Vancouver - ein Paradies für Schwule

Ein Besuch bei Freunden – so könnte man in kurzen Worten einen Besuch in Vancouver zusammenfassen. Freundlich gesinnt begegnen die Kanadier den Homosexuellen bereits seit vielen Jahren, im Jahr 2005 hat das Nachbarland der Vereinigten Staaten als viertes Land weltweit die Ehe für Homosexuelle niedergeschrieben.

Liberales Zentrum dieser Gesinnung ist Vancouver, wo jedes Jahr eine der größten CSD-Paraden mit über eineinhalb Millionen Menschen stattfindet. Die rund drei Millionen Homosexuellen in Kanada können freudig in die Zukunft blicken. Dieses besondere Gefühl von Freiheit und Liberalität ist es auch, die einen gerne als Besucher nach Vancouver kommen lässt.



Die Kanadier leben ihre Offenheit nicht nur, sie zelebrieren sie regelrecht. Sobald man am Flughafen angekommen ist, legt sich eine Leichtigkeit über einen, die die gesamte Reise über andauern wird. Hier kann ich die Hand meines Freundes jederzeit nehmen, ohne darauf achten zu müssen, was mögliche Passanten sagen könnten. Und schon geht es hinein in eine Millionenstadt, die so bunt zusammengewürfelt ist, dass Diversity eine völlig neue Bedeutung bekommt.  



Die schwule Szene Kanadas teilt sich im Wesentlichen in drei Städte auf: Vancouver, Toronto und Montreal. Dabei ist der Begriff „Szene“ fast schon nicht mehr aktuell, auch wenn wie in Vancouvers Daviestreet rosafarbene Bushäuschen, Mülleimer und Parkbänke für Jeden klar erkennen lassen, in welchem Viertel er sich befindet (Im Übrigen die Idee eines heterosexuellen Stadtangestellten!).

In Montreal tummeln sich die Gays in der Rue Ste-Catherine, in Toronto rund um die Yonge und Church Street. Doch die Gay-Szene Kanadas ist in zweifacher Hinsicht „out of the closet“, also geoutet. Spätestens seit 2005 gibt es nichts mehr, für das die kanadischen Gays ernsthaft kämpfen müssten. Schwule und Lesben werden nicht nur toleriert, sondern gleichberechtigt akzeptiert.

„Wir sind gewissermaßen Opfer unseres eigenen Erfolges“, erklärt Tänzer Kevin. So leben schwule Männer in den drei Städten großflächig verteilt, eine Szene, die engstirnig nur auf einige Straßenzüge verteilt ist wie in vielen deutschen Städten, gibt es kaum noch.



Was allerdings die schwule Gemeinschaft selbst angeht, so sind durchaus regionale Unterschiede zu erkennen. Während in Vancouver die Jungs eher unter sich bleiben, lebt es sich in Toronto und Montreal freizügiger, was sich auch an dem erhöhten Angebot an Gaylokalitäten abzeichnet. Allgemein zeigt sich, dass kanadische Männer zurückhaltender sind.

So einfach wie beispielswiese in Berlin oder Köln kommt es selten zu einem Date, außer man bedient sich der Internetplattform Craiglist, der größten ihrer Art, die von schnellem Gaysex bis zu Wohnungsanzeigen alles anbietet. Ansonsten muss man etwas Sitzfleisch beweisen, wenn man auf mehr als ein nettes Gespräch aus ist. Kontaktfreudig sind die schwulen Männer allerdings durchaus und erzählen bei einem Bier – am liebsten bei einem heimischen Kokanee – ihre ganze Lebensgeschichte.

Doch aufgepasst: Sex in den Clubs steht unter Strafe. Wer in Kanada Spaß haben möchte, ist auf die örtlichen Saunen oder bei sommerlichem Wetter auf Outdoor-Aktivitäten angewiesen. In Vancouver ist hierbei der Stanley Park die erste Adresse, der liebevoll von den Einheimischen auch als größte Psychiatercouch der Stadt bezeichnet wird. Wenn man genau hinsieht, kann es aber durchaus auch passieren, dass man in den Nebenstraßen zwei Jungs bei einem Blowjob erwischt.



Gerade Vancouver bietet hier eine Menge auf, wo sich jedes Wochenende die Partysüchtigen zwischen den eigens dafür gesperrten Straßen Robson und Granville treffen. Vancouver ist eine sehr junge Stadt und zieht dementsprechend auch wesentlich jüngeres Publikum an als andere Metropolen. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass neben dem illegalen Poppers auch Marihuana überall verkauft wird.

Der Handel mit der Hanfpflanze ist inzwischen einer der fünf größten Wirtschaftszweige des Landes geworden. Barmann Derek dazu: „Das ist für viele wohl die einzige Möglichkeit, sich hier in Vancouver eine akzeptable Wohnung zu leisten! Auch wenn es woanders mehr Gays gibt, das hier ist der place to be!“ Und in der Tat wird Vancouver jedes Jahr unter die Top 5 der lebenswertesten Städte weltweit gewählt. Das milde Klima, Berge im Rücken, das Meer direkt davor.

Freizeittechnisch bietet Vancouver mehr als jede andere kanadische Großstadt, weswegen es immer mehr Schwule auch genau hierhin zieht. Im Sommer können sie ihren trainierten Körper am Strand der English Bay zeigen, nachmittags den stählernen Surfern am Kitsbeach oder etwas außerhalb auf Vancouver Island am Long Beach nacheifern und in den Abendstunden am FKK-Strand Wreck Beach nahe der Universität auf ein schnelles Abenteuer hoffen.

Im Winter lockt der heimische Grouse Mountain. Das Epizentrum für die Gay-Community zur kalten Jahreszeit ist aber das nahegelegene Whistler, eines der größten Skigebiete des Landes. Hier finden die ganze Wintersaison über schwule Events statt, der Höhepunkt ist zweifelsohne der Winterpride. 



Zwei Dinge fallen im gayfriendly Kanada besonders auf: Zum einen die hohe Dichte an schwulen Männern aus der ganzen Welt. Speziell in Vancouver kommen Freunde von asiatischen Jungs auf ihre Kosten, fast dreißig Prozent der Einheimischen sind chinesischer Abstammung. Zum anderen das liberale Denken auch innerhalb der Gay-Community:

Während in schwulen Hochburgen Europas von Berlin über Zürich bis Wien oftmals klare Trennungen zwischen Alt und Jung oder Bären und Jungs gemacht wird, feiern in Kanada schwule Männer stets zusammen. Es ist nicht ungewöhnlich, in einem Club wie dem altehrwürdigen Pumpjack Pub in Vancouver zu stehen und zur selben Zeit von Lederkerlen und gestylten Teenies bis hin zu Drag-Queens umgeben zu sein.



Doch ist dieses liberale Lebensgefühl wirklich überall angekommen? Oder handelt es sich doch nur um eine Großstadt-Liberalität? Kann ein ganzes Land innerhalb so gayfriendly sein? Man möchte es wirklich glauben, wenn man zum Beispiel nach Surrey blickt, einem eher weniger ansehnlichen Stadtteil Vancouvers.

Die Ecke war einst bekannt für harte Jungs und einfache Mädchen: Der Begriff „Surrey-Girl“ ist bis heute eines der übelsten Schimpfwörter in der Stadt. Nachdem um die Jahrtausendwende herum eine Diskussion an den örtlichen Schulen eskaliert war, ob Lehrer schwulenfreundliche Bücher für den Unterricht verwenden dürfen, hat sich die Gay-Community inzwischen auch dort kräftig für Gleichstellung eingesetzt.

Einer der Vorreiter war Martin Rooney, der die Organisation Out in Surrey gründete: „Ich kann heute absolut sicher durch die Straßen hier spazieren, das wäre vor einigen Jahren nicht möglich gewesen. Damals wäre es zu Unruhen gekommen, wenn auch nur eine Drag-Queen hier entlangflaniert wäre.“ Und heute? Heute finden regelmäßig Shows der Ladys statt (Treffpunkt: Fireside Café), jedes Jahr gibt es einen kleinen Gaypride mit dem lokalen Bürgermeister an der Spitze und ein Jugendzentrum kümmert sich speziell um die Probleme von Schwulen und Lesben.

„Ab und zu wirst du vielleicht noch einmal komisch von der Seite angesehen, wenn du mit deinen Jungs unterwegs bist, aber da muss man eben darüberstehen. Von Gewalt gegenüber Schwulen habe ich seit langem nichts gehört!“ so Tänzer Kevin abschließend. Bleibt die Frage offen, ob es einen traurig stimmen sollte, dass sich in einem der liberalsten Länder der Welt eine Gayszene langsam auflöst, weil sie einfach nicht mehr gebraucht wird?

Doch von solchen Überlegungen sind wir ja noch ein ganzes Stück weit weg. Solange können wir als Besucher einfach nur diese wunderbare Stadt im goldenen Herbst genießen: Wir können über die siebzig Meter hohe Capilano Suspension Bridge spazieren, verrückte Bauwerke bewundern (Vancouver House!), in Granville Island alles kaufen, was das kreative Herz begehrt oder auch durch den größten Stadtpark Kanadas, den Stanley Park, flanieren – Hand in Hand mit dem Liebsten.


Autor: Michael Soze

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