion mit einem Krankheitserreger bis zum Auftreten erster Krankheitszeichen vergehen – je nach STI – manchmal nur wenige Tage, manchmal auch mehrere Monate oder Jahre, wobei die Infektion selbst je nach Art des Testverfahrens in der Regel sehr viel früher nachgewiesen werden kann. In der Regel verläuft die Inkubationszeit wie folgt:

Syphilis: 2-3 Wochen, manchmal bis zu 3 Monate

Chlamydien: 1-3 Wochen

Hepatitis-B: 2-3 Monate, manchmal bis zu 6 Monate

Gonorrhoe: 2-3 Tage, manchmal bis zu 8 Tage

HPV: Monate; bis zur Feigwarzenbildung 5-10 Jahre 

SCHWULER SEX UND STI

Der Mythos innerhalb der schwulen Szene, aktive Männer könnten sich praktisch nicht anstecken, ist falsch. Facharzt Wünsche dazu: „Schleimhaut ist Schleimhaut, von wo nach wo das geht, ist einem Bakterium eigentlich herzlich egal. Man sagt allerdings, dass der passive Part der ist, der ein höheres Risiko trägt. Aber diese Denkweise hilft einem nicht!“

Bei einigen sexuellen Spielarten in der Gay-Szene können allerdings kaum bis gar keine STI übertragen werden, wenn (!!) die Hygieneregeln beachtet und eingehalten werden. Dazu gehören Fingern, Dildospiele, CBT, Tittenplay, BDSM, Fisten, Masturbation oder Petting.

Beim Ficken, Rimmen oder Blowjobs sowie Urin-oder Kotspiele können wir uns grundsätzlich mit einem bunten Strauß von Krankheiten anstecken, darunter fallen Syphilis, Chlamydien, Gonorrhoe, Hepatitis B, Herpes, HIV oder auch HPV. Unsere Mundschleimhaut ist allerdings widerstandsfähiger gegenüber HIV und anderen Erregern (außer der Syphilis) als andere Schleimhäute, zudem spült der Speichel viele Erreger auch weg oder verdünnt sie - rein darauf verlassen sollte man sich aber nicht. Es lässt sich aber festhalten, dass beim ungeschützten Analverkehr das allergrößte Risiko für eine Infektion besteht.  

Wie hoch die Wahrscheinlichkeit tatsächlich ist, sich mit einer STI anzustecken, liegt an diversen Faktoren, dazu gehört der Erreger selbst, die Menge der aufgenommenen Erreger, Ort und Dauer des Kontakts oder auch das eigene Immunsystem. Hochansteckend zum Beispiel sind Gonorrhoe (50 Prozent Ansteckungsrate) und Syphilis (30 Prozent Ansteckungsrate). Zum Vergleich: Das durchschnittliche Risiko, sich bei einem ungeschützten Sexualverkehr bei einem HIV-positiven Mann anzustecken, liegt bei unter 1 Prozent. Generell gilt laut Facharzt Wünsche: „Safer Sex, wo mir gar nichts passieren kann, gibt es nicht! Es gibt eben nicht das Ganzkörper-Kondom.“

© Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Köln

SYMPTHOME STI

Viele sexuell übertragbare Infektionen können lange Zeit ohne erkennbare Anzeichen verlaufen, daher ist es sehr ratsam, regelmäßig einen Check zu machen, gerade wenn man als schwuler Mann sexuell aktiv ist. Dies kann man beim Facharzt seines Vertrauens oder zum Beispiel auch an Stellen wie dem Checkpoint in Berlin (checkpoint-bln.de) anonym machen lassen.

Treten Anzeichen auf, sind sie oftmals in der Genital- und Analregion lokalisiert, können aber auch an anderen Stellen zum Vorschein kommen. Facharzt Wünsche: „Über 60 Prozent aller sexuell übertragbaren Erkrankungen können asymptomatisch verlaufen. Im Zweifelsfall oder wenn einen etwas beunruhigt, sollte man doch mal lieber zum Arzt gehen.“

Die häufigsten Symptome für eine Geschlechtskrankheit sind dabei: Ausfluss am Schwanz oder Arsch, Geschwüre, Knoten oder Warzen im Genitalbereich sowie am Arsch oder auch Mund, Brennen oder Schmerzen beim Wasserlassen, Juckreiz, ungewöhnliche Flecken und Hautausschläge - von zart bis hart - am Körper - auch nässende Stellen, Blut oder Verfärbungen von Stuhl und Urin, Durchfälle und Verstopfung im Wechsel, anhaltende Müdigkeit oder Bauchschmerzen sowie Appetitlosigkeit oder auch Juckreiz. Es gibt nur selten klare und offensichtliche Symptome für einen Laien (wie zum Beispiel Schmerzen in der Harnröhre), daher empfiehlt es sich, unbedingt einen regelmäßigen Kontroll-Check zu machen.

SYPHILIS

Syphilis kommt in Deutschland immer häufiger vor. Teilweise hat sich in den letzten Jahren die Zahl der Fälle mehr als verdoppelt, generell ist ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen. Pro Jahr werden in Deutschland aufgerundet 6.900 Fälle gemeldet, wobei der allergrößte Teil davon Diagnosen von schwulen Männern sind (85 Prozent aller Fälle). Am stärksten davon betroffen sind junge Männer im Alter zwischen 25 und 39 Jahren.

Hochburg der Krankheit ist der Innenstadtbereich von Berlin, hier gibt es bis zu sechs Mal mehr Fälle als irgendwo sonst in Deutschland. Mit weitem Abstand folgen Städte wie Köln, München oder Hamburg. 

Syphilis kann unbehandelt auf die Organe übergreifen und das Nervensystem befallen. Die Krankheit verläuft ohne Behandlung tödlich. Eine Syphilis kann oftmals auch über Jahre unentdeckt bleiben, weil sich nicht immer sichtbare Symptome ausbilden. Meistens sind nur kurzzeitig ein zarter Hautausschlag zu sehen, der mal kommt und wieder geht. Gerne sind Hände und Füße mit kleinen Flecken befallen. Jede Syphilis muss antibiotisch behandelt werden.


CHLAMYDIEN

Chlamydien werden sehr schnell und einfach übertragen und sind die am häufigsten sexuell übertragbare Infektion in Deutschland. Schätzungen gehen von 100.000 bis 300.000 Fällen pro Jahr aus. Da hier mit Ausnahme von Sachsen bundesweit keine Meldepflicht besteht, gibt es vermutlich eine hohe Dunkelziffer. Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) wissen nur 14 Prozent der Deutschen mit der Erkrankung etwas anzufangen.

Vor allem junge Männer bis 29 Jahre stecken sich mit dem Bakterien an, wobei die Anzahl von Jahr zu Jahr steigt. Eine Studie des Robert-Koch-Instituts zeigt auf, dass mehr als jeder zehnte schwule Mann rektal mit Chlamydien oder/und einem Tripper infiziert ist. Auch Facharzt Wünsche bestätigt, dass Chlamydien bei schwulen Männern sehr häufig auftreten. Die Infektion verläuft oft ohne oder nur mit leichten Symptomen (Brennen, schaumiger Ausfluss), viele Infektionen werden daher gerne auch übersehen. Die Chlamydien-Infektion ist mit Antibiotika gut therapierbar.

HEPATITIS B

Hepatits-B gilt als weltweit häufigste Viruserkrankung und wird beim Sex oder durch Blut (Drogenkonsum mit verschmutzten Spritzen zum Beispiel) übertragen. Schätzungen zufolge sind 240 Millionen Menschen chronisch mit dem Virus infiziert. Dabei zeigt nur ein Drittel der Infizierten überhaupt Symptome, was die Krankheit besonders tückisch macht. Klassische Anzeichen sind eine Gelbfärbung der Haut, dunkler Urin, Gliederschmerzen, Übelkeit oder andauernde Müdigkeit. Im Verlauf kann sie zu einer chronischen Leberentzündung und sogar Leberkrebs führen. Das Virus ist sehr stabil und kann außerhalb des Körpers mehrere Tage lang infektiös sein, chronisch Erkrankte können sogar jahrelang ansteckend bleiben. Am wirksamsten schützt eine Impfung gegen Hepatitis B.   

GONORRHOE / TRIPPER

Schätzungen zufolge gibt es Jahr für Jahr rund 20.000 Fälle von Neu-Infizierungen in Deutschland. Die Gonorrhoe wird umgangssprachlich auch Tripper genannt. Das „Gute“ an der Infektion ist die Tatsache, dass sie binnen weniger Tage meistens sehr klar erkannt werden kann. Es kommt zu einer juckenden und schmerzhaften Harnröhren-Entzündung, meist verbunden mit eitrigem Ausfluss und Schmerzen beim Wasserlassen. Gonorrhoe ist ausgesprochen ansteckend: Statistisch wird die Infektion bei jedem zweiten Sexualkontakt übertragen, egal ob Analsex oder Blowjob. Wird nicht auf die Hygiene geachtet, kann der Tripper auch bereits beim gegenseitigen Masturbieren oder dem Gebrauch eines Sexspielzeugs weitergegeben werden. Da immer häufiger Erreger auftreten, die gegen bestimmte Antibiotika resistent sind, wird die Behandlung zunehmend komplizierter.

 HPV

Der HPV-Virus bleibt oft jahrelang inaktiv, bis sich irgendwann Feigwarzen (gerne am Schwanz oder Arsch) bilden. HP-Viren sind sehr ansteckend. Nicht bloß beim Oral- oder Analsex, sondern auch bei sehr engem Körperkontakt kann man sich den Virus einfangen. Die Therapie ist oft schwierig und langwierig. Man kann sich zudem mehrmals mit demselben Subtyp, aber auch gleichzeitig mit verschiedenen Typen infizieren. Schätzungsweise 60–80 Prozent der sexuell aktiven Männer haben Antikörper gegen HPV im Blut. Eine antivirale Therapie gegen HPV gibt es nicht. Feigwarzen kann man mit verschiedenen Methoden behandeln (zum Beispiel Vereisung oder Wegätzen), doch kann keines der Verfahren eine vollständige Entfernung garantieren oder dauerhaft einen warzenfreien Zustand erhalten. Inzwischen gibt es allerdings eine Impfung gegen die wichtigsten HPV-Typen.


Einen ersten Überblick gibt es bei den Infektastischen.

Die Praxis von Dr. Thomas Wünsche findest du hier.

Autor: Jo Heinrich

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