Homosexualität in der DDR

30 Jahre ist Deutschland nun wiedervereinigt. Schwule, Lesben, Trans*, Bi und andere Personen, die sich zur großen queeren Familie zuordnen, kĂ€mpfen und feiern bis heute gemeinsam fĂŒr ihre Rechte. Dabei ist es egal, ob du aus Leipzig, Halle, Erfurt oder aus Köln, MĂŒnchen oder Hamburg kommst. Das wiedervereinigte Deutschland hat auch die beiden Communitys zusammengefĂŒhrt.

So fahren LGBTI+-Gruppen aus Magdeburg nach Frankfurt a.M. zum CSD und Stuttgarter nach Berlin. Berlin, wo der CSD sich jedes Jahr von Westberlin (KurfĂŒrstendamm) in Richtung Ostberlin bewegte – mit Ausnahme dieses Jahres auf Grund von Corona. Das Ende des Pride-Marsches ist dort, wo einst 28 Jahre lang die Maur stand – vor dem Brandenburger Tor. Dort, wo am 9. November 1989 die Menschen die Mauer erstĂŒrmten – voller Hoffnung vorbei an den bewaffneten NVA-Grenzsoldaten. Um zu tanzen und um zu feiern. Auch am 3. Oktober 1990 feierten an dieser Stelle hunderttausende Menschen. Menschen aus ganz Deutschland, Europa und der Welt. Der Zug der Feiernden ging vom Platz vor dem ReichstagsgebĂ€ude bis zum Brandenburger Tor. Was einst getrennt war, so unterschiedlich es auch gewesen sein mag, ist seit 30 Jahren endlich wieder eins.

Aus schwuler Sicht erlebten wir in den letzten 30 Jahren eine Aufarbeitung des Unrechtsparagrafen 175 StGB. Mit dem Ergebnis der Rehabilitierung und EntschĂ€digung der Opfer im Jahre 2017 sowie 2018 nach einer Erweiterung des EntschĂ€digungsgesetzes. Bei der historischen Aufarbeitung ist allerdings oft nur die BRD im Blick. Selbst beim jĂ€hrlichen Gedenken und bei den vielen Diskussionen um den §175 StGB wird dabei das Unrecht in der DDR nur selten angesprochen. Wie war es, als schwuler Mann oder lesbische Frau in der DDR zu leben? Dort gab es den Naziparagrafen 175 StGB bis zur Strafgesetzreform 1968. Dieser wurde durch den §151 StGB der DDR ersetzt und sah ein Verbot von einvernehmlich-gleichgeschlechtlichem Sex zwischen Erwachsenen und Kindern vor. Im Gegensatz zur BRD, wo „nur“ die schwulen MĂ€nner strafrechtlich verfolgtet wurden. Erst im Juni 1989 wurde in der DDR der §151 StGB gestrichen.


Die DDR galt dabei auch als Land der Freikörperkultur (FKK). Erotisches Bildmaterial war in der sozialistischen Republik, im Gegensatz zur BRD, nichts Verpöntes. War die DDR also auch freier bei der sexuellen IdentitĂ€t? Einer, der es wissen muss, ist Mario Röllig, der heutige Landesvorsitzende des Verbandes Lesben und Schwuler in der Union (LSU) Berlin. Röllig wurde 1967 in Ost-Berlin geboren und freundete sich nach seinem Coming-out im Alter von 17 Jahren mit einem West-Berliner Politiker an, sodass das Ministerium fĂŒr Staatssicherheit (MfS) auf ihn aufmerksam wurde. Er lehnte es ab, als inoffiziellen Mitarbeiter (IM) zu arbeiten und versuchte 1987 schließlich aus der DDR zu fliehen. Die Flucht misslang und er kam ins UntersuchungsgefĂ€ngnis des MfS nach Berlin-Hohenschönhausen.

Mario Röllig

Hallo Mario, wie war es fĂŒr dich als Schwuler in der DDR?

Mit 16 Jahren hatte ich mein Coming-out. Ich selbst habe in meinem direkten privaten und beruflichen Umfeld keine Diskriminierung auf Grund meiner sexuellen Orientierung erlebt. Da ich in Friedrichshagen aufgewachsen bin, mit viel Natur und in einem relativ liberalen Umfeld - die meisten Familien meiner MitschĂŒler stammten aus dem KĂŒnstlermilieu und waren an der Humboldt-UniversitĂ€t tĂ€tig oder SelbststĂ€ndige - waren meine MitschĂŒler meiner weichen Art recht offen gegenĂŒber eingestellt. HomosexualitĂ€t im Biologie-Unterricht, Porno-Hefte oder AufklĂ€rungsliteratur gab es nicht. Immer, wenn es offiziell angesprochen wurde, hieß es, dass es nicht der sozialistischen Moral entsprĂ€che und eine schlimme Krankheit sei. Es war ein Schmuddel-Thema. Die heteronormative Familie war das Wichtigste in der DDR. Und diese wurde auch materiell und finanziell gefördert, damit man die Kinder zu funktionierenden ZahnrĂ€dern der Diktatur erziehen konnte, zu sozialistischen Persönlichkeiten.

Wie hast du dich dann geoutet?

Ich hatte GlĂŒck, denn mein Hausarzt war selbst schwul, was ich aber anfangs noch nicht wusste. Er hörte mir ruhig zu. Ich fragte ihn, ob ich krank bin, wenn ich MĂ€nner anziehender finde als Frauen. Er sagte, dass ich nicht krank sei, sondern schwul. Ich war schockiert. Dann fragte ich ihn, ob es kein Medikament oder keine Therapie dagegen gibt. Er verneinte. Ich brĂ€uchte mich dafĂŒr nicht schĂ€men, solle es ruhig ausleben. Doch mein Hausarzt sagte mir auch, dass ich vorsichtig damit sein sollte, wem ich es erzĂ€hle. Und nicht nach außen offen damit umzugehen, da es in breiten Teilen der Bevölkerung Hass und Vorurteile gĂ€be. Das könnte gewaltsam eskalieren. In meiner Ausbildung spĂ€ter dann habe ich positive Erfahrungen gemacht. Ich habe im Flughafenrestaurant am Flughafen Berlin-Schönefeld eine Ausbildung zum Restaurantfachmann absolviert. WĂ€hrend dieser Zeit Mitte der 80iger Jahre spielte es an meinem Arbeitsplatz ĂŒberhaupt keine Rolle, dass ich schwul war. Viele vom Personal im Flughafen waren ebenso homosexuell. Es war ein offenes Klima. Nur in der Berufsschule fĂŒr gastronomische Berufe in Berlin-Springpfuhl wurde ich von einigen MitschĂŒlern deshalb gemobbt.

Mario Röllig in den 80iger Jahren

Hast du oder Freunde von dir noch weitere homophobe Anfeindungen erlebt?

Ich hatte einen schwulen Freund, der im Elektroapparate-Werk Berlin-Treptow arbeitete und stĂ€ndig von seinen Arbeitskollegen zusammengeschlagen wurde. Es war die Hölle fĂŒr ihn. Niemand stand ihm bei oder half ihm. Eines Morgens im Winter 1986 wurde er schlimm zugerichtet und ermordet im Treptower Park aufgefunden. Obwohl alle Freunde von der Kriminalpolizei zu den HintergrĂŒnden vernommen wurden, ist dieser Mord als Raubmord bewusst vertuscht worden und wurde nicht als homophobes Gewaltverbrechen eingestuft. Trotz vieler Indizien. So etwas gab es im DDR-Sozialismus offiziell eben nicht. Leider kein Einzelfall. Allein oder mit seinem Partner unterwegs zu sein war schon gefĂ€hrlich, wenn auch nicht permanent. War man allerdings in grĂ¶ĂŸeren Gruppen unterwegs, konnte man sich sicher fĂŒhlen vor Anfeindungen. In GroßstĂ€dten wie Ost-Berlin, Leipzig oder Dresden war es zudem etwas liberaler als in der Provinz. NatĂŒrlich gab es auch Treffpunkte fĂŒr nĂ€chtlichen Sex, wie den Park in Friedrichshain am MĂ€rchenbrunnen. Das war aber auch gefĂ€hrlich und von Gewalt geprĂ€gt.

Wie war es mit der Staatssicherheit?

Homosexuelle galten als unzuverlĂ€ssig linientreu, subversiv, manche als asozial, und hatten nach Ansicht der Stasi meistens Kontakte zu westlichen AuslĂ€ndern, West-Berlinern oder BundesbĂŒrgern. Die musste der Staat kontrollieren und ĂŒberwachen, manchmal auch ins GefĂ€ngnis sperren. NatĂŒrlich wurden da andere GrĂŒnde fĂŒr die Inhaftierung herangezogen, zum Beispiel HerabwĂŒrdigung der staatlichen Organe, Zusammenrottung, Widerstand gegen staatliche Maßnahmen, Rowdytum oder auch Verrat von staatsgefĂ€hrdenden Informationen. Die Palette war groß. Der Staat DDR hat aus meiner Sicht ganz bewusst auf Grund seiner völlig ĂŒberholten Moralvorstellungen mit dem Paragraphen 151 StGB-DDR den angeblichen Schutz gegen den sexuellen Missbrauch von Jugendlichen in den Vordergrund gestellt. Durch Denunziation aus der Bevölkerung oder von Stasispitzeln konnten solche Beziehungen auffliegen. Beide MĂ€nner wurden dann zum Beispiel beim Gesundheitsamt vorgeladen und mussten ein entwĂŒrdigendes Prozedere ĂŒber sich ergehen lassen. Schmerzhafte Untersuchungen der Geschlechtsteile fanden statt. Als Homosexueller konnte man ja nur Geschlechtskrankheiten haben. Sie mussten unter Drohungen alle Namen und Adressen ihrer anderen Geschlechtspartner nennen. Es gab dafĂŒr sogenannte „rosa Listen“. Sind gerade Jugendliche mehrfach auffĂ€llig geworden, dann wurden sie auf Grund angeblichen „asozialen Verhaltens“ strafrechtlich verfolgt.


Hast du einen Vergleich zum schwulen Leben in der DDR im Gegensatz zur BRD?

Sicher war die DDR gesetzlich liberaler als die Bundesrepublik. Allerdings im Alltag war die Verfolgung von Homosexuellen bis zum Ende der DDR immer real. Dies funktionierte jedoch mit subtilen Methoden wie Bespitzelung und Überwachung durch die Stasi sowie durch die Anwendung anderer gesetzlicher Vorschriften und Strafparagraphen.

In der Bundesrepublik war der Paragraph 175 noch bis 1994 im Strafgesetz verankert, wurde aber nach meiner Kenntnis seit 1973 nicht mehr angewandt. Was die Akzeptanz, die Toleranz und die Moralvorstellungen in der Bevölkerung betrifft, war es in West-Berlin fĂŒr Homosexuelle natĂŒrlich offener. Als ich im MĂ€rz 1988 nach West-Berlin kam, war das schwule Leben viel offener, öffentlicher und freier. Es war nicht so unglaublich spießig wie in der DDR. Es gab den jĂ€hrlichen CSD, eine Vielzahl von Kneipen, Bars und Discotheken. Besonders im Regenbogenkiez in Schöneberg. ÜberfĂ€lle oder Gewalttaten gegen Homosexuelle gab es im Gegensatz zu heute, damals relativ selten. Es war eine sehr liberale AtmosphĂ€re.

Autor: Sebastian Ahlefeld

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