Die New Yorker Börse wird queer!


Anfang Dezember 2020 kam ein unerwarteter Paukenschlag aus dem Machtzentrum der Finanzwelt, der tausende, an der Nasdaq gelisteten Unternehmen 2021 unter unerwarteten Handlungsdruck setzt.

Die Nasdaq, einer der Gatekeeper der Wall Street, formulierte eine klare Ansage an das Corporate America. Die neuen Quotierungsregeln besagen, dass den Aufsichtsräten der an der Nasdaq notierten Unternehmen mindestens eine Frau und mindestens ein Vertreter  ethnischer  Herkunft wie African American, Hispanic, Native American, LGBTQ oder aber ein Angehöriger einer anderen unterrepräsentierten Minderheit angehören müssen. Firmen, die diesen Anforderungen nicht entsprechen, müssen dies erläutern und schriftlich darlegen, warum sie diesen Anforderungen nicht entsprechen können oder wollen. Für die Umsetzung gibt es eine Übergangsfrist von einem Jahr und es bedarf noch der Zustimmung der U.S. Securities and Exchange Comission, was 2021 nur eine Pro-forma-Angelegenheit sein dürfte. 

Diese neue Regelung ist ein Meilenstein in der Entwicklung von Corporate Governance, der eine jahrzehntelange weltweite Diskussion zum Thema Diversity voranbringt und die jetzt vor der höchsten Ebene von Kontrollorganen, dem Aufsichtsrat, nicht haltmacht, um Gender- und ethnische Diversity durchzusetzen. Wenn die Nasdaq Vorreiter bei dieser Thematik ist, können sich auch die Börsen in London und Frankfurt dem in Zukunft nicht verweigern.


Zur Erinnerung: Die Initiative Frauen in Aufsichtsräte und deren spätere Quotierung waren der zwangsweise Türöffner, vor allem in der so konservativen „Deutschland AG“, wo weiße Männer, heterosexuell und 60+ sich gegenseitig, zumeist aus Freundschaft und Verbundenheit, die teils lukrativen Posten zugeschoben haben. Dieser „Old Boys Club“ hatte und hat bis heute keinerlei Interesse, diese Netzwerke aufbrechen zu lassen, geschweige denn, sich gar durch Quotierungen eine auch nur ansatzweise Annäherung an das Thema Diversity vorschreiben zu lassen.

Diversity umfasst jedoch viel mehr, als nur Frauen den Weg zu ebnen, auch wenn Quotierungen immer noch heiß diskutiert werden, wie im Stern Nr. 49 in 12/2020 deutlich wird. Entscheidet die Quote oder die professionelle Eignung? Nordische Länder haben erfolgreich gezeigt, dass Quotierungen einen Anschub geben, Diskriminierung zu beseitigen, diverse Sichtbarkeit zu schaffen und die Vielschichtigkeit heutiger Gesellschaften abzubilden. 

 Die neue Sichtbarkeit von LGBTQs auch in der Welt der Wirtschaft

Diversity wurde und wird leider auch heutzutage immer noch als reines Frauenthema verstanden. Dabei besagt Diversity: Vielfalt. Diese Vielfalt hat handfeste ökonomische Gründe. Vielfalt hilft, den Fachkräftemangel auszugleichen. Vielfalt erschließt neue Zielgruppen und Märkte. Gemischte Teams bringen bessere Lösungen und innovativere Produkte. Wenn sich Organisationen entscheiden, Vielfalt zuzulassen und zu stärken, sei es nun auf Druck oder freiwillig, geht es hier sehr wohl um die gesamten Facetten einer Person, es geht um Alter, Geschlecht, sexuelle Identität und geschlechtliche Orientierung, Religion und Weltanschauung, Behinderung sowie ethnische Herkunft und Nationalität.


Keiner dieser Aspekte darf ausgeblendet oder diskriminiert werden. Jahrhundertelang wurden bewusst oder unbewusst Personen beziehungsweise ganze Gruppen kategorisiert und diskriminiert. Einigen wird daraus resultierend oft mehr oder weniger Leistung zugetraut. Die neue Verordnung der Nasdaq setzt hier einen konkreten Punkt und reagiert damit auch auf die immer noch mangelnde Repräsentation der African Americans und Hispanics, aber eben auch der sexuellen Orientierung und Identität. Dies ist mitnichten ein Blick unter die Bettdecke oder eine Verletzung der Privatsphäre. 

Selbstverpflichtungen von Unternehmen reichen hier nicht mehr aus, wie am Beispiel der Frauenquote deutlich zu sehen ist. Der Quotierungsansatz bei Dax-Unternehmen für Vorstände ist daher der richtige Schritt nach der Quotierung von Aufsichtsräten bei dort gelisteten Unternehmen. 

Über Jahrzehnte hat eine kleine, aber rasch anwachsende Bewegung Unternehmen in den USA aufgefordert, Disbalancen im Board Room zu korrigieren. Untermauert wurde dies auch hier durch Untersuchungen, die deutlich machten, dass Diverse Leadership bessere Corporate Governance Praxis, wie auch schlichtweg bessere finanzielle Resultate zur Folge hatte. Unternehmen mit einer hohen Diversity in Aufsichtsräten bringen im Schnitt eine 28 Prozent höhere Performance. (McKinsey Mai 2020)


Die Nasdaq ist nicht das einzige Schwergewicht an der Wall Street, das jetzt forciert dieses Thema in Angriff nimmt. Der in Chicago ansässige Fonds Ariel, der 13,3 Milliarden Assets anlegt und investiert, hat 45 Unternehmen, in die er investiert hat, zu diversen Aufsichtsräten bewegt. Einige der größten Investoren  weltweit wie Blackrock, Vanguard Group oder State Street Advisors drohen aktiv, ihr angelegtes Geld zurückzuziehen, wenn die Unternehmen nicht deutlich zeigen, dass sie an den großen Buchstaben des 21.Jahrhunderts arbeiten: E (Ecological) S (Social) G (Governance) und eben auch D wie Diversity im Aufsichtsrat. 

Goldman Sachs hat bereits 2020 Börsengänge bei Unternehmen gestoppt, die diesen Regeln nicht folgen, das heißt, wenn es nicht mindestens ein diverses Aufsichtsratsmitglied gibt. Somit hat Nichtbefolgen der geforderten Diversity klare ökonomische Konsequenzen und bringt die Unternehmen in öffentliche Erklärungsnot. 2020 wurden von der Nasdaq 22 Unternehmen angemahnt. Allerdings liegen zurzeit lediglich Daten über Männer und Frauen in Aufsichtsräten vor, zur sexuellen Orientierung und ethnischen Herkunft jedoch noch nicht. Sicher ist dies ein heikles Thema, das keineswegs zu Zwangsoutings führen sollte. Dennoch wäre auch hier ein klares Bekenntnis wünschenswert und zu würdigen.

Interessant bei diesem Thema ist, dass Druck und Zwang hier von urkapitalistischen Playern ausgehen, das heißt von den Investoren, die Druck auf die Unternehmen ausüben. Daher ist es aufgrund globaler Kapitalverflechtungen nur eine Frage der Zeit, bis deutsche gelistete Unternehmen ebenfalls reagieren müssen. Kein Unternehmen wird auf die großen Investoren verzichten können. Damit befindet sich die „Deutschland AG“ im Schlussakkord, weg von Postenschacherei und Kumpanei ohne besondere Qualifikation, hin zu klarer, transparenter diverser Führung im 21.Jahrhundert als komplettem Spiegel der heutigen Gesellschaft. Somit sorgt der Hebel der Investoren und großen Anleger hier für eine Entwicklung, die mit noch kleinen Demonstrationen vor Jahrzehnten begann. Und wenn das Kapital dieses Thema aufgreift, dann ist das nur zu begrüßen, denn je länger deutsche Unternehmen sich sträuben, umso schmerzlicher werden sie die Folgen im Geldbeutel spüren.

Die geltenden Regeln an den europäischen Finanzplätzen werden dem Vorbild der Nasdaq sehr bald folgen. Das Vereinigte Königreich mit der City of London ist hier heute schon ein Vorreiter und setzt somit ebenfalls die Finanzplätze der Europäischen Union unter Zugzwang. Das wird man an den Börsen in Ländern wie beispielsweise Polen und Ungarn, wo man stolz auf LGBTQ freie Zonen ist und wo gleichgeschlechtliche Ehen als Teufelswerk gesehen werden, nur zögerlich umsetzen wollen. Letztlich werden sich Unternehmen auch aus diesen Staaten der Veränderung nicht entziehen können.


Autor Gerd Jooß ist Beauftragter für politische Verbindungen bei Fujitsu Deutschland und Ansprechpartner im Fujitsu Pride Europe LGBTI+ Network.


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