Migration und Homophobie!


Die Werte unserer Gesellschaft

Das gefährliche Zusammenspiel von Religion, Migration und Homophobie

Das Jahr 2021 war erst wenige Wochen alt, da sorgte die Studie „Was eint die Einwanderungsgesellschaft“ der Konrad-Adenauer-Stiftung im Februar kurzzeitig für Aufsehen innerhalb der LGBTQ-Community. Darin kam die Stiftung zu dem Ergebnis, dass zugewanderte Menschen in Deutschland die homosexuelle «Ehe für alle» mehrheitlich ablehnen, wobei der entscheidende Faktor dabei die Religion ist. Vor allem stark religiöse Menschen mit russischem (100 Prozent) und türkischem (78 Prozent) Migrationshintergrund halten Homosexuelle und ihre Ehen für nicht gut. Zum Vergleich: Stark religiöse Deutsche ohne Migrationshintergrund sind zu 38 Prozent auch gegen die «Ehe für alle», im allgemeinen Durchschnitt gaben dagegen nur 16 Prozent aller Deutschen an, dass sie dies nicht gutheißen. 

Dr. Sabine Pokorny von der Abteilung Wahl- und Sozialforschung der Stiftung fasst zusammen:Bei den Fragen nach Demokratie und Sozialstaat sind manchen Migrantengruppen grundlegende Grundwerte weniger wichtig als Deutschen ohne Migrationshintergrund: Polnischstämmigen und Russischstämmigen sind Meinungs- und Pressefreiheit weniger wichtig als Deutschen, bei Russischstämmigen gilt das zusätzlich für Glaubens- und Demonstrationsfreiheit.“ Auf den Punkt gebracht: Die jeweilige Religion befeuert maßgeblich die negative Einstellung gegenüber Homosexuellen, wobei der Hass gegenüber der LGBTQ-Community gerade bei jenen Menschen stärker ausgeprägt ist, die ihre Religion als besonders wichtig definieren – was bei einem großen Teil der Migranten der Fall ist.

Diese Entwicklung ist indes keine völlig neue, bereits 2017 vermerkte die Antidiskriminierungsstelle des Bundes in ihrer Studie über «Einstellungen gegenüber lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen in Deutschland»: „Befragte der Studie, die einen Migrationshintergrund haben, sind Homosexuellen und Trans*Personen gegenüber signifikant negativer eingestellt als Befragte ohne einen Migrationshintergrund. So stimmen 34 Prozent der Befragten mit einem Migrationshintergrund, aber nur 19 Prozent der Befragten ohne einen Migrationshintergrund homophoben Einstellungen zu.“

Und ebenso belegt die Studie, dass Religionen den Hass auf Homosexuelle weiter anschüren. 30 Prozent der religiösen Befragten stimmten homophoben Aussagen zu, bei den fundamental Gläubigen fanden sogar rund 60 Prozent Homosexualität verwerflich: „Besonders deutlich ist der negative Einfluss einer fundamentalistischen religiösen Orientierung: Personen, die ihre Religion als die einzig wahre betrachten, haben durchweg mehr Vorurteile. Dies zeigt sich für alle großen Religionsgemeinschaften. Darüber hinaus erweisen sich Muslime im Durchschnitt als negativer gegenüber homosexuellen Personen eingestellt als Christen.“


Ist der Hass auf Homosexuelle gottgegeben?

Eindeutig Nein! Nicht der Glaube an sich sorgt grundsätzlich für eine Abneigung gegenüber Homosexuellen, sondern die Kirchen und ihre Prediger und Priester sind der maßgebliche Aspekt, wie gravierend negativ gläubige Menschen gegenüber der LGBTQ-Community eingestellt sind, so die Studie der Antidiskriminierungsstelle weiter: „Gegenüber sozialen Gruppen, denen gegenüber sich die Kirchen empathisch und solidarisch erklären, haben religiöse Menschen nicht mehr Vorurteile als andere. Wenn aber die Kirchen mindestens unklare, ambivalente oder gar moralisch abwertende Botschaften gegenüber einer Gruppe aussenden, befördert dies Vorurteile, hier eben auch die Homophobie.“

Dass es dabei oftmals nicht nur bei verbalen Äußerungen bleibt, zeigt die Kriminalstatistik des Bundesinnenministeriums. Die Gewalttaten aufgrund der sexuellen Orientierung haben sich seit 2014 binnen von fünf Jahren mehr als verdoppelt. Dabei ist ein besonders dramatischer Anstieg von 2018 auf 2019 zu verzeichnen gewesen: Die Straftaten gegen LGBTQ-Menschen stiegen um über 60 Prozent, die Gewalttaten nahmen sogar um 70 Prozent zu.

In absoluten Zahlen waren das 2019 etwas weniger als 600 Fälle. Das klingt nach wenig, bedenkt man aber die hohe Dunkelziffer, sieht es anders aus: Vereine wie der LSVD in Deutschland oder auch die Berliner Polizei rechnen mit einer Dunkelziffer von bis zu 90 Prozent. Die Schätzung wird auch durch eine Studie der EU-Grundrechteagentur untermauert, demnach in den letzten fünf Jahren nur 13 Prozent der LGBTQ-Opfer von Gewalt zur Polizei gegangen sind und Anzeige erstattet haben. Rechnet man realistisch diese Zahlen hoch, kommen wir auf jährlich rund 4.500 Fälle von Hasskriminalität gegenüber Homosexuellen in Deutschland – das sind mehr als 12 Fälle pro Tag!


Gewalt gegenüber Homosexuellen? Alltag in Deutschland!

In Deutschland wurden dabei 13 Prozent der LGBTQ-Menschen angegriffen, so die Studie weiter (EU-Durchschnitt: 11 Prozent). Davon beinahe die Hälfte sogar mehr als einmal in den letzten fünf Jahren. Zum allergrößten Teil passieren diese Übergriffe dabei auf der Straße, gefolgt vom öffentlichen Nahverkehr. Etwa jeder fünfte LGBTQ-Mensch, der Opfer einer Gewalttat wurde, traut sich auch danach kaum noch vor die Tür, 38 Prozent leiden unter Angstzuständen und Depressionen.

Wir haben also ein echtes Problem mit Gewalt gegenüber LGBTQ-Menschen in Deutschland, maßgeblich befeuert von Religionen, wobei der Islam den Hass seiner Gläubigen gegenüber Homosexuellen noch stärker beeinflussen kann als das Christentum. Wer sich mit den statistischen Fakten auseinandersetzt, wird gerade auch von einem kleinen, aber lautstarken Teil der LGBTQ-Community sofort gerne ins politisch rechte Lager geschoben. Eine Entwicklung, die wohl gesamtgesellschaftlich ein immer größeres Problem darstellt, aber gerade auch in der Community für so manchen blinden Fleck sorgt.

Der ägyptisch-deutsche Politikwissenschaftler und Autor Hamed Abdel Samad bringt es folgendermaßen auf den Punkt: „Die freie Meinungsäußerung wird heute von rechts wie von links in die Zange genommen. Während die Linke sich jahrzehntelang für Meinungsfreiheit und gegen Diskriminierung stark machte, schränkt sie heute ebendiese Meinungsfreiheit durch Sprachregelungen und Denkverbote ein – in dem Glauben, damit Minderheiten schützen zu können (…). Um Minderheiten zu schützen, gehen wir so weit, von Überzeugungen abzurücken, die unsere Gesellschaft ausmachen. Wir machen Integrationsangebote, schrecken aber vor Geboten, Verboten und Sanktionen zurück. Wir gewähren Freiheit und tolerieren die Unterdrückung von Frauen und Mädchen, Zwangsheirat und Schwimmverbot im Namen der Religion. Wir schrecken vor dem Konzept des Förderns und Forderns zurück, weil wir uns unserer eigenen Werte und Kultur nicht sicher sind.“

Wegen seinen religionskritischen Werken und seinem Einsatz für eine offene demokratische Gesellschaft verhängte der Führer der ägyptischen Islamistenbewegung, Gamaa Islamija, 2013 eine Fatwa gegen Hamed Abdel-Samad, die die Gläubigen dazu aufruft, den Autor zu ermorden. Seitdem lebt er unter permanenten Polizeischutz – bis heute.


Lösungsansätze ohne Ideologien?

Vielleicht liegt der Schlüssel zur Problembewältigung darin, dass wir uns des Problems selbst einmal unvoreingenommen annehmen, ohne uns gegenseitig ideologisch zu beschimpfen oder vorschnell zu verurteilen. Wichtig wäre eine faire inhaltliche Auseinandersetzung, die gerade im stark linken Spektrum der LGBTQ-Community teilweise nicht gegeben ist. Bundespräsident a.D. Joachim Gauck brachte das bei einem Gastvortrag in Düsseldorf mit einer Frage auf den Punkt: „Sehe ich es richtig, dass (…) die Rücksichtnahme auf die andre Kultur als wichtiger erachtet wird als die Wahrung von Grund- und Menschenrechten?“

Auch der Philosoph und Autor Michael Schmidt-Salomon kritisiert die aktuelle Herangehensweise in Deutschland: „Wer etwas so Offenkundiges wie die Realität des politischen Islams leugnet, wer wider aller Vernunft den Zusammenhang zwischen Islam und Islamismus bestreitet, wer meint, man müsse bloß Terroristen bekämpfen, nicht aber die Ideologien, die sie zum Terror motivieren, der treibt die Wählerinnen und Wähler geradewegs in die Arme von Politikern, die ihre antiaufklärerischen Ziele unter dem Deckmantel einer »aufgeklärten Islamkritik« wunderbar verbergen können.“

Hilft das Wegsehen nur den Falschen?

Was ist dran an der These? Und warum fällt es uns so schwer, Probleme im Bereich Religion und Migration anzusprechen, ohne sofort politisch vereinnahmt zu werden? Eine Wahrheit wird nicht zur Lüge, nur weil Lügner wie diverse Politiker der AfD sie vielleicht gebrauchen: „Demagogen feiern mit halben Wahrheiten ganze Erfolge. Um sie zu stoppen, muss man ihnen recht geben, wo sie recht haben, und sie dort kritisieren, wo sie die Wirklichkeit verzerren. So löscht man das Feuer, auf dem sie ihr ideologisches Süppchen kochen“, so Schmidt-Salomon weiter.

Je mehr wir wegsehen und uns verbieten, Probleme klar zu benennen, desto leichteres Spiel haben Hassprediger, die im Namen eines Gottes die Gewalt gegenüber Homosexuellen weiter anstacheln – da ist sich auch der Philosoph sicher: „Es ist in der Tat bemerkenswert, wie sehr sich rechte Christen, die von der AfD hofiert werden und ultraorthodoxe Muslime, die von der AfD ausgegrenzt werden, in ihren Vorstellungen von »moralischer Sittlichkeit« gleichen: Für beide gibt es eine heilige, angeblich gottgewollte natürliche Geschlechterordnung, in der Männer und Frauen klaren Rollenmodellen folgen, selbstverständlich strikt heterosexuell veranlagt sind und ihre jeweilige Gemeinschaft durch Zeugung möglichst vieler Kinder stärken. Beide Gruppen fühlen sich durch Feministinnen und die sogenannte »Schwulenlobby« bedrängt, fürchten eine »Übersexualisierung« ihrer Kinder und fordern Keuschheit vor der Ehe (…). Letztlich verfolgen beide Gruppen dezidiert antiliberale Ziele, weshalb sie sich sehr darum bemühen, den Emanzipationserfolgen der letzten Jahrzehnte entgegenzuwirken. Mit einem Wort: Beide wollen die Zeit zurückdrehen.“


Unsere weltoffene Gesellschaft erhält heute von mehreren Seiten Druck, wobei wohl in der Tat all die Gruppen der Kampf gegen die fortschreitende Fokussierung auf das Individuum eint. Wir können heute mehr als jemals zuvor gerade auch als Homosexuelle frei von althergebrachten Rollenbildern unseren Lebenssinn zusammenstellen und ganz individuell ein Lebensmodell erarbeiten und wählen, das keinen vorgegebenen Rastern folgt. Die Pluralisierung der Gesellschaft schreitet voran und wie allzu oft ängstigt diese Veränderung konservative Menschen. Dabei zeichnen sich offene Gesellschaften eigentlich genau dadurch aus, dass sie dem Einzelnen im Rahmen von festgelegten, allgemein gültigen Grundgesetzen die Basis für ein friedliches Zusammenleben liefern und so den größtmöglichen Toleranzraum gewähren.

Doch dieses Geschenk ist keine Einbahnstraße, die Toleranz und Akzeptanz, die wir verlangen, müssen wir auch bereit sein, anderen Lebensmodellen zu gewähren. Schmidt-Salomon: „Man kann es gar nicht deutlich genug betonen: Für die Frage der Toleranz ist es in einer offenen Gesellschaft völlig unerheblich, ob bestimmte Haltungen oder Handlungen als »unmoralisch«, »unsittlich« oder »irrational« eingestuft werden – entscheidend ist vielmehr, ob sie geschützte Rechtsgüter verletzen oder nicht.“

Die gefühlte Beleidigung

Irgendjemand kann sich stets beleidigt fühlen durch Aussagen, Artikel wie diesen oder durch die Satire – in einer offenen Gesellschaft kann eine Beleidigung allerdings niemals ein vernünftiges Gegenargument sein. Kurz gesagt, wir müssen akzeptieren, dass es Menschen gibt, die eine andere Meinung haben als wir. Das ist das Wesen einer Demokratie und wer das nicht ertragen kann oder nicht zu erlernen vermag, sondern weiterhin antidemokratische Modelle für sich als einzigen Lebensweg definiert, beweist damit leider, dass ihm genau jene Einsicht und Toleranz fehlt, um in einer offenen Gesellschaft leben zu können.

So mag die Sprache natürlich ein wichtiger Eckpfeiler einer gelungenen Integration sein, doch noch wichtiger ist das Anerkennen unserer Werte und Grundrechte als höchstes Gut einer demokratischen Gemeinschaft. Auch eine Religion gleich welchen Namens und Ausprägung hat sich den Grundrechten einer offenen Demokratie unterzuordnen. Dazu gehört auch die Anerkennung der rechtlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung von Homosexuellen. „Wer Schwule aus welchen Gründen auch immer nicht akzeptiert, sondern bloß toleriert, der vertritt eine Haltung, die ihrerseits bloß toleriert, aber nicht akzeptiert werden kann. Ebenso klar sollte sein: Wer homosexuelle Menschen so tief verachtet, dass er ihre Existenz nicht einmal tolerieren kann, der vertritt eine Haltung, die in einer offenen Gesellschaft nicht einmal toleriert werden darf, sondern mit allen rechtsstaatlichen Mitteln bekämpft werden muss“, so Schmidt-Salomon weiter. Die Kritik trifft dabei christliche Hassprediger ebenso wie islamische.


Das Gespräch suchen – geht das überhaupt noch?

Seitdem Fake News immer mehr zu einer scheinbar zweiten, parallelen Realität geworden sind, verhärten sich indes die Fronten immer mehr – und sie werden persönlicher. Egal ob es um den Klimawandel, Rechte für Homosexuelle oder aktuell die Debatten rund um die Corona-Pandemie samt ihren mitlaufenden Verschwörungsideologien geht, immer öfter wird nicht nur eine Meinung verachtet oder missbilligt, sondern gleich die betreffende Person dazu auch. Wie extrem und schnell das aus dem Ruder laufen kann, haben wir in den letzten Monaten des Wahlkampfes in Amerika gesehen.

Dabei sollten wir lernen, hier genauer zu differenzieren. Eine Ideologie wie die Ablehnung von Homosexuellen ist ähnlich wie eine Religion, ein zumeist starres Konstrukt, das stets alleinige Allgemeingültigkeit beansprucht, während Menschen selbst ihre Meinungen ändern können. Wir müssen uns klarmachen, dass wir alle nur so weltoffen sein können, wie wir es aus unseren Erfahrungen gelernt haben. Auch viele Homohasser, ob nun mit christlichem oder islamischem Hintergrund, sind Opfer ihrer eigenen Erziehung - das heißt nicht, dass wir uns nicht intoleranten Aussagen entgegenstellen müssen. Und es bedeutet auch nicht, dass wir nicht immer wieder die Chance ergreifen müssen, zu versuchen, mit Bildung und sachlichen Informationen eine Erkenntnis beim Gegenüber in Gang zu bringen.

Doch wir müssen eben auch begreifen, dass oftmals über Jahrzehnte eingeprägte Denkmuster und Einteilungsmodelle, was gut und schlecht ist in dieser Welt, sich meistens nicht binnen eines Gespräches grundsätzlich revidieren lassen. Schmidt-Salomon noch einmal: „Wer es nie gelernt hat, homosexuelle Menschen als gleichwertige Gesellschaftsmitglieder zu verstehen, sondern bereits mit der kulturellen Muttermilch schwulenfeindliche Ressentiments in sich aufgenommen hat, ist gar nicht in der Lage, seine Vorurteile zu überwinden.“ Und so sehr wir als Homosexuelle ein Umdenken bei Menschen einfordern, die uns ablehnen, so sehr müssen wir auch bereit für Selbstreflektion sein. Auch wir sind geprägt von unseren Umständen. Wichtigster Punkt bleibt eine rationale Debatte, was spätestens seit Donald Trump und dem Siegeszug der Fake News immer schwieriger wird.

Hinzu kommt ein menschliches Verhaltensmuster, das diese negative Entwicklung noch verstärkt: den sogenannten Bestätigungsfehler (Confirmation Bias). Damit ist die Tatsache gemeint, dass Menschen stark dazu neigen, Informationen danach auszuwählen, ob sie ins eigene Weltbild passen oder nicht. Dabei wird diese Entwicklung durch den Siegeszug der sozialen Medien noch verstärkt, denn während man früher seine Nähe zur passenden Tageszeitung suchte, aber grundsätzlich noch mitbekam, wie anders denkende Journalisten eine aktuelle Lage bewerteten, können wir uns heute dank den perfekt auf uns abgestimmten Algorithmen von Facebook, Instagram und Co eine geschlossene Filterblase zurechtlegen, die immerzu nur unser eigenes Weltbild bestätigt, und so bis ins Unterbewusstsein hinein stetig immer mehr festigt. Wir werden immun für andere Meinungen, Fakten oder wissenschaftliche Belege.


Natürlich könnte man diesem Denkmuster ganz einfach entfliehen, indem man aktiv nach alternativen Informationen sucht. Doch bedarf das einer Eigeninitiative, deren Motivation schwer zu erlangen ist, wenn das eigene Umfeld aus Freunden, Familie und jeweiliger Religion keinen Grund dafür gibt. Dabei gibt es zwei ganz einfache Möglichkeiten, sich selbst aus dieser Denkfalle herauszuholen: Zum einen wäre es gut, sich einfach einmal in die Lage des Anderen hineinzuversetzen. Zum anderen kann man sich selbst prüfen und für jedes Argument, das einem nahesteht, als Gedankenspiel zu versuchen, ein ähnlich gutes Gegenargument zu finden.

Zudem lernen wir so, die eigene Meinung deutlich effizienter und rational erklären zu können. Natürlich werden wir auch damit nicht all die „Unbelehrbaren“ erreichen, eine Gruppe von Menschen, die gefühlt immer mehr werden. Dazu trägt auch zusätzlich der sogenannte Dunning-Kruger-Effekt bei, der auf den Punkt gebracht besagt, dass gerade jene Menschen mit besonderer Inkompetenz nicht in der Lage sind, diese überhaupt bei sich selbst zu erkennen und sich zudem selbst überschätzen. Anders gesagt: Das Donald-Trump-Symptom.

Die Wurzel des Übels?

Wie können wir also wirklich zum Kern des Problems vordringen, wenn Prägung, das religiöse und familiäre Umfeld, Erfahrungen und eine limitierte Möglichkeit der Bildung noch immer oftmals jene Ausgangspunkte sind, die Homophobie befeuern – in allen Gesellschaften. Dabei dürfen sich christliche Hardliner genauso angesprochen fühlen wie Islamisten, einzig die Entwicklung des gesellschaftlichen Umfelds und der Weg hin zu einer offenen Gemeinschaft und Demokratie trennt Europa noch inhaltlich von einigen Ländern in der arabischen Welt.

Blickt man dabei auf die Geschichte des Islam, sieht man, dass auch der Hass auf Homosexuelle eine relativ neue Strömung ist, die erst mit der islamischen Revolution im Iran 1979 so richtig befeuert wurde. In den eintausend Jahren zuvor ist kein einziger Fall bekannt, in dem ein Homosexueller aufgrund seiner Sexualität umgebracht wurde. Allein in den letzten vierzig Jahren dagegen wurden nur im Iran rund 4.000 Homosexuelle ermordet. Die arabische Kultur war zuvor sehr viel toleranter Homosexuellen gegenüber eingestellt, als das vergleichsweise zuvor das christliche Europa war: Es gab homoerotische Literatur und sexuelle Freizügigkeit im arabischen Raum, die erst in der Zeit des Kolonialismus endete.

Überspitzt gesagt: Der jetzt durch den Islam angetriebene, besonders stark ausgeprägte Hass vieler Gläubiger gegenüber Homosexuellen ist ein Exportschlager der römisch-katholischen Kirche.

Der sogenannte moralische Dualismus prägt zudem den Hass stark gläubiger Menschen gegenüber Homosexuellen. Auf den Punkt gebracht, je stärker die Bindungen zur eigenen Gruppe und Religion sind, desto stärker verabscheuen wir eine andere Gruppe von Menschen oder einen anderen Kulturkreis. So erklärt, passt wohl auch der menschliche Widerspruch zusammen, dass wir einerseits sehr empathische Wesen sind und andererseits äußerst grausam gegenüber anderen Menschen sein können. Michael Schmidt-Salomon fasst das so zusammen: „Während wir technologisch im 21. Jahrhundert stehen, sind unsere Weltbilder noch von Jahrtausende alten Legenden geprägt. Diese Kombination von höchstem technischen Know-how und naivstem Kinderglauben könnte auf Dauer fatale Konsequenzen haben. Wir verhalten uns wie Fünfjährige, denen die Verantwortung über einen Jumbojet übertragen wurde.“


Wenn wir darüber reden, dass gläubige Migranten in signifikanter Weise Homosexuelle ablehnen, müssen wir auch darüber reden, dass noch immer keine komplette Trennung von Staat und Religion in Deutschland vollzogen wurde. Wir gehen also nicht mit gutem Beispiel voran. Schriftsteller Hamed Abdel-Samad dazu: „Die unvollendete Säkularisierung Deutschlands bietet eingewanderten wie einheimischen religiösen Institutionen Schutzräume, in denen die Errungenschaften der Aufklärung untergraben werden können. Viele demokratisch-freiheitliche Werte wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau, das Recht auf Abtreibung, Gewissens- und Meinungsfreiheit, Pluralismus und religiöse Toleranz wurden in der Vergangenheit auch gegen den Widerstand der Kirchen durchgesetzt. Diese Werte dürfen heute im Namen der Toleranz und des Multikulturalismus weder relativiert noch infrage gestellt werden (…). Ein aufgeklärter Säkularismus ist vermutlich die beste und einzig friedliche Voraussetzung für das Zusammenleben unterschiedlicher religiöser und nichtreligiöser Gruppen. Nur wenn der Staat die gleiche Distanz zu allen Gruppen wahrt und keiner mehr Privilegien einräumt als der anderen, ist die Gleichberechtigung garantiert.“

Damit das wirklich gelingt, müssen wir in Deutschland ohne Sprechverbote, aber auch ohne rechte Ideologien klar zum Ausdruck bringen, dass die Werte und Grundrechte unserer Gemeinschaft für alle bindend sind. „Wenn Migranten das Land, in das sie eingewandert sind oder das ihnen Schutz gewährt, moralisch verachten und wenn sie den Staat und seine Organe nicht als Instanzen ernst nehmen, dann haben wir etwas falsch gemacht (…). Migration ist nicht die Mutter aller politischen Probleme. Sie ist lediglich ein Symptom, das die versteckten Krankheiten dieser Gesellschaft offenlegt: falsch verstandene Toleranz, Mangel an Vertrauen, Konzeptlosigkeit, Angst vor dem Wandel, die Abwesenheit von verbindenden Spielregeln für das Zusammenleben, also das Fehlen einer aufgeklärten Leitkultur (…). Eine Leitkultur, die sich auf die westlichen Werte beruft, die das Ergebnis aller positiven wie negativen Erfahrungen Deutschlands mit der Demokratie zusammenfasst. Eine Leitkultur, die nicht spaltet, sondern wirklich leitet und allen Seiten offenbleibt, die aber auch verbindende Werte diktiert, die nicht verhandelbar sind“, so Abdel-Samad weiter.

Werte wie die Gleichberechtigung von Homosexuellen und allen Minderheiten aus der LGBTQ-Community. Wenn wir die steigenden Fallzahlen von Hassdelikten und strikter Ablehnung von LGBTQ-Menschen nicht jetzt offen diskutieren, werden wir wahrscheinlich dazu verdammt sein, in den kommenden Jahren zuzusehen, wie diese negative Entwicklung weiter an Fahrt gewinnt. Dabei könnte eine bunt gemischte Gesellschaft, die sich auf einen Wertekanon einigen kann, auch ein großer Gewinn für uns alle sein – da ist sich auch abschließend Abdel-Samad sicher: „Eine Kultur, die den Wandel und die gegenseitige Befruchtung mit anderen Kulturen ablehnt, schwächt das eigene Immunsystem und zerstört sich selbst von innen, bevor sie von außen angegriffen wird. Eine Kultur gibt sich auf, wenn sie den Glauben an sich selbst und an seine Werte verliert."

Quellen:

*Konrad-Adenauer-Stiftung, Studie: „Was eint die Einwanderungsgesellschaft?“

*Bundesinnenministerium, Studie zur Hasskriminalität, 2014-2019

*LSVD Lesben und Schwulen Verband Deutschland

*EU-Grundrechteagentur (FRAU), zweite LGBTI-Survey-Studie

*Hamed Abdel-Samad: „Aus Liebe zu Deutschland“, dtv Verlag

*Michael Schmidt-Salomon: „Die Grenzen der Toleranz“, Piper Verlag

*Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Studie: „Einstellungen gegenüber lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen in Deutschland“


Hat Dir der Artikel gefallen? Dann unterstütze das MyGay Magazine! Wie wäre es mit unserem aktuellen eBook oder einem Jahres-Abo des MyGay Magazine? Schreibe uns einfach eine eMail an: [email protected]

Interesting Reads
Reload 🗙