Die Stricher-Szene am Spielplatz


Es ist ein dunkles Kapitel in der Community und wird gerne und wahrscheinlich viel zu oft totgeschwiegen: die Stricher-Szene in Berlin. Im April 2021 ist sie kurzfristig in den Fokus des Interesses gerückt in Verbindung mit dem Mordfall Reinhold Zuber: Ein homosexueller, ehemaliger Pfarrer soll von drei jungen Männern umgebracht worden sein, die der beliebte Rentner in der Berliner Stricher-Szene kennengelernt haben soll. Zwei der Männer, ein 21jähriger und ein 24jähriger Mann aus Rumänien, stehen derzeit in Berlin Moabit vor Gericht.

Im Prozess wird auch einmal mehr klar, wie so oft die Lebensläufe jener Männer verlaufen, die ihre sexuellen Dienste käuflich anbieten: Einer der Angeklagten erklärte am ersten Prozesstag ausführlich, wie er ohne Berufsausbildung gezwungen war, als Stricher tätig zu werden. Sein Stammplatz war dabei der Spielplatz in der Eisenacher Straße Ecke Fuggerstraße an der Tabasco-Bar in Schöneberg. Für im Schnitt 80 Euro kann man dort die Dienste der Männer erwerben, auch wenn viele von ihnen selbst nicht homosexuell sind.

Spielplatz Eisenacher-/ Fuggerstraße

So grauenhaft die Prozesstage für Freunde und Angehörige aktuell sind, so wirft der Prozess auch ein Licht auf den Kriminalitätsschwerpunkt am berüchtigten Spielplatz in der Eisenacherstraße / Fuggerstraße. Vielleicht kann der Prozess ein Stück weit dazu beitragen, die Gesamtproblematik ein wenig stärker zu beleuchten und Abhilfe zu schaffen: Anwohner, Gewerbetreibende und die LGBTQ-Community klagen seit Jahren über diesen Ort und die dortigen Vorfälle. Gerade abends sind dort oftmals osteuropäische junge Männer zu sehen, die insbesondere ältere homosexuelle Männer ansprechen, gerne auch einmal direkt vor einer Szene-Bar. Bis heute ist das vielen Bar-Besitzern ein Dorn im Auge, da aus Angst oftmals auch viele nächtliche Stammbesucher des Regenbogen-Kiezes wegblieben.

Die ehemalige „Lieblingsbar“ vor Ort musste bereits 2016 gezwungenermaßen für immer schließen, die Stammplätze blieben weg und die Mitarbeiter waren angegriffen und ausgeraubt worden. Zudem wurde das Viertel immer mehr zu einem Drogenumschlagsplatz. Lange Zeit wurden die Verhältnisse vor Ort von der Politik hingenommen, erst mit der immer stärker werdenden Kriminalität inklusive zahlreicher Körperverletzungen wurde der Protest der Anwohner, der Gewerbetreibenden und der queeren Vereine so laut, dass die Bezirksverwaltung in den letzten Jahren schließlich verstärkt Präsenz zeigte: Die Anzahl der polizeilichen Razzien stieg rapide an und Projekte wie ein klassisches Open-Air-Konzert oder ein Begegnungshäuschen mit einem sogenannten Nachtbürgermeister wurden etabliert.


Die Dunkelziffer bleibt

Trotzdem werden bis heute viele Straftaten im Viertel weiterhin erst gar nicht erfasst, zumeist aus Scham schweigen viele Opfer und konnten folgerichtig auch nicht von der Polizei statistisch erfasst werden. Neben den üblichen kleinen Diebstahlsdelikten (Fahrräder beispielsweise) zeichnete sich in der Statistik für 2019 und 2020 ab, dass im Umkreis von rund 100 Metern rund um den Spielplatz Fuggerstraße Ecke Eisenacherstraße es besonders häufig zu Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz sowie zu Taschendiebstählen kommt. So wurden 2019 insgesamt 37 Straftaten in Verbindung mit Betäubungsmitteln (Drogen) und 81 Taschendiebstähle gemeldet. 2020 sind die Zahlen höchstwahrscheinlich Corona-bedingt erheblich gefallen. Im Bereich der Sexualdelikte in der Fuggerstraße Ecke Eisenacherstraße wurden offiziell 2019 neun Delikte und 2020 ein Delikt festgestellt. Dieses eine Delikt ereignete sich im selben Monat, in dem auch Reinhold Zuber in seiner Wohnung im Tiergarten / Moabit ermordet worden war.

Zielgruppe: alte einsame Männer?

Natürlich bewegt man sich im Bereich der Spekulationen, doch trifft man rund um den Spielplatz häufig auf den gleichen Typ Mann – homosexuelle ältere Herren, zumeist alleinstehend und finanziell versorgt, die nach menschlichen und sexuellen Kontakten suchen. Oft handelt es sich dabei um Männer, die die Zeit des Paragrafen 175 StGB noch sehr bewusst miterlebt haben und zumeist heute noch gegenüber Familienangehörigen nicht geoutet sind und darüber hinaus aus der damaligen Zeit heraus bis heute ein Misstrauen gegenüber der Polizei hegen. Es sind Männer, die alleine leben und sich nach Zweisamkeit sehnen – leichte Opfer für die Täter. Das Zusammenspiel zwischen dem Wunsch von einsamen älteren Männern auf der einen Seite und jungen Männern zumeist mit finanziellen Problemen auf der anderen Seite, ist ein problematisches und bedürfte weiterer Lösungskonzepte, die wahrscheinlich nur umgesetzt werden können, wenn alle Beteiligten aktiv mitwirken können.  

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