Drei Jahre Dienst: die erste transsexuelle Bundeswehrkommandeurin


Noch vor drei Jahren wussten nur wenige, dass es überhaupt einen Bundeswehrstandort in dem brandenburgischen Städtchen Storkow gibt. Das Informationstechnikbataillon 381 war mit seinen siebenhundert Soldaten auch nicht so aufregend wie ein Panzer-Bataillon, ein Fliegerhorst oder eben ein Marine-Stützpunkt an der Nordsee. Das änderte sich im Oktober 2017 mit der ersten transsexuellen Bundeswehrkommandeurin. Mit Oberstleutnant Anastasia Biefang erhielt das Bataillon eine außergewöhnliche Chefin.

Sie veränderte in den letzten drei Jahren die Ansichten von Soldaten und zivilen Mitarbeitern, die in ihrem Privatleben mit LGBTQ bis dahin nichts zu tun hatten. Zudem war Anastasia Biefang entscheidend daran beteiligt, dass die Bundeswehr einen Leitfaden zum Umgang mit transsexuellen Soldaten*innen erstellte. So ein Leitfaden ist bis heute innerhalb staatlicher Strukturen einmalig. Zusammen mit dem Verein QueerBw führte sie auch Gespräche mit der Verteidigungsministerin, dem Generalinspekteur und der Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages.

Nach drei Jahren hat Anastasia Biefang nun turnusgemäß ihr Kommando an ihren Nachfolger übergeben und wird künftig als Referatsleiterin Kommando Cyber- und Informationsraum in Bonn tätig sein. Ein weiterer wichtiger Schritt zum gegebenenfalls ersten transsexuellen General der Bundeswehr? Bevor Anastasia Biefang nun nach Bonn wechselt, haben wir sie zum Interview getroffen.


Anastasia, als du deinen Dienst in Storkow angetreten hast, musstest du dich als Transfrau besonders beweisen? 

Nein, in keinster Weise. Ich musste mich - wie jeder andere vor mir - nur als Kommandeurin beweisen. Ich hätte auch gar nicht gewusst, wie ich das anders hätte machen sollen. Meine Soldatinnen und Soldaten begegneten mir stets mit Offenheit und Respekt. Mir war es wichtig, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Das war aber schon immer meine Führungsphilosophie und die hatte sich nicht geändert. Ich hoffe inständig, dass ich die Erwartungshaltung meiner Frauen und Männer in Bezug auf "guter Führung" erfüllt habe. Denn das ist einzig allein entscheidend. 

Gab es Soldaten, die sich dennoch "quergestellt" haben und dich als neue Vorgesetzte erst einmal nicht akzeptieren wollten?

Auch hier kann ich ganz selbstbewusst "Nein" antworten. Mir gegenüber wurde meine Geschlechtsidentität nie zum Thema gemacht, abseits von ehrlichem Interesse an meiner Person. Uns Soldaten verbindet das Verständnis von Kameradschaft zueinander. Und das habe ich hier täglich erlebt. Mir war wichtig, zu kommunizieren, dass man mit mir über alles reden kann. Und das habe ich dann auch stets in allen Fällen getan.


In deiner Zeit als Kommandeurin waren du und das Bataillon sehr stark im medialen Fokus. Wie hat dich diese mediale Aufmerksamkeit geprägt? 

Das mediale Interesse hat meine direkte tägliche Arbeit als Kommandeurin weder unterstützt noch behindert. Und ich wollte dies auch nicht zu sehr auf den Dienstalltag im Bataillon einwirken lassen. Hier war es mir wichtig, mit einer klaren Absicht die Richtung für meine Zeit als Kommandeurin vorzugeben und dieses Ziel gemeinsam mit meinen Soldatinnen und Soldaten zu erreichen. Die mediale Aufmerksamkeit hat mein Wirken allerdings in die Gesellschaft hinausgetragen und somit wichtige Aspekte meiner Arbeit in den Fokus gerückt. Einerseits wurde hierdurch zu Recht ein Bild von gelebter Vielfalt und Akzeptanz innerhalb der Bundeswehr vermittelt und andererseits auch das Wissen zum Thema Transgender vertieft. Ich denke, beides hat zu einem Abbau von Vorurteilen geführt. Das zu erreichen, war mir wichtig. Ich hoffe, ich konnte ein Orientierungspunkt für Sichtbarkeit und Einstehen für sich selbst sein. Mir fehlte das während meiner Dienstzeit. Gesellschaftliche Realitäten wurden quasi ausgeblendet oder „versteckt“. Ich hoffe, dass meine Sichtbarkeit, dass „out and proud“ in Uniform als Soldatin, anderen den Weg ebnet. 

Du hast dem Bataillon vieles mitgegeben. Auf was bist du besonders stolz? 

Ich bin stolz auf meine Soldatinnen und Soldaten, auf deren Leistungsfähigkeit und unermüdlichen Willen, für unser Land aufrichtig zu dienen. Sie haben mir jeden Tag aufs Neue gezeigt, dass es wert ist, sich für die Werte unserer Gesellschaft einzusetzen. Sie leisten einen wichtigen Beitrag für unsere Gesellschaft und das stets mit viel Herz. Dieses Bataillon und seine Menschen haben mir vieles mitgegeben, was ich hoffentlich für meine weiteren Dienstjahre nicht vergessen werde und stets in meine zukünftige Arbeit einfließen lassen kann.

Autor: Sebastian Ahlefeld

Anmerkung: Anastasia Biefang und Sebastian Ahlefeld sind befreundet, weswegen im Interview das Du beibehalten wurde.

Mehr über Anastasia Biefang erzählt auch die Dokumentation: Ich bin Anastasia.

 


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