Im Schatten von New York


New York gehört Jahr für Jahr zu den beliebtesten Reisezielen für schwule Männer. Meistens konzentrieren sich die Jungs dabei auf das schwule Epizentrum der Stadt, das Viertel Greenwich Village mit der berühmten Christopher Street, dem Ursprung unserer heutigen Pride-Paraden. Doch wer ein wenig über den schwulen Tellerrand blicken will, entdeckt, dass im benachbarten Brooklyn immer mehr in den letzten Jahren das Gay-Life und eine bunte, kulturelle Szene erwacht. Brooklyn hat es verdient, entdeckt zu werden!

Am schnellsten kommt man vom John F. Kennedy International Airport in das neue Trendviertel New Yorks, welches nach Manhattan der am dichtesten besiedelte Bezirk der Vereinigten Staaten ist. Es ist hip, in Brooklyn zu leben, bestätigt uns auch das schwule Paar Andrew und Martin, die seit einiger Zeit im südöstlichen Teil der Millionenmetropole wohnen. Wir treffen sie im Prospect Park, der sowohl tagsüber wie auch nachts ein gern besuchter Ort von schwulen Männern in Brooklyn ist. Allerdings gilt es, ein wachsames Auge zu haben, Cruising ist in New York zwar beliebt, aber rechtlich verboten.

Noch im letzten Jahrhundert trug man eine rote Krawatte, wenn man schnellen Sex haben wollte – inzwischen trifft man sich lieber in Saunen in Downtown Manhattan, so der junge Grafiker Martin weiter gegenüber MyGay: „Uns ist das Lebensgefühl hier viel wichtiger, als eine Gay-Sauna direkt vor der Haustür zu haben. Wir haben uns einfach in dieses ehemalige Arbeiterviertel verliebt, es ist diese kulturelle Mischung, die uns begeistert. Du triffst hier Menschen aus allen Kulturkreisen und kannst jeden Tag spannende Gespräche führen. Und was hier gerade in der Kultur abgeht – zum Beispiel in der Graffiti-Szene – ist irre spannend. Zudem ist Brooklyn nicht so gestresst wie Manhattan und schlussendlich kann man sich hier einfach die Mieten noch leisten!“


In der Tat liegen die Mietpreise in Brooklyn trotz der rund zweieinhalb Millionen Einwohner noch deutlich unter jenen im Zentrum New Yorks. Das hat sich seit Carrie Bradshaws Zeiten (Sex and the city) leider nicht geändert. So schlendern wir mit ihnen weiter durch den Park mit dem feinen Zoo, dem Botanischen Garten sowie dem idyllischen See - ein Central Park in klein sozusagen. Wir genehmigen uns ein kleines Frühstück in der legendären Beast Tapasbar in der Bergen Street, wo abends gerne einmal LGBTQ-Partys stattfinden.

Anschließend machen wir mit glücklichen Mägen einen Abstecher ins Brooklyn Museum. Neben einer beachtlichen Auswahl an Kunstwerken aus Europa und dem alten Ägypten findet man immer mal wieder auch politische Spezialausstellungen, gerne auch über die Gay-Community oder aktuell Black Lives Matter. Sehr beeindruckt schlendern wir weiter nach Brooklyn Heights, dem schönsten Fleck des südöstlichen Teils New Yorks. Alte Stadtvillen mit liebevoll gestalteten Aufgängen, breite und gepflegte Straßen und ein wohlhabendes, aber nicht versnobtes Publikum erwarten einen hier. In den historischen Häusern wohnten einst so bekannte Persönlichkeiten wie der schwule Schriftsteller Truman Capote, Woody Allen oder auch Barbra Streisand.


Man verliebt sich sofort in den Charme dieser Gegend und der dort lebenden Menschen. Denn entgegen allen Klischees über die Bevölkerung New Yorks treffen wir hier nur auf freundliche Einwohner, die gerne lachen und am liebsten über das snobistische Manhattan lästern. Es geht weiter zum Brooklyn Bridge Park, direkt am Hudson River gelegen, mit einem grandiosen Blick auf die Skyline des Big Apple.

Ein schwules Pärchen aus Tel Aviv erzählt uns, dass sie einmal im Jahr in die Millionenmetropole reisen, um die rasanten Veränderungen der Stadt mitzuerleben. Von unserem Standpunkt aus blicken wir auf das noch junge One World Trade Center, in dessen gläsernen Fassade sich die Mittagssonne bricht. Die Brooklyn Bridge ist neben der Manhattan- und der Williamsburg-Bridge eine von drei Brücken, die von Manhattan direkt nach Brooklyn führen.

Dabei lohnt sich ein Blick unter (!) die Brücken, denn meist hat sich hier in besonderem Maße ein sehr junges und lebendiges Publikum angesiedelt. Kleine, quirlige Geschäfte, viele Lokale aus der halben Welt, jüdische Händler und süße Jungs sind hier zu finden, die auf ihren Skateboards eine ebenso gute Figur machen wie beim Pelota spielen - einer Sportart aus dem Baskenland, bei dem zwei Spieler abwechselnd mit der nackten Hand einen Ball an die Wand schlagen. Eine sehr schweißtreibende Geschichte für meist eher gut gebaute Jungs, die daher vor allem im Sommer sehr schnell eine Zuschauerschar um sich versammeln können.


Es geht weiter Richtung Carroll Gardens, eine Ecke Brooklyns, die durch viele kräftige Bäume, wunderschöne Grünflächen sowie einem besonderen italienischen Flair besticht. Hier kann man köstlich in einem der zahlreichen italienischen Lokale speisen, zum Beispiel in der South Brooklyn Pizza. Das Wasser läuft einem dabei nicht nur aufgrund der leckeren Speisen, sondern auch wegen den heißen Go-Go-Boys im Munde zusammen, die Abend für Abend auf den Straßen hier ihre Hüften kreisen lassen.

Beschwingt und gestärkt geht es weiter Richtung Red Hook. Das Viertel ist durch Gangsterboss Al Capone bekannt geworden, der hier einst seine Karriere als kleiner Ganove begann. Heute ist die Ecke weit weniger gefährlich, dafür hat man einen grandiosen Blick auf die gegenüberliegende Freiheitsstatue. Von hier aus ist es nur noch ein Katzensprung ins schwule Nachtleben Brooklyns.

Den ersten Drink nehmen wir in der Bar4 zu uns, wo uns süße Barkeeper hinter einer hölzernen Theke bereits erwarten. Entspannt nehmen wir in einer gemütlichen Sitzecke Platz und lauschen der Live-Musik und den Karaoke-Gesangsversuchen einiger Herren. Danach geht es weiter zur queeren Ginger´s Bar, die durch ein bunt gemischtes Publikum, bestehend aus vielen Nationalitäten und einer breiten Altersspanne der Gäste, besticht.

Die fruchtigen aber heftigen Cocktails sind legendär, sodass man auch gerne einen kleinen Snack dazu nimmt. Während das nächtliche Manhattan zu uns hinüberfunkelt, besuchen wir dann die beste Gay-Bar New Yorks: das Excelsior. Zahlreiche Magazine wie das TIME OUT kürten die in schlichtem schwarz gehaltene Bar mit den roten Stühlen zur Besten der Stadt. Ob das stimmt, sei dahingestellt, das Publikum ist allerdings äußert adrett anzusehen. Deutlich regenbogenfarbener geht es dann im Metropolitan zu, der ersten Gay-Bar in Williamsburg. Das Ambiente ist äußert freundlich, die Männer dürfen auch gerne ihre beste Freundin mitnehmen und sobald es das Wetter zulässt, gibt es ein leckeres Barbecue.


AnschlieĂźend steuern wir den Höhepunkt unserer Tour an: das Sugarland! Sexy tätowierte Bar-Jungs in Hot Pants servieren zu Disco- und House-Musik verdammt leckere Drinks. Während sich die Nacht langsam dem Ende zuneigt, besuchen wir abschlieĂźend noch das Sycamore. In der holzvertäfelten Kneipe gibt es eine köstliche Auswahl an Whiskeys und lauschige Jazzmusik.

Mit dem Taxi lassen wir uns dann zum Manhattan Beach Park auf Coney Island fahren. Die wärmenden Sonnenstrahlen und der Blick auf den Atlantik vertreiben die Müdigkeit der Nacht, bevor wir noch das Kings Plaza besuchen, ein gigantisches Shoppingcenter inklusive einem zweistöckigen Macy´s Store, in dem wir alles finden, was das Herz und die Freunde zu Hause begehren. Als das Flugzeug kurz darauf Richtung Heimat abhebt, blicken wir übermüdet aus dem Fenster und denken uns: Brooklyn – was für ein Erlebnis!

Autor: Jo Heinrich

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