Hintergründig und stark: Thierry Bruets Bilder


Das innere Selbst festhalten

Die hintergründigen Meistwerke von Thierry Bruet

In Frankreich ist Thierry Bruet ein hoch geschätzter, zeitgenössischer Künstler und auch nach über 35 Jahren im internationalen Kulturbetrieb schafft der Meister bis heute einzigartige Werke, deren Brillanz sich einem desto mehr erschließt, je länger man sich die Zeit nimmt, in ein Bild des Parisers einzutauchen. Da mischen sich klassische Elemente mit Objekten der Gegenwartskultur und zwingen den Betrachter so, sich immer intensiver der Darstellung zu widmen.

Man findet fast heimliche, versteckte Gedanken, dann wieder Statements zu gesellschaftlichen Entwicklungen und darf sich zudem von den witzigen, satirischen und sorgfältigen Details amüsieren lassen, die den scheinbar traditionellen Ölbildern ihre Besonderheit und ihre Sprengkraft geben. Mal driftet Bruet verspielt in die Karikatur oder die Groteske ab, dann wieder zaubert er mit feiner Hand pure Eleganz auf die Leinwand.

Geboren 1949 in der Stadt der Liebe eroberte Bruet in den letzten Jahrzehnten die großen Museen, Galerien und private Einrichtungen in der ganzen Welt – von London über Shanghai bis Vancouver, von Alexandria über Lausanne, von Sao Paolo über Florenz bis nach New York. Seine Werke und Fresken sind in den nobelsten Luxushotels, in den Häusern von Prominenten oder zum Beispiel auch im bahrainischen Königshaus zu sehen. Ein wahrer Meister seines Fachs, den das MyGay Magazine zum Exklusiv-Interview traf.      


Thierry, du schaffst Skulpturen und hypnotische Bilder, denen man sich lange nicht entziehen kann. War von Anbeginn an klar, dass du Künstler werden willst?

Ich hab sehr früh mit dem Zeichnen und Malen angefangen, bereits im Alter von sechs Jahren. Malen war einfach Spielen für mich und im Laufe der Zeit hat mich dann auch die Malerei erwählt.

Du mischt klassische Motive der Malerei mit modernen Segmenten, brichst sozusagen die Betrachtungsweise der Menschen. Ein Beispiel wäre dein Werk „Corpus Christi“ mit einem Cheeseburger in der Mitte. Was reizt dich besonders daran, solche Irritationen bei deinem Publikum zu erzielen?

Ich versuche vor allem, mich selbst zu provozieren und mich dabei selbst herauszufordern, sozusagen eine persönliche Betroffenheit zu erzielen. Und wenn dies bei mir selbst gut klappt, habe ich große Chancen, dass dies auf dieselbe Weise auch mit dem Publikum funktioniert. Für mich ist dies also eine besondere Weise, eine Botschaft ans Publikum zu senden.


Wir hören immer mal wieder von anderen Künstlern, dass sie Probleme bekommen, ihre Werke überhaupt ausstellen zu dürfen, gerade auch, wenn es um Themen wie männliche Nacktheit oder Kirche geht. Kann in der heutigen Zeit ein Bild noch einen Skandal erzeugen?

Ja, auf jeden Fall! In einer meiner ersten Ausstellungen in Paris hat man mich aufgefordert, ein Bild wieder zu entfernen, weil es eine Päpstin mit Guêpière, eine Art Korsett, darstellte. Gewisse Personen hat das bereits schockiert.

Man ertappt sich immer wieder dabei, lächeln zu müssen, wenn man deine Werke betrachtet. Sie sind mal witzig, satirisch und detailverliebt und schwenken manchmal beinahe in die Karikatur hinüber. Was inspiriert dich?

Auf den ersten Blick kann man tatsächlich amüsiert und eher oberflächlich reagieren, man kann es auch für Satire halten. In vielen Fällen gibt es aber ein tiefgründiges Thema, das uns zum Nachdenken anhält. Mich inspirieren dabei die menschlichen Beziehungen.

Für mich entsteht der Eindruck, dass du auch der Gesellschaft und ihren Eitelkeiten einen Spiegel vorhalten willst. Stimmt dieser Eindruck?

Richtig, ich liebe es, das verborgene Gesicht der Gesellschaft und ihre Eitelkeiten aufzuzeigen. Heutzutage gibt es leider diese Tendenz in der Gesellschaft, sich stets politisch korrekt zu zeigen und dabei dem Künstler seine Freiheit zur Kritik und zur Blasphemie zu nehmen.


Weltweit wurden deine berühmten Werke bereits ausgestellt und honoriert – gibt es spezielle Orte, an denen du dich als Künstler besonders wohl fühlst?

Ich stelle besonders gern in Luxemburg mit der CULTURE-INSIDE GALLERY aus, da die Galeristin Gila Paris meine Arbeit versteht und liebt. Sie versteht es zudem, diese dem Publikum zu vermitteln, sodass meine Werke verstanden und geschätzt werden. Dabei betrachte ich mich nicht als berühmten Maler, das Interessanteste für mich ist und bleibt der Kontakt mit dem Publikum und die Sympathie des Publikums.

Mit einem besonderen Bild, einer Art Selbst-Portrait mit High-Heels und Federboa, hast du dich öffentlich als schwul geoutet. Wie kam es zu diesem Werk?

Ich habe dieses Werk in einer emotional instabilen Phase meines Lebens geschaffen und es ist tatsächlich ein allegorisches Portrait von mir. Die beiden Sklaven zu Füßen von „Angel“ versinnbildlichen die beiden Seiten in mir, die vom neuen ICH getötet werden, welches meine maskuline und feminine Seite miteinander versöhnt.


Beschäftigt dich heute auch der Kampf um Akzeptanz in der LGBTQ-Community? Die Rechte, die Homosexuelle auch in Frankreich wie anderenorts einfordern.

Natürlich beschäftigt mich das. Ich habe immer in einem sehr offenen Milieu gelebt, offen für viele Unterschiedlichkeiten. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich mich allerdings nie in dieser Sache wirklich politisch engagiert habe. Doch ich bewundere und unterstütze hundertprozentig diejenigen, die sich einbringen. Das ist sehr wichtig, denn derzeit geht die Akzeptanz für die LGBTQ-Community wieder verloren.  

Öfters sind Männer in deinen Bildern auch als Frauen eingekleidet - was möchtest du damit zum Ausdruck bringen?

Ich mag das Ungleichgewicht, ich liebe es, Machos zu verweiblichen, und im umgekehrten Fall sehr schöne Frauen mit Bärten zu versehen.

Welchen Einfluss hat auf dich die moderne chinesische Kunst, die immer mal wieder auch in einigen deiner Werke aufblitzt?

Ich zolle gern einigen zeitgenössischen chinesischen Malern Tribut – zum Beispiel Yu Minjun - denn ihnen ist es gelungen, ihr politisches Regime mit einem bissigen Humor und somit auch mit großer Freiheit zu kritisieren.


Das Selfie ist zum Symbol der heutigen Zeit geworden – gerade junge schwule Männer lieben es, sich selbst hier in Pose zu werfen. Was kann für dich ein gemaltes Bild viel besser festhalten als ein Schnappschuss?

Ich halte das Selfie für zu narzisstisch, ein Gemälde erfasst das Selbst viel besser, es hält mehr die Innerlichkeit als die Oberfläche eines Gesichts fest. Zudem muss man nicht schön sein, um ein schönes Portrait zu haben.

Immer wieder arbeitest du dich mit Skulpturen und in Bildern auch am Thema Kirche ab, portraitierst Bischöfe und andere Kirchenvertreter. Mir scheint es, als ob du die innere Verdorbenheit einiger dieser Herren wie kein anderer in den Gesichtern zum Vorschein bringen kannst.

Ich wurde in einer katholischen Pariser Schule erzogen und habe viel Zeit gehabt, den Klerus und die Kirchenvertreter, ihre Heuchelei und ihre verdrängte Sexualität eingehend zu studieren, was mich schlussendlich auch Atheist werden ließ.


Du malst auch ganz unterschiedliche Portraits – von der Sängerin Grace Jones bis hin zur Star Wars Filmcrew. Wie kommt es zu diesen Werken?

Die Portraits, die ich male, sind in den meisten Fällen Bestellungen, ich suche also nicht selbst die Gesichter aus, sie sind die „Auftraggeber“. Doch bei der Portraitmalerei geht etwas sehr Interessantes vor sich: Ich werde zu ihrem Psychiater, wobei sich die Menschen nach einer Weile frei fühlen, und sich dann vollkommen ihren Phantasien überlassen, sodass mir das Bild plötzlich entgleitet.

Von vielen Schriftstellern weiß man, dass sie oftmals nie gänzlich zufrieden sind mit ihren Werken. Wie ist das bei dir?

Man soll niemals zufrieden sein, ansonsten schafft man ein einziges Werk und das war’s. Ich persönlich höre auf, sobald ich keine Lust mehr habe, an einem Werk zu arbeiten, denn ich habe dann bereits das nächste Bild im Kopf. Auch bessere ich nie nach, was ich gemalt habe, selbst wenn mir mal eine Stelle weniger gut erscheint.

Du spielst auch sehr gerne mit Figuren der Popkultur wie Batman oder Spiderman – glaubst du, diese popkulturellen Figuren sind die neuen Helden unserer Zeit? Werden sich Menschen in 200 Jahren Bilder dieser Figuren ansehen so wie wir heute die alten Götterbilder in den Museen bewundern?

Es ist sehr amüsant für mich, sich von den Helden der Popkultur inspirieren zu lassen, denn sie haben diese flammende Seite an sich, die heutzutage alle Gottheiten früherer Zivilisationen ersetzen. Doch ich denke, in 200 Jahren wird es wieder ganz andere Helden geben.  

Credit aller Bilder liegen bei Thierry Bruet und der CultureInside Gallery.

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