Aufbruch ans andere Ufer


Sommer 2.0 – und ein zweiter Sommer mit Corona. In den letzten Tagen las ich mehrfach das Wort „mütend“, eine Mischung aus wütend und müde. Es beschreibt die aktuelle emotionale Gefühlslage vieler Menschen in diesen Tagen sehr gut. Die, die glücklicherweise bereits die erste oder zweite Impfdosis erhalten haben, stehen jenen gegenüber, die noch warten müssen oder sich der Thematik gänzlich verweigern. Sei es nun, weil sie anderen müden Menschen und Prominenten ins weite Land der Realitätsflucht folgten, sei es einfach nur, weil sich eineinhalb Jahre für so viele von uns wie ein ganzes Jahrzehnt anfühlen. Wir sind mütend, fürwahr. Und werden es immer mehr, wenn wir sehen, wie König Fußball über 60.000 Menschen zusammen kommen lässt, die meisten Clubs und Theater aber noch immer starke Einschränkungen hinnehmen müssen.

Ist das nicht eigentlich idiotisch, jetzt, wo das Ende des Tunnels in greifbare Nähe rückt? Da haben wir so lange durchgehalten, blieben zu Hause, vermissten Freunde und Familie, das Lachen von Fremden und Vertrauten, ein gutes Glas Wein umringt von Menschen, den Herzschlag der Clubs, die unbekannten Welten des Theaters, das launige Gespräch an einer Bar, den Kuss eines Fremden. Und all die anderen tausend Kleinigkeiten, die zuvor so unwichtig schienen. Doch jetzt ist die Zeit des Aufbruchs und wir sollten uns vorbereiten auf diesen neuen Schritt in ein neues Leben. Eines ist schon jetzt klar, die Welt wird nach Corona nicht mehr die gleiche sein wie zuvor. Was daraus wird, liegt daran, was wir daraus machen.


Eine befreundete Wissenschaftlerin meinte neulich zu mir, für sie sei Corona so etwas wie der Probelauf für die Klimakrise. Kann das stimmen? Und wenn ja, wie wollen wir künftig zusammenleben? Und welche Dinge sollten wir endlich anpacken und im Zuge eines Aufbruchs endlich richtigstellen, gerade auch für und in der LGBTQ-Community? Wollen wir uns weiterhin in Nebenschauplätzen verbal zerfleischen und das Trennende zelebrieren? Oder doch vielleicht das Gemeinsame entdecken? Wäre das nicht ein spannendes Unterfangen?

Noch immer gibt es so viele Felder, in denen wir wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden – ob das nun beispielsweise im Beruf ist, im Grundgesetz oder auch beim Fußball. Rote Linien, die wir besser nicht übertreten, denn dafür „sei nun mal die Zeit noch nicht reif genug“, oder? Aber vielleicht ist sie es doch? Bevor wir uns zwischen Gender-Sternchen und selbstverliebtem Alarmismus verlieren, könnten wir uns vielleicht wiederfinden, von neuem finden und finden lassen.

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In meiner Jugend sagte man zu uns schwulen Jungs damals noch, wir seien „vom anderen Ufer“. Es ist zum einen erschreckend, dass sich diese Ausdrucksweise bis heute in Teilen der Gesellschaft erhalten hat, noch dramatischer scheint mir aber, dass wir „anderen“ jenseits der heterosexuellen Mehrheit längst nicht mehr an einem (!) Ufer stehen. Vielmehr erscheint mir das Bild einer tief zerklüfteten Küstenlandschaft, scharfkantige Felsen ragen in die tobende See aus Ablehnung, Hass und Gleichgültigkeit hinaus und wir stehen einsam an unserer kleinen Meeresbucht und sehen einander nicht mehr. Wollen uns nicht mehr sehen.

Das Schlimmste dabei ist, dass es sich dabei nicht um eine natürliche Entwicklung handelt, nein, wir selbst haben Felsbrocken auf Felsbrocken zwischen uns getürmt und feilen tagtäglich an den harten Steinen, damit sie noch schärfer werden, noch leichter schneiden und verletzen. Am Ende bleibt nicht mehr Gerechtigkeit, sondern nur mehr Sprachlosigkeit auf allen Seiten. Verhärtete Fronten, erstarrte Gestalten, die sich feindselig gegenüberstehen und sich bewusst missverstehen wollen. Sprachverbote, Denkverbote, Ausschluss und Exklusion.


Waren wir durch Corona die letzten Monate so sehr isoliert voneinander, dass wir uns inzwischen an die Isolation gewöhnt, ja, uns vielleicht in sie verliebt haben? Vielleicht müssen wir neue Brücken bauen, einen neuen Landweg zueinander entdecken, fernab der Küste – doch wir sollten uns schnellstens auf den Weg machen, bevor auch hier jede Annährung durch Geröll versperrt ist.

Wir brauchen diesen Aufbruch dringender denn je und wenn nicht jetzt, wann dann hätten wir ernsthaft eine Chance dazu? Ergreifen wir sie nicht, blicken wir künftig allein in den Sonnenuntergang am Strand – bis die Flut kommt.


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