Brustkrebs bei Männern - Warum wir darüber nicht reden!


Männergesundheit ist weiterhin zu oft ein Tabuthema. Männer sprechen nicht darüber und die darüber reden, werden nicht selten als Weicheier bezeichnet. Bei den meisten schwulen Männern bedeutet Männergesundheit lediglich, mindestens vier Mal die Woche ins Fitnessstudio zu gehen und literweise Eiweißdrinks zu sich zu nehmen. Um den vermeintlich gesunden Body in Form zu halten, wird auf Alkohol und tierische Fette verzichtet. Dies sind zwar schon einmal gute Voraussetzungen, um viele Krankheiten wie auch Krebs vorzubeugen, aber da geht noch mehr: Wenn es um das Thema Krebsvorsorge geht, dann wird auch der stärkste Mann plötzlich kleinlaut, obwohl genau dies sehr wichtig wäre.

Mann steht mitten im Leben, ist privat und beruflich gefestigt. Genau dann kommt der große Paukenschlag und alles kann plötzlich vorbei sein. Und das nur, weil «Mann» nicht gelernt hat, auf seinen Körper zu hören. Weil Themen wie Krebsvorsorgeuntersuchungen bei Männern weiterhin stark tabuisiert werden. Dass die Männergesundheit und gerade die Krebsvorsorge bei Männern in Deutschland keinen öffentlichen Diskurs erleben, hat einmal mehr der November 2020 gezeigt.

Am Tag der Männergesundheit konnte «Mann» vergeblich auf eine ARD-Themenwoche zum Thema Krebsvorsorge warten. In allen Sendungen und Nachrichtenformaten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wurde kein Wort  zur Männergesundheit fallen gelassen. Obwohl an diesem Tag die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zu diesem Thema aufgerufen hatte. Dabei gibt es hier viel zu reden. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) gab es 2016 in Deutschland insgesamt 492.090 Krebserkrankungen, davon waren 258.520 Personen Männer. Für 2018 hat das RKI rund 230.000 Sterbefälle im Zusammenhang mit Krebs festgestellt, davon waren 124.810 Männer. Im Vergleich zu Frauen erkranken Männer öfters an Krebs und weisen bei einer Krebserkrankung auch eine höhere Mortalitätsrate auf.


Wenn man bei Krebserkrankungen an Männer denkt, dann fallen einem oftmals nur Hoden- und Prostatakrebs ein. Aber auch Brustkrebs kann bei Männern vorkommen. Durchschnittlich sind zwei Prozent aller an Brustkrebs erkrankten Personen Männer. In Zahlen bedeutet das: 710 Männer sind im Jahr 2016 erkrankt (Insgesamt: 69.660 Menschen. Quelle RKI) und im Durchschnitt sind zwei Jahre später dann 195 Männer daran gestorben.

Die Ursachen für eine Krebserkrankung können indes unterschiedlich sein: 5 bis 10 von 1.000 Krebserkrankungen entstehen aufgrund einer ererbten Veranlagung. Bekannt ist, dass Frauen besonders wachsam sein müssen, wenn es bereits Vorerkrankungen in der Familie gegeben hat. Aber trifft das eigentlich auch auf Männer zu? Und was sollte man sonst noch als Mann zum Thema Brustkrebs wissen?

Das MyGay Magazine befragte dazu Prof. Dr. Jens-Uwe Blohmer. Er ist seit 2014 Direktor der Klinik für Gynäkologie mit Brustzentrum der Charité CCM in Berlin. Davor war Prof. Dr. Blohmer unter anderem Chefarzt der Frauenklinik Sankt Gertrauden Krankenhaus Berlin und Oberarzt an der Charité. Er veröffentlichte über 200 wissenschaftliche Publikationen, drei Lehrbücher und wirkte an 10 weiteren Büchern mit.

Prof. Dr. Jens-Uwe Blohmer, Copyright: Wiebke Peitz, Charité

Herr Professor Dr. Blohmer, was ist Brustkrebs genau?

Krebs ist eine Mutation der Zellen und bei Brustkrebs tritt diese Mutation in den Anfangsstadien in den Zellen der Milchgänge in den Milchdrüsen der Brustwarze auf. Auch Männer haben Milchdrüsen, daher können auch Männer Brustkrebs bekommen. Durch weitere Mutationen werden Eiweißbausteine verdaut und durch verschiedene Wege wandern diese mutierten Zellen in andere Körperregionen.

Gibt es Voraussetzungen, die eine Brustkrebserkrankung begünstigen? 

Der Körper hat Reparaturenzyme, die normalerweise die Mutationen beheben. Sind diese Enzyme defekt, dann hat man die erste Voraussetzung, die eine Brustkrebserkrankung begünstigt. Die BRCA-Mutation ist eine solche Mutation, die sehr oft bei Brustkrebserkrankungen bei Männern auftritt. Dies ist eine angeborene Mutation. So wird bei Männern geschaut, ob diese BRCA-Mutation vorliegt. Weitere Risikofaktoren sind Übergewicht und viel Fettgewebe. Im Fettgewebe sind Aromatasen. Dies sind Enzyme, die aus dem Testosteron das weibliche Hormon Östrogen machen. Östrogene können zum Wachstum der Brustzellen führen. Nicht jeder adipöse Mann oder jede adipöse Frau bekommt Brustkrebs, da es noch weitere Faktoren braucht. 

Gibt es bestimmte Stereotypen, die für Brustkrebs empfänglicher sind? Wie ist es bei Männern, die einen muskulösen Körperbau haben?

Der Brustmuskel spielt keine Rolle. Es spielt der Östrogenspiegel eine Rolle. Kraftsportler, die Anabolika nehmen, nehmen häufig zusätzlich ein Medikament, was in der Brustkrebsvorsorge als Präventionsmedikament genommen wird. In Deutschland ist dieses Medikament in dieser Indikation nicht zugelassen, aber in den USA. Es findet auch seinen Weg in die Bodybuilder-Szene in Deutschland.



Gibt es eine Dunkelziffer, weil man den Brustkrebs nicht frühzeitig erkannt hat, sodass dieser dann im Körper unbemerkt Krebszellen streut? Kann man also zu einem sehr späten Zeitpunkt der Krebserkrankung die Quelle noch feststellen?

Wenn die Person in einem so hohen Stadium ist, in dem der Krebs schon stark gestreut hat, kann man die Quelle nur schwer herausfinden. Wenn durch Metastasen Organe wie die Leber und die Lunge befallen sind, ist der Leidensdruck so hoch, dass man zum Arzt geht. Dort wird dann eine Biopsie gemacht und dadurch kann man die Quelle herausfinden. Leider kommen Männer oft in einem sehr fortgeschrittenen Stadium zum Arzt. Dies hat häufig mit dem fehlenden Bewusstsein über diese Erkrankung zu tun. Viele Männer haben eh ein schlechteres Körperbewusstsein und kaum das Bewusstsein für Vorsorge, wie es Frauen haben. Da beim Mann das Krebsgewebe näher am Brustmuskel liegt, wird dadurch der Krebs auch schneller durch die Lymphbahnen transportiert. Was dazu führt, dass der Krebs schneller streut, der Tumor größer ist und Metastasen häufiger in Lymphknoten zu finden sind als bei Frauen. Das Erkennen ganz früher Stadien ist beim Mann sehr selten. Man kann Brustkrebs daran erkennen, dass man einen Knoten unter der Haut tastet. Daher lieber einmal mehr zum Ultraschall gehen, als zu wenig. So ein Ultraschall tut nicht weh und ist nicht gefährlich. Auch eine Biopsie ist nichts Schlimmes.

Wenn in der Familie bei der Mutter oder der Großmutter Brustkrebs diagnostiziert wurde, sind nachkommende Generationen von Frauen sehr wachsam. Muss auch ich als Mann wachsam sein?

Die Vererbung unterscheidet nicht zwischen Mann und Frau. Wenn eine Frau einen vererblichen Brustkrebs hat, dann kann sie diesen auch an die Söhne vererben. Aber auch anders herum. Auch Töchter können Krebsmutation vom Vater vererbt bekommen.

Welche Möglichkeiten haben Männer, um Brustkrebsvorsoge zu betreiben?

Männer könnten regelmäßig zum Brustultraschall gehen (Mamma-Sonographie). Dies kann ich aber nicht empfehlen, da es keine Methode ist, die zu 100 Prozent den Brustkrebs erkennt. Dadurch würden wir viele falsch   positive Diagnosen erheben und viele unnötige Biopsien veranlassen und auf der anderen Seite würden wir viele Befunde übersehen. Als Mann muss man auf sich achten. Dies ist beim Mann nicht schwer, da die Dicke der Brust so gering ist. Männer könnten Brustkrebs früher ertasten als Frauen. Ein weiteres Zeichen ist, wenn die Brustwarze sich einzieht und wenn aus der Brustwarze blutiges Sekret herauskommt. Wenn man die Arme hochnimmt und die Haut sich einzieht oder Rötungen an der Haut sind, dann kann es ebenso ein Zeichen für eine Krebserkrankung sein. Durch Tasten und durch Schauen kann man die Warnzeichen erkennen. 

Gibt es bei der Behandlung des Brustkrebses einen Unterschied zwischen Mann und Frau?

Es gibt Unterschiede. Der Brustkrebs wird mit Medikamenten behandelt. Es gibt unter anderem hormonelle Medikamente. Männer werden oft mit Tamoxifen behandelt. Ein ähnliches Medikament wird auch bei Prostatakrebs eingesetzt. Es hat wenig Nebenwirkungen für Männer. Es gibt auch Krebszellen, wo das Tamoxifen nicht hilft, weil sie resistent sind. Dazu gibt es ein weiteres Medikament, was von manchen Männern abgelehnt wird, weil es zum absoluten Libidoverlust führt. Die Chemotherapie und die Antikörpertherapie sind die gleichen wie bei Frauen. Bestrahlung ist genauso wirksam. Bei Männern wird in der Regel die gesamte Brustwarze und Brustdrüse abgenommen. Bei Männern wird zudem selten eine Rekonstruktion der Brust durchgeführt, weil man hier kein Brustvolumen aufbauen muss, wie es bei Frauen der Fall ist. In Deutschland ist es so, dass Frauenärzte den Brustkrebs behandeln. Männer sollten keine falsche Scham haben, wenn sie zum Frauenarzt gehen. Frauen sind da sehr aufgeschlossen, wenn ein Mann mit im Wartezimmer sitzt. 

Copyright: FIAA Studio, Christian aus Düsseldorf

Plötzlich Diagnose Brustkrebs

Weil kaum einer dies weiß, achtet «Mann» noch weniger darauf. Kaum ein Mann, der eine leichte Veränderung in der rechten Brust bemerkt, hat den Gedanken an Brustkrebs. Zu oft wird es ignoriert und als nicht so wichtig genommen. So verlief es auch anfangs bei Christian aus Düsseldorf, der anfangs nur eine kleine Veränderung an seiner Brust bemerkte. Christian ist ein sportlicher Typ, Familienvater und arbeitete im Außendienst. Plötzlich war da ein kleiner Pickel unter seiner Haut, was ihn zuerst nicht sonderlich beunruhigt hat. Da er sowieso einen Termin beim Hautarzt hatte, um seine vielen Muttermale auf Hautkrebs untersuchen zu lassen, sprach er dort am Rande der Untersuchung auch den „Pickel“ an: „Der Arzt meinte, es könnte eine Verkapslung sein. Wir könnten es herausschneiden. Da es ein „schönheitsmedizinischer Eingriff“ sei, würde es 120 Euro kosten. Aus reiner Eitelkeit habe ich mich für den Eingriff entschieden. Was mein großes Glück war, weil es sich als eines von sechs Karzinomen herausstellte, die in meiner rechten Brust verteilt waren.“

Auch sein Hautarzt hatte keinen Anfangsverdacht für eine Brustkrebserkrankung und daher musste man die Laborergebnisse abwarten. Drei Wochen später bekam Christian einen Brief seines Hautarztes, dass er sich bitte zur Laborauswertung melden soll. Christian rief an, da er sich gerade auf einer Dienstreise befand: „Die Sprechstundenhilfe sagte zu mir, dass ich sofort zur Befundbesprechung reinkommen soll. Da ich nicht in der Stadt war, wollte ich es am Telefon erfahren. Jedoch wollte der Arzt es mir persönlich sagen und somit habe ich keine weitere Auskunft erhalten.“ Am Abend alleine im Hotelzimmer erhielt Christian dann den Anruf des Arztes. Er bat darum, dass er am nächsten Tag sofort zu ihm in die Praxis kommen möge, da es sich um ein Mammakarzinom handelte. „Ich musste erst einmal fragen, was das überhaupt ist und der Arzt sagte, dass es Brustkrebs ist.“

Was Christian zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass es sich sogar um einen bösartigen Tumor handelte: „Mein erster Gedanke ging an meine Frau und wie ich es ihr sage. Das Schicksal hat uns zuvor schon eingeholt, da kurz davor bei dem Vater und der Schwester meiner Frau ebenfalls Krebs diagnostiziert worden war. Da ich mich erst einmal sortieren musste, bin ich erst zwei Tage später zum Arzt gefahren.“ Der Arzt wiederum überstellte Christian schnellstmöglich ins Krankenhaus. Eine Woche nach der Diagnose, im November 2018, wurde Christian schließlich operiert. Dabei wurden die Brustwarze und die Brustmuskelhaut entfernt. Eineinhalb Wochen lang lag er im Krankenhaus, danach ging es eine lange Zeit mit Physiotherapie weiter, um den Arm wieder bewegen zu können. Zudem folgten 28 Bestrahlungseinheiten, die sich auf sechs Monate verteilten. Sechs Monate, die er optimistisch sah, weil er vor allem für seine Familie kämpfen wollte.

Nach so einem Leidensweg, der immer für Patienten und ihre Angehörigen auch eine emotionale Reise ist, ändern viele ihren Lebensstil und hinterfragen Alltägliches. Auch bei Christian haben sich einige Prioritäten verschoben: „Ich genieße heute an einigen Stellen etwas mehr und bewusster. Zum Beispiel die Zeit mit meinen Kindern. Da wird auch mal der Beruf ausgeschaltet und das Handy auf die Seite gelegt. Mein sonstiges Leben hat sich dadurch nicht geändert, weil ich mich auch davor bereits gesund ernährt habe.“


Hat Dir der Artikel gefallen? Dann unterstütze das MyGay Magazine! Wie wäre es mit unserem aktuellen eBook oder einem Jahres-Abo des MyGay Magazine? Schreibe uns einfach eine eMail an: [email protected]

Interesting Reads
Reload 🗙