Küss die Hand, Salzburg!


Küss die Hand, der Herr. Wir sind in Salzburg. Kleine Stadt, ganz groß. Salzburg gehört zu einem jener Orte, die nicht durch Masse, sondern durch Klasse besticht – ähnlich wie Venedig. Was dem Venezianer der Canale Grande ist, sind den rund 150.000 Einwohnern der Festungsstadt die Salzach. Sie schlängelt sich durch die Innenstadt, eine allseits Wissende, die schon alles gesehen hat.

Wenn man sich das erste Mal der kleinen Stadt nahe den Alpen nähert, ist man ernüchtert. Außerhalb des altehrwürdigen Stadtzentrums ist Salzburg ähnlich hässlich wie die Plattensiedlungen in Berlin-Marzahn. Augen zu und durch! Das richtige Salzburg beginnt, wenn man durch den Mönchsberg fährt. Linkerhand begrüßt einen die berühmte Pferdeschwemme aus dem 17.Jahrhundert. Hier wurden die edlen Rösser durchgeführt, um gereinigt zu werden oder im Sommer abzukühlen.

Diese Reinigung, praktisch von Innen heraus, erfährt der geneigte Kulturfreund gleich gegenüber im berühmten Festspielhaus. Karten dafür zu bekommen, scheint indes genauso schwierig zu sein wie für die berüchtigten Jedermann-Spiele, die jeden Sommer am Domplatz stattfinden. Manche Ticketbuchung wird wohl stets einfach testamentarisch weitervererbt werden. In der Innenstadt ist alles alt, antik, besonders und einzigartig. Die engen Gassen atmen den Hauch von Kultur und lassen sich selbst durch Heerscharen von asiatischen Urlaubern samt Selfie-Stick nicht aus der Ruhe bringen. Vor dem Geburtshaus des ersten Sohnes der Stadt, dem Jahrhundertgenie Wolfang Amadeus Mozart, kann man so nur für den Bruchteil von Sekunden verweilen, bevor einen der Strom der Massen wieder mitreißt.


Wir werden alsbald ausgespuckt auf den Alten Markt, wo wir mit etwas Glück vielleicht einen Platz im altehrwürdigen Café Tomaselli finden – das älteste noch betriebene Kaffeehaus Österreichs, dessen Ursprung auf das Jahr 1700 zurückreicht. Die Damen im Kleidchen bringen dann die allesamt köstlichen, selbstgemachten Kuchen an den Tisch, während die Herren im edlen Anzug die Kaffeebestellung aufnehmen.

Ein wenig Vorwissen, was eine Melange oder ein Einspänner ist, kann nicht schaden. Das Besondere an diesem Platz ist nebst seiner zeitlosen Noblesse aber die wunderbare Tatsache, dass das Café nicht zu einem einzigen Touristen-Disneyland verkommen ist, sondern hier tatsächlich noch Salzburger im ebenso edlen Zwirn sitzen, Kaffee trinken, Zeitung lesen und die Weltpolitik beweinen.

Gestärkt können wir gleich um die Ecke eine überteuerte Fiakerfahrt (Pferdekutschfahrt) machen, den Residenzbrunnen bestaunen oder in den Salzburger Dom eintreten, dessen romanischer, erster Bau im Jahr 774 vollendet wurde. Immer wieder wurde der Dom nach Bränden und Bombenangriffen im Krieg erneuert und ausgebaut. Das ursprüngliche Skelett des Doms lässt sich in den Katakomben noch erahnen – hier finden sich auch die Gräber der einstigen Kirchenfürsten. Leider wohl ohne ihre Ministranten.


Morbid? Ja, das ist Salzburg allemal und immerzu gewesen. So schallt allsommerlich seit über hundert Jahren auch von den Hausbergen der Stadt der Ruf „Jedermann“ herab, wenn der reiche Herr im Theaterstück mit dem leibhaftigen Tode ringt. Für die Salzburger ist dies natürlich ein hohes Kulturgut, aber spätestens seitdem die talentbefreite Veronica Ferres die Buhlschaft des reichen Jedermanns gespielt hat, stellt sich die Qualitätsfrage nur noch nachrangig. Leider.

Das Ringen um Tod und Leben ist indes überall in der Stadt präsent, zum Beispiel auch beim kleinen aber wunderbaren Petersfriedhof samt der Margarethenkapelle. Und so erfasst es einen durchaus dann auch mit Ehrfurcht, wenn man von der Festung Hohensalzburg aus über die Stadt blickt – im Rücken die unnatürlich tiefblau leuchtenden Berge des Alpenvorlandes. Wer die Salzach anschließend über eine der Brücken überquert, kommt in wenigen Gehminuten schließlich noch zum Mirabellgarten samt Schloss, einer großzügigen und kunstvoll angelegten Gartenanlage.


Schwule Bücherwürmer werden in den zahlreichen, teils antiquarischen Buchläden der Stadt ihre helle Freude finden, allen anderen Homosexuellen stehen drei Lokalitäten zur Auswahl: In der Cruising Line kann man schon tagsüber Bekanntschaften schließen, während man in der Mexxx Gaybar auf jugendliche Frischfleischsuche gehen kann.

Für Männer mit lustvollen Trieben empfiehlt sich die zweigeschossige Cruising-Bar Dark Eagle inklusive des einzigen Darkrooms der Stadt. Wer lieber vor Staunen anstatt aus sexueller Freude den Mund weit öffnen will, sollte dann doch noch einen kurzen Abstecher in den Randbezirk der Stadt wagen.

Direkt am Flughafen steht der Hangar-7, ein gläserner Flugzeug-Hangar mit wechselnden Ausstellungen und all den teuren Spielsachen (vom Flugzeug bis zum Formel-Eins-Flitzer), die sich der Gründer von RedBull geleistet hat und Zuschauern nun gerne präsentiert. Allein der Hangar selbst ist eine bauliche Meisterleistung und absolut sehenswert.


Abschließend noch unser Geheimtipp: Unbedingt den Balkan Grill besuchen! Das winzige Fensterlokal in einem Durchhaus zwischen Pferdeschwemme und Getreidegasse ist der Gründungsort der berühmten Bosna – eine Art Hot-Dog, der aus gegrillten Schweinsbratwürsteln, Zwiebeln und frischer Petersilie besteht und mit einer geheimen Würzmischung zwischen zwei Weißbrotscheiben zu haben ist.

Egal, um welche Uhrzeit man vorbeischaut, es stehen zumeist mindestens zehn bis zwanzig Menschen dort an und warten geduldig auf die Würstelspezialität, die 1950 dort erfunden wurde. Amüsant dabei sind die Blicke all jener Touristen, die mit einem unverständlichen Kopfschütteln an den Wartenden vorbeimarschieren.

Ein allerletzter Tipp noch anbei: Seit Jahrzehnten wird heftig darum gestritten, wo es jetzt die wirklich besten Mozartkugeln gibt, also jene Kultsüßware aus Schokolade, Pistazien, Marzipan und Nougat, die als Mitbringsel für die Zuhausegebliebenen ein Muss ist. Wir empfehlen die Konditorei Fürst – gleich gegenüber vom Café Tomaselli. Der Konditor Fürst war auch jener, der das Naschwerk 1890 erfunden hat. So oder so, Leckermäuler werden in Salzburg also definitiv auf ihre Kosten kommen.


Autor: Michael Soze

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