Eine schwarze Drag-Queen für die deutsche Politik!


Schwarz, schwul und Drag: Ist die deutsche Politik dafür bereit?

Brain David Schmidt alias Gloria Glamour ist sich sicher, dass die Zeit reif dafür ist. Daher hat er sich dafür entschieden, sich bei den FREIEN WÄHLERN in Berlin zu engagieren. Er meint es ernst mit seinem Engagement, ist Gründungsmitglied der Bezirksvereinigung der Partei in Tempelhof-Schöneberg und Vorsitzender des Bezirksausschusses für Kunst und Kultur. In der Community ist Brian alias Gloria Glamour seit Jahren ein bekannter Name – der Sänger und Entertainer engagiert sich viel für die LGBTQ-Szene und macht sich auch stark im Kampf gegen HIV und die AIDS-Stigmatisierung.

Brain, wieso bist du zu den FREIEN WÄHLERN gegangen?

"Die Partei steht für Bürgernähe und ist eine junge und innovative Partei. Das Parteiprogramm an sich und diese Tatsachen haben mich zu meiner Entscheidung bewogen. Ich fühle mich durch die momentane Politik nicht wirklich vertreten und deshalb dachte ich mir: Nicht nur beschweren, sondern selber mit anpacken!"

Warum genau zu diesem Zeitpunkt?

"Da ich zurzeit als darstellender Künstler sehr viel Zeit zur Selbstreflexion habe, bin ich zu dem Entschluss gekommen, etwas in meinem Leben zu ändern. Als Sohn eines ehemaligen CDU-Parteimitgliedes und Bundesbeamten ist mir die Parteiarbeit nie fremd gewesen, aber man möchte ja eigentlich in jungen Jahren nie so werden wie seine Eltern. Nun, die Zeiten ändern sich, und somit man auch sich selbst. Deshalb dachte ich mir, es wird Zeit, vielleicht mal etwas Tiefergehendes zu bewirken. Deshalb der Entschluss, in die Kommunalpolitik zu gehen."

Was muss sich in der Politik ändern und was würdest du anders machen?

"Da die Stadtteilpolitik erstmal nichts an der Bundespolitik ändern kann, möchte ich in erster Linie Dinge bewegen, die in Tempelhof-Schöneberg im Bereich Kunst und Kultur in meinen Augen nicht ganz rund laufen. Zum Beispiel die Erhaltung der Kleinkunstbühnen und die Kultur in den Stadtteilzentren."

Wie muss für dich Berlin 2030 aussehen? 

"Ich hoffe, dass Berlin auch im Jahr 2030 eine Stadt mit selbstbestimmten, vielfältigen, internationalen, bunten und außergewöhnlichen Kunstprojekten sein wird. Aber Berlin sollte auch ein stabiler wirtschaftlicher Standort für alle Branchen sein, die in der wunderbarsten „Weltstadt mit Herz“ wichtig sind!"


Brain David Schmidt

Hintergrund: die FREIEN WÄHLER

Der Bundesverband FREIE WÄHLER wurde 2009 gegründet. Den Landesverband Bayern und einzelne kommunale Gruppen gibt es jedoch schon länger. Die meisten Landesverbände haben sich 2010 und 2011 konsultiert. Auch der Berliner Landesverband wurde erst im Dezember 2010 gegründet. Die Partei ist der liberalen-bürgerlichen Mitte zuzuordnen und bei den LSVD-Wahlprüfsteinen zur EU-Wahl 2019 hat die Partei einen mittleren Platz erreicht. So ist die Partei für die Freizügigkeit von Ehepaaren und Regenbogenfamilien, einen Ausbau des Schutzes von Transpersonen und für einen europäischen Aktionsplan. Sie stellen vier Europaabgeordnete, die der liberalen Fraktion „Renew Europe“ angehören. Die FREIEN WÄHLER sind mit Fraktionen in den Landtagen von Sachsen-Anhalt und in Bayern vertreten. In Bayern stellt die Partei zusammen mit der CSU die Landesregierung. Hier sind LGBTQ-Themen im Koalitionsvertrag nicht zu finden.

Hintergrund: Drag-Queens in der Politik

Brain David Schmidt alias Gloria Glamour ist nicht die erste bekannte Drag-Queen in der Politik. Sein bester Freund und Kollege Oliver Knöbel alias Olivia Jones hat sich bereits 2004 als Einzelkandidat für die Hamburger Bürgerschaft beworben. Damals mit dem Ziel, die rechte Schill-Partei zu verhindern. Mit einem Ergebnis von 0,5 % konnte Olivia Jones ein besseres Ergebnis einfahren als der erklärte Gegner, der bei 0,4 % landete. Oliver Knöbel ordnet sich politisch eher den GRÜNEN zu und wurde 2017 von den GRÜNEN als Mitglied der Bundesversammlung aufgestellt, die den Bundespräsidenten wählte.


Hintergrund: LGBTQ und Politik

Das sich queere Menschen politisch engagieren, liegt oft in der eigenen Lebensrealität verankert: Sie leben mit Diskriminierung und Ungleichheit und haben daher ein sehr persönliches Anliegen, die Zukunft für die nächsten Generationen zu verbessern. Gerade Schwule engagieren sich aktiv in Parteien, wohingegen Lesben sich eher in Vereinen und NGOs stark machen. Eine Wahlstudie der Universität Wien und der Justus-Liebig-Universität Gießen von 2017 zeigt, dass LGBTQ-Menschen bei der Wahl selbst eine starke Präferenz für Bündnis 90/Die Grünen (29%), Die Linke (22,6%) und die SPD (21,2%) haben. Die FDP kommt auf 9,5%, dahinter liegen die CDU/CSU (6,9%) und die AfD (2,7%). Anders sieht es dagegen bei der Frage aus, wie sich LGBTQ-Menschen politisch in einer Partei selbst engagieren: die meisten Homosexuellen sind dann für die SPD (30,9%), die FDP (24,5%) und die CDU/CSU ((24,2%) aktiv. Die AfD kommt hier auf 18%, die Linke und die Grünen auf jeweils rund 16%.

Lange Zeit war ein öffentliches Coming-Out ein politischer Karriere-Killer. Auch wenn es innerhalb des politischen Zirkels bekannt war, hat man sich gegenüber dem Wähler lange verdeckt gehalten. Eine Situation, die es auch noch heute vereinzelt gibt, was immer wieder zu Spekulationen führt – derzeit auch bei Personen in der aktuellen Bundespolitik.

Der erste wirkliche Wendepunkt für viele homosexuelle Politiker war das öffentliche Coming Out des SPD-Spitzenkandidaten Klaus Wowereit. Im Wahlkampf um den Berliner Senat im Jahr 2001 wollte die Berliner CDU den SPD-Kandidaten Wowereit schaden, in dem sie ihn als schwul medial outen wollte. Dies nahm Klaus Wowereit zum Anlass, um sich der Öffentlichkeit zu stellen. Damit ging er und sein berühmter Satz in die Geschichte ein: „Ich bin schwul und das ist auch gut so.“ Der Gordische Knoten war damit geplatzt und sein Wahlsieg besiegelte dies.

Im selben Jahr wurde Guido Westerwelle zum Bundesvorsitzenden der FDP gewählt. Diesen Parteiposten führte Westerwelle zehn Jahre lang aus und ist damit bis heute der einzige, offen schwule Bundesvorsitzende einer deutschen Partei. Im Bundestagswahlkampf 2009 war Westerwelle der Spitzenkandidat der FDP und konnte eines der besten Wahlergebnisse für die Bundespartei einholen. Durch die anschließende Koalition mit CDU und CSU wurde Guido Westerwelle der erste, offen homosexuelle Bundesaußenminister und Vizekanzler der Bundesrepublik. Inzwischen hatte Deutschland eine offen homosexuelle Bundesumweltministerin (SPD-Politikerin Barbara Hendricks) und aktuell einen schwulen Bundesgesundheitsminister: Jens Spahn (CDU). Wann Deutschland mit einem ersten homosexuellen Kanzler rechnen kann, ist momentan reine Spekulation. Für das Wahljahr 2021 kann man schon heute erkennen, dass alle großen Parteien mit heterosexuellen Kandidaten an den Start gehen werden.

In Europa gab und gibt es dagegen bereits einige homosexuelle Regierungschefs. Mit Leo Varadker hatte Irland bis Juni 2020 einen sehr LGBTQ-engagierten Premierminister. Aktuell ist er Vize-Premierminister und soll 2022 erneut das Amt des Regierungschefs innehaben. Das kleine Luxemburg hat mit Xavier Bettel seit 2013 einen schwulen Premier und seit 2017 hat das konservative Serbien mit Ana Brnabić eine lesbische Premierministerin. 


Hintergrund: Wie erleben homosexuelle Politiker die Situation aktuell?  

Sven Lehmann, Bundestagsabgeordneter DIE GRÜNEN:

"Als schwuler Vorsitzender der Grünen in NRW und jetzt als Bundestagsabgeordneter sind meine Erfahrungen in meiner Partei und Fraktion durchwegs positiv. Gleichberechtigung gehört zur DNA unserer Partei. Entsprechend haben wir immer auch Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transpersonen in Parteiämtern und als Mandatsträger*innen nominiert. Es ist wichtig, dass auch in den höchsten Ämtern unserer Demokratie LSBTI sichtbar sind. Aussagen, wie die kürzlich von Friedrich Merz geäußerte, zeigen ein rückwärtsgewandtes und Vorurteil behaftetes Bild, das in weiten Teilen der Gesellschaft längst überwunden ist."

 

Karl-Heinz Brunner, Bundestagsabgeordneter SPD:

"Wir sind ein Teil unserer Gesellschaft und damit auch Teil unserer Demokratie. Die braucht das politische Engagement Aller - auch von uns! Und der Einsatz lohnt sich - nicht nur für LGTBI-Themen, obwohl wir auch hier noch viel vorhaben. Sei es diskriminierungsfreie Blutspenden, modernes Abstammungsrecht, Ende des TSG aber auch Sicherheit im Alter, bei Krankheit und am Arbeitsplatz und, und, und... - darum: Rein in die Parteien und aktiv mitgestalten!"

Autor: Sebastian Ahlefeld

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