Illegale Sexpartys – ein Insider berichtet!


Seit einigen Wochen häufen sich vor allem in Berlin die Fälle, in denen die Polizei in Privatwohnungen oder extra dafür angemieteten Ferienhäusern illegale schwule Sexpartys räumen muss (MyGay berichtete). Trotzdem scheinen die Veranstalter hinter den Events unbeirrt weiterzumachen.

Das MyGay Magazine hat mit drei Teilnehmern dieser Sexpartys gesprochen, die verständlicherweise anonym bleiben wollen. Einer der drei Männer erklärte sich zu einem Interview bereit. Die Aussagen decken sich soweit möglich mit den Angaben der Berliner Polizei, zudem haben die drei Männer unabhängig voneinander die Abläufe bestätigt. Auf Anfrage des MyGay Magazine sind ähnliche Vorfälle in dieser Größenordnung aus anderen Städten wie München, Köln oder Hamburg nicht bekannt.

Markus*, erzähle uns bitte einmal, wie läuft das grundsätzlich ab?

Das ist relativ einfach, meistens läuft es über die Chill-App. Man hat dort Kontakt zu anderen Kerlen, die bereits auf einer solchen Party waren und wird dann sehr schnell in eine geschlossene Whatsapp-Gruppe eingeladen. Da bekommt man dann eine Uhrzeit und einen Treffpunkt genannt. Am Treffpunkt - oft irgendeine etwas abseits gelegene Straße - ist dann meistens einer der Veranstalter und man geht zu Fuß dann zur eigentlichen Location weiter. Anfangs waren das wohl noch kleine Privatwohnungen, da tummelten sich dann 50 Kerle auf 30 Quadratmetern, also ein Feeling wie in der Dampfsauna. Inzwischen kommen wohl immer mehr Männer dazu, weswegen aktuell wohl häufiger Ferienwohnungen über Airbnb angemietet werden. Gerne auch mal etwas weiter draußen im Ländlichen, da, wo es weniger Nachbarn gibt, die die Polizei rufen könnten.


Hattest du auch direkt Kontakt mit den Veranstaltern? Und warum organisieren diese solche Partys, die in Zeiten der Pandemie und des Lockdowns eindeutig illegal sind.

Ich denke, da steckt ein eindeutig finanzielles Interesse dahinter. Die Partys sind ja nicht kostenlos, zumeist zahlst du 15 Euro Eintritt pro Person. Im Laufe eines Abends sind da ein paar hundert Kerle mit dabei, da bist du locker bei über 7.000 Euro Umsatz pro Abend. Bis auf die Miete und ein paar Getränke hast du ja auch keine Ausgaben. Je nach Party sind auch gerne mal Drogen mit im Spiel und, soweit ich das mitbekommen habe, verdienen die Veranstalter da zusätzlich mit.


Mehrere dieser Partys wurden in letzter Zeit von der Polizei aufgelöst, die Männer werden behördlich erfasst und ein Bußgeld droht. Warum finden trotzdem weiter solche Sex-Events statt?

Naja, in Berlin sind Polizei und Ordnungsamt einfach auch komplett überladen mit offenen Fällen. Es passiert nicht selten, dass Ordnungsverfahren eingestellt werden. Und selbst wenn, dann bleiben die Bußgelder selbst bei mehreren Verstößen meist im moderaten Bereich, sprich, du zahlst 200 Euro und gut ist. Für die einzelnen Männer wie mich ist das schon schmerzhaft, auf der anderen Seite, die 200 Euro hast du früher vielleicht auch mal an einem Wochenende im Club verballert. Und für die Veranstalter selbst sind die Bußgelder wohl nur ein Trinkgeld, das merken die gar nicht.


Warum bist du auf einer solchen Party gewesen?

Ich hatte Lust auf Sex. Ich bin früher beinahe jedes Wochenende in der Szene unterwegs gewesen. Das Lab (Anmerkung der Redaktion: Sexclub Lab.oratory Berlin) war mein zweites Zuhause. Alles dicht seit Monaten. Nur zu Hause sitzen und selbst herumspielen ist auf Dauer auch nicht cool und selbst schnelle Dates anonym online sind deutlich weniger geworden, viele Kerle haben Angst oder sind vorsichtig wegen Corona. Mir fehlte einfach auch dieses Gruppenerlebnis, schwitzende Körper, Stöhnen, diese Summe aus geilen Kerlen. Ein Freund hat mir davon erzählt und da habe ich nicht lange nachgedacht und war dabei.

Du gehst inzwischen nicht mehr da hin. Was hat dich umdenken lassen?

Naja, ich bin wohl etwas naiv dahin gegangen. Ich habe irgendwie gedacht, dass die Kerle wenigstens vorab einen Schnelltest machen, um abzuchecken, ob sie das Virus haben. Das ist aber nicht der Fall. Und von Seiten der Veranstalter gibt es da auch keine feste Regelung. Es ist ihnen, glaube ich, schlicht egal. Ergo, wie früher im Club auch, laufen da ebenso viele Männer herum, die grundsätzlich wenig Wert auf Schutz legen, egal ob HIV, STI oder eben Covid. Die meisten Kerle an den Abenden, wo ich da war, haben auch bare gefickt. Mich hat letztendlich die Tatsache abgeschreckt, dass ein Kumpel von mir nach einer solchen Party positiv auf Corona getestet worden ist. Der ist Anfang 30 und lag die letzten drei Wochen im Krankenhaus mit einem echt schweren Verlauf. Ich weiß, dass das irgendwie echt dämlich klingt, aber ich hab früher gedacht, ich bin jung, gesund, mir passiert schon nichts. Erst durch das Erlebnis mit dem Kumpel hat es bei mir im Kopf wohl wirklich klick gemacht.  


Ärgert dich das Verhalten der Veranstalter heute?

Ja, das tut es. Klar, es geht eigentlich um Sex und Lebensfreude, aber die machen aus der Not eine Geldmaschine und das finde ich extrem habgierig und asozial der ganzen Szene gegenüber. Zwei meiner Freunde sind Wirte und haben ne schwule Kneipe in Berlin. Die dürfen nicht öffnen, kämpfen ums nackte Überleben. Inzwischen denke ich, dass Veranstalter dieser Sex-Partys mitverantwortlich dafür sind, dass die Infektionszahlen in Berlin steigen oder hoch bleiben. Und damit all die Szenewirte noch länger geschlossen bleiben müssen. Ja, das empfinde ich als asozial gegenüber der Community. Noch dazu, da einige dieser Veranstalter, die ich kennengelernt habe, selbst beruflich mit der Szene verbunden sind. Die arbeiten für schwule Medien oder Eventveranstalter, machen groß auf „Wir sind die Community“ und ficken dann mit ihrem Verhalten all die anderen. Aber das reflektiert man nicht sofort, es braucht ne Weile, bis man das versteht. Für mich war die Konsequenz, dass ich da nicht mehr mitmache und dafür vielleicht nach dem Lockdown noch die eine oder andere Location existiert, wo die Party wieder abgehen kann.

Wir danken Markus* für das Interview. Das Gespräch wurde persönlich geführt, handschriftlich festgehalten und überarbeitet von der Redaktion. Markus ist nicht der richtige Name des Interviewten.  


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