Wann dürfen sich HIV-Positive impfen lassen?


Während es aktuell noch immer Schwierigkeiten gibt bei der Vergabe von Impfterminen in Deutschland und zahlreiche Länder im europäischen Vergleich die Impf-Situation gegen Covid-19 aktuell wohl besser im Griff haben, stellt sich gerade im Hinblick auf den Impfstoff von AstraZeneca die Frage, wann Menschen anderer Gruppen geimpft werden können.

Der Impfstoff von AstraZeneca soll vor allem bei älteren Personen einen nicht ganz so hohen Schutz bieten wie die beiden ersten, zugelassenen Impfstoffe (BioNTech/Pfizer und Moderna), weswegen viele Bürger aktuell eher skeptisch diesem gegenüber stehen. So muss sich die Bundesregierung aktuell mit der absurden Situation beschäftigen, dass die begehrten Impfstoffe rar sind, während der Vektor-Impfstoff von AstraZeneca oftmals ungenutzt liegen bleibt.

Warum also nicht damit anfangen, nebst den über achtzigjährigen Menschen auch Personen aus den Risikogruppen 2 und 3 zu impfen? Darüber wird aktuell noch diskutiert, vereinzelt haben sich Bundesländer bereits ausgesprochen, dass unter 65-jährige Menschen ab der Gruppe 2 und abwärts aktuell nur noch den Impfstoff von AstraZeneca angeboten bekommen sollen. Aktuell befinden sich in Impfgruppe 3 Menschen mit einer chronischen Erkrankung, dazu gehören auch HIV-positive Personen.

Sven Lehmann, der queer-politische Sprecher der Bundestagsfraktion Bündes 90 / Die Grünen spricht sich für eine baldige Impfung HIV-positiver Menschen aus: „Es ist gut, dass Personen mit einem positiven HIV-Status in der Gruppe 3 frühzeitig geimpft werden können. Es muss aber sichergestellt werden, dass niemand aus Angst vor Stigmatisierung oder ungewolltem Outing auf sein Recht auf eine Impfung verzichtet. Es muss ausreichend sein, dass Ärzte bescheinigen, dass eine der (…) genannten Erkrankungen vorliegt, ohne die konkrete Diagnose zu benennen. Darauf sollten alle Betroffenen bestehen."

Sven Lehmann, Bündes 90 / Die Grünen

Auch Florian Kluckert, der gesundheitspolitische Sprecher der FDP im Abgeordnetenhaus, sieht die Situation ganz ähnlich: „So wichtig das schnelle Impfen von Menschen mit Vorerkrankungen auch ist, darf Schnelligkeit nicht vor Gründlichkeit gehen. Gerade im Umgang mit sensiblen Krankheiten ist es wichtig, dass der Datenschutz jederzeit eingehalten wird. Solange die Impfungen aus logistischen Gründen in den Impfzentren erfolgen, muss die Vergabe der Einladungs-Codes für Menschen mit Vorerkrankungen unbedingt über die Haus- oder Fachärzte erfolgen, denn diese kennen ihre Patienten am besten.“

Florian Kluckert, FDP

Hintergrund der Forderungen ist die Frage, wie sich Menschen der Gruppe 3 zu einem Impftermin anmelden können, ohne jedes Mal ihre konkreten Erkrankungen im gesamten Terminvergabevorgang erläutern zu müssen. Das käme einem Zwangsouting gleich und würde gerade viele HIV-positive Menschen wahrscheinlich davon abhalten, sich gegen Corona impfen zu lassen.

Die Deutsche Aidshilfe hat jetzt zusammen mit der Deutschen Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter e.V. (dagnä) sowie der Deutschen Arbeitsgemeinschaft HIV- und Hepatitis-kompetenter Apotheken (DAH2KA) eine Erklärung verfasst, in der sie vorschlagen, HIV-positive Menschen mit schwerem Immundefekt ausdrücklich in die Kategorie 2 („hohe Priorität“) zu verlegen.

Auf Rückfrage des MyGay Magazins bei der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit beispielsweise, befindet sich das Vergabe- und Einladungs- sowie Anmeldeverfahren noch in der Planung. Aktuell gäbe es nicht ausreichend Impfstoff, um beispielsweise HIV-positive Menschen direkt über Schwerpunktpraxen impfen zu lassen.

Prinzipiell können sich Menschen mit HIV problemlos impfen lassen. Wenn das Immunsystem durch HIV stark angegriffen ist, kann eine Impfung allerdings schwächer wirken. Menschen mit HIV gehören aktuell noch zur Kategorie 3 der Priorisierungsstufen in der Corona-Impfverordnung. Ist bei HIV-erkrankten Menschen ein schwerer Immundefekt diagnostiziert, sind diese Personen in die Kategorie 2 einzustufen. Wichtig ist in beiden Fällen, dass die Berechtigung ärztlich bescheinigt wird. Die HIV-Diagnose selbst wird in der Bescheinigung nicht genannt.


Wie konkret könnte nun die Terminvergabe ablaufen?

 Eine Möglichkeit wäre es, dass man den Schwerpunkt-Praxen eine bestimmte Anzahl an „Codes“ zur Verfügung stellt und diese dann an ihre HIV-Patienten weitergegeben werden. Mit diesem Code kann sich ein HIV-positiver Mensch dann einen Termin zur Impfung geben lassen. Noch besser wäre es künftig natürlich, wenn wenigstens ausgewählte Schwerpunkt-Praxen ein eigenes Kontingent an Impfdosen zur Verfügung hätten, so wie es in Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise heute schon der Fall ist.

Bereit dafür wären die meisten Schwerpunkt-Praxen wohl jetzt bereits, wie beispielsweise die Berliner Praxis Jessen und Kollegen versichert: „Sicherlich ist es für die Patientinnen und Patienten angenehmer, wenn Sie das in ihrer Praxis bekommen könnten. Wir hätten auf jeden Fall die Voraussetzung dafür. Wir haben auch die entsprechenden Kühlschränke hier“, so Dr. Heiko Jessen, Facharzt für Allgemeinmedizin, Sportmedizin und Infektiologie gegenüber dem MyGay Magazine.


Autoren:

Michael Soze

Sebastian Ahlefeld

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