CSD-Vorstand Berlin tritt zurück!

Ein Kommentar von Sebastian Ahlefeld

 „Wir haben uns als amtierende Vorstände entschlossen, unsere Ämter auf der nächsten Mitgliederversammlung geschlossen niederzulegen.“ So geht es aus einer Mail der Vorständler Daniela, Jasmin, Lutz und Ralph an die Mitglieder des CSD Berlins hervor.

Ein besonderes Jahr geht für diesen CSD-Vorstand damit zu Ende. Der erste Vorstand, der keine CSD-Parade auf die Straße gebracht hat. Dies ist in erster Linie der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Schutz-Regeln zu verdanken. 2020, ein Jahr ohne CSD und damit auch ohne Kritik und Diskussion in der Berliner Community? Pustekuchen – denn gefühlt gab es mehr Kritik und Diskussionen als nach jeder anderen CSD-Saison.

Bereits im Frühjahr hatte der CSD Vorstand beschlossen, den CSD ins Internet zu verlegen. Aber wie sollte er aussehen? Was erwartete uns? Und wie sinnvoll ist das Unterfangen überhaupt? Mitglieder und die Community mussten lange warten, bevor ein Konzept vorgestellt wurde. Die Diskussionen in den sozialen Medien liefen derweil auf Hochtouren. Wortstarke Aktivisten aus den einzelnen Communitys meldeten sich zu Wort und die Parteien und ihre LGBTQ-Organisationen positionierten sich ebenso entsprechend.


Kritik, die sich der geschäftsführende Vorstand nicht gefallen hat lassen. Statt eine aufgeheizte Stimmung zum Abkühlen zu bringen, gossen einige Vorstandsmitglieder lieber Öl ins Feuer. So beschuldigte man CSD-Teilnehmer, in Zeiten von Covid-19 eher unvernünftig zu handeln: „Der CSD ist zwar politisch, aber von seiner Natur aus ein Event, das auf Körperkontakt aus ist (...) Wenn da Emotionen mit im Spiel sind, lässt die Vernunft manchmal einfach nach“, so CSD-Vorstand Ralph gegenüber der Berliner Zeitung. Hintergrund war der „kleine CSD“, der schließlich doch in Berlin stattgefunden hatte, aber von einer anderen, kleinen Gruppe von bekannten Berliner Aktivisten organisiert worden war.

Klein aber fein war dieser Pride, der dennoch eine politische und gesellschaftliche Botschaft vermitteln konnte. Eine gelungene CSD-Parade, ohne große Bühnenshow oder finanzielle Ausgaben. Zum ersten Mal eine CSD-Parade, die ganz gemütlich den Berlinern gehörte. Es war auch nicht die einzige Pride-Veranstaltung in diesem Sommer. Auch der Dyke*-Marsch konnte auf der Straße stattfinden. Warum haben also andere etwas geschafft, was der Vorstand des CSD e.V. für unmöglich hielt?


Vielleicht war ein kleiner CSD auch für manche Mitglieder des Vorstandes weniger interessant, denn bei allen kleinen Prides in diesem Jahr fehlte ja die große Show: Es gab keine großen Bühnen und auch kaum Sendezeit in den Medien. Beim digitalen CSD in Berlin wurde über ein Straßenfest in Schöneberg ins Internet ausgestrahlt. Manches war dabei interessant, vieles aber ziemlich skurril und erinnerte mich als Kind vom Land an ein Dorffest – eines jener Feste, bei denen man nicht lange bleiben wollte. Jedoch habe ich noch nie ein Dorffest erlebt, das 85.000 Euro gekostet hat.

Ich kann mich noch erinnern, dass es an diesem Tag sonnig war, viele Menschen aus der Community besuchten lieber einen See. Ich kenne kaum einen, der sich das Spektakel in der Eisenacher Straße oder online angeschaut hat. Bis heute habe ich keinen der angeblichen 600.000 Internet-Zuschauer getroffen, die sich laut CSD e.V. zugeschaltet haben. Jedoch hört man von vielen Mitgliedern des CSD e.V. und aus der Berliner Community unisono, dass man sich diese Show hätte sparen können – und das durchaus auch im wortwörtlichen Sinne.

Der CSD e.V. ist seit Jahren chronisch unterfinanziert. Nicht selten kam man nach einem CSD mit Schulden heraus. Nicht selten waren die finanziellen Engpässe die Begründung dafür, dass man sich keinen hauptamtlichen Leiter leisten konnte. Dabei wäre es bei der Größe, die der Berliner CSD normalerweise hat, eigentlich ein Muss, um diesen Kraftakt wirklich leisten zu können. Vor wenigen Tagen musste der CSD e.V. dann auch noch aus seinen Büroräumen ausziehen, weil der Mietvertrag nicht mehr verlängert wurde. Ein Jahr lang hatte man es nicht geschafft, neue Räume zu finden. Nicht zuletzt, weil es erneut am Geld mangelte.


Laut dem Schreiben an die Mitglieder konnten allerdings alle Rechnungen bezahlt werden. Man steht zwar jetzt ohne Büro, ohne Telefon und ohne Mitarbeiter da, aber dies sind die Probleme, die ein neuer Vorstand nun übernehmen muss. Nach dem Motto: Nach uns die Sintflut. Selbst eingehende Mitgliedsanträge werden vom aktuellen Vorstand liegen gelassen. Noch skurriler ist es, dass bestehende Mitglieder bis heute keinen Jahresbeitrag für 2020 bezahlen mussten, da dies vom Verband nicht abgebucht worden ist. Nun geht der Vorstand aufgrund von Corona in den Winterschlaf und hofft, dass Corona im Januar besiegt ist, um dann endlich eine Mitgliederversammlung einzuberufen und einen neuen Vorstand wählen zu können. Sehr optimistisch ist der geschäftsführende Vorstand dann aber doch nicht, wenn es um Corona geht: Neben einem Aufruf an die Mitglieder, sich für den neuen Vorstand zu bewerben, wird auch gleich festgelegt, dass es aus Sicht des aktuellen Vorstandes auch 2021 keinen CSD in Berlin geben wird.

Vielleicht muss aber einfach nur die CSD-Parade 2021 neu gedacht werden? Um vielleicht dann eine Demonstration auf die Straße bringen zu können inklusive wirksamer Covid-19-Schutzmaßnahmen. Die kleinen Prides dieses Jahr haben gezeigt, dass die Community auf orgienmäßiges Küssen verzichten kann und dass Menschen mit Vorerkrankungen auch kein Problem damit haben, zu Hause zu bleiben. Natürlich ist es wünschenswert, dass wir mit dicken Trucks und bunten Kostümen wieder tanzen können, aber wenn es nicht anders geht, müssen wir auch 2021 erneut einen CSD-Light fahren. Einen CSD-Light, der vielleicht nur fünf Trucks hat und ohne eine Bühne am Brandenburger Tor. Dafür mit einer starken politischen Botschaft. Was der CSD Berlin am meisten braucht, ist ein Vorstand, der sich nicht nur gegenüber den Mitgliedern verpflichtet fühlt, sondern gegenüber allen Communitys. Ein Vorstand, der verstanden hat, dass der Berliner CSD nicht der CSD in Posemuckel ist, sondern einer der bedeutendsten Prides auf der Welt. Und dass der Berliner CSD in der Hauptstadt eine wichtige Parade für alle LGBTQ-Menschen in Deutschland und Europa ist – auch ohne die große Show. Hoffen wir auf das Beste, denn es kann jetzt nur noch besser werden. 

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