Käse, Kultur und Kampfeslust! Die Schweiz ruft!


So, jetzt machen wir die Klischeekiste einmal ganz weit auf – woran denken wir also, wenn wir von der Schweiz reden? Na klar, an Käse, gute Schokolade und unverständliche Dialekte. Ein kleines bergiges Land mit vier Amtssprachen (Deutsch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch) und etwa halb so viel Einwohnern wie Nordrhein-Westfalen. Eine eng besiedelte föderale Republik zwischen Jura und Alpen und einer überschaubaren Anzahl von Städten. Dazu ein Wahlspruch, der uns sofort an die sexy drei Musketiere erinnert: Unus pro omnibus, omnes pro uno – Einer für alle, alle für einen.


Nun könnte man schmunzeln ob dieser Worte, doch wer jemals das kleine Land, eingekesselt von Deutschland, Österreich, Liechtenstein und Italien, wirklich besucht hat, versteht sehr schnell, dass die Schweizer mit Herzblut dafür einstehen – man ist füreinander da. Das trifft in besonderem Maße auch auf die LGBTQ-Community zu, die sich vor allem in den größeren Städten gebündelt hat: Zürich, Genf, Basel, Bern und Lausanne. Die Schweizer Homosexuellen haben in den letzten Jahren viel in puncto Gleichberechtigung erreicht und stehen aktuell davor, dass noch in diesem Jahr die Eheschließung auch für gleichgeschlechtliche Paare dauerhaft möglich sein wird.

© Helix

Zwischen Hochzeit und dem Kampf für Gleichberechtigung

Die Geschichte der homosexuellen Emanzipation begann im Alpenstaat schon früh, bereits 1836 erschien ein erstes Buch über die Männerliebe. Seit 1942 sind homosexuelle Handlungen in der Schweiz legal – zum Vergleich: Deutschland legalisierte schwulen Sex erst ein halbes Jahrhundert später im Jahr 1994. Seit dem Jahr 2000 ist dann auch staatliche Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung explizit untersagt. Sieben Jahre später kam das Partnerschaftsgesetz, ähnlich wie in Deutschland anfangs eine Art „Ehe light“.

Auch hier zeigte sich das starke Gefälle zwischen Stadt und Land – rund ein Viertel der Kantone stimmten mehrheitlich gegen das Gesetz, all jene Regionen, die stark ländlich und katholisch geprägt sind. Trotzdem bemerkenswert: Die Schweiz ist weltweit das erste Land, das die Registrierung von homosexuellen Paaren durch eine Volksabstimmung beschlossen hat.

© Zurich Pride 2021

Seit Dezember 2020 nun ist die gleichgeschlechtliche Ehe unter Vorbehalt beschlossen. Ähnlich wie in Deutschland gibt es auch in der Schweiz arg konservative Kräfte, die das unbedingt verhindern wollen und so brachten mehrere rechtskonservative Parteien und Organisationen ein Referendum dagegen ein – die dafür benötigten 50.000 Stimmen kamen zusammen. Ende September (26.09.) wird es jetzt zur finalen Volksabstimmung kommen. Wir drücken die Daumen, dass hier eine Mehrheit für die gleichgeschlechtliche Ehe zusammenkommen wird – doch auch wenn es dazu kommt, komplett gleichberechtigt sind die Schweizer Homosexuellen allerdings damit dann noch nicht: Verheiratete Männerpaare können nach wie vor durch Leihmutterschaft nicht die Vaterschaftsanerkennung erlangen.

Zürich

Die homosexuelle Freiheit in der Schweiz

Trotzdem ist die Schweiz für schwule Männer immer eine Reise wert, denn die Schweizer Jungs sind wirklich sehr adrett, freundlich und zumeist viel besser angezogen als der durchschnittliche Berliner Jung. In vielen, vor allem städtischen Gebieten ist homosexuelles Leben kein Thema mehr – das ist zum einen sehr schön, weil man so sehr entspannt mit dem Partner den Urlaub in der Schweiz verleben kann. Hat aber zum anderen wie oftmals auch anderenorts (Beispiel Kanada) den Nachteil, dass queere Treffpunkte, Bars und Lokalitäten immer weniger geworden sind.

Einzig in den großen Epizentren findet man noch eine angenehme Auswahl von Bars, Clubs, Saunen oder LGBTQ-Treffpunkten, was allerdings die Ausgehlust nicht schmälern sollte. Schwule Männer sind in den großen Städten auch fast immer in Lokalen willkommen, die mehrheitlich ein heterosexuelles Publikum haben. In den letzten Jahren hat sich der Trend sogar dahin entwickelt, öffentliche Begegnungsstätten gleich asexuell zu definieren – jeder ist willkommen. Einer für alle, alle für einen. Nur noch in den Sexclubs und Saunen findet sich eine starke Konzentration auf ein rein männlich schwules Publikum.

Party, People oder Pause in der Natur?

Wer Lust auf Party hat, kann sich freuen, wenn jetzt nach und nach wieder die großen Events nach der Pandemie starten werden, dazu gehören unter anderem die Kitsch-Party-Reihe, die monatlichen Boyahkasha Events sowie die legendären White Partys, bei denen die Jungs alle in weißer Kleidung erscheinen – oder am besten gleich oben ohne.

Ein Höhepunkt des Jahres war dabei definitiv der Zurich Pride 2021, der Anfang September stattfand. Der Demonstrationsumzug gilt seit Jahren als die politische Manifestation der gesamten Schweizer LGBTQ-Community. 75 Organisationen und Unternehmen und rund 30.000 Besucher waren in diesem Jahr dabei, um sich für die Ehe für alle einzusetzen! Das Motto des Pride lautete so auch: Trau dich! Ehe für alle jetzt!


Trau dich – ab in die Schweiz!

In diesen Tagen lohnt sich eine Reise in die Schweiz also gleich mehrfach – zum einen, um politisch unsere benachbarte Community zu unterstützen und zum anderen, um diese kampfeslustige queere Szene kennenzulernen.

Wer davon zwischendurch etwas Abstand braucht und sich nach Ruhe und Entspannung sehnt, muss nicht weit laufen: In der Schweiz findet sich Erholung an jeder Ecke und die Auswahl ist enorm. Vom luxuriösen Sternehotel, das keine Wünsche übrig lässt, bis hin zur kleinen Pension direkt am Fuß der Berge mit einem fulminanten Blick ins sommerlich grüne Tal, ist alles möglich. Kulturfreunde werden gerade in Zürich ein Überangebot an Möglichkeiten vorfinden – eine Stadt, die gerade auch von Menschen wie Richard Wagner, James Joyce, Thomas Mann, Bertolt Brecht, Max Frisch oder auch Albert Einstein geprägt worden ist. Hier findet man auch in der wunderschönen Spiegelgasse das berühmte ›Cabaret Voltaire‹, das Geburtshaus des Dadaismus. Insgesamt warten auf schwule Kulturfreunde über einhundert Galerien und mehr als fünfzig Museen allein in Zürich.

Matterhorn

Oder doch lieber raus aus der Stadt? Rein in die Natur? Einmal vor dem berühmten Matterhorn stehen? Urbane Natur, die sofort entschleunigt und Platz schafft – in uns wie um uns herum. Fast die Hälfte der Landesfläche gehört zu den Alpen, hier gibt es also viele Möglichkeiten, all den Stress der letzten Monate augenblicklich vergessen zu machen. Man kann durch den atemberaubenden Teufelskeller im Kanton Aargau wandern oder die einzigartige Atmosphäre in der Taminaschlucht erleben – eine rund 750 Meter lange Felsspalte.

Für Adrenalin-Junkies gibt es den Raiffeisen Skywalk, in rund 60 Metern Höhe hat man von der Hängebrücke aus einen unglaublich schönen Ausblick auf die Schweizer Natur. Ach, es gibt so vieles zu erleben für Naturfreunde, Höhlen zu erkunden, die Rheinschlucht zu entdecken, den Aletschgletscher zu bestaunen oder am Rheinfall das spektakuläre Schauspiel zu erleben, wie sich auf rund 150 Metern Breite einer der größten Wasserfälle Europas in die Schlucht wirft.

Rheinfall

Genuss frei von Sprachbarrieren  

Genuss wird in der Schweiz großgeschrieben und damit wären wir natürlich wieder beim Käse. Ach, der Schweizer Käse. Was wirklich guter Käse ist, begreift man erst, wenn man einmal einen original Schweizer Käse vor Ort gekostet hat. Dazu ein gutes warmes Baguette und einen vollmundigen Rotwein und die Welt ist perfekt. Wenn dann noch der Liebste neben einem sitzt und man gemeinsam in die Ferne blickt, während die Sonne hinter den Bergen versinkt, ist das an Romantik und Erholung nicht mehr zu toppen.

Das lässt sich auch wunderbar mit einem Herren direkt vor Ort aus der Schweiz erleben – vielleicht mit einem leckeren Stück Schokolade dazu? Wenn ihr euch anschließend küsst, dann scheint es fast so, als würde man sogar den eigenwilligen Dialekt verstehen können, den die Jungs an den Tag legen. Aber selbst wenn nicht – wo man die Sprache nicht versteht, ist fühlen und tasten keine Schande.  

© Cockyboys

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