Toxische Männlichkeit?!


Vorab gleich eine Warnung: Wir begeben uns jetzt auf ein Mienenfeld der Deutungshoheit, das sowohl von politisch ganz rechten wie auch ganz linken Gruppierungen gerne vereinnahmt, ins Extreme definiert und inhaltlich verzerrt wird. Der Begriff der toxischen Männlichkeit beschreibt dabei ein Lebensmodell von Männern, dessen vorrangiger Aspekt der gesundheitliche Schaden der Betroffen sein sollte. Stattdessen verkommt er zu einem Spielball politischer Interessen.

Der Ursprung des Begriffes lässt sich dabei auf die 1980er- und 1990er-Jahre zurückverfolgen, als immer mehr junge Männer mit der elterlich anerzogenen Definition von Männlichkeit nichts mehr anfangen konnten. Sie suchten nach neuen Rollenbildern, die zeitgemäßer waren und glichen dabei mit ihrer Suche nach neuer Selbstdefinition frappierend jungen schwulen Männern in ihrem Coming-Out-Prozess. Hier wie dort versuchen zumeist junge Männer, ihre Gefühle wahrnehmen und ausleben zu dürfen.

Kaum hatte sich der Begriff der toxischen Männlichkeit von seiner verorteten Nähe zur Aggressivität zumeist zwischen männlichen Gefängnisinsassen getrennt, begann ein heftiger Diskurs über die Deutungshoheit, der bis heute stetig voranschreitet und auf viel Kritik stößt. Sprachlich missfällt oftmals das eher polemische Attribut „toxisch“, was Männlichkeit in die Nähe einer giftigen Grundsituation bringt. Männliches Verhalten, nein, Mann sein selbst sei also krankmachend, falsch und damit toxisch eben. Heterosexuelle Männer witterten dahinter eine Aktion extremer Feministinnen, um männliche Eigenschaften allesamt zu verteufeln.

Der Streit darum, das Politikum, ist inzwischen auch längst in der LGBTQ-Community angekommen: Die toxische Männlichkeit wird gerne von extremen Vertretern des stark linken LGBTQ-Spektrums als Totschlagargument gegen schwule Cis-Männer benutzt, wobei eine sachliche Diskussion damit zumeist unmöglich wird. Wenn  Mannsein allein schon als ein Makel, eine Gefahr, eine stets zu entschuldigende Ausgangslage oder als eine toxische Eigenschaft angesehen wird, gleiten wir in die gleichen, dümmlichen und Klischee beladenen Untiefen ab wie bei jenen Diskussionen, in denen die Agitatoren Frauen per se als schwach oder unbedarft in gewissen Situationen (beispielsweise dem Autofahren) ansehen. Beide extremen Blickwinkel sind nicht nur schlicht dumm, sie vertiefen zudem den Graben zwischen den Parteien und erschweren massiv ein aufeinander zugehen.


Was ist Männlichkeit eigentlich?

Sieht man einmal von den biologischen offensichtlichen Attributen eines Mannes ab, wie definiert sich dann tatsächlich das Bild vom Mann? Und sieht es für schwule Männer und ihr Selbstverständnis dabei anders aus? Bei der Männlichkeit wie auch der toxischen Variante werden oftmals gesellschaftlich etablierte Muster zur Beurteilung verwendet. So zeigen „wahre Männer“ keine Schwäche, unterdrücken oder verstecken ihre Gefühle – abgesehen von Wut und Aggression – und sprechen nicht über Sorgen oder Ängste. Männer bewältigen ihre Probleme selbst und müssen nicht um Hilfe bitten, wobei „echte Kerle“ stets im Wettbewerb zueinander stehen.

Dominanz siegt über jede Form der Kooperation. Und natürlich ist ein „richtiger Mann“ immerzu bereit für Sex und fordert diesen auch ein. Er ist die starke Schulter, an die man sich jederzeit anlehnen kann. Eher weiche oder als feminin geltende Verhaltensweisen wie Weinen, Zärtlichkeit, Schüchternheit oder schlicht die Fähigkeit, mit dem anderen Geschlecht befreundet zu sein, gehören nicht zum Charakter eines Mannes. Dazu sollte ein Mann, dem seine Männlichkeit wichtig ist, auch körperlich dem starken Idealbild entsprechen, also muskulös, breitschultrig und anpackend sein. Immer bereit für Mutproben oder ein physisches Kräftemessen.

Sieht man sich die althergebrachte Definition in seiner Gesamtheit an, kann man nicht umhin, schmunzeln zu müssen. Warum eifern so viele heterosexuelle Männer diesem verschrobenen Weltbild nach, das zwangsläufig ihre Leben nicht bereichert, sondern sie vieler Erfahrungen, Möglichkeiten und Erlebnisse beraubt? Gleiten wir bei dem Versuch einer Definition stärker in die toxische Ecke ab, kommen in diesem Beurteilungsbogen noch Punkte wie Gewalt, Misogynie und Homophobie hinzu. Kurzum, vor dem geistigen Auge erscheinen einem dann Herren wie Donald Trump oder Wladimir Putin.

Dabei ist selbst hier noch nicht Schluss, es gibt Psychologen, die in der männlichen Aggressivität in seiner stärksten Ausprägung nur Gutes sehen können und klarstellen: Mit der richtigen Frau, die jederzeit ihre sexuellen Liebesdienste zur Verfügung stellt, könnten die toxischen Anteile der Männlichkeit unterbunden werden. Ganz ehrlich, welcher Mann – ob heterosexuell oder homosexuell – will sich in einer solchen Definition wirklich gerne wiederfinden? 


Und während sich bereits heterosexuelle Männer teilweise schwer mit dieser Fremdbestimmung ihrer Wesenszüge tun, können sich homosexuelle Männer oftmals gänzlich darin verirren. Wie können wir dem eindimensionalen Bild von Männlichkeit nacheifern, aber gleichzeitig auch emotional und gefühlsbetont, kurzum also per alter Definition feminin sein? Auch in der Gay-Community ist der Wunsch nach einem „echten Mann“ omnipräsent und nicht selten lesen wir bei der Partnersuche Sätze wie: Keine Tunten, Dicken und Feminine! Also bitte nichts, was nicht so richtig männlich ist. Schwule Männer hätten eigentlich im Zuge ihres Coming Outs die zwingende Möglichkeit, ihre Selbstdefinition zu überdenken und neu zu definieren. Doch selbst wenn dieser Prozess stattfindet, bleiben bruchstückhafte oder oftmals erstaunlich vollständig erhaltende, archaische Bilder von Männlichkeit in unseren Köpfen präsent.

Während es sich die „wahren Männer“ zur Aufgabe machen, alle Männer abseits der „echten“ Männlichkeit auszulachen, zu verurteilen, bloßzustellen und zu beleidigen, laufen wir unbewusst dem Idealbild frei von Ironie oftmals einfach nach. Wir wollen die echten Männer in unseren Betten und am besten selbst echt harte Kerle sein. Bloß nicht feminin, denn schließlich sind wir ja schwul und das heißt, wir stehen nur auf Männer, nicht auf „verweichlichte Typen“ dazwischen. So oder so etwas ähnliches haben die meisten Homosexuellen bereits als Singles auf Partnersuche erleben dürfen. Das Bild des furchtlosen, sexuell aufgeheizten Jägers und Ernährers verfolgt uns bis heute.  


Bist du ein echter Mann?

Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Kommt uns der Satz nicht sehr vertraut vor? Wir wachsen mit männlichen Rollenbildern auf und bis heute werden diese Klischees oftmals immer noch transportiert. In Hollywood-Filmen ebenso wie in hunderten Beziehungsratgebern. Gerade der heterosexuelle Mann verliert sich inzwischen darin, er soll emotional, aber männlich sein, markant aber weich, stark und kämpferisch, aber auch einfühlsam. Das Zerrbild wirkt in den letzten Jahren noch potenziert auf homosexuelle Männer ein, die unbewusst aus Kindertagen bei Eltern, Freunden und in der Schule aufgenommen haben, wie ein richtiger Mann zu sein hat. Und wie man sein muss, sein sollte, um als richtiger Mann anerkannt zu werden. Aus Angst, als homosexuell in der Öffentlichkeit oder im Berufsleben wahrgenommen zu werden, fetischisieren wir nahezu unsere Leidenschaft zu männlichen Attributen wie Muskeln, starke Körperlichkeit und Behaarung.

In schwulen Epizentren wie Berlin begegnet man zum Beispiel auch immer wieder Herren jenseits des vierzigsten Lebensjahres, die nahezu durchgehend scheinbar lässig und immerzu ein Baseball-Cap tragen, um irgendwie die schwindende Haarpracht zu kaschieren. Was stark und cool wirken soll, hinterlässt meist nur einen lächerlichen Eindruck. Und zeigt, wie verzerrt unser Bild von Männlichkeit oftmals auch innerhalb der Community ist. Vielleicht prägen uns auch schlechte Erfahrungen aus der Kindheit und der Jugend, als wir für unsere Homosexualität oder unser „feminines Verhalten“ gemobbt wurden. Um die „Pausenhof-Schwuchtel“ vergessen zu machen, agieren manche von uns heutzutage mit einer grotesken Art von „Übermännlichkeit“.

Diese Definition ist dann wahrlich toxisch. Und dieses Denken hemmt uns, nicht nur bei der Partnersuche, sondern auch dann, wenn wir beispielsweise mit Homophobie und Hass in Berührung kommen. Die gewaltvollen Übergriffe auf Homosexuelle stiegen in den letzten Jahren massiv wieder an, bei den Gewalttaten ist binnen eines Jahres eine Steigerung um 70 Prozent zu verzeichnen gewesen (Quelle: Bundesinnenministerium).

Die Dunkelziffer wird von Teilen der Polizei und auch Vereinen wie dem Anti-Gewalt-Projekt Maneo in Berlin auf bis zu 90 Prozent geschätzt. Zu den Gründen befragt, warum homosexuelle Opfer von Gewalt oftmals nicht Anzeige erstatten, kommen immer wieder die zwei gleichen Argumente: Zum einen die Angst, auf Polizisten zu treffen, die sich über sie lustig machen, oder die Situation nicht sachlich  auffassen, und zum anderen die Befürchtung, als Mann nicht ernstgenommen zu werden – frei nach den Motto: Du bist doch ein ganzer Kerl, warum hast du dich nicht einfach gewehrt?

Toxische Männlichkeit macht krank!

Wir müssen bei all dem anfangen zu verstehen, dass diese Form der Definition von Männlichkeit nicht nur unser Weltbild und unsere Partnersuche formt, sondern uns auch vor allem gesundheitlich schädigt. Wer diese toxische Männlichkeit erlernt hat und sie bis heute bewusst oder unbewusst weiterträgt, erlebt einen Mangel, der mit der Zeit krank macht. In der Regel ist hierbei das Verhältnis zum eigenen Körper und zu den eigenen Gefühlen gestört beziehungsweise wird unterdrückt. Die Folgen können Einsamkeit, soziale Isolation, Alkohol-oder/und Drogenmissbrauch, Bluthochdruck, Arbeitssucht bis zum Burn-Out und Depressionen mit einer erhöhten Suizidrate sein. 75 Prozent aller Suizide in Deutschland werden von Männern begangen (Quelle: Statistisches Bundesamt). Nicht grundlos hat so auch die amerikanische Vereinigung der Psychologen APA die toxische Männlichkeit als Krankheit definiert. Auch in der anfänglich milderen Ausprägung leiden Betroffene darunter, weil sie sich Gefühle, Nähe und Zärtlichkeit teils auch unbewusst untersagen.

Und wie kommen wir aus dem Dilemma nun heraus? Muss die neue Männlichkeit jetzt zwingend feminin sein? Ein klares Nein. Natürlich soll und darf sich jeder so entfalten, wie er das möchte. Doch die reine Zuwendung ins stets Weibliche wird nicht die Lösung sein. Im Gegenteil: Der größere Teil der schwulen Männer wird dabei ebenso verstört zurückweichen wie bei jenem Idealbild von kraftstrotzender Männlichkeit, der niemals gänzlich entsprochen werden kann. In beiden Skizzierungen findet sich der Großteil homosexueller Männer nicht wieder und bleibt oftmals erneut ratlos zurück. Es gibt all die Darstellungen neuer Männlichkeit, in der Mode, in der Kunst und der Welt der Prominenz. Sie können Vorbilder sein und damit das stark strapazierte Bild des „wahren Mannes“ endlich brechen, doch bleiben sie meistens abstrakte Überhöhungen, die für den Einzelnen maßgeschneidert passen mögen, für die Mehrheit aber erneut eher nicht.


Es ist an der Zeit, dass wir das Denken von Krieger und Königen, von biologischer oder anderweitig männlicher Erhabenheit hinter uns lassen und kritisch hinterfragen. Der amerikanische Psychologe Shepherd Bliss beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Problematik und setzt auf eine neue Herangehensweise des Miteinanders – weg vom Jäger hin zum Teamplayer. Dabei sollte bereits in der Kindheit von elterlicher Seite her versucht werden, korrigierend einzugreifen: Väter sollten zu ihren Söhnen nicht auf Distanz gehen, sondern die gleiche Liebe und Zuneigung wie die Mütter zeigen. Als Erwachsene sollten Männer lernen, Intimität und Vertrauen zuzulassen, sodass es weder schwul noch feminin ist, Gefühle zu zeigen, sondern einfach nur menschlich.

Zudem sollten wir als Männer nicht einem körperlichen Traumideal nacheifern, sondern ein positives Bild von unserem eigenen Körper entwickeln, so wie er ist – und zudem zeitgleich gerade auch im gesundheitlichen Bereich mehr auf Warnsignale hören und diese auch ernst nehmen. Auch unsere Freundschaften dürfen stärker gepflegt werden und gerade der ewige Wettbewerb innerhalb der Gay-Community sollte einem Kooperationsgedanken Platz machen. Wir müssen die alten Sprachdinosaurier wie die „echten Kerle“ endlich hinter uns lassen und begreifen, dass wir uns gerade auch als schwule Männer frei definieren können. Weder müssen wir auf Rollenbilder aus den Medien zurückgreifen, noch sollten wir althergebrachte Männlichkeitsdefinitionen fraglos von Eltern oder Freunden übernehmen. Anstatt weiter über toxische Männlichkeit und zumeist politische Deutungshoheiten zu streiten, könnten wir uns künftig selbst fragen, wie wir als Mann, als Mensch sein wollen, frei von allzu starren gesellschaftlichen Korsetts, die eigentlich sowieso noch nie so recht gepasst haben – alles andere macht uns nur krank, körperlich wie psychisch.

Es ist kein Widerspruch, gefühlvoll und männlich, stark und schwach, sozial und leidenschaftlich zu sein. Wir bleiben vollwertige Männer, ganz gleich wie schwul, feminin oder emotional wir auch sein mögen. Maskulinität lässt sich nicht austreiben. Das sollten wir uns vergegenwärtigen und gleichzeitig mit Respekt allen Männern gegenüber auftreten, selbst wenn vielleicht ihre Definition von Männlichkeit nicht in unser Beutemuster für einen Partner fällt. Der ehemalige amerikanische Präsident Barack Obama brachte es wunderbar auf den Punkt: „Ein Mann zu sein, heißt vor allem, ein guter Mensch zu sein."


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