Drag-Queens: Der Mensch hinter der Maske


„Dressed as a guy“ – wenn Männer zu Frauen werden. Dabei geht es in erster Linie um die Optik, um die kreative Außendarstellung der Frau mit Hilfe von Fashion und Perücke. Wobei natürlich in der heutigen Zeit festzustellen ist, dass es nicht die eine stereotypische Frau gibt, die in High Heels und toupierter Frisur durch die Berliner Nacht läuft. Daher ist auch Drag mittlerweile so unterschiedlich und facettenreich geworden.

Drag ist nicht erst seit wenigen Jahren oder Jahrzehnten eine Kunstform, sondern bereits seit Jahrhunderten. So war 1597 die erste Julia in der Bühnenaufführung zu William Shakespeares „Romeo und Julia“ eine Drag. Denn erst 1660 war es in Großbritannien den Frauen gestattet, auf der Bühne eine Rolle zu spielen. Was damals ein riesiger Skandal war. Zuvor haben ausschließlich Männer die weiblichen Rollen gespielt. Wenn man es genau nehmen will, waren bis dato alle bühneninszenierten Liebesszenen homoerotische Vorführungen. Drag als Kunstform ist geblieben und hat sich mit der Zeit verändert. Von den einen wird es geliebt und von den anderen skandalisiert. Drag kann dabei in sich so unterschiedlich sein, weil hinter dem dicken Make-up und dem tonnenweisen rosa Tüll unterschiedliche Männer stecken. Männer mit vielfältigsten Biographien und Talenten.


In Deutschland ist Drag auch unter dem Begriff „Travestie“ bekannt. In den 90er-Jahren war Georg Preuße alias Mary der bekannteste Travestiekünstler in Deutschland, weil nicht nur die LGBTQ-Community zu seinen Shows gegangen ist, sondern vorwiegend auch heterosexuelle Menschen. Am Ende einer jeden Show zeigte Mary, dass hinter dieser Frau der Mann Georg Preuße steckt, in dem er sich zum Lied „So leb dein Leben“ auf der Bühne abschminkte. Lange Zeit war Drag nur noch das Schrille, Laute und Bunte innerhalb der LGBTQ-Gemeinschaft.

Drag wurde von der Mehrheitsgemeinschaft nicht mehr als Kunstform gesehen. Erst mit der US-Serie „RuPaul“ und der Staffel „Queen of Drags“ wurde Drag (Travestie) in Deutschland wieder zu einer ernstzunehmenden Kunstform. Die RuPaul´s Drag Race – Tour 2019 war in wenigen Tagen ausverkauft und es füllten sich Hallen mit über jeweils 4.000 Zuschauern. Wie in den 90er-Jahren fasziniert Drag nun erneut ein breites und diverses Publikum. Drag wird als Kunstform wieder wahrgenommen: als ein Stück Kultur. Dabei interessiert man sich endlich auch wieder für die Männer, die hinter dem Make-up und dem rosa Tüll stecken.

Iris Edinger

Die Fotografin Iris Edinger, geboren 1970 in einem ländlichen Dorf nahe Krefeld, lebt und arbeitet heute in Düsseldorf. Inspiriert durch ihren Vater, Horst Edinger, hat sie bereits mit 17 Jahren die Leidenschaft für die Fotografie für sich entdeckt.

Mit dem Brustkrebsprojekt FUCK IT – I’M ALIVE! hat sie bereits bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Sie fotografierte Frauen und Männer nach ihrer Brustkrebs-Erkrankung, unverstellt mit ihren sichtbaren Narben auf der Haut. Eine Ausstellung, die berührte. Aktuell nun arbeitet Iris Edinger an einer DRAG-Fotoausstellung. Sie will dabei hinter die Drag-Figur blicken, um so die Vielfalt dieser Kunstform aufzuzeigen, und sucht für dieses Projekt noch Drag-Künstler. Ziel ist es dabei, nicht nur Queens, sondern auch Kings für die Idee zu begeistern (Bei Interesse E-Mail an: [email protected]).

Iris, wie ist es überhaupt zu diesem Projekt gekommen?

In den 90iger Jahren sah ich zufällig bei Spiegel TV einen Bericht über Drag Kings und Queens. Seit dieser Zeit habe ich dieses Projekt im Kopf. Im Sommer letzten Jahres entschied ich mich dann, das Fotoprojekt endlich umzusetzen. Nachdem ich im Herbst 2020 dann aber »Drag Queens« als Teil der Ausstellung »CloseUps« von Martin Schoeller gesehen hatte, habe ich kurz gezögert. Letztendlich ist aber jedes Motiv schon unzählige Male umgesetzt worden und den Unterschied wird mein Blick, Stil und meine Protagonisten machen. Die ersten Motive entstanden mit Tim, dem Kindergärtner meines Sohnes. Er brachte zwei Freunde mit, einen Bankkaufmann und einen Studenten. Das sind die ersten Bilder, auf denen die Serie aufbaut, und zu der wir bereits weitere Ideen entwickelt haben, die wir nun umsetzen werden.


Gibt es ein spezielles Ziel, das du mit deiner Arbeit verfolgst?

Über Ziele in meinen Projekten oder Fotografien zu sprechen, fällt mir immer schwer. Mich inspiriert viel und ich kreiere. Das ist eine Intuition, ein Drang, weniger eine konkrete Entscheidung. Im Moment befindet sich das Projekt noch im Wachstum und wird sich mit der Zeit weiterentwickeln. Sicher ist aber, ich möchte Menschen in ihren unterschiedlichen Facetten zeigen. In diesem Fall einen Teil zeigen, der vielleicht nur einer kleineren Gruppe oder einem bestimmten Kreis vorbehalten ist, und sie so für die Allgemeinheit zugänglich zu machen. Für mich ist die Freiheit und Toleranz, so sein zu dürfen, wie man sich fühlt oder wer man ist, sehr wichtig. Für viele sind Menschen, die sich Kleider des anderen Geschlechts anziehen und mit Frisuren und Makeup spielen, immer noch sonderbar und befremdlich. Aus meiner Sicht ist das Erschaffen von Figuren ein kreativer Prozess, den ich gerne dokumentieren und so ein Stück Normalität geben möchte. Ich möchte für Offenheit und Toleranz werben und Themen aus der Tabuzone holen.

Was begeistert dich an dieser Arbeit?

Grundsätzlich portraitiere ich gerne Menschen. Mich interessieren ihre Facetten und Details, oft fotografiere ich „nur“ die Gesichter in Schwarz-Weiß. Bei diesem Projekt habe ich klar eine andere Idee. Farbe sollte es sein. Aber ohne Schwarz-Weiß kann ich offensichtlich nicht ganz und es drängt mich nach einer Umsetzung hier. Am Ende wird es wohl eine Kombination werden. Mich interessieren die Zwischenwelten. Insofern sind für mich die Motive, in denen sich der Verwandlungsprozess in der Entstehung befindet, der spannende Teil. Also die Transition zwischen den Welten. Das begleitet mich schon sehr lange, bereits mit 13 Jahren habe ich David Bowie entdeckt und war von seiner Musik und seiner wechselnden Erscheinung und seinen Figuren fasziniert. Androgynität war für mich immer schon etwas sehr Spannendes, ich glaube, wir alle tragen dies in uns.


Was macht für dich selber Drag aus?

Drag ist für mich: Freiheit, Freude, Fantasie. Es ist ein Spiel, ein Entdecken, eine Fantasiereise. Es geht um Mut und Individualität. Es geht aus meiner Sicht nicht darum, eine Frau oder ein Mann zu werden. Es ist ein Spiel mit Klischees und Vorurteilen, lebt oftmals von Übertreibungen und hat keinen Anspruch auf Realität. Was aber fotografisch gesehen für mich nicht heißt, dass ich freudig lachende Menschen ablichte. Es ist vielmehr die Selbstverständlichkeit, die ich sichtbar machen möchte.

Wie muss für dich Drag sein, dass es dich anspricht?

Was mich persönlich reizt, ist die Reduktion und die Gegensätzlichkeit. Die Kostüme und die Schminke sind umwerfend faszinierend, opulent und mondän. Das Festhalten in meiner Bildsprache ist spannend. Aber ich liebe die Reduktion, die Facetten, die den Übergang ausmachen und für beide Personen oder Figuren stehen. Die Kombination des Üblichen mit Aspekten, die überraschen und irritieren. Das ist der Teil, den ich persönlich und fotografisch am spannendsten finde. Mich fasziniert an der Arbeit mit Drag-Künstlern ihre Freude und ihr Spaß an ihrer Sache! Manchmal ist die Freude sicher auch ein Aufbäumen gegen Konventionen oder Enge. Umso schöner zu erleben, wie sie bei der Verwandlung darin versinken.


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