30 Prozent der LGBTQ-Amerikaner wählten Donald Trump!


Etwas ungläubig schauen wir in diesen Tagen einmal mehr nach Amerika, wo nach wie vor etwa die Hälfte der Bevölkerung die Politik eines Donald Trump unterstützt und ihn gewählt haben. Noch verstörender ist dabei die Tatsache, dass auch Minderheiten aus der LGBTQ-Community ihre Stimme erneut dem republikanischen Präsidenten gegeben haben – rund 30 Prozent der amerikanischen Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender wählten ihn. Beinahe jeder Dritte! So die aktuellen Daten der offiziellen Nachwahlbefragung von NEP/Edison.

 Verstört will man fragen: Wie kann das sein?

Wie kann man einem Präsidenten erneut seine Stimme geben, der die eigenen Grund- und Menschenrechte in den knapp vier Jahren seiner Amtszeit eingeschränkt, beschnitten und ausgehebelt hat, wo immer es ihm möglich war? Dank Trump sind heute Transgender im Militär unerwünscht, Gesundheitsleistungen für LGBTQ-Menschen wurden gekürzt, von der Regierung finanzierte Obdachlosen-Heime und Adoptions-Agenturen dürfen Transgender und gleichgeschlechtliche Paare ablehnen und die anwachsende Gewalt gegenüber der LGBTQ-Community wird stillschweigend hingenommen.


Zum Glück erfolglos wollte Trumps Regierung auch den Obersten Gerichtshof dazu bewegen, dass Homosexuelle und Transgender nicht mehr länger vor Diskriminierungen am Arbeitsplatz geschützt werden sollten. Durch seine zuletzt schnelle Einsetzung der ultrakonservativen Verfassungsrichterin Amy Coney Barrett an eben jenem Obersten Gerichtshof, dem Supreme Court, entstand aber ein massives Ungleichgewicht zugunsten der Konservativen. Barrett ist nicht nur Abtreibungsgegnerin, sondern steht auch offen dazu, die hart erkämpfte „Ehe für alle“ für einen großen Fehler zu halten.

Die Gefahr, dass diese Gleichberechtigung homosexueller Lebensgemeinschaften wieder gekippt wird, ist durchaus realistisch – noch dazu, wo das Oberste Gericht unabhängig urteilt, egal, welcher Präsident gerade im Amt ist. Trump selbst versuchte bis heute aktiv auch einige Gesetze ändern zu lassen, die es möglich gemacht hätten, schwule Männer und Transgender aus religiösen Gründen aus ihren Jobs feuern zu dürfen und Mitglieder der LGBTQ-Community sogar den Service im Einzelhandel zu verweigern. Die Liste der LGBTQ-feindlichen Aktionen der Trump-Pence-Regierung ist also auffallend lang und selbst seine lesbische Nichte Mary Trump bestätigte in ihrem Besteller-Buch „Too Much and Never Enough“, dass Trump sich unwohl in der Gegenwart von schwulen Männern fühle.


Also will man noch einmal fragen: Warum hat beinahe jeder dritte Homosexelle Donald Trump gewählt? Ähnlich geschockt reagierten übrigens auch Vertreter der Black Community in den USA – auch die Zahl der schwarzen Trump-Wähler stieg um 50 Prozent an. Black Lives Matter und der unterschwellige Rassismus scheinen diese Wählergruppe nicht beeinflusst zu haben. In beiden Fällen liegt die Antwort wohl in der Prioritätensetzung der Wähler. Die Edison-Nachwahlbefragung zeigt deutlich, dass vor Menschenrechten, Rassismus, Klimawandel oder Covid-19 die allermeisten Trump-Wähler ihm ihre Stimme gegeben haben, weil sie die Wirtschaft fest im Blick hatten. Vor dem Ausbruch der Pandemie war die Arbeitslosenquote auf 3,5 Prozent gesunken – die niedrigste Zahl seit 51 Jahren. Auch wenn der Preis dafür eine enorme neue Staatsverschuldung war und die entstandenen Jobs oftmals auch nur Mini-Jobs waren, so blieb doch eine Tatsache in den Köpfen vieler Menschen hängen: Trump schafft Jobs. Und das ebenso für Schwarze wie Homosexuelle.

Das Phänomen ist nicht gänzlich unbekannt, auch in Deutschland gibt es Schwule und Lesben, die strikt gegen ihre eigenen Interessen wählen – zum Beispiel eine rechtsextreme Partei wie die AfD. Allerdings sind die Zahlen nicht so dramatisch wie in den USA. In Deutschland könnten sich weniger als 3 Prozent der LGBTQ-Menschen vorstellen, die AfD zu wählen – so eine Wahlstudie der Universitäten Wien und Gießen. Auch die CDU oder CSU hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht direkt hervorgetan, wenn es um Gleichberechtigung von Homosexuellen ging – trotzdem gibt es auch hier schwule Männer, die die Partei damals wie heute aktiv fördern, allerdings reden wir auch hier von einer Minderheit von rund 7 Prozent der LGBTQ-Stimmen.

© Bildrechte: gayle-tufts.de

Die Entertainerin Gayle Tufts brachte die Lage in den USA in der ARD-Sendung Maischberger auf den Punkt: „Make America great again bedeutet in erster Linie auch make me great again. Hauptsache, mir geht es gut.“ Der Egoismus in Amerika sei dabei deutlich stärker ausgeprägt als in Europa, so die Kabarettistin weiter. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die einzige Wählergruppe, die mehrheitlich Trump gewählt hat, Männer über 65 Jahren waren, zumeist eher ländlich und bildungsfern. Selbst im „Republikaner-Country“ Texas holte Joe Biden die Mehrheit der Stimmen in den großen Städten. Je jünger je städtischer die Wählerschaft war, desto mehr gaben sie ihre Stimme dem demokratischen Kandidaten.

Und so zeigt sich an den aktuellen Zahlen, dass nicht nur die amerikanische Bevölkerung tief gespalten ist, sondern auch durch die amerikanische LGBTQ-Community ein Riss geht. Das bestätigte uns auch unser USA-Korrespondent Derek Meyer, der im Auftrag von MyGay Magazine schwule Männer in New York befragte. Bleibt die Frage offen, ob die Förderung der Wirtschaft und der eigene Job wirklich wichtiger sind als ureigene Menschenrechte? Was für ein Selbstverständnis und eine Selbstdefinition haben LGBTQ-Menschen, die wissentlich rechtliche und gesellschaftlich angeheizte Diskriminierung in Kauf nehmen, nur um einen Job zu haben? Noch dazu, wo die Regierung Trump wie aufgezeigt sich auch dafür einsetzte, LGBTQ-Menschen nur aufgrund ihrer Sexualität feuern lassen zu können. Keine Frage, ein Beruf und Geld sind gerade in Zeiten der Pandemie lebenswichtige Eckpfeiler, doch sollten Homosexuelle sich dafür nicht bewusst und freiwillig zu Menschen zweiter Klasse degradieren lassen, die weder die gleichen Grundrechte haben noch eine menschenwürdige Behandlung erfahren. Oder hatte Bertolt Brecht doch recht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

Autor: Michael Soze

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