Homosexuell und schlechter bezahlt?

Besser qualifiziert, aber dennoch schlechter bezahlt!?

Ist eine Karriere ohne Diskriminierung möglich?

Die Fragen zum Lohnunterschied und zur beruflichen Chancengleichheit werden in der breiten Gesellschaft nur zwischen Mann und Frau diskutiert. Diese Diskussion soll auch nicht verschwinden und muss energisch geführt werden. Was die Diskussion leider vernachlässigt, ist die Frage, wie der homosexuelle Mann dem heterosexuellen Mann in puncto Bezahlung gleichgesetzt werden kann, denn auch hier gibt es ein klares Gehaltsgefälle.

Man kann bei der Frage der Chancengleichheit viele Parallelen zur Chancengleichheit der Frau erkennen. So sind schwule Männer statistisch gesehen höher gebildet, gehen mit einem besseren Notendurchschnitt von der Schule und machen daher eher ein Abitur als einen Realschul- oder Hauptschulabschluss. Und dennoch verdienen sie im gleichen Beruf mit der gleichen Qualifikation durchschnittlich weniger als der heterosexuelle Mann.


Schwule Angestellte: 30 Prozent weniger Lohn?!

Da es dazu keine genaue Evaluierung von erhobenen Daten gibt, da die sexuelle Identität vom Statistischen Bundesamt oder der Arbeitsagentur nicht abgefragt wird, kann man nur über eine Meta-Analyse Aussagen treffen. In einem Artikel im „Industrial Relations – A Journal of Economy and Society“ wurden Studien, die von 1995 bis 2012 veröffentlicht wurden, ausgewertet. Danach verdienen homosexuelle Männer im Durchschnitt bis zu 30 Prozent weniger als heterosexuelle Männer im gleichen Beruf. Bei lesbischen Frauen bewegt es sich andersherum. Diese verdienen im Durchschnitt 9 Prozent mehr als heterosexuelle Frauen.

Somit kann man deutlich sagen, dass es neben dem Gender-Pay-Gap auch einen Gay-Pay-Gap gibt. Eine Studie des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hat 2017 zudem herausgefunden, dass homosexuelle Männer im Durchschnitt einen Stundenlohn von 16,40 € haben, während heterosexuelle Männer dagegen 18,00 € pro Stunde für die gleiche Arbeit bekommen. Fließt dann noch die Variable ein, dass homo- und bisexuelle Männer oft einen höheren schulischen und beruflichen Abschluss haben, liegt der Unterschied bei über 2,00 € pro Stundenlohn.


Bessere Bildung, schlechtere Bezahlung

Gehen wir noch ins Detail: LGBTQ-Menschen in Deutschland haben im Schnitt eine bessere Schulbildung als heterosexuelle Menschen. 40,5 Prozent der (Fach)Abiturienten sind heterosexuell und 59,8 Prozent zählen sich zur LGBTQ-Community. Auch beim (Fach)Hochschulabschluss und der Promotion sind 16,1 Prozent heterosexuelle Menschen und 26,4 Prozent LGBTQ-Menschen. Dennoch erfahren 30 Prozent der vom SOEP und der Universität Bielefeld befragten LGBTQ-Menschen Diskriminierung im Arbeitsleben. Ein Drittel der LGBTQ-Menschen ist gegenüber Kollegen nicht geoutet oder geht verschlossen mit der sexuellen Identität um. In Branchen, in denen unterdurchschnittlich wenige LGBTQ-Menschen arbeiten, sind diese häufiger nicht geoutet.

Der Stress beginnt bereits in der Schule

Warum sind gerade schwule Männer besser gebildet als heterosexuelle Männer? Dabei könnten zwei Faktoren eine Rolle spielen, von denen einer bereits in der Schule entscheidend ist. Wie das SOEP aufzeigt, findet man schwule Männer weniger in Berufen, für die ein mittlerer oder niedriger Schulabschluss ausreicht. Dies sind oft Berufe, die sehr heteronormativ und machomäßig daherkommen und bei denen homophobe Sprüche leider noch immer an der Tagesordnung sind. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat in ihrer Studie „Einstellung gegenüber lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen in Deutschland“ den Bildungsgrad untersucht. Je höher der Abschluss, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein homophobes Umfeld vorhanden ist. So kommt Homophobie und Homofeindlichkeit bei 30 Prozent der Personen mit Hauptschulabschluss oder ohne Abschluss vor; 21 Prozent bei Personen mit Realschulabschluss, Mittlerer Reife oder Fachhochschulabschluss und 13 Prozent bei Personen mit Abitur oder Hochschulabschluss.  

Der zweite Faktor kommt meist später, wenn eine berufliche Karriere langsam anläuft. Oft fehlen andere Lebenselemente, die Zeitinvestment benötigen, zum Beispiel die Kinderplanung. Des Weiteren entsteht bei vielen Homosexuellen ähnlich wie bei vielen Frauen oft das Gefühl, „mehr leisten“ zu müssen, daher wird auch mehr Investment in Ausbildung und Karriere gesteckt. Psychologen benennen zudem das Coming Out selbst als besonderen Effekt auch im beruflichen Spielfeld, denn dadurch setzen sich junge Menschen auf deutlich stärkere Weise mit sich selbst auseinander, was oft auch eine persönliche und bildungstechnische Weiterentwicklung zur Folge hat. Zu guter Letzt werden häufig Berufe nicht als ansprechend angesehen, die eher handwerklich ausgerichtet sind oder „nur“ einer betrieblichen Ausbildung bedürfen.

Die Wichtigkeit von Role-Models

Auch in der heutigen Zeit sind viele schwule Berufsanfänger zurückhaltend, wenn es um das Privatleben am Arbeitsplatz geht. Besonders, wenn es sich um Branchen handelt, die noch als konservativ gelten und man sich Karrierechancen nicht versehentlich verbauen will. Dies ist oft unabhängig davon, ob ein Unternehmen eine moderne Diversity-Politik fährt oder nicht. Vielmehr suchen „starke Charaktere“, die sich weder im Job verstecken noch unfair vergütet werden wollen, passende Strategien. Zum Beispiel die Unterstützung von denen, die diesen Weg schon einmal gegangen sind – erfahrenen Mentoren.

Der Berufsverband „Völklinger Kreis“, Bundesverband schwuler Führungskräfte und Selbständiger, bringt in seinem  Future-Leaders-Programm junge Karrierestarter mit erfahrenen Führungskräften zusammen. In einem Future Leader Camp kann man als junger Mensch erste wichtige Kontakte knüpfen und sich austauschen. Erste Erfahrungen, aber auch Sorgen teilen. Beispiele und Role-Models sind hier wichtig, um schnell und effizient den Zugang zum eigenen gestärkten Selbstbewusstsein und dem Gefühl, ganz selbstverständlich dazuzugehören, zu ermöglichen. Dieses Selbstbewusstsein mag es dann auch sein, was künftig verhindert, überhaupt diskriminiert zu werden oder in einem Gay Pay Gap gefangen zu sein.

Lukas Garhammer, Copyright privat

Zwei dieser Charaktere, denen die eigene Weiterentwicklung und auch eine ganz selbstverständliche Anerkennung für gute Leistung wichtig sind, haben wir in dem Programm des VKs getroffen: Lukas Garhammer ist 28 Jahre alt, hat Wirtschaftsingenieurwesen und Wirtschaftspsychologie studiert. Für ihn war es wichtig, dass es einen regen Austausch gibt. Ein Austausch, in dem es nicht nur um die eigene Branche geht, wie beispielsweise die Automobilindustrie, sondern um viel mehr.

Für Lukas Garhammer waren zwei persönliche Anlässe ausschlaggebend. Zum einen sein eigenes Outing 2017, und zum anderen die Tatsache, dass er nach langer Zeit der Betriebsangehörigkeit ein eigenes Team bekam und somit eine Führungskraft wurde. Seit diesem Jahr ist Lukas Garhammer als Mentee im Programm des Völklinger Kreises dabei: „Ich komme aus einer Branche, die sehr normativ ist. Bei uns ist der weiße heterosexuelle cis Mann Standard. Und es gab immer wieder Situationen, in denen man im Team Diversität damit auslegte, dass man aus unterschiedlichen Abteilungen kommt. Bei Vorstellungsrunden hat sich fast jeder immer vorgestellt, in dem man erzählte, dass man verheiratet ist und zwei Kinder hat, und ich, der eigentlich „bunt“ gewesen ist, hat nichts dazu gesagt. Dies muss sich verändern.“

Er möchte von dem Wissen der Fachleute profitieren, wie er weitersagt: „Für mich muss ein Mentor jemand sein, der viel Erfahrung im Management hat. Am besten einer, der nicht aus meiner Branche kommt, weil ich es spannender finde. Ich will mehr Klarheit haben für mein Leben. Was das alles mit dem Berufsleben zu tun hat? Wie kann ich meine Themen voranbringen? Ich bin nun zehn Jahre im Job und vielleicht bekomme ich dadurch einen beruflichen Perspektivwechsel.“

So ein Mentoring-Programm ist nicht nur etwas, bei dem Teilnehmer profitieren, sondern auch Mitarbeiter und das Unternehmen selbst, in dem der Mentee tätig ist. Durch den neuen Mut und den Austausch hat Lukas Garhammer diese Energie mit ins Unternehmen getragen. Dort engagiert er sich mittlerweile im Diversity-Unternehmensnetzwerk, schaut, wie man Diversity-Themen besser umsetzen kann, und fungiert als Ansprechpartner für die Geschäftsführung: „Aufklärung und miteinander reden, ist besser, als nur mit der Regenbogenfahne durch die Kantine zu laufen.“

Holger Reuschling, Copyright MEHRwerTD

Den Druck aus dem Kessel nehmen

Das Future-Leaders-Programm wird von Holger Reuschling geleitet. Er war viele Jahre bei der Commerzbank tätig, hat das LGBTQ-Netzwerk „ARCO“ wesentlich geprägt und war von 2015 bis 2019 dessen Sprecher. Seine Erfahrungen helfen Teilnehmern wie Lukas. Die Herausforderungen, denen sich heutzutage junge schwule Führungskräfte stellen müssen, sind auch im Jahr 2021 nicht einfacher geworden, so Reuschling gegenüber dem MyGay Magazine:

„Eigentlich müsste man denken, dass es heute leichter ist. Dennoch tun sich junge Talente immer noch sehr schwer damit. Sie sind sehr gut ausgebildet, haben sehr gute soziale Kompetenzen, aber dennoch haben sie schiss bei Bewerbungsgesprächen so zu sein, wie sie sind. Die Angst zu versagen, ist heute größer als damals. Für einige dieser jungen hochqualifizierten Talente ist das Schwulsein eine Schwäche, die man nicht zeigen will. Viele müssen den Druck aus dem Kessel lassen. Ich empfehle: Zeigt eure große soziale Kompetenz und zeigt euch so, wie ihr auch seid. Zeigt eure Stärken!“

Lukas Plamitzer, Copyright privat

Was bringt so ein Programm?

Einer, der dieses Programm schon komplett abgeschlossen hat, ist Lukas Plamitzer. Er hat das Future-Leaders-Programm des Völklinger Kreises erfolgreich absolviert und sein Mentor war der VK-Vorstandsvorsitzende Matthias Weber. Für beide ist daraus eine Freundschaft entstanden und somit auch ein gemeinsamer Weg, auf dem man sich gegenseitig unterstützt. Anders als bei Lukas Garhammer war es für Lukas Plamitzer durchaus wichtig, dass sein Mentor aus derselben Branche kommt. In dem Fall aus der Welt der Banken. So telefonieren die beiden Männer bis heute auch jeden zweiten Montagmorgen vor der Arbeit miteinander.

Dieser regelmäßige Austausch ist sehr wichtig, aber auch darüber hinaus war der Mentor Matthias Weber für Lukas Plamitzer stets ansprechbar. Denn mögliche Probleme und Fragen halten sich nicht an feste Zeiten, sondern kommen, wann sie kommen. Eine wichtige Frage war zum Beispiel, welchen nächsten Weg in seiner Karriere Lukas Plamitzer einschlagen will. Matthias Weber hat ihn dazu nicht nur beraten, sondern hat Lukas auf diesem weiteren Weg aktiv begleitet. Lukas Plamitzer dazu: „Nach meiner Realschule habe ich ganz klassisch eine Ausbildung zum Bankkaufmann bei einer Sparkasse gemacht. Da ich nicht geoutet war und es auf dem Dorf schwierig war, mein Leben zu leben, wie ich es wollte, wusste ich, dass ich da raus musste. Dazu wollte ich beruflich mehr erreichen und somit bin ich mit 19 Jahren nach Frankfurt a.M. gezogen. Dort habe ich bei einer Großbank angefangen, wo ich auch die Chance hatte, erste Führungserfahrungen zu sammeln.“

Für Lukas war es damals wie heute wichtig, dass es in der Wirtschaft und insbesondere im Unternehmensmanagement geoutete Führungspersönlichkeiten gibt. Daher ist und bleibt für Lukas sein Mentor, Matthias Weber, ein wichtiges Vorbild. Für beide war der gemeinsame Weg ein Erfahrungsprozess des voneinander Lernens. Auch Matthias Weber konnte durch die gemeinsamen Erfahrungen ebenfalls bessere Handlungsalternativen mitnehmen. Erfahrungen, die er an anderer Stelle wie beispielsweise im eigenen Berufsleben anwenden konnte: „Eine Mentor-Mentee-Beziehung ist nicht einseitig, ich schätze den Austausch sehr und nehme immer auch etwas für mich mit“, so Weber.

So ein Mentoring-Programm ist also nicht nur für den beruflichen Start hilfreich, sondern in vielen Fällen auch für die gesamte persönliche Entwicklung förderlich. Das, was man mitnimmt, kann man auch ins Privatleben übertragen. Gerade auch in Anbetracht der Lage, dass bei vielen schwulen Karrieristen Privat- und Berufsleben oft verschmelzen, ist eine Sichtbarkeit im Unternehmen ein wesentlicher Faktor in allen Lebenslagen.

So ist Lukas Plamitzer inzwischen einer der Sprecher des LGBTIQ-Netzwerkes der Bank: „Es ist gut, dass ich offen lebe und es offen zeige, weil ich damit anderen wieder helfe. Für mich ist heute klar: Orientiere dich an geouteten Role-Models, sorge für deine persönliche Weiterentwicklung und lasse deine Leistung fair bezahlen!“


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