Schwul auf dem Bau - geht das inzwischen?


Es gibt das böse Vorurteil, dass Schwule zwei linke Hände haben und handwerklich total unbegabt sind. Aus eigener Erfahrung kann ich dies zum Glück negieren. Es gibt sie, die schwulen Handwerker, Elektromeister und Kfz-Mechaniker. Die schwule Ausbildungswelt besteht nicht nur aus Friseur-Azubis und zukünftigen Makeup-Artists. Dennoch ist es auch heute noch als schwuler Azubi nicht leicht, eine Ausbildung bei einem kleinen Handwerksbetrieb zu machen. Anders gesagt: Es ist schon zu machen, aber dies oftmals nicht offen schwul.

Mangelware: Handwerksbetriebe auf LGBTQ-Jobmessen

Mittlerweile gibt es zahlreiche Jobbörsen und Messen, die sich an die LGBTQ-Community wenden, um damit Berufseinsteiger für Ausbildung und Lehre zu gewinnen. Dort findet man in erster Linie die großen Arbeitgeber wie SAP, Bayer oder die Deutsche Bahn. Auch staatliche Arbeitgeber wie die Bundeswehr sind vertreten und bieten nicht nur Jobs für Ausgelernte an, sondern auch zahlreiche Ausbildungsberufe. Diese Arbeitgeber gehören zu den Vorbildern in Sachen LGBTQ und Diversity, weil sie mithilfe von internen Mitarbeiter-Netzwerken und mit viel Geld Diversity professionell anpacken.

Ressourcen, die ein Handwerksbetrieb mit fünf oder fünfzehn Angestellten nicht hat. Diese findet man auch nicht in Arbeitgebernetzwerken wie die der Stiftung „Prout at Work“. Sie tauchen auch nicht in Ranglisten auf, wie die der UHLALA Group, wo nur börsennotierte Unternehmen nach ihrer LGBTQ-Freundlichkeit befragt werden.


Wo ist der queere Mittelstand?

Deutschland ist das Land des Mittelstandes. Acht von zehn Azubis absolvieren ihre Ausbildung in kleinen und mittelständigen Unternehmen. Somit sind die meisten Auszubildenden dort zu finden, wo es kein LGBTQ-Mitarbeiternetzwerk oder einen Diversity-Beauftragten gibt. Für diese Auszubildenden sind oft der Meister oder der Chef der nächste und einzige Ansprechpartner im Betrieb.

Gerade im Bau und Handwerk finden wir eine Personalstruktur, die für homophobe und homofeindliche Äußerungen und Angriffe am empfindlichsten ist. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat in ihrer Studie „Einstellung gegenüber lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen in Deutschland“ herausgefunden, dass der Bildungsgrad in direktem Zusammenhang mit der Verbreitung von Homophobie steht. Je niedriger der Abschluss, umso höher ist zumeist ein homophobes Umfeld.

Zudem ist folgerichtig auch klar, dass in Branchen, wo es weniger geoutete Mitarbeiter gibt, auch schwule Azubis zumeist von einem offenen Umgang mit ihrer Sexualität absehen. Dabei darf man natürlich nicht alle Handwerksbetriebe über einen Kamm scheren. Selbstverständlich gibt es auch die Meister und Chefs in kleinen und mittelständigen Unternehmen, die eine klare Null-Toleranz gegenüber jeglicher Art der Diskriminierung fahren, auch gegenüber dem schlechten Homo-Witz. Für alle anderen jungen homosexuellen Azubis braucht es allerdings oftmals externe Ansprechpartner.

Die Rolle der Handwerkskammer und der Industrie- und Handelskammern

Die Industrie und Handelskammern (IHK) sind unter anderem für die berufliche Ausbildung und Weiterbildung verantwortlich. Daher muss auch jedes Unternehmen aus Industrie und Handel Mitglied der IHK sein. Dafür bieten die IHKs verschiedene Angebote für Unternehmen und Auszubildende an. Aber auf welche Angebote können homosexuelle Azubis konkret zurückgreifen? Und beschäftigen sich die einzelnen IHK-Geschäftsstellen mit dem Thema LGBTQ und Diversity überhaupt?

Dazu hat das MyGay-Magazine die Handwerkskammern und Industrie- und Handelskammern in München, Köln, Berlin und Hamburg befragt. Die HK und IHK Hamburg hat auf die MyGay-Presseanfrage nicht reagiert und bei den anderen IHK-Geschäftsstellen ist schnell zu erkennen, dass es in dieser Sache keine einheitliche Linie gibt und es tatsächlich eine wesentliche Rolle spielt, wo und in welcher Stadt ich meine Ausbildung mache. Die Geschäftsstellen von München, Berlin und Köln geben einheitlich an, dass für Auszubildende ein Beratungsangebot zu Verfügung steht, mit dem geschulte Berater Informationen und Hilfeleistung bei Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität geben. Darüber hinaus sind die Geschäftsstellen unterschiedlich engagiert.


Diversity am Bau? Noch ausbaufähig!

So hat die IHK-München eine Diversity-Broschüre für alle Arbeitnehmer und Arbeitgeber herausgegeben. Dort wird Diversity in den Spektren Frauen-Förderung, Migration, Alter, Religion und „Verschiedene Lebensentwürfe respektieren – Diversity Management und sexuelle Orientierung“ thematisiert. Die genaue Antwort der Handwerkskammer ist zumindest ehrlich: „Die Handwerkskammer für München und Oberbayern kann – auch wegen begrenzter Ressourcen – ihr Beratungsangebot jedoch nicht zu stark ausdifferenzieren. Während wir beispielsweise für Menschen mit Behinderung oder Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund wegen der großen Nachfrage spezielle Angebote vorhalten, waren wir bisher selten mit Fragen konfrontiert, die sich um die sexuelle Identität von Auszubildenden drehen.“

Die IHK Berlin steht dem Thema Antidiskriminierung und Diversity dagegen sehr offen gegenüber und bietet den Azubis ein Seminar an: „Wir bemühen uns sehr intensiv, die Auszubildenden vor jeglicher Form der Diskriminierung zu schützen. Dazu bieten wir eine vertrauliche telefonische Sprechstunde (40h pro Woche) an, jeder Azubi kann sich auch vertraulich an den für sein Berufsbild zuständigen Ausbildungsberater wenden. Mit unserer Konfliktberatung und der Schlichtung haben wir weitere etablierte und strukturierte Verfahren, um Fragen der Diskriminierung und anderer Probleme in der Ausbildung zu lösen. Wir wirken bei jeder Art von Diskriminierung auf den Betrieb (je nach Wunsch mit oder ohne den Azubi) ein. Für Ausbildungsbetriebe, Ausbilder und Azubis bieten wir zudem die Seminare „Fit für die Ausbildung“ an, in denen die Thematik des diskriminierungsfreien Umgangs ebenfalls eine Rolle spielt“, so die Pressesprecherin der IHK Berlin Claudia Engfeld. Bei der Handwerkskammer geht zuletzt das Engagement gegen Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität nicht über die allgemeinen Ausbildungsberater hinaus. 


Leuchtturm Köln

Sehr engagiert zeigt sich die IHK Köln. So fährt die IHK Köln das umfangreichste Paket, um junge queere Menschen während der Ausbildung zu unterstützen. Die Kölner arbeiten dazu mit queeren Netzwerken zusammen, haben die „Charta der Vielfalt“ unterzeichnet und 2013 wurde der Arbeitskreis „Diversity“ gegründet, wo Kölner Unternehmen und Behörden an einem Tisch sitzen: „Als IHK Köln sind wir Anlaufstelle für alle an der betrieblichen Ausbildung Beteiligten, also selbstverständlich auch für queere Auszubildende. Dabei sind unsere Ausbildungsberaterinnen und -berater der Ansprechpartner für Auszubildende, die im Rahmen ihrer Ausbildung negative Erfahrungen machen – also zum Beispiel für Auszubildende, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Identität Diskriminierung erfahren. Die Ausbildungsberatung berät wiederum auch Unternehmen, die Fragen zum Themenbereich LGBTQ haben“, so der stellvertretende Pressesprecher der IHK Köln Jörn Wenge.

Auch die Handwerkskammer Köln ist hier weiter als die Kollegen in München und Berlin. Wie die IHK Köln hat auch die HWK die Charta der Vielfalt unterzeichnet und im letzten Newsletter auch das Thema LGBTQ direkt angesprochen. „In vielen Handwerksunternehmen herrschen familiäre Strukturen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten von morgens bis abends eng zusammen. Kommt es dabei in unseren Mitgliedsbetrieben zu Konflikten, ist die Handwerkskammer zu Köln eine kompetente Ansprechpartnerin, um beiden Seiten – Ausbildungsbetrieb und Auszubildenden – beratend beizustehen, eine gemeinsame Gesprächsbasis zu finden und Lösungswege zu erarbeiten, mit denen alle Beteiligten einverstanden sein können. Ziel ist es, dass das Ausbildungsverhältnis vertrauensvoll weitergeführt werden kann. Manchmal ist es aber auch ratsam, neue Denkanstöße zu liefern oder Alternativen vorzuschlagen“, so Jascha Habeck, Leiter der Stabsstelle Kommunikation Marketing & Events. Unabhängig von IHK und HWK hat das Land Nordrhein-Westfalen zusätzlich die Netzwerkstelle „UNTERNEHMEN VIELFALT“ ins Leben gerufen, die unter dem Dach des Ministeriums für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen (MKFFI) organisiert ist.


Die Rolle der Gewerkschaften

Wer einmal in einer betrieblichen Ausbildung war, weiß, wer in den ersten spannenden Wochen vorbeikommt, um die neuen Azubis zu begrüßen. So sind oftmals auch die Vertreter der verschiedensten Arbeitnehmergewerkschaften zu Gast, um die jungen Arbeiter als Mitglieder zu gewinnen. In einer modernen Arbeitswelt müssen auch die Gewerkschaften das Thema „Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität“ mit im Portfolio ihrer Mitgliedschaft anbieten. Die beiden größten Gewerkschaften für Bau, Handwerk und Industrie sind die Industriegewerkschaft Metall (IG Metall) und die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE). Die IG Metall, die als einziges auf die MyGay-Anfrage geantwortet hat, sieht den Ball allerdings in erster Linie bei den Betrieben und weist auf die Betriebsräte hin. Unbeantwortet bleibt die Frage, was mit jenen Betrieben ist, in denen es keinen Betriebsrat gibt, wie es in vielen kleinen und mittelständigen Unternehmen bis heute der Fall ist.

Es gibt bei der IG Metall mehrere Workshops beziehungsweise Seminare, die auch den Themenbereich LGBTQ und Diversity behandeln. Diese stehen auch den Jugend- und Auszubildendenvertretungen offen. Ein überregionales LGBTQ-Netzwerk gibt es nicht, kann aber in einzelnen lokalen Ebenen vorhanden sein. Anlaufstellen können die lokalen Jugendsekretäre sein, aber geschulte Diversity-Berater, wie es bei der IHK der Fall ist, gibt es nicht. Allerdings engagiere sich die IG Metall trotzdem für Diversity, wie die Pressesprecherin Alina Heisig explizit festhält: „Auch abseits der betrieblichen Ebene setzt sich die IG Metall als zivilgesellschaftliche Kraft für Gleichstellung, Vielfalt und Gleichberechtigung unabhängig von sexueller Orientierung, Geschlecht, Herkunft oder Religion ein und beteiligt sich beispielsweise vielerorts an Veranstaltungen und Kundgebungen zum Christopher Street Day.“


Es braucht mehr Barrierefreiheit für queere Auszubildende

Weder die Handwerkskammern, die IHK-Geschäftsstellen noch die angefragten Gewerkschaften haben direkte Anlaufstellen oder gehen in eine offensive Kommunikation, um LGBTQ-Jugendliche, die in Ausbildung sind, zu erreichen und zu informieren. Nur das Bundesland NRW hat eine eigene staatliche Stelle, wo sich Unternehmen hinwenden können, um LGBTQ-Fragen zu stellen und gemeinsame Lösungen zu finden. Die IHK-Stellen und HWK-Stellen in NRW arbeiten mit der Netzwerkstelle zusammen. Dies ist ein Leuchtturm für andere Bundesländer.

So fehlt es vielerorts auch an der queeren Sichtbarkeit auf den Homepages der Kammern und Gewerkschaften, dadurch entsteht zudem eine Hürde, die es zu vermeiden gilt. Eine Hürde, die abgebaut werden muss, um Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität am Ausbildungsplatz effizienter zu bekämpfen und auch spannende Berufsfelder jenseits aller schwulen Klischees für homosexuelle Menschen attraktiver zu gestalten. Das kann und sollte gelingen – im Interesse aller Beteiligten. Gerade auch im Hinblick auf den derzeitigen Fachkräftemangel mit aktuell rund 65.000 offenen Stellen (Institut der deutschen Wirtschaft) in Deutschland, ist das Handwerk auch für LGBTQ-Arbeitnehmer ein spannendes Berufsfeld mit guten Zukunftsperspektiven.


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