Ein Ausnahmekünstler an einem Ausnahmeinstrument


Sinnlich streicht er über die Seiten eines der ältesten Musikinstrumente der Welt. Ein Instrument, welches schon 3000 Jahre vor Christus in Mesopotamien und Ägypten Verwendung fand: die Harfe. Die Konzertharfe ist mit einer Größe von bis zu 190 Zentimetern und einem Gewicht von etwa 34 bis 42 Kilogramm das größte und schwerste Orchesterinstrument. Für unseren Ausnahmekünstler war es trotzdem bereits im zarten Alter von sechs Jahren Liebe auf den ersten Blick. Wenn Joel von Lerber dieses Instrument umarmt, ist eine beinahe sinnliche Leichtigkeit zu spüren, und er versetzt damit seine Zuhörer in eine wunderschöne, bessere Welt.

Joel von Lerber, 1991 in Basel geboren, erhielt im Alter von sechs Jahren seinen ersten Harfenunterricht am Konservatorium in Bern. Nach bestandener Matura nahm er 2009 mit 18 Jahren sein Bachelorstudium an der Musikakademie Basel auf, welches er 2012 mit dem Bachelor of Arts abschloss. Es folgten 2014 der Master of Arts (Performance) an der Zürcher Hochschule der Künste bei Professorin Sarah O'Brien und 2016 der Master of Music bei Professorin Maria Graf an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin. Im Mai 2019 feierte er dann sein Debut mit dem Berliner Konzerthausorchester im Konzerthaus Berlin – die Aufführung fungierte gleichzeitig als Abschlussprüfung für das Konzertexamen, welches er erneut mit Auszeichnung abschloss.

Joel von Lerber ist inzwischen vielseitig als Solist unterwegs und konzertiert regelmäßig mit Orchestern in der Schweiz und in Deutschland. Weitere Auftritte als Solist hatte er unter anderem mit dem State Hermitage Orchestra St. Petersburg, dem National Symphony Orchestra in Mexico City, dem Orchester Zrbranksa in Polen und dem Haifa Symphony Orchestra in Israel. Im Februar dieses Jahres wurde er nun für das Klassik-Stipendienprogramm „Neustart Kultur“ vom Förderprogramm des deutschen Musikrates ausgewählt. Dadurch bekommt er die Möglichkeit, eine neue Solo-Harfen-CD aufzunehmen. Wir sind gespannt, was uns darauf erwarten wird und mit was genau uns der mehrfache Preisträger von internationalen Musikfestivals begeistern wird.

Wie bist du zu dem Instrument Harfe gekommen?

Als ich vier Jahre alt war, habe ich meinen Eltern gesagt, dass ich gerne Harfe spielen will. Meine Eltern sind keine Musiker und dachten, dass es nur eine Phase ist und es schon wieder vorbeigehen wird. Ich habe vorher noch nie eine Harfe gesehen, geschweige in der Hand gehabt. Ein Jahr lang habe ich meine Eltern damit genervt. Als ich fünf Jahre alt war, sind wir ans Konservatorium in Bern gefahren und dort konnte ich das erste Mal eine Harfe austesten. Im Alter von sechs Jahren habe ich dann tatsächlich mit dem Harfen-Unterricht begonnen.

Was fasziniert dich bis heute an diesem Instrument?

Die Harfe bietet eine große Farbpallette an Klängen. Es ist mein Ausdrucksmittel und nach all den Jahren macht es mir weiterhin viel Freude. Für mich ist es meine größte Leidenschaft und ich spiele total gerne vor vielen Menschen, das erfüllt mich sehr.

Schaut man sich ein Orchester an, dann sind es meistens eher Frauen, die an der Harfe sitzen. Bist du als Mann ein Exot?

Heutzutage ist das tatsächlich so, dass rund 90 Prozent Frauen sind. Aber eigentlich war es in der Geschichte so, dass hauptsächlich Männer die Harfe gespielt haben. Im Raum Schottland und Irland wurde die irische Harfe früher sogar vorwiegend von Männern gespielt. Erst seit Marie-Antoinette wurde die Harfe weiblicher und es kamen die ersten Harfen mit prunkvollen Schnitzereien und Verzierungen dazu. Die Harfe wurde allerdings lange Zeit nicht als Musikinstrument ernst genommen, sondern war eher ein Schmuckstück. In der heutigen Zeit gibt es inzwischen immer mehr männliche Harfenisten. Ich bin also langsam kein Exot mehr.


Spielst du lieber im Orchester oder solo?

Lieber solo! Ich habe es schon immer sehr genossen, alleine aufzutreten, mein eigener Chef zu sein und selber bestimmen zu können, wie ich die Musik ausdrücken möchte.

Wie war es für dich, als du dein erstes Album in der Hand hattest?

Das war ein Meilenstein in meiner ganz persönlichen Geschichte als Musiker. Für mich war es von Anfang an ein Traum, die eigene CD aufzunehmen und zu produzieren. Mit 28 Jahren war es dann soweit und man ist natürlich stolz, wenn man seine eigene CD in der Hand hält. Ich bin sehr happy damit, da es auch in vielen Radiostationen beworben und gespielt wurde. Es ist schon sehr schön, wenn auch Zuhörer ein freundliches Feedback geben, weil sie meine CD im Radio gehört haben.

Wie sind die Reaktionen, die du bekommst, wenn die Leute erfahren, dass du ein professioneller Harfenspieler bist?

Die Leute fragen erst einmal: „Was, das gibt es noch?“ und sie können sich meist nichts darunter vorstellen. Wenn sie ein Video von mir sehen, dann ist es für sie oftmals wie eine neue Welt. Wenn, dann sieht man die Harfe meistens ja nur noch in einem Neujahrskonzert am Rande des Orchesters, aber als Soloinstrument haben es die wenigsten bisher gesehen. Die Reaktionen sind dann meist positiv. Schon alleine durch die Optik hat die Harfe eine beeindruckende Schlagkraft. 

Was spielst du am liebsten?

Ich bin ein klassisch-ausgebildeter Musiker und spiele sehr gerne impressionistische Werke. Aber auch gerne barocke und ab und zu zeitgenössische Werke. Die Frage nach einem Lieblingsstück ist dagegen schwer zu beantworten. Mal spielt man ein Stück eine Zeitlang sehr gerne, dann wieder ein anderes. Die Moldau von Bedřich Smetana oder Tschaikowskis Fantasie über die Oper «Eugen Onegin» gehört zu meinen absoluten Lieblingsstücken.

Kannst du dir vorstellen, als Professor auch einmal an einer Musikhochschule zu lehren?

Ja, das ist in Planung. Ich bin an einem Punkt in meinem Leben angekommen, wo ich sehr gerne jungen Studierenden etwas weitergeben will. Natürlich wird trotzdem meine eigene Karriere als Solist an der Harfe weiter ausgebaut.

Credits: Fotograf Daniel Dominik, Location: Provocateur Hotel Berlin

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