Outing im Profi-Fußball!


Wo ist Spieler Nummer 12?

Das Coming Out – einfacher als heute war es noch nie, oder? Während wir erleben, dass sich Teile der Gesellschaft immer offener gegenüber homosexuellen Lebensweisen zeigen, belegen die Fakten, dass wir von einer wirklichen Akzeptanz noch weit entfernt sind. Da ist die Regenbogenbinde am Arm von Manuel Neuer bei der Europameisterschaft ein schönes Signal, aber im Kern muss viel mehr inhaltlich geschehen, damit es wirklich besser wird.

Beispielsweise ist jeder fünfte Deutsche nach wie vor der Auffassung, dass Männer homosexuell geworden sind, weil sie als Kinder verführt wurden. Rund 30 Prozent vertreten die Ansicht, Männer und Frauen würden homosexuell werden, weil sie schlechte Erfahrungen mit dem eigenen Geschlecht gemacht haben. Soweit die aktuellen Zahlen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. So offen die Haltung stellenweise gegenüber LGBTQ-Menschen sein mag, ein Coming Out gerade in der eigenen Familie oder am Arbeitsplatz bleibt noch immer schwierig. Im Berufsleben outet sich nur etwa jeder dritte Homosexuelle aus Angst vor Diskriminierung. Während sich also das Klima allgemein zu verbessern scheint, gibt es gerade in der Berufswelt einige Bastionen, die sich standhaft gegen Gleichberechtigung stemmen – einer davon scheint noch immer der Fußball zu sein.  


Festung Fußball und die Regenbogenfahne

Gerade der Spitzenfußball ist eine solche scheinbare schwulenfreie Zone. Ein Ort, wo der heterosexuelle Mann noch „Mann“ sein darf. Wo er mit seinen Kumpels im Stadion oder in der heimischen archaischen Männer-Höhle brüllen kann und dabei ein Bier nach dem anderen zwitschert. Aber auch in dieser Welt bröckelt die Fassade stückweise. Schon lange sind in den deutschen Fußballstadien Regenbogenfahnen zu sehen, doch mit wirklicher Akzeptanz tut sich im Ernstfall Organisationen wie die UEFA noch immer schwer. Aber ja, die Tribünen werden bunter und damit zieht auch immer mehr eine Null-Toleranz gegenüber der Diskriminierung von LGBTQ-Menschen ein. Auch Rassismus ist bei allen deutschen großen Clubs inzwischen offiziell eine rote Linie, die nicht überschritten werden darf.

Viele Clubs gehen ganz offen mit Antidiskriminierung um. So wird jedes Jahr zu den Pride-Weeks beispielsweise die Allianz-Arena in München, wo der FC Bayern München sein zu Hause hat, in den Farben des Regenbogens beleuchtet. In Berlin machte erst im April der Club Hertha BSC Schlagzeilen, weil er Torwart-Trainer Zsolt Petry entließ, nachdem dieser sich in einem Interview homophob und migrationsfeindlich geäußert hatte.

Man müsste also meinen, dass ein Outing eines amtierenden Profi-Fußballspielers inzwischen kaum noch ein Problem darstellen sollte, oder? So haben auch rund 800 Fußballer und Fußballerinnen in einer Kampagne des Fußball-Magazins „11 Freunde“ ihre Kollegen dazu ermutigt, sich zu outen: „Wir werden euch unterstützen und ermutigen und, falls notwendig, auch gegen Anfeindungen verteidigen. Denn ihr tut das Richtige, und wir sind auf eurer Seite." Auch viele Fußballfans sind dieser Aktion gefolgt und haben in den sozialen Medien ihre Solidarität bekundet. Es gab allerdings auch andere Stimmen: Der ehemalige Nationalspieler Philipp Lahm hat in einem Buch vor einem Outing gewarnt und schätzt, abgesehen von vereinzelten Ausnahmen, aktuell die Chancen als gering ein, sich als Bundesligaprofi zu outen und nur „halbwegs unbeschadet davonzukommen.“ Kurzum, ist das Coming Out noch immer der Karriere-Killer?


Was ist das Problem?

Welche Auswirkung kann ein Outing eines aktuellen Profi-Fußballers haben? Wo könnten die größten Probleme liegen? Bis jetzt gibt es in Deutschland gerade einmal zwei Fußballer, die sich geoutet haben – wohlgemerkt nach ihrer aktiven Zeit. Der erste Spieler war im Jahr 2007 Marcus Urban, 2014 folgte ihm dann Thomas Hitzlsperger. Ein Vergleich beider Outings zeigt eine Konstante, die viele aktive Spieler noch immer dazu „zwingt“, weiter im Verborgenem zu bleiben: die extreme mediale Aufmerksamkeit. Binnen Minuten kann so ein heroisch verehrter Fußballspieler, über den man dachte, alles zu wissen, zu einer medialen Zielscheibe werden, die Häme und Spott ausgesetzt ist. Was kann es für den Boulevard-Journalismus Schöneres geben?

Häme und Spott – ein deutsches Problem?

Um diesem geballten Hass und der Anfeindung zu entgehen, gibt es seit Jahren die Überlegung eines Gruppen-Outings, um so auch den Sensations-Journalisten das Leben etwas schwerer zu machen. Dabei zeigt ein Blick ins Ausland, dass es auch ganz anders gehen könnte. Es ist eine bewusste Entscheidung von Medien und Teilen der Bevölkerung, wie man mit dem immer noch mutigen Schritt eines Coming Outs umgeht. 

Wie ist die Faktenlage? Bis heute haben sich weltweit elf Fußball-Profis als schwul geoutet. Für eine vollständige Mannschaft sind zwölf Herren am Start, wo bleibt also der Spieler Nummer 12? Eine simple Berechnung, die sich an dem Bevölkerungsanteil orientiert, geht davon aus, dass es aktuell zwischen 45 und 150 schwule Fußballer allein in den drei Bundesligen in Deutschland gibt.


11 Fußballspieler sind out!

Mit dem Engländer Justin Fashanu gab es 1990 den ersten schwul geouteten Fußballprofi weltweit. Fashanus Outing geschah jedoch nicht freiwillig, sondern war mit einem langen schmerzhaften Weg verbunden. Nachdem er Anfang der 80er-Jahre für den Club Nottingham Forest nicht die erwünsche Leistung gebracht hatte, ließ sein Trainer das Privatleben von Fashanu ausspionieren. Dabei kam heraus, dass er regelmäßig Schwulen-Clubs besuchte. Daraufhin konfrontierte der Trainer Brian Clough seinen Spieler vor versammelter Mannschaft mit dieser Erkenntnis. Justin Fashanu bestritt diese Unterstellung und schloss sich später sogar einer Sekte an, dessen Guru ihn von seiner Homosexualität heilen sollte. Erst nachdem 1989 ein guter Freund von Fashanu Selbstmord begangen hatte, weil er aufgrund seiner Homosexualität von seiner Familie verstoßen worden war, bekannte sich Justin Fashanu gegenüber der Öffentlichkeit als homosexuell.  

Im Jahr 2007 war Marcus Urban dann der erste deutsche Profi-Fußballer, der sich öffentlich als schwul outete. Marcus Urban war vorwiegend Spieler in der DDR und hatte bis Anfang der 90er bei FC Rot-Weiß Erfurt gespielt. Sein persönliches Outing hatte Urban bereits 1994.

Bei dem Belgier Jonathan de Falco gab es kein mediales Outing wie bei den anderen Fußballspielern. Im April 2009 war sein letztes Spiel als Profifußballer in der Tweede Klasse. Nach mehreren Verletzungen beendete de Falco seine Karriere mit 26 Jahren. Danach arbeitete er als Gogo-Tänzer und Stripper und wurde daraufhin 2010 von einem Porno-Produzenten angesprochen. Seitdem dreht er unter dem Namen Stany Falcone schwule Pornofilme.  

2011 outeten sich die Spieler David Testo aus den USA und der Schwede Anton Hysén. Testo kickte zuletzt für einen kanadischen Verein in Montreal und geht bis heute sehr offen mit seiner Homosexualität um. Anton Hysén ist der erste Profifußballer, der sich während seiner aktiven Zeit geoutet hat. Er spielte bis zur Saison 2013/14 in der Division 1 bei Utsiktens BK. 

Anton Hysén

Mit dem US-Amerikaner Robbie Rogers outete sich der erste Nationalspieler. Er spielte in den USA in der Major League Soccer (MLS), in den Niederlanden in der ersten Liga und in der englischen Football-League-Championship. Rogers outete sich im Februar 2013, nachdem er einen Monat zuvor sein Fußball-Aus verkündet hatte. Im Mai 2013 kündigte er sein Comeback an und spielte erneut in der Major League Soccer für LA Galaxy. Er ist damit der erste schwul geoutete Profi-Fußballer in der MLS. 2017 vollzog Robbie Rogers seinen endgültigen Rücktritt als Fußballer. Auf Instagram folgen ihm rund 130.000 Fans, denen er dort gerne sein Familienleben mit seinem Mann und den gemeinsamen Kindern präsentiert.  

Für einen Paukenschlag in der deutschen Fußballwelt sorgte 2017 dann der ehemalige Nationalspieler Thomas Hitzlsperger. Dieser outete sich vier Jahre nach seinem verletzungsbedingten Fußballende. Durch seine hohe Bekanntheit wurde das Thema Outing im Profifußball noch einmal zum Thema, nachdem Marcus Urban zehn Jahre zuvor es erstmals in Deutschland angestoßen hatte. Hitzlsperger ist heute Vorstandsvorsitzender des VfB Stuttgart und zudem als Botschafter für Vielfalt für den Deutschen Fußball tätig.

Oliver Egger ist der erste und bisher einzige offen geoutete Fußballer Österreichs. Bevor er 2017 mit seiner Homosexualität an die Öffentlichkeit ging, hatte er sich schon ein Jahr zuvor gegenüber seiner Mannschaft beim FC Gratkorn geoutet. Wie wichtig dem österreichischen Fußballverein Vielfalt ist, zeigt sich zum Beispiel darin, dass der FC Gratkorn sein Vereinslogo in den Farben des Regenbogens präsentiert. Oliver Egger ist inzwischen Ombudsmann für Vielfalt beim österreichischen Fußballbund - diese Stelle ist einmalig im europäischen Fußball.  

Der US-Fußballspieler Collin Martin gab im Juni 2018, während er für Minnesota United in der Major League Soccer (MLS) spielte, bekannt, dass er homosexuell ist. Damit ist er der zweite geoutete Fußballspieler in den USA. Im Gegensatz zu Robbie Rogers spielt Martin weiterhin als Profifußballer. 2020 wechselte er zum neugegründeten Verein San Diego Loyal SC.

Mit Andy Brennan hat Australien seinen ersten schwul geouteten Profifußballer. Brennan outete sich 2019 und ist auch weiterhin für den australischen Fußball tätig. Jedoch spielte er in den letzten fünf Jahren für semiprofessionelle Vereine. 

Der vorerst Letzte in der Runde ist Matthew Pacifici aus den USA. Er ist zugleich der erste Torhüter, der sein Coming Out hatte. Pacifici spielte in niedrigeren Klassen und ist daher im Gegensatz zu Martin und Rogers weniger bekannt. Wegen einer Gehirnerschütterung musste er seine Karriere frühzeitig beenden. So bleibt abschließend die Frage im Raum, wo bleibt Spieler Nummer 12?  


Im Interview: Marcus Urban

Er ist der erste deutsche Profi-Fußballer, der sich öffentlich als schwul outete. Inzwischen lebt Urban mit seinem Mann und Hund im Regenbogen-Kiez in Berlin-Schöneberg. Das MyGay-Magazine traf ihn zum Gespräch.

Marcus, warum ist das Outing als schwuler Fußball-Profi bis heute so schwer?

Das hat mit der generellen Sichtweise zu tun: Unterstellt man den Menschen per se heterosexuell zu sein, stehen alle anderen vor der Frage des Coming-outs. In den von Männern dominierten Bereichen wie dem Fußball, wird diese Unterstellung noch dadurch verstärkt, immerzu den Beweis anstellen zu müssen, kampfstark, dominant und robust zu sein. Und was passt da nicht rein? Richtig! Mit Homosexualität werden bis heute leider Eigenschaften wie lasch, minderwertig und schwach verbunden.

Was würdest du einem aktiven Spieler empfehlen, wenn er sich entscheiden würde, sich zu outen?

Suche dir die richtigen Verbündeten! Organisiere dein Coming-Out strategisch und bedenke vorher einige Schutzmaßnahmen. Und dann freu dich auf die neue Freiheit.

Marcus Urban

Müssen die Dachverbände wie DFB, UEFA und IFA mehr machen, um gegen Homophobie im Fußball anzugehen?

Sie müssten mehr machen, wenn es wirklich einen durchschlagenden Erfolg geben soll. Öffentlichkeitsarbeit wurde aufgrund der medialen Thematisierung seit 2007 immer wieder punktuell gemacht. Die entscheidenden Knöpfe sind aber noch nicht gedrückt worden. Warum wurde noch kein Gruppen-Coming-out organisiert oder das Diversity-Konzept in die Schiedsrichter- und Trainer-Ausbildung integriert oder die Nachwuchsleistungszentren flächendeckend mit Kontakten, Informationen und Bildung versorgt? Vieles mehr wäre möglich!

Welche Ansätze würdest du empfehlen, um einen queer-freundlichen Fußball zu gestalten – gerade auch in den Jugend-Fußball-Clubs?

Das Diversity-Konzept bietet die Identifikation mit den sieben großen inneren Dimensionen, so zum Beispiel der eigenen Herkunft, der Kindheit, der Weltanschauung, chronischen Krankheiten oder auch der Liebe und Geschlechtsidentität, die sich in dem Konzept wiederfinden. Ich persönlich erreiche viele Menschen über eine Kombination aus Schonungslosigkeit und Leichtigkeit, wenn ich meine Biografie den Menschen präsentiere. Ein voller Methoden- und Technikkoffer sowie eine Prise Humor als Ausgangslage. Ein Coach und ein Berater schaden auch nicht.

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