Der schwulste Roman des Jahres!


Der schwulste schwule Roman des Jahres: Jürgen Bauer "Portrait". Im Zentrum des Buches steht Georg, er hat es als Jurist in einem Ministerium sehr weit gebracht. Doch er selbst kommt nie zu Wort, die drei wichtigsten Menschen seines Lebens erzählen ihre und damit Georgs Geschichte, alle drei in eigenen Stimmen, in Ich-Perspektive.

Zunächst Mariedl, Georgs Mutter, eine steinalte Bäuerin, völlig gefangen in den Ansichten ihrer Generation und des dominierenden Katholizismus. Dass sie ihrem Jungen die Kindheit mitunter zur Hölle gemacht haben muss, wird sehr deutlich – gerade an solchen Stellen, wenn sie sich zum Beispiel über Georg, »den feinen Herrn«, der er geworden sei, entrüstet. Doch manipulativ wie alle Mütter schafft es Mariedl, dass sie uns beim Lesen für sich gewinnt.

Und so ist es ein harter Bruch, wenn das zweite Kapitel einsetzt und Gabriel, Georgs Lover beginnt zu erzählen. Er ist fast 20 Jahre jünger als Georg, kam mit 17 in Wien an, nur um schnurstracks sein schwules Glück in den zahlreichen Wiener Logen (die Klappen in Wien) zu suchen. Als einen der ersten findet er dort Georg und die beiden werden ein Paar, ein Leben lang sind sie in sehr wechselvoller Weise aneinander gebunden.

Hatte Mariedl noch ruhig und bestimmt ihre Sicht vorgetragen, plaudert Gabriel jetzt wild drauf los und es entspinnt sich eine rasante, packende, ja mitreißende Schilderung des schwulen Wiens der 70er und 80er Jahre. Von den privaten Zirkeln bis über das Cruisen auf öffentlichen Toiletten lässt Gabriels Erzählung ein sehr lebendiges Bild einer Szene entstehen – gerade weil Gabriel nichts auslässt. Er strichert, demonstriert, richtet ein Happening auf einer Naschmarkt-Toilette aus. Und dann bricht der Roman erneut, denn als dritte Stimme erzählt Sara, Georgs Ehefrau, eine gescheiterte Opernsängerin. Natürlich wusste sie von Anfang an, worauf sie sich einließ.


Es ist nicht nur der Inhalt, der dieses Buch so großartig macht. Es ist auch seine literarische Qualität, die sprachlich gekonnte Inszenierung von drei völlig unterschiedlichen Stimmen, die drei völlig individuelle Leben erzählen; dabei hat Jürgen Bauer sehr fein drei Kunstsprachen geschaffen, die zwar deutlich Milieu, Herkunft, Bildung und Charakter der Drei durchscheinen lassen, immer aber Hochsprache bleiben.

So bleibt der Roman trotz der Ich-Perspektiven in einer literarischen Distanz, in der er drei Grundpfeiler schwuler Selbstinszenierung aufgreift – und zertrümmert: Mutter, Lover, Oper. Zertrümmert, denn niemand in diesem Roman (einschließlich Georg) ist ein Sympathieträger, keiner kann für sich in Anspruch nehmen, Held oder Heldin der Geschichte zu sein, alle scheinen eigentlich nur Fehler zu machen.

Aus diesen Trümmern erblüht aber eine Warmherzigkeit, in der man sich allen unfasslich nahe fühlt – letztlich auch Georg. Jürgen Bauer hat es geschafft, die bürgerliche Klemmschwester gnadenlos zu sezieren und bringt uns dazu, sie als einen von uns in die Arme zu schließen. Der schwulste schwule Roman eben – soviel Größe muss man erst einmal aufbringen.

Jürgen Bauer: Portrait, Ö 2020, 316 Seiten

Autor: Jürgen Bauer © Daniel Schönherr, CMYK

© Startbild: Cockyboys

Autor Veit Georg Schmidt - Buchhandlung Löwenherz


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