Der Mann des deutschen Films - Nico Hofmann


Nico Hofmann zählt zu den bedeutendsten Film- und Fernsehproduzenten in Deutschland und Europa. Der Sohn eines Journalisten-Paares wurde 1959 in Heidelberg geboren. Von der Geburt an gehört die Medienwelt zu seinem Leben. Daher lag es irgendwie nah, dass er im Alter von 20 Jahren zum Studium an die Hochschule für Film und Fernsehen nach München (1980 – 1985) gegangen ist. Einer seiner direkten Lehrer war Rainer Werner Fassbinder. Den jungen und talentierten Autor und Regisseur Hofmann stand die Welt des Filmes und Fernsehens offen, und diese Chance hat er genutzt. Die Palette seiner Filme ist groß und mit zahlreichen Preisen prämiert. Der Bayerische Fernsehpreis, der Deutsche Fernsehpreis, der BAMBI, die Goldene Kamera und der Deutsche Filmpreis gehören zu den Auszeichnungen. Auch international wird Hofmann gefeiert und geehrt. Für die Film-Produktion „Unsere Mütter, unsere Väter“ und für die Serie „Deutschland 83“ erhielt Nico Hofmann 2014 und 2016 den internationalen Emmy Award.  

1998 beendete er seine erfolgreiche Karriere als Regisseur und gründete die Produktionsfirma teamWorx (heute UFA Fiction). Seit September 2017 führt Nico Hofmann die UFA-Geschäfte als alleiniger CEO. Hofmann verantwortete die Bestseller-Verfilmung DER MEDICUS, die in Deutschland eine Rekord-Kino-Zuschauerzahl von über vier Millionen erzielte. Darüber hinaus zeichnete er als Produzent der Verfilmung von Hape Kerkelings Pilgerroman ICH BIN DANN MAL WEG die Verantwortung, der über zwei Millionen Zuschauer erreichte. Der Kinofilm DER JUNGE MUSS AN DIE FRISCHE LUFT, für den er ebenfalls als Produzent fungierte, war die erfolgreichste deutsche Kinoproduktion im Jahr 2018 und hat beinahe vier Millionen Zuschauer begeistert. ICH WAR NOCH NIEMALS IN NEW YORK startete im Oktober 2019 bundesweit in den deutschen Kinos.

Nico Hofmann am Set von "Charité" © UFA

Homosexualität im deutschen Film und Fernsehen ist bisher nur eine Nebenrolle unter vielen. Im Gegensatz zu den USA - wo schon in den 90er-Jahren mit Filmen wie „To Wong Foo, thanks for Everything, Julie Newmar“ (1995) oder Anfang der 2000 mit Serien wie „Will & Grace“ und „Queer as folk“ ein breites Publikum angesprochen wurde. Nico Hofmann hat schon früh erkannt, dass auch bei der Thematik „LGBTQ & Diversity“ die deutsche Film- und Fernsehindustrie den USA hinterherläuft. Er kennt den Diversity-Spirit aus Hollywood sehr gut. Inspiriert von der Mentalität aus Los Angeles will er als Produzent und als CEO der UFA, dass LGBTQ & Diversity eine sichtbare Rolle erhält.

In der von ihm produzierten historischen Krankenhausserie CHARITÉ wird die Kompliziertheit einer schwulen Liebesbeziehung in den Wirren des letzten Kriegsjahres 1945 aufgezeigt. Der Bruder eines Patienten ist schwul und in den Pfleger Martin verliebt. Dieser muss sich zugleich der Denunziationen von Nazikrankenschwester Christel erwehren. In dem dreiteiligen Generationsdrama KU´DAMM 56 wird das tiefmenschliche Schicksal von schwulen Männern aufgrund des § 175 StGB und der gesellschaftlichen Diskriminierung aufgezeigt. Mit der Dramedy "All you need" entsteht momentan in Berlin eine sechsteilige Serie über vier schwule Männer. Die UFA Fiction produziert damit erstmalig LGBTQ-Content im Auftrag der ARD.

Für sein Engagement zur stärkeren Sichtbarkeit von LGBTQ & Diversity in der deutschen Film- und Fernseh-Industrie wurde Nico Hofmann 2020 auf Platz 1 der GERMANY’S TOP 100 OUT EXECUTIVES gewählt. Ein engagierter und sensationeller Mann, den so viele treffen wollen und dessen Kalender bis zum Anschlag voll ist. Daher freut es uns als MyGay-Magazin umso mehr, dass er sich für uns viel Zeit genommen hat, um mit uns ins Gespräch zu kommen.  


Nico, du hast sehr viele Preise erhalten. Kann einen so eine Platzierung wie der Platz 1 der 100 LGBTI-Führungskräfte noch überraschen?

Ja, es hat mich sehr gefreut, vor allem, da die Liste von einer unabhängigen Jury gewählt wird. Es ist eine große Wertschätzung, aber die Plattform selber ist das Wichtigere. Was mich an der Liste schon im letzten Jahr begeistert hat, ist, dass man sich mit vielen anderen Kolleginnen und Kollegen vernetzen kann. Es ist hoch spannend zu sehen, wie verschieden Diversität sein kann und wie sich die Unternehmen dafür einsetzen.

Du hast deine ersten Anfänge im Filmgeschäft in den 80er Jahren gehabt. Eine Zeit, wo es noch den § 175 StGB gab. Wie bist du damit persönlich umgegangen, um auch die eigene Karriere nicht zu gefährden?

Ich bin in einer sehr freien Umgebung aufgewachsen. Meine Eltern sind Journalisten und ich bin mit dem Film groß geworden. Ich war zu einer Zeit an der Filmhochschule München Student, in der Rainer Werner Fassbinder und Rosa von Praunheim gewirkt haben. Rainer Fassbinder war einer meiner Lehrer und mit Rosa bin ich bis heute gut bekannt. Es gibt seit Jahrzehnten eine starke Befreiungsbewegung. Mit meinen eigenen autobiografischen Filmen, die ich an der Filmhochschule gemacht habe, war die sexuelle Identität automatisch ein Thema. Auch bei meinen Studenten an der Filmhochschule in Ludwigsburg bemerke ich, dass das eine wichtige Rolle spielt. 

Nico Hofmann (2.v.l) mit dem Team von "Deutschland83" in New York, © UFA

Als CEO bekommt die Frage nach Diversity ein größere Wichtigkeit. Wie ist da der Blick als Chef der UFA GmbH?

Diversität ist bei der UFA ein ganz zentrales Thema. Es gibt einen Kreis aus Mitarbeitenden, die eine klare Aufgabe haben: Sie reden nicht nur über Diversity, sondern fördern das ganze Spektrum und setzen Ideen auch um. Sei es im operativen Geschäft oder bei den Filmproduktionen. Wir wollten in diesem Jahr ein Diversity-Gipfel mit dem Medienmagazin DWDL.de in Köln veranstalten. Dieser war innerhalb von zwei Tagen ausgebucht und wir hatten Zusagen aller Sender-Chefs bis hin zu Dr. Maria Furtwängler-Burda, die auf den Podien gesprochen hätten. Ein weiteres Beispiel: Wir planen Umbauarbeiten im UFA-Haus in Babelsberg, so dass es absolut barrierefrei ist.  

Was muss die Film- und Fernsehbranche in Sachen Diversity noch lernen?

Zielsetzung muss Umsetzung heißen. Wir stellen uns die Fragen: Wie gehen wir mit unseren Stoffen um? Wie divers sind wir in der Besetzung? Es geht mir darum, dass wir Diversität in all ihren Facetten auch in unseren Programmen sichtbar machen.

Viele Schwule, die in öffentlichen Berufen tätig sind, sei es als Profi-Fußballer oder als Schauspieler, haben oft Angst, sich zu outen. So ist die Angst da, dass man als schwuler Schauspieler weniger Rollen bekommt, weil das Publikum der Person eine heterosexuelle Rolle nicht abnimmt. Sind das berechtigte Ängste?

Das muss jeder für sich selbst entscheiden und hat viel mit der eigenen Selbstfindung zu tun. Für mich spielt es keine Rolle, welche sexuelle Identität ein Schauspieler oder eine Schauspielerin hat. Entscheidend ist die Qualität, wie jemand spielt. Ich finde, dass andere Länder sehr progressiver damit umgehen und viel weiter sind, als wir in Deutschland. Ich würde behaupten, dass es im Schauspiel nichts ausmacht, denn es geht immer um die schauspielerische Leistung. Es ist wie beim Fußball, denn auch da sollte es ausschließlich um die Leistung auf dem Platz gehen.

Aus "Ku’damm 56", © ZDF/Stefan Erhard

Warum hat sich die deutsche Film-Industrie in der Vergangenheit noch so schwer getan mit der Sichtbarkeit von LGBTQs? Maximal gab es eher Nebenrollen in Serien wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ oder in der „Lindenstraße“.

Die USA und auch England haben früher damit begonnen, die Diversity-Diskussion zu führen. Viele meiner amerikanischen Freunde haben eine viel weitere Selbstverständlichkeit zu diesem Thema. Man kann beispielsweise gar nicht in Los Angeles leben, ohne eine klare Haltung zu Diversität zu haben. Auch die Solidarität untereinander ist eine ganz andere als hier in Deutschland. Damit sind die USA uns Jahre voraus. Daher ist die 100 Top Out Executive-Liste auch sehr gut: Hier kann man sehen, wie stark das Thema und die Selbstverständlichkeit in großen Unternehmen ist. Es muss aber auch aus dem Ausnahmezustand heraus. Das, worüber wir gerade reden, muss selbstverständlich werden.

Die Oscar-Academy hat beschlossen, dass ein Film zwei von vier Diversity-Kriterien erfüllen muss, um für den besten Film nominiert zu werden. Ist dies gut oder geht es zu weit, weil es die künstlerische Freiheit einschränkt?

Ich bin da etwas gespalten. Ich bin der Meinung, dass Engagement absolut notwendig ist. Bei der UFA prüfen wir bei jedem Stoff, ob und wie wir Diversity umsetzen können, zum Beispiel in der Förderung von weiblichen Regisseuren. Wir brauchen in der Film- und Fernsehbranche ein Abbild unserer Gesellschaft. Wir sind da auf einem guten Weg. Wenn ich meine Studenten anschaue, hat die Hälfte einen Migrationshintergrund und wir haben viel mehr Frauen in den Studiengängen. Auch die sexuelle Diversität ist eine viel buntere als damals.

Auch die Berlinale hat sich einen Diversity-Anstrich gegeben. In Zukunft soll es nur noch einen Preis für schauspielerische Leistung geben und nicht mehr in weibliche Hauptrolle und männliche Hauptrolle unterschieden werden. Wie siehst du diesen Vorstoß?

Ich finde diese Entscheidung falsch, da hier eine Novellierung stattfindet - die weibliche und männliche Darstellung wird gleichgesetzt. Es gibt großartige Frauenrollen und es gibt großartige Männerrollen und es geht darum, wer diese Rollen wie verkörpert, es geht um die Darstellung.

Und wenn man einen dritten Preis vergeben würde? Eine Diversity-Rolle. Schließlich haben wir im Gesetz das „Dritte Geschlecht“ verankert.

Ich finde einen Diversity-Preis nicht schlecht. Wichtiger ist jedoch, dass wir auf der Berlinale Filme mit einem Diversity-Inhalt zeigen und sehen. Ein Beispiel ist der Film von Burhan Qurbani „Berlin Alexanderplatz“, ein Film, der divers besetzt ist und mich sehr berührt hat.

Autor: Sebastian Ahlefeld

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