Don´t call it gay! Der Irrsinn bei Buch und Film!


Einer der großen Film- und Bucherfolge der letzten Jahre war „Call me by your name - Nenne mich bei deinem Namen“, eine Geschichte um die große, erste Liebe zwischen einem Heranwachsenden und einem jungen Mann. Die Sache beim Namen zu nennen, ist indes trotzdem nach wie vor eine Seltenheit, blickt man sich die Buch- und Filmveröffentlichungen mit schwulen Hauptcharakteren an. Es ist ein wahrer Eiertanz, der bis heute um das Wort „schwul“ aufgeführt wird.

Beispiele gefällig? Da wird „einfühlend vom Erwachsenenwerden, vom Unangepasstsein und der Sprachlosigkeit angesichts großer Gefühle“ geschrieben. Anderenorts erlebt der Protagonist die „berauschende Schönheit aufblühenden Verlangens“. Noch mysteriöser wird es, wenn von den „schweren Zeiten“ berichtet wird, die der Hauptcharakter durchleben muss, um seinem Leben „eine neue Richtung“ zu geben. Die Liebe führt ihn dabei dorthin, „wo er sie nicht vermutet“. Bei Filmen wird dann gerne noch der „mutige“ Regisseur gelobt, der sich weit in „neues Terrain“ gewagt hat. Die Aufzählung könnte ewig so weitergehen und man fragt sich mitunter, ob man darüber lachen oder weinen sollte?

Detlef Grumbach © Jens Wormstaedt

„Darüber schmunzele ich eher. Es ist so hilflos. Die Leute riechen den Braten doch – so oder so. Sie verstehen die Botschaft und sehen sich den Film an, lesen das Buch, oder sie lassen es bleiben“, so Detlef Grumbach von der Verlagsgruppe Salzgeber. Dazu zählen auch die Bücher von Bruno, Albino und Männerschwarm. Aber woher kommt diese scheinbar fast panische Angst davor, die Thematik Homosexualität klar anzusprechen, wenn sie doch offensichtlich ein zentrales Thema einer Geschichte darstellt?

Veit Georg Schmidt von der schwul-lesbischen Buchhandlung Löwenherz in Wien: „Ende der 1990er haben fast alle Publikumsverlage eine lesbische oder schwule Reihe geführt, einige Großverlage haben sogar mit der Einführung eigener schwuler Verlagsmarken kokettiert. Die daran geknüpften wirtschaftlichen Erwartungen haben sich für die Großen nicht erfüllt – woraus vor allem die größeren Häuser die noch immer gültige Devise ausgegeben haben, die Schotten dicht zu machen, wenn schwul oder lesbisch um die Ecke biegt. Die Grundlüge des Kapitalismus greift auch hier. Neben diesem schnöden Aspekt des Wirtschaftssystems gibt es aber noch einen sehr wichtigen gesellschaftlichen: Wir haben es bislang nicht geschafft, das Thema schwul zu einem gesamtgesellschaftlich interessanten Thema zu machen. Man vergleiche das nur mit der jüdischen Kultur. Trotz zunehmenden Antisemitismus ist es für jedes Buch zumindest ein interessanter Aspekt, wenn eine jüdische Figur oder gar eine ganze Milieuschilderung vorkommt. Keine Einkaufsabteilung, keine Buchhändlerin und kein Buchhändler käme auf die Idee einzuwenden: „Wir haben keine jüdischen Kundinnen und Kunden – das interessiert bei uns niemanden.“ Das Thema schwul ist aber genau damit behaftet, dass unterstellt wird, nur Betroffene würden sich dafür interessieren.“

Veit Georg Schmidt © A.Fabian Dierig

Warum das so ist, ist bis heute auch Fachleuten in der Szene ein Rätsel. Kann es nur an den Berührungsängsten mit dem Thema Homosexualität liegen? Wohl kaum, denn diese gehen seit Jahren zurück, wie beide Fachmänner bestätigen. Allerdings ergänzt Veit Georg Schmidt: „Wir Schwule sollten uns nicht blenden lassen. Nur weil so viel wie noch nie medial vorkommt, heißt das ja nicht, dass schwules Leben authentisch vorkommt. Wenn ich mir meine Umsatzzahlen anschaue, weiß ich: Die Mehrheitsgesellschaft hat von uns in Wahrheit keine Ahnung – und ich vermute, das ist auch der Grund dafür, dass sie meint, keine Berührungsängste zu haben.“

Kurz gesagt, wenn der böse Sex mit ins Spiel kommt, sieht es schon wieder ganz anders aus? Detlef Grumbach dazu:  “Lange Zeit wurde allein das Wort Homosexualität auf Sex reduziert – ich sag nur „Arschficker“ – und kam nur negativ, im medizinischen Kontext oder meistens als Schimpfwort vor. Dass es nicht wirklich vorkam, war den Schwulen unter diesen Umständen ganz recht, denn sie wollten ja gar nicht auf den obendrein für „anstößig“ und „ekelig“ gehaltenen Sex reduziert werden. Sie haben sich lieber versteckt. Als die Aids-Krise über uns hereinbrach, haben die Medien, allen voran der „Spiegel“, auch noch den letzten Darkroom in grelles Licht getaucht: „So treiben sie es, sie sind der ‚Motor der Seuche‘“.

Wieder haben die Schwulen, diesmal aus ganz anderen Motiven, sich gewehrt. Die Debatte über Antidiskriminierung, rechtliche Gleichstellung und Homo-Ehe und die wachsende Zahl öffentlich sichtbarer, auch prominenter Schwuler hat dazu geführt, dass überhaupt schwule Figuren in den Mainstream-Medien aufgetaucht sind. Das ist ein Fortschritt. Aber diese Herangehensweise hat sich tief ins Bewusstsein eingeschrieben. Bis das überwunden wird, das dauert, glaube ich, wirklich lange.“

So scheint es, dass wir Homosexuellen in den letzten Jahren mehrheitlich immer wieder bewusst den Mantel über jede Form von Sexualität geworfen haben. Anpassen um jeden Preis? „An der sexfreien Darstellung der jüngeren Zeit sind wir auch selbst gar nicht so unschuldig – unsere ganze emanzipatorische Rhetorik der letzten Jahre zielte doch beständig darauf ab, dass man unsere Liebe akzeptiert und später dann, dass wir auch heiraten dürfen. Liebe und Ehe für alle haben ja auch schon den Hetero-Mainstream zunächst im 19. Jahrhundert und dann in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts entsexualisiert. Trotzdem haben wir unsere Aktivisten machen lassen, die uns dann als Herde verliebter Schafe präsentiert hat; da haben wir dann brav mitgeblökt, dass wir Ehe, Kinder und Bausparverträge wollen, auch wenn es vielen um ganz andere Lebensformen oder auch nur um guten, versauten Sex ohne staatliche Einmischung ging“, so Veit Georg Schmidt weiter.


Wenn dann doch einmal ein Film schwulen Sex ein wenig explizierter darstellt, passiert es nicht selten, dass Besuchergruppen im Kino zu kichern beginnen. Das darf uns ärgern, nur sollten wir uns davon nicht verletzen lassen. Nur selten gelingt es, wie zum Beispiel bei der Verfilmung von Ralf Königs „Der bewegte Mann“, dass Mainstream und Homoszene gemeinsam ihren Spaß haben. Ansonsten scheint es im Film, oder auch beim Buch, nur zwei Wege zu geben: Entweder weichgespülte Geschichten fernab der Lebensrealität von Homosexuellen, um ein heterosexuelles Publikum mit ins Boot zu holen, oder reale Storys, die in der Nische bleiben.

Veit Georg Schmidt findet die Nische und die Gespräche ums „schwule“ Buch gar nicht schlimm: „Das schwule Buch und der schwule Film sind keine Klischees, sondern kulturelle Errungenschaften, darüber sollte man sich nicht ärgern, diese zarten Pflanzen sollte man hegen und pflegen. Wir brauchen den einfältigen schwulen Film und den banal erzählten schwulen Roman genauso wie die Glanzlichter von Pedro Almodóvar oder Hans Pleschinski. Und die Nische hat auch eine Schutzfunktion, die uns authentische Filme und Bücher sichert. Wenn es Geschichten aus unserem Leben sind, aufrichtig erzählt, dann gibt es erstens ganz oft hier einen Moment, der uns viel stärker berührt und beschäftigen kann – mitunter sogar öfter als in den so genannten wertvollen Werken. Vor allem aber sind diese Filme und Bücher auch so etwas wie der Lackmustest für alles, was von Publikumsverlagen und von großen Studios kommt. Unsere eigenen Geschichten von uns selbst erzählt sind unser Maßstab, nicht irgendein Qualitätsmaßstab, der „Weltniveau“ oder „bleibenden Wert“ bezeugt.“

Zudem muss man ehrlicherweise sagen, ist der Großteil des Buchmarktes in gewisser Weise sowieso ein Nischenmarkt, wie Detlef Grumbach zu bedenken gibt: „Ausnahmen sind einzig die Bestseller, für die in U-Bahnen und Bussen geworben wird. Das sind die Massentitel, die sich über alle Nischen hinweg durchsetzen und 100.000-fach verkauft werden. Das Gros sind aber die vielen, vielen Bücher, von denen 500, 1.000, vielleicht 5.000 Exemplare gedruckt werden.“ So gilt es, sich nicht über das Nischendasein zu beklagen, sondern es zu stärken und stolz darauf zu sein, denn im Vergleich zu anderen steht das schwule Verlagswesen noch sehr gut da.

Und gelegentlich gelingt es dann tatsächlich, dass einzelne Werke plötzlich medial massiv Beachtung finden, wie zum Beispiel Ocean Vuongs Buch „Auf Erden sind wir kurz grandios“, welches sogar in den Tagesthemen besprochen wurde. Manchmal springt eben doch ein Funke über, auch wenn es bis heute ein Geheimnis bleibt, wieso. Veit Georg Schmidt begibt sich lieber wie ein Trüffelschwein auf die Suche nach guten Werken mit schwulem Inhalt, denn: „Ich habe wenig Bekehrungsbedürfnis an unsere Mehrheitsgesellschaft. Mein Leben wird nicht besser, wenn andere sich mit meiner schwulen Welt beschäftigen. Es ist ein großer Irrglaube, dass Aufklärung Menschen zur Vernunft bringt – die müssen nämlich schon vorher vernünftig sein, um für Aufklärung zugänglich zu sein!“


So ist es wohl in der Tat am sinnvollsten, über die ängstlichen Formulierungen der Mainstream-Presse zu schmunzeln und sich aktiv für die eigene Szene einzusetzen, sie zu stärken, indem man Bücher und Filme unterstützt, die sich mit der eigenen Lebensrealität befassen. Und was raten die beiden Fachleute abschließend jungen, schwulen Kreativen, die zum Beispiel ein Buch veröffentlichen möchten?

„Das, was wir alle tun müssen: Arbeiten und Faulenzen, auf andere hören und dabei unbeirrbar an sich selbst glauben – und dabei wahnsinnig viel Glück haben. Qualität war noch nie eine hinreichende Bedingung für Erfolg“, so Veit Georg Schmidt von der Löwenherz Buchhandlung. Und Detlef Grumbach aus dem Hause Salzgeber ergänzt: „Die Geschichte muss überzeugen, und das kann sie nur dann, wenn der Autor von ihr überzeugt ist. Also keine Kompromisse machen. Sich nicht verbiegen und anfangen, sich um des Erfolges Willen irgendwelchen vermeintlichen Maßstäben anzupassen. Was nützt einem Künstler denn der Erfolg, der nicht der ureigene ist?“

Also, ärgern wir uns nicht über den Mainstream, lasst uns unsere eigenen Geschichten mutig und wahr erzählen.

Autor: Michael Soze

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