Corona bedroht LGBTQ-Menschen besonders!


Gerade für LGBTQ-Menschen barg und birgt die aktuelle Corona-Lage massive Probleme in besonderem Ausmaß – zu diesem Schluss kommt eine Studie der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Trans*, Intersexuelle Menschen e. V. und dem Lesben- und Schwulenverband. Zusammen haben sie im Januar 2021 zahlreiche Fachleute, Experten und auch Vereine aus dem LGBTQ-Bereich nach ihren Erfahrungen und Erlebnissen in der Corona-Krise befragt – insgesamt beteiligten sich 255 Initiativen aus allen Bundesländern. Das Ergebnis ist klar: LGBTQ-Menschen trifft die Corona-Krise in besonderem Maße und besonders hart.

Dabei unterteilt die Bundesstiftung die Probleme in vier große Bereiche. Punkt Eins sind die Strukturen innerhalb der Community. Schutzräume und Anlaufstellen von und für LGBTQ-Menschen sind in Gefahr. Kneipen und Clubs mussten geschlossen und Veranstaltungen abgesagt werden, Beratungs- und Selbsthilfeangebote sind extrem eingeschränkt. Viele Organisationen und Initiativen befürchten, dass ihre finanzielle Förderung gekürzt wird (Mehr dazu hier und hier). Schon vor der Pandemie waren viele LGBTQ-Vereine in einer schwierigen finanziellen Lage, da zumeist Projekte zeitlich befristet sind und jedes Jahr neu beantragt werden müssen. Rund 28 Prozent der befragten Institutionen gaben an, dass sich ihre finanzielle Lage verschlechtert habe, weitere rund 16 Prozent können die Situation noch nicht abschließend einschätzen. Für etwas mehr als die Hälfte aller LGBTQ-Vereine ist die finanzielle Situation indes gleich geblieben. Anders sieht es bei der Arbeitsbelastung selbst aus, knapp die Hälfte der Befragten gab an, dass die Mitarbeiter einer erhöhten Arbeitsbelastung ausgesetzt sind.


Punkt Zwei ist die Gesundheit. LGBTQ-Menschen erfahren häufig Diskriminierung im Gesundheitssystem und haben dadurch weniger Zugang zur Gesundheitsversorgung. Dieser „Trend“ verschärft sich noch in der Pandemie. In der psychotherapeutischen Arbeit mit LGBTQ-Personen zeigt sich seit Beginn der Pandemie, dass psychisch vorbelastete Personen die Auswirkungen am stärksten spüren, so die Psychotherapeutin Gisela Wolf. Die Krisensituation bringe Verunsicherungen mit sich und verstärke massiv Angstgefühle (Mehr zu dem Thema hier). Die erforderlichen Kontaktbeschränkungen führen zu Isolation und Vereinsamung – nach Angaben der befragten Initiativen stimmen über 90 Prozent darin überein, dass die Einsamkeit und der psychische Gesundheitszustand der LGBTQ-Menschen zugenommen haben. Dabei war die psychotherapeutische Versorgungslage in Deutschland bereits vor Corona angespannt und hat sich nun weiter verschlimmert – viele Betroffene werden monate- oder sogar jahrelang auf einen Therapieplatz warten müssen.


Punkt Drei in der Liste der Probleme sind die Kontaktbeschränkungen selbst. Nicht alle Menschen können sich in ein vermeintlich „sicheres“ Zuhause zurückziehen beziehungsweise ins Homeoffice ausweichen. LGBTQ-Menschen müssen den Lockdown teilweise mit Familienmitgliedern verbringen, von denen sie abgelehnt, diskriminiert oder gar körperlich angegriffen werden. In besonderem Maße trifft das aktuell junge LGBTQ-Personen, wenn sie in einem homophoben Umfeld leben müssen. Bereits 2015 gaben 45 Prozent der LGBTQ-Jugendlichen in der Studie „Coming-out und dann“ an, Diskriminierungserfahrungen in der engeren Herkunftsfamilie gemacht zu haben. Die Situation verschärft sich durch die Corona-Maßnahmen noch mehr, auch die Anzahl gewaltsamer häuslicher Übergriffe nimmt nach Angaben der TU München seit Covid-19 zu. Das deckt sich auch mit den Erfahrungen der befragten Initiativen - über die Hälfte berichtet von einer Zunahme von Gewalterfahrungen zu Hause und Stress durch ein LGBTQ-feindliches Umfeld, knapp ein Viertel über eine Zunahme von Gewalterfahrungen im öffentlichen Raum.

Des Weiteren sind Sexarbeiter von den Kontaktbeschränkungen stark betroffen und fallen oftmals auch finanziell durch das Raster jedes Hilfspakets hindurch. Besondere Problematiken zeichnen sich auch bei LGBTQ-Geflüchteten hab (MyGay berichtete). Nebst den noch längeren Bearbeitungszeiten für Asyl-Anträge existiert in den Unterkünften auch ein erhöhtes Infektionsrisiko: Ist ein Bewohner mit Covid-19 infiziert, liegt das Infektionsrisiko für alle anderen Bewohner der Unterkunft bei 17 Prozent.


Im vierten Punkt hält die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld fest, dass durch die enge Definition von Familie der Bundesregierung natürlich oftmals in Zeiten von Kontaktbeschränkungen andere Lebens- und Familienmodelle aus der LGBTQ-Community benachteiligt werden. Ein weiterer Aspekt sollte dabei noch mehr zu denken geben: Durch die aktuelle Situation finden nicht nur Verschwörungstheorien mehr Zuspruch, sondern auch rechte Populisten nutzen die Krise aus, um gegen Geschlechtergerechtigkeit und sexuelle Vielfalt zu mobilisieren. Der Ausnahmezustand der Pandemie wird als neue Begründung für bereits bestehende LGBTQ-feindliche Ressentiments herangezogen. So twitterte zum Beispiel die AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch: „Große Krisen schaffen auch Klarheit: wir brauchen Krankenschwestern und keine Diversity-Berater (…)“


Was tun dagegen?

Die Bundesstiftung hat ein ganzes Forderungspaket erstellt und Ideen zusammengetragen, wie LGBTQ-Personen jetzt geholfen werden könnte. Darunter fallen Punkte wie die unbürokratische finanzielle Unterstützung von Vereinen, Beratungsstellen, Selbstständigen, Sexarbeitern und den LGBTQ-Clubs und Kneipen. Es wäre wichtig, langfristig Förderprogramme zu unterstützen, Therapieangebote auszubauen, medizinisches Personal besser zu schulen im Umgang mit LGBTQ-Personen, die Jugendarbeit zu stärken sowie Geflüchtete und wohnungslose Personen besser unterzubringen. Generell bedarf es der Einsicht, dass Menschenrechtsarbeit für LGBTQ-Menschen kein Luxus ist, sondern zentraler Bestandteil einer Demokratie. Im Kern lassen sich die Ideen kurz zusammenfassen: schnell und unbürokratisch helfen – in allen Bereichen. Schnell, unbürokratisch – zwei Wörter, die leider in den letzten Monaten und bis heute so gar nicht in Verbindung gebracht werden können mit der bisherigen politischen Arbeit der Bundesregierung.


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