Ein mutiger Politiker mit Format!


Lasst uns über Mut und die Politik sprechen – oftmals zwei Themen, die scheinbar immer seltener zueinander passen mögen. Vor allem, wenn es für die eigene Karriere gefährlich werden könnte, wahrhaft mutig zu sein. Dabei würde genau diese Wahrhaftigkeit einem Politiker eine ganz besondere und extrem spannende Aura verleihen. Einer der mutigen Menschen in der Politik ist der junge Grünen-Politiker Felix Martin (25) aus Hessen.

Der junge Mann outete sich im Februar 2021 im Hessischen Landtag nicht nur als schwul, sondern auch als HIV-positiv und sprach offen über seine Ängste und Erfahrungen. Der gelernte Bankkaufmann sitzt seit Januar 2019 als Abgeordneter im Hessischen Landtag und ist Sprecher für Arbeitsmarkt, Ausbildung, kommunale Finanzwirtschaft, Jugend, Antidiskriminierung und queere Politik. Mit seinem mutigen Schritt hat Martin gezeigt, wie wunderbar etwas mehr Wahrhaftigkeit und Mut der politischen Landschaft zu Gesicht stehen würde.   

Herr Martin, lassen Sie uns über Mut reden - wir finden, da sind Sie mit Ihrem Statement der perfekte Ansprachpartner. Wie verlief der Weg bis zu diesem Schritt in die Öffentlichkeit?

„Im Dorf wird viel geredet“, sagte meine Mutter mir mal. Später erfuhr ich, dass die spekulierten, was mir denn fehlen könnte. Krebs war wohl ganz hoch im Kurs. Ich wollte mich nicht mehr verstecken und habe erlebt, dass Menschen aus Angst im wahrsten Sinne des Wortes auf Distanz gegangen sind. Es braucht noch größere Anstrengungen in der Aufklärungsarbeit und ich hoffe, dass ich meinen Teil dazu beitragen kann. Das Internet vergisst nicht – gerade deshalb habe ich mir sehr genau überlegt, ob ich damit klarkommen würde, wenn jede neue Bekanntschaft, jeder Kollege, jede Reporterin innerhalb kürzester Zeit rausfinden könnte, dass ich HIV-positiv bin. Ganz bewusst habe ich meine Rede deshalb mit einer Zeile von Silbermond beendet: „Doch soweit ich weiß, sind die mit den guten Geschichten – immer die Mutigen.“


Ich habe den Eindruck, dass Ihre Motivation eine sehr persönliche ist, so offen, wie Sie mit Ihrer Virus-Infektion umgehen. Was für Ziele verfolgen Sie dabei?

Ich war 21, als ich die Diagnose HIV-positiv und an AIDS erkrankt erhalten habe. Damals kam mein Körper an seine Grenzen. Ich musste mit ihm darum kämpfen, einen weiteren Schritt gehen zu können. Häufig hatte ich hohes Fieber, musste mich oft übergeben und habe innerhalb kürzester Zeit zehn Kilo abgenommen. Ich habe jeden Tag darüber nachgedacht, wie es wohl wäre, wenn ich am nächsten Morgen nicht mehr aufwachen würde. Und ich habe erlebt, was das mit meiner Familie und den Menschen, die mir nahestehen, macht. Ich möchte, dass so eine schlimme Zeit möglichst niemand mehr durchmachen muss. Deshalb will ich für Safer-Sex und regelmäßige HIV-Tests sensibilisieren.

Natürlich ist HIV in der Gay-Community ein Dauer-Thema, außerhalb davon scheint es aber immer mehr aus dem Blickpunkt geraten zu sein. Was würden Sie sich gerade auch politisch wünschen in Bezug auf HIV?

Wir müssen noch besser werden bei der Vermittlung von Wissen über die konkreten Infektionswege und Behandlungsmethoden von HIV – auch in der Community. Deshalb hat sich Hessen den UNAIDS-Zielen der Vereinten Nationen angeschlossen und ein Forschungsvorhaben finanziert, das noch offene Potentiale in der HIV-Prävention aufzeigen soll. Bis zum Jahr 2030 sollen 95% aller Menschen mit HIV von ihrer Infektion wissen, 95% derer sollen Medikamente nehmen und die Viruslast von 95% der Behandelten soll sich unterhalb der Nachweisgrenze befinden.


Wir sehen derzeit, was in puncto Forschung und Medizin in kürzester Zeit möglich ist, wenn es um ein Virus wie Covid-19 geht. Es gibt Stimmen innerhalb der Community, die sich darüber ärgern, dass bis heute die HIV-Forschung zwar inzwischen deutlich intensiver betrieben wird als in den Anfangsjahren, aber im Vergleich zu Covid immer noch massiv  hinterherhinkt. Wie sehen Sie das?

Ich bin unfassbar dankbar für die medizinischen Fortschritte der vergangenen Jahrzehnte in der HIV-Behandlung. Heute können Betroffene oft lang und beschwerdefrei leben und lieben. Ich finde es nachvollziehbar, dass während einer weltweiten Pandemie, ausgelöst durch ein hoch ansteckendes Virus, der medizinische Fokus global darauf gelegt wird. Es ist doch phänomenal, dass es innerhalb kürzester Zeit gelungen ist, mehrere Impfstoffe zu entwickeln. In der Corona-Forschung konnte man teilweise auch von der HIV-Forschung profitieren, vielleicht gelingt der Wissenschaft das ja auch umgekehrt.

Sie sind ein junger Politiker der Grünen und damit natürlich auch eine öffentliche Person. Welche Reaktionen haben Sie nach Ihrer mutigen Rede im Landtag erlebt?

Als ich in meiner Rede den Satz „Ich bin HIV-positiv und ich bin an AIDS erkrankt“ sagte, wurde es plötzlich ganz still. Abgeordnete haben ihre Arbeit beiseitegelegt und aufmerksam zugehört. Nach der Rede, in der ich meine eigene Geschichte erzählt habe, erhielt ich langen Applaus von allen Fraktionen. In den Tagen danach haben mich viele Nachrichten erreicht – gerade auch von Betroffenen – die sich für diesen Mut bedankt haben. Das hat gutgetan, gerade auch vor dem Hintergrund, dass es ungewöhnlich ist, wenn Politiker so persönlich werden. Im Netz bekomme ich aber auch negative Reaktionen, meist von Menschen, die gefühlt nur die Überschrift gelesen haben und sich dann lautstark beschweren, dass es junge Menschen in der Politik gibt.

Hessischer Landtag Plenargebäude, © Wolfgang Pehlemann Germany

In Bezug auf Homosexualität gibt es – gerade auch in Verbindung mit HIV – noch immer zahlreiche negative Vorurteile in Teilen der Gesellschaft. Geht es beispielsweise um HIV und Homosexualität, trifft man immer wieder auf den dummen Spruch: „Hätte er halt beim Sex einfach besser aufpassen müssen.“ Wie gehen Sie damit um?

Gerade weil ich mich hätte besser schützen und früher testen lassen müssen, gehe ich offen mit meiner Infektion um. Ich möchte Wissen vermitteln, Stigmatisierung abbauen und sensibilisieren für Safer Sex und regelmäßige HIV-Tests. Dieser offene Umgang führt immer wieder zu Situationen, auf die ich gern verzichtet hätte. Der oft nicht freundlich gemeinte Hinweis: „Hättest halt besser aufpassen müssen“, verläuft schnell im Sande, wenn ich mein Gegenüber frage, ob er schon Mal Sex ohne Kondom hatte. Ich kenne nur wenige Menschen, die diese Frage mit Nein beantworten können.

Wie geht es Ihnen gesundheitlich heute?

Es geht mir hervorragend. Ich habe glücklicherweise keinerlei körperliche Einschränkungen oder Nebenwirkungen durch die Medikamente. Meine HI-Viruslast befindet sich unterhalb der Nachweisgrenze, womit eine Übertragung des Virus selbst bei ungeschütztem Sex nahezu ausgeschlossen ist.

Homosexualität und Politik – noch immer oftmals ein heikles Thema in einigen Parteien. Auch wenn die Hauptstadtpresse inoffiziell von der Homosexualität einiger Politiker weiß, ist das Thema oftmals noch tabu aus Angst vor dem Verlust von Wählerstimmen. Bedürfte es auch endlich mehr Mut unter Politikern auf Landes- und Bundesebene, wenn es um ihre eigene Sexualität geht? Und sei es nur als positive Vorbildfunktion, um gesellschaftlich einen Wandel weiter voranzutreiben.

Der individuelle Outing-Prozess ist ein höchst persönlicher Vorgang, der von unzähligen Faktoren abhängig ist. Als privilegierter weißer Mann war dieser Prozess für mich deutlich einfacher als für viele andere, die beispielsweise mit Mehrfachdiskriminierung zu kämpfen haben. Insgesamt will ich aber ermutigen, auch öffentlich zu sich selbst zu stehen. Wenn nicht einmal wir selbst unsere sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität als Normalität behandeln, wie sollten es dann andere können?

Im September sind Bundestagswahlen und die Partei Bündnis 90/Die Grünen hat gute Chancen, als eine der führenden Parteien in die Regierungsverantwortung gewählt zu werden. Ihre politischen Schwerpunkte sind unter anderem Jugend- und queere Politik sowie Antidiskriminierung. Was würden Sie sich allgemein von der Politik und speziell auch von Ihrer Partei wünschen, wenn diese ab September in Regierungsverantwortung kommen würde?

Es braucht eine Bundesregierung, die sich ambitioniert den Herausforderungen dieser Zeit widmet: Der Klimakrise, Gesundheitsversorgung, Digitalisierung und sozialer Zusammenhalt. Persönlich wünsche ich mir Initiativen zur Absenkung des Wahlalters, ein Ende des Ausschlusses schwuler Männer bei der Blutspende sowie ein Selbstbestimmungsgesetz, dass an die Stelle des realitätsfernen Transsexuellengesetzes tritt.

Wie sehen Ihre persönlichen privaten und beruflichen Pläne aus? Geht es von Hessen irgendwann nach Berlin? Wäre die Zeit nicht reif für einen homosexuellen Bundeskanzler?

Die Arbeit im Hessischen Landtag bereitet mir viel Freude und ich habe noch einiges vor. Wo es mich in den nächsten vierzig Jahren Berufsleben überall hintreiben wird, bleibt abzuwarten. Es gibt viele offen schwule Politiker und es gab auch schon einen schwulen Vizekanzler. Mir ist wichtig, dass unsere Parlamente und Regierungen insgesamt vielfältiger werden. Deshalb freut es mich, dass für meine Partei zur Bundestagswahl auch einige Trans-Personen, lesbische Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund und People of Color antreten, denen ich ganz viel Erfolg wünsche.

Hat Dir der Artikel gefallen? Dann unterstütze das MyGay Magazine! Wie wäre es mit unserem aktuellen eBook oder einem Jahres-Abo des MyGay Magazine? Schreibe uns einfach eine eMail an: [email protected]

Interesting Reads
Reload 🗙