Die Sinnlichkeit eines Bleistifts


Diese Bilder sind magisch! Sie nehmen einen sofort gefangen, lassen einen innehalten und dann mit offenem Mund erneut hinsehen. Wer nur einen flüchtigen Blick riskiert, läuft Gefahr, die Qualität dieser Arbeiten nicht zu sehen - weil er die Bilder für Fotografien hält. Doch hier hat sich jemand wirklich die Mühe gemacht, im Detail die Faszination des männlichen Körpers festzuhalten.

Dieser „Jemand“ ist der Franzose Fabien, der eigentlich gut bürgerlich als Lehrer in Berlin arbeitet und am liebsten den Abend am Tempelhofer Feld mit Pizza und Bier ausklingen lässt. Doch in den späten Abendstunden dann greift er zum Bleistift und verwandelt sich in sein Alter Ego Jack. Und wir müssen jetzt und hier gestehen, wir lieben Jack und seine Kunstwerke.

Fabien, wie kommt ein Franzose aus dem wunderschönen Lyon nach Berlin Kreuzberg?

Ich spürte einfach irgendwann in mir den Drang, etwas anderes zu entdecken, ein neues Leben außerhalb Frankreichs. Kurzentschlossen bin ich dann einem Mann nach Berlin gefolgt. Immer eine gute Idee! Aber ich mochte die Stadt sofort! Die Stimmung hier, dieses Gefühl der Freiheit, die Menschen. Ich sagte mir: Hier möchte ich leben!

Wie bist du zum Zeichnen gekommen?

Ich zeichne, seitdem ich ein Kind bin. Schon in der High School habe ich Zeichnen studiert, aber ich habe mir auch selbst viel beigebracht. Am meisten fasziniert und inspiriert hat mich dabei ganz klar Tom of Finland - er ist der Meister! Ich bin Autodidakt und habe seitdem einfach nie mehr aufgehört zu zeichnen, auch wenn ich mich anfangs vor der Arbeit mit dem Bleistift an verschiedene Arbeitsmaterialien wie Acryl oder Tinte gewagt habe.


Inzwischen ist der Bleistift dein treuer Begleiter bei deiner Arbeit geworden. In Zeiten von Tablets beinahe ein wenig „old school“, aber ich kann mir gut vorstellen, dass man durch die Arbeit mit einem Bleistift ein besonderes Gespür für Linien und eine Bildtiefe bekommt. Eine besondere Sinnlichkeit sozusagen.

Das stimmt, ja! Durch die Arbeit mit einem Bleistift kann ich die Schatten und Lichter der Zeichnung und das Motiv sehr genau einfangen und anpassen. Wenn ich anfange, mit einem Bleistift auf einem weißen Blatt Papier zu zeichnen und die ersten Konturen festlege, verliere ich mich vollkommen darin. Ich liebe es!

Nebst der Leidenschaft für deine Werke musst du aber auch ein besonderes Händchen für die Details haben, oder? Ich kenne nicht viele Künstler, die so detailreich und gerade dadurch besonders faszinierend zeichnen können.

Zunächst einmal, vielen Dank für das Kompliment. Ich würde sagen, dass diese Arbeit wirklich viel Geduld erfordert. Ich kann so problemlos mindestens eine Woche lang an nur einer Zeichnung sitzen und arbeiten. Wenn ich ein Foto vor mir habe, betrachte ich immer zuerst die Schatten und Konturen des Modells. Wenn es ins Detail geht, benutze ich dann verschiedene Bleistifte.

Deine Bilder strahlen eine enorme Leidenschaft aus - wie gelingt dir das?    

Meine Zeichnungen beginnen immer mit einer Begierde, einer Fantasie, einem besonderen Moment mit einem Mann. All dies möchte ich in meinen Zeichnungen vermitteln. Der Betrachter kann sich in die Situation hineinversetzen, die ich zeichne und sich vielleicht selbst an einen solchen Moment erinnern. Ich möchte den Betrachter um den Verstand bringen!


Wie hast du dein Coming Out erlebt?

Ich komme aus einem kleinen Dorf. Wirklich niemand erzählte mir etwas von einer schwulen Community. Meine Sexualität entdeckte ich erst in Lyon. Fortan war mein Schlachtruf: Sei stolz auf dich - du bist schwul! In Berlin fühle ich mich heute sehr frei, mein Leben zu leben, auch wenn ich weiß, dass Berlin eine Blase ist. Aber sie bietet mir Schutz. Die Vielfältigkeit in der Community hier bereichert mein Leben wirklich sehr - und es gibt mir zudem viel Inspiration für meine Zeichnungen. Berlin ist eine Stadt der Künstler. Man lernt immer spannende Leute mit neuen Projekten kennen. Ich mag diese Einfachheit in den Dingen und ich fühle mich sehr frei dabei.

Stichwort Nacktheit - ein besonderes Augenmerk legst du auch sehr gerne auf nackte, stark behaarte Männerbrüste. Man kann sich allein deswegen sofort in deine Zeichnungen verlieben.   

So geht es mir auch! Das sind eben genau die Typen, die ich wirklich mag! Wenn du einen haarigen Kerl in einem Club oder am See triffst, dann siehst du plötzlich nur noch ihn! Diese Kerle sind sehr aufregend. Bei den Zeichnungen liebe ich es zudem, mich sehr genau auf die Gesichtszüge und die Augen zu konzentrieren, das macht die ganze Sache sehr lebendig.

Du veröffentlichst deine Bilder unter dem Brand: The Boys of Jack. Wie geht es deinem Alter Ego und was plant er für die Zukunft?

Jack geht es gut. Ich bin im normalen Leben eher ein schüchterner Typ. Jack dagegen ist mein ungezogener Junge! Und er ist ein Teil von mir. Wir beide wollen gerne weiterhin in Berlin leben, Zeichnungen anfertigen und vielleicht auch einmal eine Ausstellung machen. Ich wusste früher nichts über das schwule Leben und verstand erst nach und nach meine Leidenschaft für Männer. Ich entdeckte meine Liebe zu erotischer Gay-Art, wie zum Beispiel von Tom of Finland oder Pierre & Gilles. Wenn meine Zeichnungen heute andere Männer ebenso begeistern können, wäre das wirklich cool. Wir sollten uns niemals dafür schämen, wer wir sind. Wir sollten stolz darauf sein!

Autor: Michael Soze

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